Vorwort
Im Proseminar „Politische Interviews“ habe ich Überraschendes und auch Erschreckendes gelernt: Politik ist der geschickte Umgang mit der Sprache, Öffentlichkeitsarbeit und Präsenz in den Medien. Die Sprache ist dabei das Werkzeug der Politiker, mit dem sie Schlechtes schönreden, Unwichtiges hervorheben, Fehler verschleiern und somit die Wahrheit ein Stück weit verzerren. Ich wollte Transparenz in diese Kunst des Sprachgebrauchs bringen und „zwischen den Zeilen lesen“. Als Korpus meiner Arbeit habe ich insgesamt vier Interviews gewählt, die ich untersuchen und vergleichen wollte. Doch als ich bereits die theoretische Grundlage dafür formulierte, stellte ich fest, wie umfassend die Dialogsteuerung im Gespräch und im Interview ist. Daraufhin versuchte ich, mich kurz zu fassen und konzentrierte mich auf zwei Interviews, um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen. Meinen Schwerpunkt habe ich dabei auf die Frage gelegt, inwieweit Dialogsteuerungsmerkmale, die in jedem natürlichen Gespräch zu finden sind, noch in der überarbeiteten schriftlichen Version des Interviews aufzufinden sind. Wenn man als Unwissender ein politisches Interview liest, weiß man oft nicht, dass es nicht der Urfassung des Gesprächs entspricht. Es wirkt sehr glatt und flüssig. Doch ist es auch authentisch? Inwieweit entspricht das Extrakt des Interviews der Wahrheit? Und inwieweit kann man es durch die Untersuchung der Dialogsteuerungsmerkmale beweisen oder auch widerlegen?
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort (Gegenstand, Zielstellung, Methoden der Belegarbeit)
2. Theoretisch-begriffliche Grundlage
2.1. Dialogaufrechterhaltende Steuerung
2.1.1. Sprecherwechsel
2.1.2. Sprecherwechsel durch Selbst- und Fremdwahl
2.1.3. Sprecherwechsel durch Simultansprechen
2.1.4. Sprechersignale
2.1.5. Hörersignale
2.2. Dialogthematische Steuerung
2.2.1. Gesprächseröffnung
2.2.2. Themenbehandlung
2.2.3. Gesprächsbeendigung
2.3. Initiierende/ Respondierende Akte im Interview
2.3.1. Initiierende Akte des Interviewers
2.3.2. Respondierende Akte des Interviewten
3. Empirische Untersuchung und Ergebnisse
3.1. Vergleich: Spiegel-Gespräch mit Jürgen Trittin und Focus-Interview mit Gerhard Schröder
3.2. Zusammenfassung der Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Mechanismen der Dialogsteuerung in politischen Interviews am Beispiel von „Der Spiegel“ und „Focus“, mit dem Ziel herauszufinden, inwieweit mündliche Kommunikationsmerkmale in der schriftlich überarbeiteten Interviewform erhalten bleiben und wie sich dies auf die Authentizität sowie die Wahrnehmung der Beziehung zwischen Interviewer und Interviewtem auswirkt.
- Linguistische Analyse der Dialogsteuerung (dialogaufrechterhaltend vs. dialogthematisch)
- Vergleich von Interviewstilen in zwei führenden deutschen Nachrichtenmagazinen
- Untersuchung der Transformation von mündlichen Gesprächen in verschriftlichte Medienformate
- Analyse von Initiierungs- und Reaktionsmustern bei politischen Entscheidungsträgern
- Reflektion über Authentizität und Wahrheitsgehalt in redaktionell aufbereiteten Interviews
Auszug aus dem Buch
1) Sprecherwechsel
Zu Beginn wird von Seiten des „Spiegels“ eine kurze Beschreibung des Themas und der politischen Lage gebracht, gefolgt von einer längeren, provozierenden Frage. Daraufhin antwortet Herr Trittin.
SPIEGEL: Herr Trittin, der erhoffte Wachstumsschub […]. Ist es da nicht folgerichtig, dass die Ökonomie wieder den Vorrang vor der Ökologie hat und der Umweltminister im Streit um den Emissionshandel die schwerste Schlappe seiner bisherigen Amtszeit kassieren musste?
