V. G. Belinskij einer der größten Philosophen und einflussreichsten Kritiker seiner Zeit. Beziehung zu und Einfluss auf Dostoevskij


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einordnung in den historischen Kontext

3 Vissarion Grigor‘evič Belinskij

4 Fëdor Michajlovič Dostoevskij
4.1 Erste literarische Einflüsse auf Dostoevskij

5 Das Zusammentreffen Belinskijs und Dostoevskijs
5.1 Der politische und religiöse Konflikt in Belinskijs und Dostoevskijs Ansichten
- Die Westler-
5.2 Der politische und religiöse Konflikt in Belinskijs und Dostoevskijs Ansichten
-Einfluss der Beketov Brüder und Fouriers-
5.3 Dostoevskijs und Belinskijs Ansichten zur Frauenfrage

6 Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Untersucht man die Aufgaben eines Kritikers und beschäftigt man sich mit seinen Vorgehensweisen, so stellt man schnell fest, dass folgende, zwar leicht gegensätzliche Zitate den Kern und die Problemstellung der kritischen Arbeit sehr gut erfassen: Einerseits ist die Aufgabe des Kritikers nach Thomas Stearn Eliots Criticism of Criticism of Criticism „die Reaktion zwischen Kunstwerk und Betrachter zu provozieren“ jedoch andererseits „[lässt] der Kritiker [...] den Künstler, den er nicht versteht, [nach Polgar] das fühlen. Er behandelt ihn sehr von unten herab." (Alfred Polgar: 2004).

Anhand dieser beiden Zitate soll die Beziehung zwischen dem stark diskutierten Schriftsteller Dostoevskij und dem größten literarischen Kritiker seiner Zeit Belinskij erörtert und analysiert werden. Insbesondere sei darauf zu achten, inwiefern Belinskij Dostoevskij in seinen politischen, gesellschaftlichen und somit auch schriftstellerischen Ansichten beeinflusst oder gar geformt hat. Denn nach T. G. Masaryk habe kein zweiter Russe die intime Seele seines Volkes so analysiert wie Dostoevskij. Kein anderer habe, wie er, den Versuch gemacht, die historischen und sozialen Tatsachen als Äußerungen der russischen Seele zu begreifen und die letzten treibenden Kräfte des russischen Staats- und Volkslebens darzustellen (vgl. Masaryk 1996)

2 Einordnung in den historischen Kontext

Zunächst sei der historische Hintergrund Dostoevskijs und Belinskijs Zeit kurz aufzuarbeiten, um die Einflüsse auf die zeitgenössische Literatur und die daraus resultierenden Effekte deutlich machen zu können. Die Zeit Belinskijs, und später besonders Dostoevskijs, war geprägt von stark revolutionären Bewegungen, die aus Repressionen u.a. unter Nikolaus I. entstanden. Als dieser unerwartet, aufgrund des Verzichts seines Bruders die Thronfolge antrat, leitete er eine strikte Unterdrückung der Militärverschwörung der Dekabristen am 26. Dezember 1825 ein. Des Weiteren begann er mit der sofortigen Einrichtung eines autoritären Regimes. Dies hatte nicht nur starke Auswirkungen auf die freie Meinungsäußerung in der Literatur, sondern politische und gesellschaftliche Folgen. Es bildeten sich zunehmend geheime Kreise und andere politische Vereinigungen. Oftmals veröffentlichten Schriftsteller aus Angst vor der Inhaftierung unter Pseudonymen oder trafen sich nachts heimlich in ihren Literaturzirkeln. Doch auch diese Literaturkreise waren durchzogen von Spitzeln der Polizei. So wurde Dostoevskij wegen der Teilnahme an unerlaubten Versammlungen verhaftet und der Name Belinskijs wegen Veröffentlichung regierungswidriger Schriften verboten .

