Mit dem Anbruch der postfordistischen Ära erlebt die Arbeitswelt einen in ihrer Geschichte beispiellosen und auch im 21. Jahrhundert weiter fortschreitenden Umgestaltungsprozess. Dem Postfordismus vorausgegangen ist der Fordismus, unter dem das Industrie-Zeitalter der Massenproduktion, gekennzeichnet durch Fließbandarbeit, Fabriken, Massenkonsum, Vollzeiterwerbstätigkeit mit einem hohen Anteil sozialversicherungspflichtiger Normalarbeitsverhältnisse, verstanden wird. Den Postfordismus hingegen charakterisieren eine Abnahme von Industriearbeitsplätzen, Normalarbeitsverhältnissen und Vollzeiterwerbstätigkeit sowie eine Zunahme nichtindustrieller Arbeitsplätze und atypischer Beschäftigungsformen.
Bereits seit den 70er Jahren ist ein „grundlegender struktureller Wandel der Arbeitsmärkte“ zu verzeichnen. Hierzu zählt auch die zunehmende Verdrängung von Normalarbeitsverhältnissen durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwiefern sich unter den gegebenen Bedingungen unterschiedliche Sozialstaatsmodelle auf die Alterssicherungsfunktion im Falle prekärer Erwerbsbiografien auswirken? Hierzu ist auch von Interesse, welche Rolle die gesellschaftlichen Institutionen dabei spielen. Einen interessanten Ansatz liefert der historische Neo- Institutionalismus. Dieser postuliert, dass es ein Bestreben gibt, einmal eingeschlagenen Pfaden, in den jeweiligen Politikfeldern beharrlich zu folgen.
Diese Arbeit soll erforschen, ob auch für dieses spezielle Politikfeld im Bereich der Alterssicherung angenommen werden kann, dass es eine Tendenz zur sogen. Pfadabhängigkeit gibt. Konkret soll dies am Beispiel der Alterssicherungssysteme überprüft werden. Die Charakterisierung unterschiedlicher Alterssicherungssysteme soll auf Grundlage der Klassifizierung der basierenden Sozialstaatsmodelle bzw. Wohlfahrtsregime nach Esping-Andersen erfolgen. Zu diesem Zweck wird folgende Fragestellung/Hypothese untersucht: „Ermöglichen Wohlfahrtssysteme sozialdemokratisch-skandinavischer Prägung eine effektivere Absicherung bei prekären Erwerbsbiografien im Alter als Wohlfahrtssysteme konservativ-kontinentaleuropäischer oder liberalangelsächsischer Art?“ Die Untersuchung findet im Rahmen eines MSSD statt. Es wird der Zusammenhang zwischen dem jeweiligen Wohlfahrtssystem und der Alterssicherung einer bestimmten Personengruppe untersucht sowie die diesen Zusammenhang vermittelnden Mechanismen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Vorgehensweise
2 Theoretische Grundlagen, Konzepte und Zentrale Begriffe
2.1 Historischer Neo-Institutionalismus
2.1.1 Pfadabhängigkeitstheorie
2.2 Wohlfahrtssysteme nach Esping-Andersen
2.2.1 Systemspezifische Merkmale
2.2.1.1 Dekommodifizierung
2.2.1.2 Stratifizierung
2.2.1.3 Universalismus
2.2.2 Wohlfahrtssystemtypen
2.2.2.1 Liberal-angelsächsisches System
2.2.2.2 Konservativ-kontinentaleuropäisches System
2.2.2.3 Sozialdemokratisch-skandinavisches System
2.2.3 Prekäre Beschäftigung und prekäre Erwerbsbiografien
2.2.4 Drei-Säulen-Modell der Alterssicherung
2.2.4.1 1. Säule
2.2.4.2 2. Säule
2.2.4.3 3. Säule
3 Bestimmung der Variablen
3.1 Operationalisierung der unabhängigen Variable „Wohlfahrtssystem“
3.2 Operationalisierung der abhängigen Variable „Alterssicherungsfunktion bei prekären Erwerbsbiografien“
4 Fallauswahl
5 Vergleichende Auswertung
5.1 Zuordnung der Wohlfahrtssysteme
5.1.1 Dänemark
5.1.2 Deutschland
5.1.3 Niederlande
5.1.4 Vereinigtes Königreich
5.2 Untersuchung der Alterssicherungsfunktion
5.2.1 Dänemark
5.2.2 Deutschland
5.2.3 Niederlande
5.2.4 Vereinigtes Königreich
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Bachelorarbeit untersucht, inwiefern unterschiedliche Sozialstaatsmodelle die Alterssicherungsfunktion im Kontext prekärer Erwerbsbiografien beeinflussen. Unter Anwendung des historischen Neo-Institutionalismus und des Most-Similar-Systems-Designs wird analysiert, ob pfadabhängige Entwicklungen in den Rentensystemen von Dänemark, Deutschland, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich zu differenzierten Ergebnissen bei der Absicherung atypisch Beschäftigter führen.
