Ganztagsbildung. Geeignete Merkmale und Formen zum Abbau sozialer Ungleichheit und zur individuellen Förderung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ganztagsbildung: Formen, Merkmale und Ziele

3. Ganztagsbildung als Instrument zur Reduzierung gesellschaftlicher Defizite
3.1 Das gebundene Ganztagsschulmodell
3.2 Rhythmisierung und Ernährung
3.3 Außerunterrichtliche Angebote

4. Schlussbetrachtung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bis ins 21. Jahrhundert hinein spielte die Ganztagsbildung innerhalb der Bundesrepublik Deutschland im Vergleich zur klassischen Dreigliederung in Haupt-, Realschulen und Gymnasien, neben der verschiedene Berufsschulen bestehen, eine deutlich untergeordnete Rolle. Zu einem bundesweiten Umdenken in der Bildungs- und Schulpolitik trug das vergleichsweise schlechte Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler (SuS) bei der PISA-Studie des Jahres 2000 bei. Die Folge war ein gesellschaftlicher Diskurs um bildungs- und schulpolitische Reformen, bei dem verschiedene Anforderungen, Formen, Ziele und Chancen des künftigen Schulsystems debattiert wurden.[1] In der Ganztagsbildung sah der Diskurs viele Chancen, die nicht nur bildungspolitische, sondern auch ökonomische und gesellschaftspolitische Ziele verfolgten. Neben einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Erwerbstätigkeit sollten die SuS eine in qualitativer und quantitativer Hinsicht bessere individuelle Förderung und Demokratiebildung erfahren. Zudem sollte die Chancengerechtigkeit erhöht, soziale Ungleichheit abgebaut und der gesellschaftliche Zusammenhalt gefördert werden.[2]

Die vorliegende Arbeit soll einen Beitrag dazu leisten, Antworten auf die Frage zu finden, inwiefern Ganztagsbildung ein sinnvolles Instrument zum Abbau der Bildungsungleichheit sowie sozialer Ungleichheit, zur Erhöhung der Chancengerechtigkeit, zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes sowie zur Verbesserung der individuellen Förderung sein kann. Dabei soll der spezifischen Frage nachgegangen werden, welche Formen und welche Merkmale der Ganztagsbildung einen besonders wirksamen Beitrag zu den genannten Zielen leisten können. Eine besondere Aufmerksamkeit gilt hierbei den diversen außerunterrichtlichen Angeboten, der Rhythmisierung sowie der Ernährung im Rahmen des Schulbetriebs. Um diese Fragen zu klären, werden in einem ersten Schritt die verschiedenen Formen und Merkmale der Ganztagsbildung vorgestellt. In einem zweiten Schritt werden jene Formen und Merkmale herausgearbeitet, die in besonderer Weise wirksam dazu beitragen können, Chancengerechtigkeit zu erhöhen, soziale Ungleichheit abzubauen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und eine in quantitativer und qualitativer Hinsicht wirksamere individuelle Förderung zu verwirklichen, die schließlich dem gesamtgesellschaftlichen Ziel dienen würde, das allgemeine Bildungsniveau der Bevölkerung zu steigern. Mit einer erfolgreichen Umsetzung der ersten drei Ziele würde die Ganztagsbildung als Teil der Bildungspolitik der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft gerecht, während das vierte Ziel der Verantwortung gegenüber dem Individuum gerecht würde. Ökonomische Ziele und Chancen für die Gesellschaft, die sich aus dem Ausbau der Ganztagsbildung ergeben, werden im Rahmen dieser Arbeit nicht berücksichtigt.