3 Vissarion Grigor‘evič Belinskij

Um Vissarion Grigor‘evič Belinskij ganzheitlich zu betrachten, ihn in seinen Denkansätzen zu verstehen und die Beziehung zu Dostoevskij aufzeigen zu können, ist es notwendig einige Eckdaten zu seiner Person zu nennen. Belinskij war nicht nur einer der größten Kritiker seiner Zeit, sondern auch als Philosoph gab er maßgebliche Denkanstöße. Er ist am 11. Juni 1811 in Sveaborg, in Finnland, geboren. Sein Leben war schon von früher Kindheit an maßgeblich geprägt durch das stark autoritäre Verhalten des Vaters. Belinskij interessierte sich schon früh für zeitgenössische Autoren. Dieses Interesse steigerte sich mit dem Wechsel von der Kreisschule auf das Gymnasium in Pensa. Hier las er sich in die Weltliteratur, besonders in Puškins Werke ein und fand zunehmend Gefallen daran. Ab dem Jahre 1829 studierte er an der Moskauer Universität Literatur und Philosophie. Doch sein Studium durfte er nicht beenden. Schon 1832 wurde Belinskij aufgrund von fehlender Begabung, so gab man an, von der Universität verwiesen. Der wahre Grund jedoch lag in seinem zuvor selbst geschriebenem Drama Dmitrij Kalinin. Dieses romantische Drama beinhaltete besonders die Kritik an der Leibeigenschaft.

„Wer hat ihm erlaubt, der Natur- und Menschenrechte zu spotten? Der Herr darf zum eigenen Vergnügen oder zur Zerstreuung seinem Sklaven die Haut vom Leibe ziehen […].“ (Danzer, Gerhard/ Rattner, Josef 1998).

Belinskijs Leben war geprägt von ständiger Krankheit, körperlicher Schwäche und Armut.

Schon früh stellte man bei ihm Tuberkulose fest. Doch er ließ sich nie von seiner Leidenschaft, der Literatur, abbringen. So entstand im Jahre 1834 der Aufsatz Literarische Träume. In diesem Aufsatz propagierte er den Realismus und forderte die Wahrheit für dichterische Werke. Der Dichter solle nun mehr keine verlogenen Illusionen vorgaukeln, denn so entfremde er die Realität. Ein Jahr später erschien der Aufsatz Über die russische Erzählung und die Erzählung Gogol’s. Weitere Schriften folgten aufgrund seiner Lungenkrankheit zunächst nicht. Belinskij verbrachte einen Kuraufenthalt im Kaukasus, während dessen er sich mit Texten deutscher Philosophen wie Fichte und Hegel vertraut machte. Seiner Arbeit ging er ab 1838 mit der Übernahme der Zeitschrift Moskauer Beobachter wieder nach. Dies empfand er jedoch als äußerst unbefriedigend und zog daraufhin nach St. Petersburg, um dort Literaturrezensionen zu publizieren. Sein hier neu begonnener Lebensabschnitt ist für die russische Literatur und die damaligen Schriftsteller wie z.B. Dostoevskij von großer Bedeutung. Belinskij traf hier erstmals auf große Autoren wie Gogol‘, Lermontov und Herzen und pflegte den Kontakt ebenso zu jungen, noch unbekannten Autoren. Er lobte den im Jahre 1842 erschienen Roman Die Toten Seelen Gogol‘s. Gogol‘ kritisierte in diesem Roman mit Hilfe von Satire nicht nur die russische Gesellschaft und Kultur, sondern bot zugleich Lösungen der Probleme. Belinskij sah in diesem Werk eine Pionierleistung für den Realismus und setzte sich deshalb gemeinsam mit Nekrasov für diese Richtung ein. Schon 1844 entwickelte sich um Belinskij herum eine Gruppe junger Autoren, die mit ihm für die realistische Schule eintraten.

4 Fëdor Michajlovič Dostoevskij

Unter dieser Gruppe befand sich u.a. Dostoevskij. Sein Aufeinandertreffen mit Belinskij und die sich später eng entwickelte Beziehung zu ihm entstand nicht von ungefähr. Doch zunächst soll im Folgenden das Leben Dostoevskijs näher beleuchtet werden, um das Verhältnis beider Personen zueinander deutlich machen zu können.

Fëdor Michajlovič Dostoevskij wurde am 11. November 1821 in einem Armenhospital am Rande von Moskau geboren. In diesem Hospital war sein Vater nicht nur ein recht angesehener Arzt, sondern hier verbrachte Dostoevskij seine ersten Lebensjahre. Die Familie wohnte in einer kleinen Wohnung, die nur gering von der Eingangshalle des Krankenhauses abgetrennt war. Tagtäglich war er also umgeben von kranken und armen Menschen. Diese Welt der Armen beschäftigte Dostoevskij sein Leben lang. Wie auch bei Belinskij war es um Dostoevskijs Gesundheit nicht gut bestellt. Schon seit seiner Kindheit litt er unter regelmäßig auftretenden epileptischen Anfällen. Des Weiteren war seine Jungend geprägt von der unliebevollen, strengen und militärischen Hand des Vaters. Dieser forderte Disziplin und Ordnung und wurde oftmals handgreiflich. Marija Fëdorovna Dostoevskaja war das genaue Gegenteil ihres Mannes. Von ihr lernte Dostoevskij auch seine Liebe zur Literatur kennen.