- Vergleich von Wohlfahrtssystemen nach Esping-Andersen
- Analyse der Effektivität von Alterssicherungssystemen bei prekären Erwerbsverläufen
- Untersuchung von Pfadabhängigkeiten in der Rentenpolitik
- Bewertung von Nettoersatzraten und Umverteilungseffekten
- Rolle institutioneller Faktoren wie Gewerkschaften und Finanzmärkte
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
Mit dem Anbruch der postfordistischen Ära erlebt die Arbeitswelt einen in ihrer Geschichte beispiellosen und auch im 21. Jahrhundert weiter fortschreitenden Umgestaltungsprozess (vgl. Amin 2003: 18). Dem Postfordismus vorausgegangen ist der Fordismus, unter dem das Industrie-Zeitalter der Massenproduktion, gekennzeichnet durch Fließbandarbeit, Fabriken, Massenkonsum, Vollzeiterwerbstätigkeit mit einem hohen Anteil sozialversicherungspflichtiger Normalarbeitsverhältnisse, verstanden wird. Den Postfordismus hingegen charakterisieren eine Abnahme von Industriearbeitsplätzen, Normalarbeitsverhältnissen und Vollzeiterwerbstätigkeit sowie eine Zunahme nichtindustrieller Arbeitsplätze und atypischer Beschäftigungsformen. Bereits seit den 70er Jahren ist ein „grundlegender struktureller Wandel der Arbeitsmärkte“ (Schulze Buschoff 2011: 3) zu verzeichnen. Hierzu zählt auch die zunehmende Verdrängung von Normalarbeitsverhältnissen durch prekäre Beschäftigungsverhältnisse.
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwiefern sich unter den gegebenen Bedingungen unterschiedliche Sozialstaatsmodelle auf die Alterssicherungsfunktion im Falle prekärer Erwerbsbiografien auswirken? Hierzu ist auch von Interesse, welche Rolle die gesellschaftlichen Institutionen dabei spielen. Einen interessanten Ansatz liefert der historische Neo-Institutionalismus (vgl.: Csigó 2006: 43/44). Dieser postuliert, dass es ein Bestreben gibt, einmal eingeschlagenen Pfaden, in den jeweiligen Politikfeldern beharrlich zu folgen. Die vorliegende Arbeit soll erforschen, ob auch für dieses spezielle Politikfeld im Bereich der Alterssicherung angenommen werden kann, dass es eine Tendenz zur sogen. Pfadabhängigkeit gibt. Konkret soll dies am Beispiel der Alterssicherungssysteme überprüft werden. Die Charakterisierung unterschiedlicher Alterssicherungssysteme soll auf Grundlage der Klassifizierung der basierenden Sozialstaatsmodelle bzw. Wohlfahrtsregime nach Esping-Andersen (1990) erfolgen. Zu diesem Zweck wird folgende Fragestellung/Hypothese untersucht:
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in den strukturellen Wandel der Arbeitswelt zur postfordistischen Ära ein und leitet die Forschungsfrage bezüglich der Auswirkungen verschiedener Sozialstaatsmodelle auf die Alterssicherung bei prekären Erwerbsbiografien ab.
