Emotionsarbeit jenseits des Dienstleistungssektors. Definition und Konzept nach Hochschild


Seminararbeit, 2016

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung Seite

2. Emotionsarbeit nach Hochschild Seite
2.1 Definition von Emotionen Seite
2.2 Das Konzept der Emotionsarbeit Seite
2.3 Konsequenzen der Emotionsarbeit Seite

3. Leadership und Emotionsarbeit Seite
3.1 Die Studie von Gardner et al. Seite
3.2 Vergleich mit Hochschilds Theorie Seite

5. Schlussbemerkungen Seite

Literaturverzeichnis Seite

1. Einleitung

In ihrem 1983 erschienenen Werk The Managed Heart schreibt die amerikanische Soziologin Arlie Russell Hochschild:

„Die Sekretärin, die ein angenehmes Büroklima schafft und dann ihre Firma als .freundlich und entgegenkommend1 und ihren Chef als .tüchtig“ präsentiert, die Bedienung, die für eine .gepflegte Essenzatmosphäre1 sorgt, der Reiseführer oder der Empfangschef an der Hotelrezeption, die uns ein Gefühl des Willkom­menseins vermitteln, der Sozialarbeiter, der seinem Klienten mit fürsorglicher An­teilnahme ein Gefühl des Umsorgtseins gibt, der Kaufmann, der seinen Produk­ten eine verkaufsfördernde Aura verleiht, der Gerichtsvollzieher, der Angst ver­breitet, der Direktor eines Begäbnisinstituts, der gegenüber den Hinterbliebenen Anteilnahme zeigt, der Minister, der den Eindruck unbestechlicher Sachlichkeit und zugleich menschlicher Wärme vermittelt - sie alle müssen in der einen oder anderen Weise Gefühlsarbeit leisten.“

Emotionsarbeit bezeichnet allgemein die Arbeit mit und an den eigenen Gefühlen. In dieser Arbeit soll zunächst erklärt werden, was dies konkret meint. Dazu wird im zweiten Kapitel zunächst erläutert, wie Hochschild Emotionen definiert. Da­rauf aufbauend wird anschließend das Konzept der Emotionsarbeit beschreiben. Hierbei spielen vor allem die Gefühlsnormen sowie das Oberflächen- und das Tiefenhandeln als Strategien des Gefühlsmanagements eine wichtige Rolle. Fer­ner werden die Folgen der Emotionsarbeit für das Individuum beleuchtet.

Im dritten Kapitel wird zunächst ein Modell zur Emotionsarbeit bei Führungskräf­ten vorgestellt. Dabei stehen ebenfalls die Strategien des Gefühlsmanagements im Vordergrund, derer sich Führungskräfte bedienen. Ferner werden auch hier die Probleme herausgestellt, die sich aus der Emotionsarbeit ergeben.

Ziel ist es schließlich, die beiden Modelle gegenüberzustellen und zu zeigen, dass Hochschilds Konzept der Emotionsarbeit noch heute relevant ist und auch in der modernen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts Anwendung finden kann. Damit soll auch gezeigt werden, dass der Vorwurf, Hochschild habe ein vereinfachtes Modell geliefert (vgl. Rastetter 2009, S.21f.), nicht unbedingt gerechtfertigt ist. Vielmehr kann Hochschilds Emotionsarbeit als eine Basis betrachtet werden, von der aus man weitere Forschungsbereiche erschließen kann und stellt daher ein Konzept dar, das als solches nicht zu verwerfen ist, möglicherweise aber ausdifferenziert werden kann.

2. Emotionsarbeit nach Hochschild

In diesem Kapitel soll das Konzept der Emotionsarbeit, das Hochschild in ihrem 1979 erschienen Werk The Managed Heart[1] einführt, genauer vorgestellt werden. Der Begriff Emotionsarbeit wurde zwar auch von anderen Autoren verwendet, Bekanntheit erlangte er jedoch erst durch Hochschild (vgl. Rastetter 2008, S.15). Zunächst soll im ersten Abschnitt dieses Kapitels erklärt werden, was Hochschild unter Emotionen versteht. Im zweiten Abschnitt wird schließlich das Konzept der Emotionsarbeit genauer dargestellt. Zuletzt wird darauf eingegangen, welche Konsequenzen die Emotionsarbeit für den Handelnden hat.