Als jedoch seine Mutter starb, entsandte ihn der Vater im Jahre 1838 auf eine Militäringenieurschule nach St. Petersburg. Diese absolvierte er und erhielt eine Anstellung als Ingenieur. Jedoch ging er dieser Anstellung nicht lange nach und verließ sie schon im Jahre 1844 als Oberleutnant, um als freier Schriftsteller in St. Petersburg leben zu können.

Einige Jahre zuvor wurde sein Vater von einem Bauern ermordet. Dieser Mord verfolgte ihn lange Zeit. Es plagten ihn heftige Schuldgefühle an dem Mord mitverantwortlich gewesen zu sein. Zum Einem, weil er ihm manchmal aus gegebenem Anlass den Tod gewünscht habe und zum Anderen wird angegeben, dass er geglaubt habe, dass der Vater seinen Bauern immer weiter ausgepresst habe, nur um Dostoevskijs Ausbildung finanzieren zu können. Der Mord wäre demnach eine Verzweiflungsaktion des Bauern gewesen. Über die genauen Gefühle Dostoevskijs gegenüber seinem Vater lässt sich jedoch nur weiterhin mutmaßen, da er lange Zeit die Vaterfigur aus seinem Leben gestrichen und sich mit ihr nicht auseinandergesetzt hatte.

4.1 Erste literarische Einflüsse auf Dostoevskij

Mit zehn Jahren besuchte Dostoevskij das erste Mal Schillers Theaterstück Die Räuber in Moskau. Diese hier gewonnenen frühromantischen Eindrücke prägten für die nächsten Jahre sein Weltbild. Wie auch Belinskij las er zunehmend Weltliteratur und widmete sich insbesondere Puškins Werken. Aus dem romantisch idealistischen jungen Dostoevskij entwickelte sich allmählich ein romantisch, sozialkritischer Geist, der die Literatur seiner Vorbilder verschlang und ihre Überzeugungen mit den seinigen verarbeitete. Diese Gedanken verarbeitete er in seinen ersten Erzählungen, Novellen und kleineren Romanen, die als Handlungsort oftmals das Milieu der armen Leute besaßen und die Liebe thematisierten.

5 Das Zusammentreffen Belinskijs und Dostoevskijs

Schon in seinen jungen Schriftstellerjahren engagierte Dostoevskij sich in literarischen Zirkeln und Kreisen. So trat er auch im Jahre 1844 einer Gruppe junger Schriftsteller bei, die sich um Belinskij und Nekrasov gebildet hatte und für die realistische bzw. natürliche Schule eintrat. Diese Schule forderte die Literaten dazu auf mit Hilfe literarischer Mittel naturgetreu und ohne jegliches Verschönern und Verklären die Realität darzustellen. Hierfür wurde auch auf Mittel wie Ironie und Humor zurückgegriffen. Vor diesem Hintergrund erschien im Jahre 1846 Dostoevskijs Roman Arme Leute, der ihn über Nacht bekannt machte. Der Roman thematisierte eine unglückliche Liebesgeschichte zwischen einem älteren Beamten und einer jungen Frau. Nekrasov reagierte auf diesen Roman voller Freude mit dem berühmten Ausruf „Ein neuer Gogol ist erschienen“ (Fjodor M. Dostojewski; 1996: 531.) woraufhin Belinskij ernüchternd erwiderte „Bei euch wachsen die Gogols wie Pilze aus dem Boden.“ (Fjodor M. Dostojewski; 1996: 531.). Jedoch als er den Roman am Folgetag gelesen hatte, wollte er Dostoevskij so schnell wie möglich kennen lernen und herausfinden wer sich dort aus einem bisher unbekannten Schriftstellerdasein hervorhob.

Wissen Sie denn selbst, was Sie da geschrieben haben? Sie konnten das nur mit dem unmittelbaren Gefühl als Künstler darstellen, aber haben Sie den Sinn der grauenhaften Wahrheit erfaßt, die Sie uns da verkünden? Es ist unmöglich, daß Sie mit Ihren zwanzig Jahren das schon verstehen können! (Fjodor M. Dostojewski 1996: 531)

Belinskij schien zunächst skeptisch, später jedoch voller Hoffnung und Euphorie.