2. Ganztagsbildung: Formen, Merkmale und Ziele

Als Reaktion auf das PISA-Ergebnis hat sich eine Kultusministerkonferenz aus dem Jahr 2001 im Rahmen des bildungs- und schulpolitischen Diskurses u. a. auf den „Ausbau schulischer und außerschulischer Ganztagsangebote“[3] geeinigt. Die länderübergreifende Übereinkunft der Kultusministerkonferenz definierte die ersten Rahmenbedingungen für Ganztagsbildung, auf deren Grundlage in den einzelnen Ländern unterschiedliche Modelle entwickelt und umgesetzt werden konnten. Diese Rahmenbedingungen legten fest, dass an mindestens drei Tagen in der Woche ein ganztägiges Angebot von mindestens sieben Zeitstunden vorhanden sein, dass an allen Tagen in der Woche den SuS ein Mittagessen bereitgestellt sein, dass das nachmittägliche Angebot durch die Schulleitung organisiert und durchgeführt werden und dass diese konzeptionell mit dem vormittäglichen Unterricht verbunden sein solle.[4]

Nachdem das Bundesministerium für Bildung und Forschung ein entsprechendes Investitionsprogramm ausgearbeitet und die Bundesregierung ein entsprechendes Investitionsvolumen bereitgestellt hatte, folgte zwischen 2003 und 2009 bundesweit ein intensiver Auf- und Ausbau der Ganztagsschule. Die auf der Kultusministerkonferenz wage formulierten Rahmenbedingungen sowie die länderbezogene bildungspolitische Hoheit hatten zur Folge, dass sich in allen Bundesländern sowohl der zahlenmäßige Auf- und Ausbau, als auch die Formen und Merkmale der Ganztagsschule deutlich voneinander unterscheiden. Sowohl innerhalb des Bundes, als auch innerhalb der einzelnen Länder ist es zu einer Explosion unterschiedlicher Formen gekommen, die alle in Bezug auf die Merkmale unterschiedliche Gewichtungen vorweisen.[5]

Um eine lange Auflistung der unterschiedlichen Formen zu vermeiden, ist es sinnvoller wesentliche Merkmale der Ganztagsbildung herauszuarbeiten und die Ganztagsschulen anhand dieser miteinander zu vergleichen. Wichtige Merkmale sind der Grad der konzeptuellen und inhaltlichen Verknüpfung von Unterricht und außerunterrichtlichen Angeboten, der Kooperationsgrad zwischen der Schule und außerschulischen Einrichtungen, die Art und Weise, in der die Rhythmisierung gestaltet ist und vor allem, wie hoch der Verpflichtungsgrad in Bezug auf die Teilnahme der SuS am außerunterrichtlichen Angebot sowie dessen Häufigkeit ist.[6] Der Grad der konzeptuellen und inhaltlichen Verknüpfung von curricularen, unterrichtlichen Inhalten auf der einen Seite und außerunterrichtlichen Inhalten auf der anderen Seite hängt maßgeblich von den verschiedenen Formen des außerunterrichtlichen Angebots sowie von dem Kooperationsgrad zwischen der Schulleitung, den Lehrkräften und den außerunterrichtlichen Betreuern und deren Professionalisierung ab.

Bei einigen Ganztagsschulen beschränkt sich das außerunterrichtliche Angebot auf diverse Freizeitangebote und eine Hausaufgabenbetreuung. Weder sind i. d. R. die Freizeitangebote inhaltlich mit dem Unterricht verbunden, noch baut i. d. R. die Hausaufgabenbetreuung mit eigenen Inhalten auf die unterrichtlichen Inhalte auf, sondern dient lediglich der Sicherstellung, dass die SuS ihre Hausaufgaben bewältigen und erledigen können.[7] Einige andere Ganztagsschulen bieten zudem auch weitere außerunterrichtliche Angebote an, zu denen erstens Förderunterricht, zweitens fachbezogene und drittens fächerübergreifende Inhalte gehören.[8] Durch den Förderunterricht können SuS mit niedrigen oder hohen Fachleistungen gezielt individuell in bestimmten Fächern im Rahmen des curricularen Unterrichts gefördert werden. Die fachbezogenen Angebote hingegen ermöglichen es, unterrichtliches Fachwissen mit weiteren Inhalten desselben Fachs auf vertikaler Ebene zu vertiefen, während fächerübergreifende Angebote die Verknüpfung von Fachwissen aus verschiedenen Bereichen ermöglichen und dadurch den Wissensgrad auf horizontaler Ebene erweitern.[9] Je nachdem, inwieweit die außerunterrichtlichen mit den unterrichtlichen Inhalten verknüpft sind, lassen sich Ganztagsschulen anhand dieses Merkmals vergleichen und voneinander unterscheiden.