2.1 Definition von Emotionen

Hochschilds Ansatz greift auf drei verschiedene theoretische Strömungen der Emotionsforschung zurück: Zum einen das organismische Modell nach Charles Darwin, zum anderen die Theorie Sigmund Freuds, für die eine Signalfunktion der Gefühle zentral ist, und darüber hinaus das interaktionsorienterte Gefühlsmo­dell, zu dessen Vertretern Erving Goffman gehört (vgl. Hochschild 1990, S.160f.). Aus diesen drei Strömungen greift Hochschild einzelne Aspekte auf und entwi­ckelt gewissermaßen eine neue Gefühlstheorie, die durch eine gesellschaftliche und eine psychologische Seite gekennzeichnet ist (vgl. ebd., S.175).

Mit der psychologischen Seite meint Hochschild beispielsweise die Gedanken von Charles Darwin und Sigmund Freud, die sie als „organismische Modelle“ der Emotionen bezeichnet (vgl. ebd., S.160f.). Innerhalb dieser Modelle werden Emo­tionen vorwiegend als biologisch bestimmt angesehen, woraus Hochschild folgert:

„Aufgrund der starken Betonung von Instinkt und Energie postulieren die organismischen Theoretiker ein grundlegend unverändertes Wesen der Gefühle sowie eine grundlegende Ähnlichkeit des Gefühlslebens bei allen Menschen.“ (ebd., S.161 )

Emotionen sind nach Darwin somit nicht unmittelbar abhängig von sozialen Be­dingungen, vielmehr rufen soziale Aspekte biologische Reaktionsabläufe hervor (vgl. ebd., S.163). Ferner ergänzt Hochschild, dass Darwin seine Untersuchungen auf den Ausdruck der Gefühle, der sich in sichtbaren Gesten zeige, beschränke, sich jedoch nicht mit den ihnen zugeschriebenen, subjektiven Bedeutungen befas­se (vgl. ebd.). Für die Emotionsarbeit sind jedoch sowohl die subjektive Bewer­tung der Gefühle als auch die Ebene ihres Ausdrucks relevant. Ferner grenzt Hochschild sich von der Theorie Darwins dadurch ab, dass sie Emotionen als et­was Beeinflussbares, Veränderbares betrachtet, an dem und mit dem man arbeiten kann. Hochschild übernimmt aus der organismischen Tradition daher lediglich die Idee einer biologischen Basis, „die auf das Handeln einwirkt, aber jeder Beein­flussung unzugänglich ist“ (Hochschild 1990, S.179). Darüber hinaus greift sie auf Freuds Idee von der Signalfunktion der Gefühle zurück und bezieht sie in ihr Konzept ein.

Hochschild ergänzt die biologische Basis, zu der auch die Signalfunktion der Emotionen gehört, um eine soziale Seite, indem sie sich unter anderem auf die Ideen Erving Goffmans bezieht, dessen Ansatz sie als „interaktionsorierntiertes Gefühlsmodell“ bezeichnet (vgl. ebd., S.161). Das Interaktionsmodell grenzt Hochschild folgendermaßen von den organismischen Gefühlsmodellen ab:

„Das organismische Modell zwängt unser Verhalten in das Korsett eines Reiz-Reaktions­Schemas. Das Interaktionsmodell setzt die biologische Fundierung unseres Gefühlsaus­drucks zwar voraus, ergänzt es aber um Zugänge für soziale Einflüsse; soziale Faktoren werden aber nicht einfach hinzuaddiert, sondern kommen interaktiv im Verlauf des Füh- lens ins Spiel“ (ebd., S.168).