Sie haben eine Tragödie geschaffen! Sie sind bis zum Wesen der Dinge vorgedrungen! Wir Publizisten und Kritiker erörtern nur, wir suchen durch Worte die Dinge klarzumachen. Sie aber als Dichter offenbaren in einem Zug, in einem Bild das ganze Wesen, daß man es mit der Hand betasten könnte, daß auch der des Denkens ungewohnte Leser sofort alles begreift! Das ist das Geheimnis des Künstlertums, das ist die künstlerische Wahrheit! So dient der Dichter der Wahrheit! Ihnen als Künstler ist die Wahrheit offenbart und verkündet worden, sie ist Ihnen als Geschenk zugefallen. So halten Sie dieses denn wert, bleiben Sie ihm treu, und Sie werden ein großer Dichter sein. (Fjodor M. Dostojewski 1996: 531)

Diese Worte führten bei Dostoevskij zu ausgesprochenem Hochmut und Überschätzung seiner schriftstellerischen Fähigkeiten. Einige Monate sprachen die gebildeten Bürger Petersburgs von nichts anderem als von dem neuen Künstler Dostoevskij und sein über Nacht bekannt gewordenes Werk Arme Leute. Nach Aussage Belinskijs sei dies der erste soziale Roman der russischen Literatur. Belinskij führte den unerfahrenen Dostoevskij in die Kreise und Sitten der Literatur ein, um eine Ausbeutung des jungen Schriftstellers zu vermeiden. „[...] Belinskij mich vor vierzehn Tagen umfassend darüber belehrt hat, wie man sich in unserer literarischen Welt einleben kann [...]. Bei der Verwendung des Wortes „unserer literarischer Welt“ wird sofort das Zugehörigkeitsgefühl Dostoevskijs zur russischen Literatenwelt deutlich. Er wurde sehr schnell in die Kreise der russischen Literaten aufgenommen. Deshalb waren die Erwartungen beim Erscheinen des Werkes Der Doppelgänger 1846 sehr groß. Nicht nur auf Seiten der Kritiker erhoffte man sich einen ähnlichen Erfolg wie bei Arme Leute, sondern auch Dostoevskij selbst war sich seines Erfolges sicher.

Meine Zukunft kann sich im allgemeinen recht günstig gestalten [...]. Belinskij treibt mich an, meinen Goljadkin fertig zu schreiben. Er hat schon in der ganzen literarischen Welt Gerüchte über diesen Roman verbreitet [...].

Auf der ersten Lesung war Belinskij zunächst hoch begeistert. Er lobte die Dostoevskij typischen „erstaunlich psychologischen Feinheiten“ des Werkes. Jedoch als der Roman ein Jahr später vollständig erschien, erhielt Dostoevskij schlechte Kritiken seitens der Belinskij- Schule. Dies resultierte aus der damaligen Erwartungshaltung der linksradikalen Kreise. Man forderte „nun [...] sozialkritisches Engagement [...] [und] literarische Perspektiven für eine neue materialistisch- positivistische und sozialistische Gesellschaft, die zeigen sollte, dass der Mensch ein von Natur aus harmonisches soziales Wesen sei, das nur durch das miserable russische Milieu zur Entgleisung gebracht würde.“ (Heinz Setzer 1998: S.189) Belinskij schrieb, dass der „Doppelgänger“ von einem „Kolorit der Phantastik“ geprägt sei, das nicht von Poeten, sondern von Ärzten behandelt werden müsse. Dostoevskij schien es, dass sich nun doch alle gegen ihn gewendet hatten.

Wenn du nur wüsstest, Bruder, wie erbittert man auf das Buch schimpft! Die Kritik Illustration ist ein einziges Geschimpfe. Auch die Kritik in der Nordischen Biene ist unglaublich. (Fjodor M. Dostojewski 1996:52)

Unangenehm und qualvoll ist es aber für mich, dass meine eigenen Freunde, Belinskij und die anderen, mit meinem Goljadkin unzufrieden sind. (Fjodor M. Dostojewski 1996:55)