Wie bereits erwähnt, hängt die Intensität und Extensität der inhaltlichen und konzeptuellen Verknüpfung auch von dem Kooperationsgrad zwischen der Schulleitung, den Unterrichtskoordinatoren, den Lehrkräften auf der einen Seite und ggf. den Betreuern außerschulischer Einrichtungen auf der anderen Seite ab. Unabhängig davon, ob die Betreuung der außerunterrichtlichen Angebote von Betreuern außerschulischer Einrichtungen oder von Lehrkräften übernommen wird, ist es für eine konzeptuelle und inhaltliche Verknüpfung unterrichtlicher und außerunterrichtlicher Inhalte notwendig, dass sämtliche Verantwortliche in die Planung miteingebunden sind. Findet keine gemeinsame Kooperation in Bezug auf die Gestaltung der außerunterrichtlichen Angebote und dessen inhaltliche Verknüpfung mit dem curricularen Unterricht statt, wird es schwierig, über das Anbieten von unterrichtsfremden Freizeitaktivitäten und einer Hausaufgabenbetreuung als leichteste Form des außerunterrichtlichen Angebots hinauszugehen. Der schulinteme Kooperationsgrad und ggf. der Kooperationsgrad der Schule mit außerschulischen Einrichtungen und Betreuern steht damit in einem engen Zusammenhang mit den angebotenen Formen des außerunterrichtlichen Angebots und sollte daher als Ergänzung zu diesem Merkmal der Ganztagsschule betrachtet werden.

Ein weiteres wichtiges Merkmal des Ganztagsunterrichts ist die sogenannte Rhythmisierung. Die Art und Weise sowie der Grad der Rhythmisierung beschreibt, inwiefern sich der Wechsel zwischen Unterricht und Angeboten vollzieht, bzw. wie diese beiden Inhalte innerhalb eines Schultages und einer Schulwoche zeitlich organisiert sind. Oftmals entspricht die Rhythmisierung dem an vielen Ganztagsschulen losen Verhältnis zwischen unterrichtsfemen, außerunterrichtlichen Angeboten und den unterrichtlichen Inhalten. In diesen Ganztagsschulen beschränkt sich die Rhythmisierung auf die vergleichsweise einfache Formel, dass der Unterricht morgens bis mittags und die außerunterrichtlichen Angebote nachmittags stattfinden. Eine engere Verknüpfung zwischen unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Inhalten würde eine schülergerechtere Rhythmisierung erleichtern. In einigen Ganztagsschulen wird eine alles umfassende Rhythmisierung in die Planung eines Schultags sowie einer Schulwoche miteinbezogen. In diesen Ganztagsschulen finden Unterricht nicht einfach vormittags und außerunterrichtliche Angebote nachmittags statt, sondern werden beide Komponenten zeitlich sinnvoller miteinander verzahnt. So können manche Unterrichtsfächer auch nachmittags stattfinden, während einige außerunterrichtliche Angebote auch vormittags durchgeführt werden können.[10]