Im Fokus der interaktionsorientierten Modelle stehen nicht die biologischen Pro­zesse, sondern die Bedeutungen, die psychologischen Vorgängen zugeschrieben werden, wobei die Beteiligung gewisser biologischer Aspekte immer vorausge­setzt wird (vgl. ebd., S.161). Emotionen werden dabei nicht als Instinkte betrach­tet, sondern nehmen erst im sozialen Kontext Gestalt an, d.h. das jedes Gefühl „in einem gewissen Sinne seine Identität zuallererst im sozialen Zusammenhang er­hält“ (Hochschild 1990, S.168). Ferner entwirft Goffman die Konzeption des Ge­fühlsabweichlers, der einen Menschen bezeichnet, der für eine bestimmte Situati­on das angemessene Gefühl weder besitzt noch zeigt und für den es eine Last dar­stellt, das angemessene Gefühl in einer bestimmten Situation zu zeigen (vgl. ebd., S.170). Hochschild kommentiert diesen Aspekt folgendermaßen:

„Am Beispiel des Gefühlabweichlers kann Goffman zeigen, daß und wie die von uns als selbstverständlich unterstellte soziale Solidarität im Alltagsleben beständig von neuem hergestellt werden muß. Er scheint und in seinen vielfältigen Episoden sagen zu wollen, wie viel Arbeit eine Gruppe aufbringen muss, um in spontanes Lachen auszubrechen oder wie viel Arbeit erforderlich ist, um an einem Spiel teilnehmen zu können.“ (ebd.)

Goffman betont die soziale Nutzung der Gefühle, jedoch kritisiert Hochschild, dass er nicht ausführt, wie das Individuum unabhängig von der Gruppe, in der es sich bewegt, mit seinen Gefühlen umgehen kann. Nach Hoffman weist jede Situa­tion eine eigene soziale Logik auf, die die Akteure unbewusst einhalten und bestä­tigen (vgl. Hochschild 1990, S.171).

Hochschild schlägt schließlich eine neue Gefühlstheorie vor, die auf Goffmans Konzepten aufbaut, aber auf der einen Seite die Welt der Institutionen miteinbezieht, auf der anderen Seite die Welt der Persönlichkeit berücksichtigt (vgl. ebd.). Anders als bei Goffman haben Akteure bei Hochschild keine schwa­che innere Stimmet sondern sind in der Lage ihre Gefühle aktiv zu managen und somit auf Situationsnormen spontan zu reagieren (vgl. ebd., S.173). Das interakti­onsorientierte Gefühlsmodell ist laut Hochschild in der Lage zu erklären, was mit den Emotionen und dem Vorgang des Fühlens selbst geschieht, wenn wir uns im sozialen Austausch befinden (vgl. ebd., S.176). Die Arbeit mit und an den Emoti­onen wird im nächsten Abschnitt genauer beschrieben.

2.2 Das Konzept der Emotionsarbeit

Als Emotionsarbeit oder Gefühlsarbeit bezeichnet Hochschild eine Arbeit, die von der geistigen und körperlichen Arbeit zu unterscheiden ist: „Sie verlangt das Zei­gen oder Unterdrücken von Gefühlen, damit die äußere Haltung gewahrt bleibt, die bei anderen die erwünschte Wirkung hat [...] (Hochschild 1990, S.30f.). Die Emotionsarbeit ist somit als eine Arbeit an und mit den Gefühlen zu erfassen, die auf verschiedenen Ebenen stattfindet. Zum einen ist sie im privaten Bereich vor­zufinden und bezeichnet hier die Arbeit, die Menschen im Austausch mit anderen aufbringen, beispielsweise um „die Fassung zu wahren und angemessen auf Situa­tionen im Alltag zu reagieren“ (Koch 2014, S.52). Diese Form von Emotionsar­beit, die Hochschild als emotional work bezeichnet, ermöglicht es dem Individu­um, bestimmte Gefühle wie Wut, Freude oder Enttäuschung nur in passenden Si­tuationen zu zeigen (vgl. ebd.). Von emotional labor spricht Hochschild hingegen, wenn Emotionen zu einem Teil der menschlichen Arbeitskapazität, also vermark­tet werden (vgl. ebd., S.51). Der Unterschied zwischen beiden Formen der Emoti­onsarbeit liegt dabei nicht im Gefühlsmanagement selbst, d.h. die Art und Weise, wie Gefühle beeinflusst werden, unterscheidet sich bei privater und betrieblicher Emotionsarbeit nicht, jedoch regelt erstere private Beziehungen und erfüllt per­sönliche Verhaltensnormen, während letztere marktförmige Beziehungen gestaltet und die Normen vom Unternehmen mitbestimmt werden (vgl. Rastetter 2008).