Die Tatsache die Hoffnung vieler Kritiker und Freunde mit Goljadkin nicht erfüllen zu können, setzte Dostoevskij sehr zu. Er gestand sich ein, einige Passagen „zu flüchtig und in Augenblicken der Ermüdung geschrieben.“ (Fjodor M. Dostojewski 1996:55) zu haben. Mitte 1846 verließ Belinskij die Zeitschrift Väterländische Analen, um im Ausland (Salzbrunn und Paris) seinen angeschlagenen Gesundheitszustand zu kurieren. „Er will etwa zwei Jahre lang keine Kritiken mehr schreiben. Um seine Finanzen zu stärken, gibt er einen Almanach [...] heraus. Ich schreibe für ihn zwei Erzählungen [...] (Fjodor M. Dostojewski 1996:51). Mit dieser Reise schwand auch der direkte Einfluss Belinskijs auf Dostoevskij. Belinskijs Gesundheitszustand verschlechterte sich in Salzbrunn zusehends, sodass er nach Paris ging, wo er auf Herzen, Bakunin und Turgenev traf. In seinem todkranken Zustand schrieb er die Abhandlung Betrachtung über die russische Literatur des Jahres 1847. Doch Belinskij wollte nicht im Ausland sterben und kehrte deshalb nach St. Petersburg zurück. Kurz zuvor veröffentlichte Gogol‘ sein Werk Ausgewählte Stellen aus dem Briefwechsel mit Freunden. In diesem Brief bekannte er sich zum Konservatismus und forderte die Intellektuellen Russlands auf sich dem Zaren unterzuordnen und die bestehende Gesellschaftsordnung ohne jegliche Kritik zu akzeptieren. Belinskij, der Gogol‘ normaler Weise unterstützte, war zu tiefst von diesem Brief getroffen und verfasste die Antwort Brief an N.W. Gogol‘. In dieser Antwort unterstellte er Gogol‘s Argumentation völlige Substanzlosigkeit, einen Angriff auf die Wahrheitsliebe und die Menschenrechte. Des Weiteren schreibt er darüber, was nun in Russland für die Weiterentwicklung und Humanisierung des Landes wirklich wichtig sei.

Es braucht keine Predigten (es hat ihrer genug gehört!), keine Gebete (es hat ihrer genug herunter geleiert!), sondern Wiedererwachen des Gefühls der Menschenwürde im Volke, das so viele Jahrhunderte hindurch in Schmutz und Unrat verloren gegangen war- es braucht Rechte und Gesetze die nicht den Lehren der Kirche entsprechen, sondern dem gesunden Menschenverstand und der Gerechtigkeit [...].Statt dessen bietet Russland den abscheulichen Anblick eines Landes, wo Menschen mit Menschen Handel treiben, ohne dafür auch nur jene Rechtfertigung zu besitzen [...]. Die brennendsten und aktuellsten nationalen Fragen in Russland sind heute: die Vernichtung der Leibeigenschaft, die Abschaffung der Prügelstrafe, die möglichst strenge Einhaltung jener Gesetze, die es gibt (Rattner, Josef 1998: 63)

Die Verbreitung dieser Antwort wurde von der Regierung untersagt und der Name Belinskijs war bis zum Jahre 1859 offiziell verboten. Dennoch verbreitete sich Belinskijs Antwort wie ein Lauffeuer. Hierzu trug unter anderem Dostoevskij bei. Er gehörte seit dem Herbst 1848 der revolutionären Gesellschaft des Petraševskij Kreises an und trug hier Belinskijs Antwort vor. Der Kreis war jedoch mit zaristischen Spitzeln durchzogen, sodass daraufhin 34 Mitglieder im April 1849 verhaftet und zum Tode verurteilt wurden. Dieses Todesurteil wegen angeblich staatsfeindlicher Aktivitäten wurde durch Zar Nikolaus I. unmittelbar vor der Hinrichtung in eine vierjährige Verbannung mit Zwangsarbeit in Sibirien umgewandelt. Auch Belinskij wurde wegen seiner Antwort auf Gogol‘s Ausgewählte Stellen aus dem Briefwechsel mit Freunden verfolgt. Er kam jedoch mit seinem Tode am 07. Juni 1848 in St. Petersburg einer Inhaftierung zuvor.