Trittin: Natürlich hätte ich mir mehr gewünscht, aber wir haben einen vertretbaren Kompromiss erzielt. […]
Es handelt sich hierbei um einen klaren und sauberen Sprecherwechsel. Herr Trittin weiß, dass es seine Rolle ist auf die Fragen einzugehen und dadurch, dass er am Anfang der ersten Frage noch zur Verstärkung mit seinem Namen angesprochen wird, wird es für den Leser noch einmal explizit aufgeführt.
Daraufhin folgt keine Frage sondern eine Feststellung des Interviewers, zu der Herr Trittin sich äußern soll:
SPIEGEL: Wirtschaftsminister Wolfgang Clement wollte keine Weitere Belastung der Wirtschaft. Und er hat sich durchgesetzt.
Trittin: Das sehe ich anders. […]
Es handelt sich hierbei um einen zäsurierten Wechsel, denn es muss nach der Aussage des Spiegel-Reporters eine Sprechpause gegeben haben, die anzeigte, dass nach der Feststellung keine Frage formuliert werden würde, sondern eine Stellungnahme zum Sachverhalt erwartet wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort (Gegenstand, Zielstellung, Methoden der Belegarbeit): Der Autor erläutert seine Motivation, die Transparenz politischer Sprachnutzung zu untersuchen, und beschreibt die methodische Eingrenzung des Korpus auf zwei spezifische politische Interviews.
2. Theoretisch-begriffliche Grundlage: Dieses Kapitel definiert zentrale linguistische Konzepte wie Dialogsteuerung, Sprecherwechsel sowie die verschiedenen Phasen und Akte eines strukturierten Interviews.
3. Empirische Untersuchung und Ergebnisse: Die Untersuchung wendet die zuvor definierten linguistischen Kategorien praktisch auf Interviews mit Jürgen Trittin und Gerhard Schröder an, um Unterschiede im Interviewstil und bei den Steuerungsmerkmalen zu identifizieren.
Schlüsselwörter
Dialogsteuerung, politisches Interview, Sprecherwechsel, Medienanalyse, Turn-taking, Gesprächseröffnung, Themenbehandlung, Diskursanalyse, Kommunikationsrituale, Jürgen Trittin, Gerhard Schröder, Authentizität, Sprachgebrauch, Interviewtechnik, Medienlinguistik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie politische Interviews in Zeitschriften wie „Der Spiegel“ und „Focus“ linguistisch strukturiert sind und wie diese Struktur die Kommunikation zwischen Interviewer und Politiker beeinflusst.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Theorie der Dialogsteuerung, die Analyse von Sprecherwechseln, die Phasen des Interviews sowie die Untersuchung von initiierenden und respondierenden Sprechakten.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, zu prüfen, inwieweit Merkmale des natürlichen Dialogs in der redaktionell überarbeiteten und verschriftlichten Form eines Interviews erhalten bleiben oder ob diese durch die Bearbeitung verändert wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine linguistische Inhaltsanalyse, indem er spezifische Dialogsteuerungsmerkmale definiert und diese kontrastiv auf die ausgewählten Zeitungsinterviews anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden theoretische Grundlagen wie Turn-taking und Hörersignale erarbeitet und anschließend auf konkrete Beispiele aus Interviews mit Jürgen Trittin und Gerhard Schröder angewendet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Dialogsteuerung, politisches Interview, Turn-taking, Gesprächsphasen und die Analyse von Medieninhalten.
Wie unterscheidet sich die Gesprächsführung bei den beiden analysierten Politikern?
Die Analyse ergab, dass der Bundeskanzler „mit Samthandschuhen“ behandelt wurde, während der Umweltminister provozierenderen und teilweise respektloseren Fragen ausgesetzt war.
Warum sind viele im natürlichen Gespräch vorkommende Signale in den Interviews nicht zu finden?
Der Autor vermutet, dass viele Sprecher- und Hörersignale aufgrund ihrer informativen Irrelevanz bei der redaktionellen Verschriftlichung weggelassen wurden, um den Text kompakter und flüssiger lesbar zu machen.
- Quote paper
- Alexandra Urbanowski (Author), 2005, Dialogsteuerung bei politischen Interviews - Im Vergleich "Der Spiegel" und "focus", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38141