Nach Hochschild gab es schon immer ein Management der Gefühle im privaten Bereich:

„Der Partybesucher bemüht sich nach Kräften um die dem Gastgeber geschuldete Fröh­lichkeit, wie der Trauergast um angemessene Gefühle der Trauer beim Begräbnis. Jeder präsentiert seine Gefühle als situationsangemessenen Beitrag zum Gelingen des gemein­samen Ziels.“ (Hochschild 1990, S.41)

Das Gefühlsmanagement richtet sich dabei nach allgemeinen Gefühlsnormen, die als eine Art Leitfaden für die jeweiligen Emotionen fungieren, die in bestimmten Situationen von uns erwartet werden (vgl. ebd.). Die Funktion der Gefühlsregeln (feeling rules) fasst die Kulturanthropologin Getraud Koch wie folgt zusammen:

„Erst wenn implizite oder explizite Gefühlsregeln existieren, wird Emotionsarbeit, also die Anpassung des eigenen Fühlens an die sozial erwartete Emotionslage notwendig. Die Diskrepanz zwischen den eigenen Gefühlen und den sozialen Erwartungen wird in der sozialen Interaktion wahrgenommen. Solche Abweichungen sind für das Individuum An­lass, das eigene Empfinden zu reflektieren und gegebenenfalls das eigene Fühlen mit den Normen in Einklang zu bringen, also dieses entsprechend durch Reflexion oder auch in­nere Monologe zu modifizieren.“ (Koch 2014, 53)

Ein Individuum bewertet seinen eigenen Gefühlsausdruck, zum Beispiel im Selbstgespräch, und überprüft dadurch selbst die Einhaltung der Gefühlsnormen. An die Einhaltung von Gefühlsnormen werden wir aber auch durch die Reaktion anderer erinnert, die uns beispielsweise dazu auffordern, uns für unsere Gefühle zu rechtfertigen (vgl. Hochschild 1990, S. 74). Ferner hängen Gefühlsnormen nach Hochschild mit bestimmten sozialen Rollen zusammen, wie etwa der Braut-, Ehefrauen- oder Mutterrolle. Aus den jeweiligen Rollenvorschriften lässt sich herleiten, welche Gefühle „in einer bestimmten Ereignisabfolge angemessen er­scheinen“ (Hochschild 1990, S.83).

Das private Gefühlssystem fasst Hochschild als Zusammenspiel von Gefühlsar­beit, Gefühlsnormen und interpersonellem Austausch zusammen (vgl. ebd., 85). Das Gefühlsmanagement an sich, d.h. den Versuch zu fühlen, was jemand will, erwartet oder was er fühlen sollte, betrachtet Hochschild selbst als eine Erschei­nung, die vielleicht schon immer an die menschlichen Empfindungen geknüpft war, ein jüngeres Phänomen stellt für sie jedoch die Emotionsarbeit im professio­nellen Bereich dar:

„Das Neue in unserer Zeit ist die Fähigkeit, bewußt und aktiv ein breites Spektrum von Gefühlen für private Zwecke auszuspielen; neu ist auch die Art und Weise, mit der diese Haltung von großen Organisationen produziert und verwaltet wird.“ (Hochschild 1990, S.43)

[...]


[1] Diese Arbeit bezieht sich auf die deutsche Übersetzung, die 1990 erstmals erschien.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Emotionsarbeit jenseits des Dienstleistungssektors. Definition und Konzept nach Hochschild
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V383014
ISBN (eBook)
9783668584501
ISBN (Buch)
9783668584518
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
emotionsarbeit, dienstleistungssektors, definition, konzept, hochschild
Arbeit zitieren
Laura Horst (Autor), 2016, Emotionsarbeit jenseits des Dienstleistungssektors. Definition und Konzept nach Hochschild, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383014

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