5.1 Der politische und religiöse Konflikt in Belinskijs und Dostoevskijs Ansichten- Die Westler-

Westeuropa war Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt von neuen revolutionären, freiheitsfordernden Entwicklungen in der Gesellschaft. Auch in Russland entwickelten sich zunehmend revolutionär gestimmte Bewegungen. Eine von ihnen war die sogenannte Intelligencija. Sie entstand in den 30er Jahren an verschiedenen Universitäten und bestand aus jungen Adeligen, die sich gegen die Leibeigenschaft und gegen die Privilegien der Adeligen aussprachen. zusammen und bildete nun eine neue soziale Kategorie. Des Weiteren entstand die Bewegung der Westler. Diese schlugen eine politisch-publizistische Richtung ein, mit dem Ziel eines engen, kulturellen und politischen Anschlusses Russlands an den Westen Europas. Hierzu zählten die Adaption der westeuropäischen Technologien, der Regierungsformen und besonders der westlichen Philosophie. Als bekannte Vertreter galten Pëtr Čadaev, Alexander Herzen und vor allem Vissarion Belinskij. Ihnen entgegen standen die Slavophilen. Sie orientierten sich an dem ursprünglich Russischen und bedienten sich aufklärerischer Ideen, in denen sie die Abschaffung der Leibeigenschaft und die Aufklärung des Volkes forderten. Ihnen angehörig waren Nikolaj Gogol‘, Aleksandr Solženicyn und Fëdor Dostoevskij. Hieraus resultierte ein grundlegender Streitpunkt Belinskijs und Dostoevskijs. Das scheinbar gegensätzliche Eintreten für Russland führte zwischen den beiden oft zu Uneinigkeiten. Dostoevskij skizzierte die Westler folgendermaßen:

Indem sie sich vom Volk absonderten, verloren sie natürlicherweise auch Gott. Die Unruhigen unter ihnen wurden Atheisten; die Schlaffen und Ruhigen wurden Indifferente. Für das russische Volk empfanden sie einzig und allein Verachtung, bildeten sich aber gleichzeitig ein und glaubten selbst daran, daß sie es liebten und nur sein Bestes wollten. Aber sie liebten es negativ, nämlich indem sie sich statt seiner, wie es wirklich ist, irgendein Idealvolk dachten, wie nach ihren Vorstellungen das russische Volk hätte sein sollen (Rahsin, E. K. 1996: 17f ).

Es entstand dem zu Folge ebenso ein religiöser Konflikt zwischen den beiden, den Dostoevskij in seinem Tagebuch eines Schriftsellers folgendermaßen begründet:

Er wußte, daß die Grundlage zu allem — sittliche Grundsätze sind. An die neuen sittlichen Grundlagen des Sozialismus (der übrigens bisher noch keine einzige neue aufgewiesen, sondern nur widerliche Entstellungen der Natur und des gesunden Verstandes hervorgebracht hat) glaubte Belinskij bis zum Wahnsinn und ohne jede Reflexion; das war bei ihm nichts als eine einzige Begeisterung. Doch als Sozialist mußte er natürlich als erstes das Christentum niederwerfen. Er wußte, daß die Revolution unbedingt mit dem Atheismus beginnen müsse. Es galt für ihn also, zunächst die Reli­gion niederzureißen, aus der die sittlichen Grundlagen der von ihm bekämpften Gesellschaft hervorgegangen waren. Familie, Eigentum, sittliche Verantwortlichkeit des Einzelnen — all das wurde von ihm radikal verneint. (Ich bemerke hierzu, daß er gleichfalls ein guter Gatte und Vater war, ganz wie Herzen.) Zweifellos begriff er, daß er, indem er die sittliche Verantwortung der Persönlichkeit verneinte, eben damit auch ihre Freiheit verneinte; aber er glaubte mit seinem ganzen Wesen (viel blinder als Herzen, der zum Schluß anscheinend doch zu zweifeln begann), daß der Sozialismus die Freiheit der Persönlichkeit nicht nur nicht zerstöre, sondern im Gegenteil diese Freiheit in noch nie dagewesener Größe wiederherstelle […](Rahsin, E. K. 1996: 19).

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
V. G. Belinskij einer der größten Philosophen und einflussreichsten Kritiker seiner Zeit. Beziehung zu und Einfluss auf Dostoevskij
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
17
Katalognummer
V383030
ISBN (eBook)
9783668585423
ISBN (Buch)
9783668585430
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dostoevskij, Kritiker, Verhältnis, Belinskij, Literatur, Einfluss, gesellschaftlicher Konflikt, Westler, literarische Einflüsse, Gesellschaftsentwurf, Beketov, Fouriers
Arbeit zitieren
Janine Heiner (Autor), 2009, V. G. Belinskij einer der größten Philosophen und einflussreichsten Kritiker seiner Zeit. Beziehung zu und Einfluss auf Dostoevskij, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383030

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