2 Theoretische Grundlagen, Konzepte und Zentrale Begriffe: Dieses Kapitel erläutert den historischen Neo-Institutionalismus, Wohlfahrtsregime nach Esping-Andersen, den Begriff der prekären Erwerbsbiografie sowie das Drei-Säulen-Modell der Alterssicherung als theoretisches Fundament der Arbeit.
3 Bestimmung der Variablen: Hier erfolgt die Operationalisierung der unabhängigen Variable "Wohlfahrtssystem" mittels Dekommodifizierung, Stratifizierung und Universalismus sowie der abhängigen Variable der Alterssicherungsfunktion über Nettoersatzraten.
4 Fallauswahl: Das Kapitel begründet die Auswahl von Dänemark, Deutschland, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich zur Durchführung einer vergleichenden Ländervergleichsstudie im Rahmen eines Most-Similar-Systems-Designs.
5 Vergleichende Auswertung: In diesem Hauptteil werden die gewählten Länder anhand ihrer Wohlfahrtsregime zugeordnet und die jeweilige Effektivität ihrer Alterssicherungssysteme für prekäre Biografien anhand von Daten analysiert.
6 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, bestätigt die Hypothese zur Wirksamkeit pfadabhängiger Entwicklungen und zieht Schlussfolgerungen für die Alterssicherung bei prekären Erwerbsverläufen.
Schlüsselwörter
Alterssicherung, Wohlfahrtsregime, Esping-Andersen, Pfadabhängigkeit, prekäre Erwerbsbiografien, postfordistische Ära, Nettoersatzraten, Sozialstaatsmodelle, historischer Neo-Institutionalismus, Dänemark, Deutschland, Niederlande, Vereinigtes Königreich, Rentensysteme, Arbeitsmarktpolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie sich verschiedene Sozialstaatsmodelle auf die Alterssicherung von Menschen mit prekären, also instabilen oder unterbrochenen Erwerbsbiografien, auswirken.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Klassifizierung von Wohlfahrtsregimen, die Analyse von Rentensystemen und deren spezifische Reaktion auf den Wandel der Arbeitswelt in der postfordistischen Ära.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu belegen, ob Wohlfahrtssysteme sozialdemokratisch-skandinavischer Prägung eine effektivere Absicherung im Alter bieten als konservative oder liberale Systeme.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt den historischen Neo-Institutionalismus als theoretischen Rahmen und wendet das "Most-Similar-Systems-Design" an, um vier ausgewählte europäische Länder qualitativ und quantitativ zu vergleichen.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil befasst sich mit der Operationalisierung der Variablen sowie der detaillierten ländervergleichenden Analyse der 1., 2. und 3. Säule der Alterssicherung in den vier Fallbeispielen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Wichtige Begriffe sind Alterssicherung, Pfadabhängigkeit, prekäre Erwerbsbiografien, Wohlfahrtsregime und Nettoersatzraten.
Warum schneidet Deutschland laut der Analyse bei prekären Biografien so schlecht ab?
Aufgrund des am Äquivalenzprinzip orientierten Bismarck-Modells, das stark auf kontinuierliche Erwerbsbiografien und Statusausrichtung setzt, bietet das deutsche System bei Unterbrechungen geringere Sicherungsleistungen als universalistische Ansätze.
Was unterscheidet das niederländische "Cappuccino-Prinzip" von anderen Modellen?
Es beschreibt ein drei-Säulen-Modell, bei dem eine solide staatliche Basisrente (der Kaffee) durch eine betriebliche Vorsorge (Sahnehäubchen) und private Vorsorge (Schokostreusel) ergänzt wird, was insgesamt zu einer hohen Absicherung führt.
- Arbeit zitieren
- Matthias Gutt (Autor:in), 2017, Rentensysteme im postfordistischen Zeitalter. Eine Ländervergleichsstudie zu Dänemark, Deutschland, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/380747