„Eines zu sein mit allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen.“, schreibt Hölderlin im „Hyperion“. Man kann diesen Satz auffassen als einen Ausdruck tiefer Sehnsucht Hyperions gegenüber einer Welt, welche in unüberwindbarer Distanz ihre Schönheit dem leidenden Betrachter entzieht. Was Hyperion verlangt, ist die kühle Schönheit der ihn umgebenden Natur festzuhalten. Weil er aber um seine eigene Vergänglichkeit weiß, wird er sich der Vergeblichkeit all seiner Bemühungen, diesen Spalt, an dem zugrunde zu gehen er droht, zu überwinden, bewusst; indem er das allumfassende Sein, die universale Einheit aber beschwört, erhofft er sich die ersehnte Einheit zu erreichen, eins zu sein mit der Welt. In Gott indessen sei Einheit verwirklicht, weil er nicht als ein außerhalb der Schöpfung agierender Intellekt verstanden wird, sondern als vereinigende Kraft gedacht wird, welche den Hiatus zwischen Subjekt und Objekt, Betrachter und Natur aufhebt. Somit würden die Kategorien von Subjekt und Objekt, Innerem und Äußerem, welche die Sprache und somit auch das Denken strukturieren als Illusionen entlarvt. Die Sehnsucht, eins zu sein mit Allem, stellt in der Folge eine metaphysische Herausforderung dar, weil sie verlangt, das Objekt der Sehnsucht – das Naturschöne – ihrer Fremdheit zu berauben, um es integrieren zu können in ein allumfassendes Sein. Sobald aber dieses allumfassende Sein erreicht worden ist, löst es sich auf, weil mit der Überwindung des Anderen zugleich das sehnende Subjekt sich ausgelöscht hat. Dieses Problem erregte die Motivation der Philosophen nach Kant, die Vorstellung eines Allumfassenden, Absoluten aufrechtzuerhalten ohne sich in innere Widersprüche zu verwickeln. Hinter all diesem Bestreben aber steht das Verlangen, welches im eingangs erwähnten Zitat von Hölderlins „Hyperion“ zum Ausdruck kommt: Eines zu sein mit Allem! [...]
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung: Έν και παν
II. Jenseits der Sprache
III. Die Existenz und deren Grund
IV. Sehnsucht und Traurigkeit
V. Die All-Einheit der Liebe
VI. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ontologische und metaphysische Bedeutung des „Grundes“ innerhalb von F.W.J. Schellings Freiheitsphilosophie, wobei sie insbesondere das Spannungsfeld zwischen Identität, Differenz, Sehnsucht und dem göttlichen Wesen der Liebe analysiert.
- Die philosophische Rolle der Sehnsucht als dynamisches Prinzip der Weltenstehung.
- Die Interpretation des „Grundes“ als Voraussetzung für die Existenz des Anderen.
- Die wechselseitige Bedingtheit von Liebe und Trennung in der idealistisch-romantischen Philosophie.
- Die Grenzen der Sprache bei der Beschreibung des Absoluten und des göttlichen Wesens.
- Die Verbindung von Schellings Freiheitskonzeption mit ethischen Fragestellungen bei Lévinas.
Auszug aus dem Buch
IV. Sehnsucht und Traurigkeit
Die Sehnsucht ist das Streben Gottes, die absolute Einheit, welche er verloren hat, wieder herzustellen. Dies kann Er nur erreichen, indem er das Andere als den Grund seiner Existenz aufhebt, sodass die seine Identität begründende Differenz entfällt. Wenn dies geschieht, löscht Er nicht nur das Andere, sondern auch sich selbst aus. Aus diesem Grund gehört es zum Wesen der Welt, dass das Andere nicht vernichtet werden kann, weil die Welt andernfalls zugrunde gehen würde. Der Andere ist essentiell. Die Annäherung ist unendlich. Eine Berührung des Absoluten mag ein Sakrileg sein, weil sie zur Auslöschung führt. Das Denken vermag über das Sein nicht hinauszugelangen. Denken des Absoluten ist ein Denken ohne Ziel, ohne Ende. Es ist eine unendliche Tätigkeit, weil es sich um ein Denken ohne Inhalt handelt. Denken allerdings ist dadurch bestimmt, dass es intentional ist. Ein Denken, welches keinen Inhalt hat, hebt sich auf. Deshalb erscheint es sinnvoll, den Begriff „Denken“ durch einen anderen Begriff auszutauschen. Das Wort „Suchen“ transportiert die Bedeutung, welche die unendliche Annäherung umfasst. Was die Suche motiviert, ist die Sehnsucht als die Erfahrung der Trennung. Die Trennung begleitet das Denken, welches „über das sich thematisierende Korrelative hinausdenkt, diese Weise, das Unendliche zu denken, ohne ihm gleich zu sein und folglich ohne zu sich selbst zurückzukehren, bedeutet eine Infragestellung des Denkens durch das Andere.“ Der Andere ist Ursprung meiner Sehnsucht, weil er das Ziel der Ewigen Bewegung darstellt. Sein Verschwinden würde bedeuten, sich selbst auszulöschen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Έν και παν: Der Autor führt in die idealistisch-romantische Philosophie ein und identifiziert die Sehnsucht sowie die Liebe als zentrale Motive für die Überwindung des Abgrunds zwischen Subjekt und Objekt.