Die Rhythmisierung bezieht sich zudem auch auf die zeitliche Dauer einer Unterrichtsstunde bzw. eines außerunterrichtlichen Angebotes. So beträgt in einigen Ganztagsschulen die Dauer einer Unterrichtsstunde 45 Minuten, während sie in anderen Ganztagsschulen anders gestaltet sein kann. Ebenso klärt die Rhythmisierung die Frage, ob ein Unterrichtsfach in einer Einzel- oder in einer Doppelstunde stattfinden soll. Über die zeitliche Planung hinaus kann bei der Rhythmisierung auch die optimale Unterrichtszeit in Bezug auf die schülerbezogene Leistungsfähigkeit zu bestimmten Tageszeiten berücksichtigt werden. Viele Ganztagsschulen tragen diesen Erkenntnissen aus der medizinischen und psychologischen Forschung mit unterschiedlichen Merkmalen Rechnung. Zum einen ist an vielen Ganztagsschulen morgens vor dem Unterrichtsbeginn der sogenannte offene Schulbeginn eingeplant, an dem die SuS freiwillig und selbstständig entscheiden können, ob und wann sie an diesem teilnehmen. Darüber hinaus beginnt in manchen Ganztagsschulen die Unterrichtszeit später als allgemein üblich, sodass sie damit den Erkenntnissen aus der Chronobiologie Rechnung tragen.[11]

Eine ebenfalls wichtige Rolle spielt der Grad der Verpflichtung der SuS an den außerunterrichtlichen Angeboten als Merkmal von Ganztagsunterricht teilzunehmen. Dabei ist auch die Häufigkeit relevant, an wie vielen Tagen in der Woche außerunterrichtliche Angebote stattfinden. Anhand dieses Merkmals werden offene von gebundenen Ganztagsschulmodellen unterschieden.[12] Die Teilnahme an den außerunterrichtlichen Angeboten beruht bei den offenen Ganztagsschulen auf dem Prinzip der Freiwilligkeit, während in gebundenen Ganztagsschulen die SuS an der Teilnahme verpflichtet sind.

[...]


[1] Vgl. Stötzel, Janina; Wagener, Anna Lena (2014): Historische Entwicklungen und Zielsetzungen von Ganztagsschulen in Deutschland. In: Coelen, Thomas; Stecher, Ludwig (Hrsg.): Die Ganztagsschule. Eine Einführung. BeltzJuventa. Weinheim [u. a.]. S. 52-53.

[2] Vgl. Ebd. S. 55-63.

[3] Kielblock, Stephan; Stecher, Ludwig (2014): Ganztagsschule und ihre Formen. In: Coelen, Thomas; Stecher, Ludwig (Hrsg.): Die Ganztagsschule. Eine Einführung. BeltzJuventa. Weinheim [u. a.]. S. 13.

[4] Vgl. Ebd. S. 14.

[5] Vgl. Ebd. S. 15-18.

[6] Vgl. Ebd. S. 18.

[7] Vgl. Hopf, Andrea; Stecher, Ludwig (2014): Außerunterrichtliche Angebote an Ganztagsschulen. In: Coelen, Thomas; Stecher, Ludwig (Hrsg.): Die Ganztagsschule. Eine Einführung. Beltz Juventa. Weinheim [u. a.]. S. 69­73.

[8] Vgl. Ebd. S. 69-73.

[9] Vgl. Ebd. S. 69-73.

[10] Vgl. Kielblock; Stecher, Ganztagsschule und ihre Formen, S. 19.

[11] Vgl. Ebd.S. 19.

[12] Vgl. Ebd. S. 18-21.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Ganztagsbildung. Geeignete Merkmale und Formen zum Abbau sozialer Ungleichheit und zur individuellen Förderung
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
14
Katalognummer
V380424
ISBN (eBook)
9783668569263
ISBN (Buch)
9783668569270
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ganztagsbildung, Abbau sozialer Ungleichheit, soziale Ungleichheit, Ganztagsschule, Nachmittagsunterricht, individuelle Förderung, Ganztagsunterricht
Arbeit zitieren
Christoph Wünnemann (Autor), 2017, Ganztagsbildung. Geeignete Merkmale und Formen zum Abbau sozialer Ungleichheit und zur individuellen Förderung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380424

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Ganztagsbildung. Geeignete Merkmale und Formen zum Abbau sozialer Ungleichheit und zur individuellen Förderung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden