In der Grauzone. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Protagonisten in Jean Anouilhs "Antigone"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Antigone
2.1 Das Sentiment der Protagonistin
2.2 Antigones innige Hassliebe zum Leben
2.3 Antigones Idealismus

3. Kreon
3.1 Kreons kühler Pragmatismus
3.2 Kreons Lebenseinstellung
3.3 Die Gefühllosigkeit des Königs

4. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Protagonisten

5. Zusammenfassung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Jean Anouilhs Antigone beginnt in einem Grauzustand. Wir begegnen den Figuren an einem Ort ohne Zeit, der zwar einen realen Anschein macht, aber von Farben entleert ist. Sie sind alle auf den drei Stufen einer Treppe versammelt, die hoch zu einem Portal führen, das sich in einen linken und einen rechten Torbogen aufteilt. Solange die Figuren in diesem Reich zwischen den Welten verweilen, kann es keine Veränderung geben, weil Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem einzigen Moment der Anspannung verdichtet sind. Nur die Stimme des Sprechers durchdringt die Stille, die sich als unsichtbare Substanz zwischen den Anwesenden ausgebreitet hat. Während er spricht, senkt sich langsam die Dunkelheit über die Szene, aber alle verharren bewegungslos an ihren Positionen und hängen ihren Gedanken nach, ohne sich um die Anwesenheit der anderen zu kümmern. Doch als er sich dem Ende seiner Rede nähert, stehen die Figuren eine nach der anderen auf und wagen den Schritt aus diesem abstrakten Paranirvana hinein in die „Wirklichkeit“, wo sie schließlich ihrem Schicksal begegnen werden. Denn obwohl alle Charaktere äußerlich ruhig erscheinen, sind schon jetzt, in diesem undefinierbaren Zustand, den wir mit unserem Verstand nicht recht fassen können, alle Höhen und Tiefen angelegt, die wir im Laufe des Stückes erfahren werden. Das Ende der Tragödie steht bereits fest und jede einzelne der Figuren trägt ihre Zielkoordinaten in sich programmiert. Antigone ist sich ihres bevorstehenden Todes vollkommen bewusst[1], Kreon ahnt, dass er für den Rest seines Lebens in der Rolle als Herrscher gefangen bleiben wird (Anouilh 8), und auch der Bote hat bereits eine vage Vorahnung von den schlimmen Ereignissen, über die er bald berichten muss (Anouilh 8).

Als der Sprecher dann die Bühne verlässt, herrscht für eine kurze Weile vollkommene Dunkelheit, ehe langsam die Dämmerung einsetzt, sodass die eigentliche Handlung beginnen kann. Im Laufe des Tages werden sich zwischen Antigone und Kreon Abgründe von Hass, Rivalität und Verachtung entfalten, bei denen man sich immer wieder fragen muss, welcher von beiden nun im Recht liegt. Immer und immer wieder prallen die beiden Protagonisten, die während der Einführung noch gleichmütig beieinander gesessen haben, mit ihren unterschiedlichen Willen aufeinander. Und doch sind die Antagonismen, die Antigone und Kreon spaltet, keineswegs so fest, unversöhnlich und „klischeehaft“[2], wie sie teilweise von Kritikern wie Dietmar Rieger (Romanist und Literaturwissenschaftler an der Universität Gießen), Susan W. Tiefenbrun (von der Thomas Jefferson School of Law in San Diego) und Solveig Malatrait (Professorin für französische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität in Hamburg) dargestellt werden. Bei genauerem Hinsehen offenbaren sich auch einige Gemeinsamkeiten, die während ihres Gesprächs hin und wieder aufscheinen und nicht außer Acht gelassen werden dürfe, weil sie mögliche Gründe für Antigones Entscheidung aufzeigen.

Diese Hausarbeit beschäftigt sich sowohl mit den Affinitäten als auch mit den Unterschieden zwischen Kreon und Antigone, und versucht, dadurch auch etwaige Motive für Antigones Handeln zu erfassen. Dazu werden die beiden Protagonisten zunächst einzeln analysiert und—wo nötig—von ihren antiken Vorbildern bei Sophokles abgegrenzt, ehe sie letztlich in Bezug zueinander gesetzt werden. Ziel dabei ist es, Antigones Verhaltensweise zu erklären und ihrer Figur gerecht zu werden, nachdem sie von vielen vorherigen Kritikern in schlechtem Licht dargestellt und von Françoise Meltzer sogar als „verwöhnte Göre“/ „spoiled brat“ bezeichnet wurde[3]. Denn obwohl ihre Tat für uns heutige Leser nicht immer nachvollziehbar ist, gibt es doch ernstzunehmende Gründe dafür.

2. Antigone

2.1 Das Sentiment der Protagonistin

Die Antigone, auf die wir zu Beginn der eigentlichen Handlung treffen, erinnert kaum noch an die reglose Figur, die wir in der Exposition kennengelernt haben. Mit leidenschaftlicher, vor Aufregung elliptischer Sprache erzählt sie der Amme von ihrem Streifzug durch die nächtliche Natur und berichtet in kurzen, beinahe schon rhapsodischen Sätzen von der Atmosphäre nervöser Gespanntheit, die zu dieser Zeit über den Feldern lag. Damit zeichnet Anouilh schon während der ersten Zeilen ein Bild von Antigone, das dem der sophokleischen Heldin stark widerspricht: Antigone erscheint nicht mehr als eine selbstständige Frau, sondern ist gleichsam zu einem jungen Mädchen verjüngt, das nach den Worten der Amme keine Vorstellung dessen hat, was in den Köpfen der Erwachsenen vorgeht. Tatsächlich wirkt Antigone in dieser Anfangsszene so zauber- und freudetrunken, dass sie die düstere Stimmung im Haus kaum richtig wahrnimmt. Sie hört der Amme zwar zu, geht aber keineswegs auf ihre Bedenken ein, sondern schwärmt weiterhin von ihrer Begegnung mit der Natur. Erst als die Amme fragt, wo sie gewesen ist und droht, Kreon davon zu berichten, wird Antigone schrittweise wieder nüchtern. Sie bittet die Amme darum, sie nicht auszuschelten, weil dies an einem solchen Tag unpassend ist, und gibt mit ihren undeutlichen Ausflüchten zum ersten Mal eine vage Andeutung darauf, dass sie Polyneikos schon begraben hat, was jedoch erst während des zweiten Gespräches mit Ismene bestätigt wird (Anouilh 24). Betrachtet man diese Szene mit der Amme—die in etwa ein Achtel der Gesamtlänge des Stückes ausmacht—aber unter diesem Gesichtspunkt, so wird eine deutliche Diskrepanz zwischen dem Dargestellten und der eigentlichen Erzählsituation ersichtlich.

Wie P.J. Conradie festgestellt hat, passen Antigones ausgelassenes Verhalten und ihre beschwingte Sprache nicht recht zu der Tatsache, dass sie gerade von dem Begräbnis ihres Bruders kommt und weiß, dass sie somit selbst dem Tode geweiht ist[4]. Sie verwendet Worte wie „schön“ und „wunderbar“ (Anouilh 10), die im scharfen Kontrast zu den Bildern und Assoziationen stehen, die einem Menschen bei einer nächtlichen Bestattungsaktion wohl normalerweise vor Augen stehen würden. Einzig die liebevoll und doch gleichzeitig auch ein wenig hilflos anmutende Geste, als sie ihrer Amme die Tränen von den Wangen streicht und ihr verbietet, weiter zu weinen, weil sie sich sonst wieder als kleines Mädchen fühlen würde (Anouilh 13), verweist darauf, dass sie Angst vor dem hat, was ihr in den kommenden Stunden bevorstehen wird. Ansonsten bemüht sie sich ihre Bedenken während des gesamten Gesprächs mit der Amme sowie mit ihrer Schwester so gut wie irgend möglich zu verstecken und weist Ismenes Argumente vehement zurück (Anouilh 15). Mit diesem Verhalten scheint sie die Sorgen der anderen weitgehend zerstreuen zu können, denn Ismene zieht sich bald wieder in ihr Bett zurück und auch die Amme verlässt die Bühne durch den Torbogen, damit Antigone alleine mit Hämon sein kann. Dem aufmerksamen Leser wird aber dennoch nicht entgehen, dass ihre wiederholten Bezeugungen, keine Angst mehr zu haben, eher vom Gegenteil zeugen: Antigone versucht, sich selbst Mut zuzusprechen und nutzt die Anspielungen auf ihre alten Kinderängste—den krabbelnden Wesen und den Kleiderschrankschatten (Anouilh 18)—um den Tod kleinzureden.

Anders als die antike Figur bei Sophokles hat Anouilhs Antigone keinen eisernen Willen, der sie ständig aufrechterhält, sondern scheint durchaus Selbstzweifel zu kennen. Sie wird „als Mensch mit sozialen Erlebnissen und Gefühlen präsentiert“[5], der Schwächen hat und hin und wieder auch des Schutzes von anderen bedarf. Dabei tragen gerade die kindlich-fröhlichen Elemente, die angesichts der Erzählsituation zunächst wenig glaubwürdig wirkten, dazu bei, Antigone lebensechter und somit letztendlich auch realistischer darzustellen[6]. Während die sophokleische Antigone mit ihrem unerschütterlichen Glauben und ihrer vertieften Religiosität oft seltsam schablonenhaft anmutet, ist es Anouilh durch die Einführung der Amme gelungen, seine Protagonistin um einige Facetten zu bereichern. Anstelle der tapferen, aber nichtsdestotrotz wenig sympathischen Kämpferin für göttliches Recht ist also eine junge Frau getreten, die verzweifelt nach Kraft ringt und mit ihrem Schicksal als Todgeweihte hadert. Besonders in den letzten Worten, den sie mit ihrer Amme teilt, wird nämlich klar, dass sie sich noch nicht bereit fühlt, um ihrem prädestinierten Ende entgegenzugehen, sondern erst genügend Stärke und innere Beherrschung sammeln muss, damit sie ihre Bestimmung auch erfüllen kann. Und gerade die Tatsache, dass sie die Amme bittet, ihre Hand zu halten, beweist, dass wir es hier mit einer Heldin zu tun haben, die menschlich ist und alle Tiefen des Lebens kennt.

Genau wie ihr antikes Vorbild bei Sophokles steht zwar auch diese Antigone außerhalb der Gesellschaft und bewegt sich sowohl mit ihrem Denken als auch mit ihrem Handeln jenseits der Normen, die die Ordnung in Theben begründen[7]. Doch ist sie bei weitem nicht so fremdartig und absonderlich, wie es uns Redmond O’Hanlon weismachen möchte, als er schreibt, Antigone würde sich immer bloß weigern, andere Menschen zu verstehen und absolut keine Anstrengungen unternehmen, mit anderen Menschen zu kommunizieren geschweige denn so etwas wie Liebe mit ihnen teilen[8]. Schon allein Vertrautheit, die sie im Umgang mit der Amme zeigt, ist Beweis dafür, dass sie durchaus zu engen Bindungen mit anderen Menschen fähig ist. Und auch die Kosenamen, mit denen sie die Amme und Hämon bedenkt (z.B. „du Gute“ auf S. 18 und „liebe Amme“ auf S.12) , sind Zeichen für ihre Liebesfähigkeit. Wir erfahren ja sogar, dass sie bereit gewesen wäre, die Ehe mit Hämon zu vollziehen, bevor sie überhaupt rechtlich getraut worden sind. Es kann also keineswegs davon die Rede sein, dass sich Antigone „aus allen menschlichen Bindungen gelöst“ habe und „unsozial“ sei, wie es Kurt Roeske schreibt[9]. Natürlich schreibt es ihre Rolle vor, dass sie einsam ihrem Schicksal folgt und dem Tod alleine ins Auge blickt, aber obwohl es im ganzen Stück niemanden gibt, der ihre Beweggründe wirklich versteht, gibt es doch einige Charaktere, die sie gern hat und „in Ehren hält“[10]. Man kann also durchaus von einer Ambivalenz der Gefühle sprechen, mit der die moderne Antigone den Menschen in ihrem Umfeld begegnet: sie verspürt immer und immer wieder den plötzlichen Drang, sich von den anderen zurückzuziehen, um alleine zu sein (Anouilh 12) und so ihren Geist zu beruhigen. Denn im Angesicht dessen, was sie erwartet, scheint es ihr oft schwer zu fallen, die Berührung all derer zuzulassen, die sie liebt, aber tragischerweise zurücklassen muss. Sie fühlt sich außer Stande, etwas gegen die „unmenschlichen Kräften“ zu unternehmen, die sie von ihrer Familie trennen und aus dieser Welt reißen (dieser Begriff ist in der vorliegenden Übersetzung von Franz Geiger leider nicht vorhanden, liegt aber beispielsweise auf Seite 3 der englischen Version von Lewis Galantière vor). Und manchmal wirkt es tatsächlich so, als würde sie so stark von ihren inneren Gedanken und Emotionen „verzehrt“[11], dass sie die Stimmen von außen nicht mehr einlassen kann oder will.

Doch gleichzeitig ist ihre Figur tief von Sentiment durchwoben. Alle Szenen, in denen sie auf Menschen trifft, die ihr nahestehen, sind von leidenschaftlicher Rhetorik durchpulst, und wie Redmond O’Hanlon festgestellt hat, nimmt das Pathos in der Tragödie immer mehr ab, je mehr sie im Vergleich zu Kreon an Stellung verliert.[12] Zum Teil mag ihre Sympathie und Anteilnahme durch ihre Kindlichkeit und ihre aufgesetzte Selbstgerechtigkeit verdeckt werden, doch zumindest gegenüber der Amme und Hämon zeigt sie eine aufrichtige Zuneigung, die sich vor allem auch in ihrer Art des Sprechens bemerkbar macht. Gerade sie, die oft als eine Person dargestellt wird, die ausschließlich für sich selbst handelt[13] und „keine Bewegung auf andere zu“ macht[14], spricht auffällig oft von Themen wie Liebe, Gefühlswärme und Sicherheit. Und obwohl Kreon während des gemeinsamen Gesprächs als der verständnisvollere der beiden Protagonisten erscheint, erreicht sie am Ende eine tiefere und bedeutendere Gemeinschaft mit anderen Menschen, als es dem König möglich ist[15]: Hämon und Eurydike folgen ihr in den Tod, weil sie ein Leben ohne Antigone als wertlos erachten.

2.2 Antigones innige Hassliebe zum Leben

Antigone selbst hat eine zwiespältige Einstellung zum Leben. Im Gegensatz zu ihrer antiken Leitfigur kann bei ihr zwar nicht von einem „Todestrieb“ gesprochen werden, da sie während des Stücks immer wieder versichert, sie würde lieber am Leben bleiben, als in den Tod zu gehen. Besonders in den Gesprächen mit Ismene wird deutlich, dass sie „.Freude“ an ihrem Dasein empfindet (Anouilh 16). Und die Worte, die sie wählt, um ihre Erfahrungen mit der Natur zu beschreiben, zeugen von einer tiefen, sinnlichen Verbundenheit mit der Welt um sich herum. So erzählt sie zum Beispiel, dass sie jeden Abend so lange wach geblieben ist, bis ihr die Augen fast von selbst zufielen, damit sie die nächtliche Atmosphäre in vollen Zügen auskosten konnte. Oder dass als kleines Mädchen geweint hat, weil es ihr unmöglich war, all die Pflanzen und Tiere auf den Feldern zu berühren. Von allen Figuren, die wir im Laufe des Stückes begegnen, scheint sie ihr Dasein deshalb am meisten zu genießen.

Und doch steht dieser innigen Liebe für das Leben auch ein gewisser Hass entgegen, der sich zwar nicht direkt in einem Verlangen nach Selbstvernichtung ausdrückt, aber als eine Art Verachtung der irdischen Existenz bemerkbar wird. Betrachtet man die Aussagen, die Antigone Kreon gegenüber macht, ein wenig genauer, wird schnell klar, dass sie das Dasein vor allem als einen Zustand von Kummer und Qualen empfindet, in dem es nur wenige Dinge gibt, die ihr Herz berühren. Sie verachtet die Form von Glück, nach der Kreon strebt, weil sie immer mit Sünde einhergeht (Anouilh 49) und doch niemals eine Befriedigung mit sich bringt die von Dauer ist (Anouilh 50). Und sie hasst es, von anderen Menschen mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft vertröstet zu werden (Anouilh 50), wenn am Ende doch immer bloß Leid steht. Denn die Welt mag zwar von Natur aus schön sein, aber so „gottverlassen“ wie sie jetzt ist, bietet sie für Antigone keinen Trost mehr[16]. Sie kann die Werte der Thebener nicht teilen und fühlt sich mit ihrer naturreinen Sinnesart so fremd, dass sie nicht anders kann, als über den „Sinn des Lebens [zu] resignieren“[17]. Die Frage ist allerdings, wie weit diese Aversion tatsächlich reicht? Einige Kritiker wie Walter Albert[18] sehen Antigones Lebensverdrossenheit eher als ein Bestreben nach Erhaltung und Stillstand, welches sich besonders in ihrem kindlichen Verhalten zeigt. Kurz Roeske dagegen spricht von dem eisernen Willen, alle irdischen Bindungen aufzulösen[19]. Und Susan W. Tiefenbrun geht sogar so weit, zu behaupten, dass sie gegen die Existenz revoltiert, weil sie sich schämt, ein Mensch zu sein[20].

Aber so unterschiedlich diese Ansätze auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, schließen sie sich tatsächlich nicht gegenseitig aus, sondern müssen zusammen gedacht werden. Antigone sehnt sich nach der Reinheit und Natürlichkeit, die sie als Kind erfahren hat und manchmal noch immer spüren kann, wenn sie ihre Streifzüge durch die Felder unternimmt. Und um sich diese Ursprünglichkeit bewahren zu können ist sie, wie im nächsten Abschnitt beschrieben, sogar bereit, dem weltlichen Dasein zu entsagen und die Anschlüsse zu den Menschen in ihrer Umgebung gewaltsam zu trennen.

Wie man an dem Gespräch sehen kann, dass sie vor ihrem Tod mit dem Wächter führt, fällt es ihr keineswegs leicht das zu tun. Sie leidet darunter, all die Dinge zurücklassen zu müssen, die sie liebt. Aber obwohl ihr Schmerz so groß ist, dass sie ihre Entscheidung in Zweifel zieht, weil es so schrecklich sei zu sterben (Anouilh 58), wagt sie es nicht, gegen die „unmenschlichen Kräfte“ anzukämpfen, die sie aus der realen Welt zu entführen versuchen.