II. Jenseits der Sprache: Es wird erörtert, warum das Absolute und der „Ungrund“ bei Schelling sprachlich nicht direkt fassbar sind, da Sprache stets eine Dualität voraussetzt, die das Absolute transzendiert.
III. Die Existenz und deren Grund: Dieses Kapitel expliziert die Entstehung des existierenden Anderen aus dem göttlichen Grund, wobei die notwendige Differenz als Bedingung für das Werden und die Selbstoffenbarung Gottes dargestellt wird.
IV. Sehnsucht und Traurigkeit: Die Sehnsucht wird als unendliches, intentionales Streben nach der verlorenen Einheit definiert, das gleichzeitig die dauerhafte Traurigkeit der endlichen Existenz konstituiert.
V. Die All-Einheit der Liebe: Die Liebe wird als das universelle Prinzip identifiziert, das die Welt in Bewegung setzt, indem sie die Suche nach dem Anderen als Weg zur Wiederherstellung der Einheit in der Differenz beschreibt.
VI. Schlussbetrachtung: Die Arbeit resümiert, dass Gott als handelndes, liebeserfülltes Wesen begriffen werden muss, das in der Traurigkeit der Trennung verharrt, um überhaupt existieren und sich offenbaren zu können.
Schlüsselwörter
Schelling, Freiheitsphilosophie, Grund, Sehnsucht, Traurigkeit, Liebe, Identität, Differenz, All-Einheit, Metaphysik, Ontologie, Transzendenz, Existenz, Subjekt-Objekt-Relation, Idealismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit befasst sich mit den philosophischen Grundlagen von F.W.J. Schellings Freiheitsphilosophie, insbesondere mit der metaphysischen Bedeutung des „Grundes“ und der Sehnsucht.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Schwerpunkte liegen auf der Beziehung zwischen Gott und Welt, dem Wesen der Liebe, der Problematik der sprachlichen Fassbarkeit des Absoluten und der ontologischen Notwendigkeit von Differenz.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die dynamische Rolle der Sehnsucht als antreibendes Prinzip bei der Entstehung der Welt und als Ausdruck der göttlichen Suche nach Einheit zu entschlüsseln.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine philosophische Text- und Begriffsanalyse, die sich auf das Werk von Schelling stützt und diese mit ethischen Ansätzen von Lévinas in einen Dialog bringt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung des „Grundes“, das Scheitern der Sprache bei der Beschreibung des Absoluten und die fundamentale Verknüpfung von Sehnsucht, Traurigkeit und Liebe.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit zusammenfassen?
Zentrale Begriffe sind Schelling, Grund, Sehnsucht, Liebe, Differenz, Identität, Absolute, Existenz und Transzendenz.
Warum wird der Begriff „Suchen“ anstelle von „Denken“ verwendet?
Der Autor argumentiert, dass „Denken“ ohne inhaltliche Zielsetzung ins Leere läuft, während „Suchen“ die Sehnsucht und die unendliche Annäherung an das Andere besser abbildet.
Welche Rolle spielt die „Traurigkeit“ in der Argumentation?
Traurigkeit ist bei Schelling untrennbar mit der Sehnsucht verbunden; sie ist das Resultat der unvermeidlichen Trennung, die notwendig ist, damit Welt existieren kann.
- Citation du texte
- Immanuel Marx (Auteur), 2017, Sehnsucht und Traurigkeit. Eine Untersuchung über die Bedeutung des "Grundes" in Schellings Freiheitsschrift, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/381042