2.3 Antigones Idealismus

Bei Sophokles bildete die Religion noch einen der Hauptbeweggründe für Antigones Handeln, quasi die Essenz ihres gesamten Schaffens. Als sie von dem antiken Kreon gefragt wird, warum sie auf diese Weise gegen sein Regime revoltiert, antwortet sie mit einer langen Rede, in der sie die ungeschriebenen Gesetze der Götter mit leidenschaftlicher Hingabeverteidigt[21]. Mehr als die familiäre Pflicht ihrem Bruder gegenüber, scheint sie von dem Bestreben motiviert zu sein, den ethischen und moralischen Vorgaben der chthonischen Götter gerecht zu werden, die für sie eine größere Gültigkeit haben als die menschengemachten Gebote.

[...]


[1] Jean Anouilh: Antigone. Deutsch von Franz Geiger. München: Georg Müller Verlag GmbH, 1986. Hier: S.7.

[2] Dietmar Rieger: Anouilh oder die Ambiguität des Erfolgs. In: Zeitschrift für französische Sprache und Literatur 95.1 (1985), S. 41-51. Hier: S. 43.

[3] Françoise Meltzer: Theories of Desire. Antigone Again. In.: Critical Inquiry 37.2 (2011), S. 169-186. Hier: S. 174.

[4] P.J. Conradie: The Antigone of Sophocles and Anouilh. In: Acta Classica 2 (1959), S. 11-16. Hier: S. 13.

[5] Susanne Hahn: Antigone. Rezeption und Transformation des Urtextes seit der Antike. Hamburg 2014. Hier S. 51

[6] P.J. Conradie: The Antigone of Sophocles and Anouilh, S. 13.

[7] Marie Thomas: About Reality in Anouilh's Antigone and Claudel's L'Annonce faite à Marie. In: The French Review 40. 1 (1966), S. 39-46. Hier : S. 31.

[8] Redmond O’Hanlon: Metatragedy in Anouilh's "Antigone". In: The Modern Language Review 75.3 (1980), S. 534-546. Hier: S. 535.

[9] Kurt Roeske: Antigones tödlicher Ungehorsam. Text, Deutung, Rezeption der Antigone des Sophokles. Würzburg 2009. Hier: S. 178

[10] William Calin: Patterns of Imagery in Anouilh's Antigone. In: The French Review 41.1 (1967). S. 76-83. Hier: S. 81.

[11] Redmond O’Hanlon: Metatragedy in Anouilh's "Antigone", S. 535.

[12] Ebd, S. 539-540.

[13] Kurt Roeske: Antigones tödlicher Ungehorsam, S. 178.

[14] Dietmar Rieger: Anouilh oder die Ambiguität des Erfolgs, S. 44.

[15] William Calin: Patterns of Imagery in Anouilh's Antigone, S. 81.

[16] Redmond O’Hanlon: Metatragedy in Anouilh's “Antigone”, S. 540.

[17] Susanne Hahn: Antigone. Rezeption und Transformation des Urtextes seit der Antike, S. 51.

[18] Walter Albert: Structures of Revolt in Giraudoux's Electre and Anouilh's Antigone. In: Texas Studies in Literature and Language 12.1 (1970), S. 137-150. Hier: S. 145.

[19] Kurt Roeske: Antigones tödlicher Ungehorsam, S. 178.

[20] Susan W. Tiefenbrun: On Civil Disobedience, Jurisprudence, Feminism and the Law in the Antigones of Sophocles and Anouilh. In: Cardozo Studies in Law and Literature 11.1 (1999), S. 35-51. Hier: S. 45.

[21] Susan W. Tiefenbrun: On Civil Disobedience, Jurisprudence, Feminism and the Law, S. 38.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
In der Grauzone. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Protagonisten in Jean Anouilhs "Antigone"
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Germanistik)
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
23
Katalognummer
V380696
ISBN (eBook)
9783668574007
ISBN (Buch)
9783668574014
Dateigröße
638 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
grauzone, gemeinsamkeiten, unterschiede, protagonisten, jean, anouilhs, antigone
Arbeit zitieren
Ann-Kathrin Latter (Autor), 2017, In der Grauzone. Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den beiden Protagonisten in Jean Anouilhs "Antigone", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380696

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