Das Volks- und Kunstmärchen im Deutschunterricht der Berufsoberschule


Examensarbeit, 2005

80 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Anlagenverzeichnis

1. Vorwort

2. Der Begriff „Märchen“

3. Das Volksmärchen
3.1 Die Geschichte des Volksmärchens
3.1.1 Das Altertum
3.1.2 Das Mittelalter
3.1.3 Die Renaissance
3.1.4 Das Barock
3.1.5 Von der Aufklärung bis zur Romantik

4. Die Funktion des Märchens
4.1 Die Kinder- und Hausmärchen - eine Lektüre für Erwachsene
4.2 Das Rotkäppchen
4.2.1 Der Inhalt des „Rotkäppchens“ nach den Gebrüder Grimm
4.2.2 Der Inhalt des „Rotkäppchens“ nach Charles Perrault
4.2.3 Vergleich und Deutungshypothese der zwei Fassungen
4.2.4 Mögliche Interpretationsansätze

5. Merkmale des Volksmärchens

6. Das Kunstmärchen
6.1 Die Begriffsbestimmung
6.2 Der Geschichtliche Hintergrund des Kunstmärchens

7. Merkmale des Kunstmärchens

8. Erschließung des Kunstmärchens
8.1 Der blonde Eckbert
8.2 Merkmale und Analyse des „Blonden Eckberts“

9. Praktischer Unterrichtsverlauf
9.1 Unterrichtseinheit I
9.2 Unterrichtseinheit II
9.3 Unterrichtseinheit III
9.4 Unterrichtseinheit IV

10. Reflexion und Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Internetadressen

Versicherung nach § 18 Abs. 7 LPO II

Anlagenverzeichnis

Anhang 1: Lehrskizze I mit Unterrichtsmaterial

Anhang 2: Lehrskizze II mit Unterrichtsmaterial

Anhang 3: Lehrskizze III mit Unterrichtsmaterial

Anhang 4: Lehrskizze IV mit Unterrichtsmaterial

Anhang 5: Märchen

Anhang 6: Wie die Märchen entstanden sind

Anhang 7: Charles Perrault

Anhang 8: Auszug eines Briefwechsels zwischen Arnim und J. Grimm

Anhang 9: Rotkäppchen nach den Gebrüder Grimm

Anhang 10: Rotkäppchen nach Charles Perrault

Anhang 11: Numerologie der Zahl 7

Anhang 12: Der blonde Eckbert

1. Vorwort

Es war einmal… Diesen formelhaften Beginn verbindet ein jeder mit der Gattung der Märchen und die fabulösen Erzählungen sind Jung und Alt von frühester Kindheit an bekannt.

Jedoch kaum einer der faszinierten Zuhörer oder Erzähler kann erklären, was da denn einmal war und vor allem wann und warum es geschah.

Diesen Fragen soll unter anderem im Deutschunterricht der 12. Klasse an der BOS nachgegangen werden. Die Wahl für die behandelte Unterrichtseinheit fiel aus verschiedenen Gründen auf die epische Kleinform des „Märchens“. Als erster Anstoß zur Auseinandersetzung innerhalb der Unterweisung wurde Punkt vier des Rahmenlehrplans der Jahrgangsstufe 12 mit dem Schwerpunkt „Literatur“ genommen. Schüler und Schülerinnen* sollen demnach Möglichkeiten erhalten, ihre Kenntnisse bezüglich literarischer Werke zu vertiefen. In 4.1 heißt es weiter, dass der Literaturunterricht die Grundlagen literarischer Bildung vermitteln und einen Einblick in verschieden Werke unter Berücksichtigung der jeweiligen zeitgeschichtlichen Bedingtheit geben soll unter der Berücksichtigung, dass Literatur befähigen kann, sich mit der Realität sowohl zu befassen als auch auseinanderzusetzen.

Märchen sind kurze Prosaerzählungen, die von fantastischen Vorgängen berichten, aber weitaus mehr als reiner Erzählstoff für gemütliche Abende am Kamin: Sie weisen bestimmte Merkmale auf, lassen sich in verschiedene Typen einteilen und waren ursprünglich nicht einmal für Kinderohren bestimmt. Sie reflektieren das zeitgenössische Leben mehrerer Epochen und Kulturen und anhand der Behandlung unterschiedlicher Werke dieser Gattung im Unterricht wird den Schülern verdeutlicht, dass die Texte die Realität und Gedanken der Menschen widerspiegeln.

4.2 des Rahmenlehrplans gibt an, Texte gezielt zu hinterfragen und die wesentlichen Merkmale zu erfassen. Die Klasse soll daher selbständig Merkmale und Inhalte von Märchen erschließen sowie abschließend ein bekanntes Werk aus der Romantik lesen und analysieren.

Als weiterer Beweggrund, gerade Märchen zur Erarbeitung heranzuziehen, soll meine persönliche Neigung und Vorbildung hinsichtlich dieser Gattung aufgeführt werden. Bereits während meines 1. Staatsexamens kam ich in intensive Berührung mit den Erzählungen der damaligen Zeit und möchte meine Faszination auf die Schüler übertragen.

In der Klasse W 12 B der BOS in Landshut sind die Voraussetzungen sehr gut gegeben, da die Gemeinschaft zum einen sehr aufgeschlossen hinsichtlich der Literatur ist und zum anderen ein Alter erreicht hat, um auf die realen Beweggründe der märchenhaften Schilderungen zu reagieren.

Es befindet sich zudem eine Mutter in dieser Klasse, was unterstreicht, dass die Jugendlichen sich in einem Alter befinden, in dem Familiengründung bereits eine Rolle spielt. Die Lehrenden können also bereits die Rolle des Märchenerzählers einnehmen und Befragungen zufolge erzählen sie schon ihren Nichten und Neffen Geschichten. In dem heutigen Computer- und Filmzeitalter finde ich es außerdem wichtig, das kulturelle Erbe der Volkserzählungen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und die allgemeine Bereitschaft des Lesens zu fördern. Aufgrund des hohen pädagogischen Wertes bieten sich Märchen hierfür insbesondere an.

Mein Ziel im Unterricht der Klasse W 12 B ist es, das Kunstmärchen „Der goldne Topf“ von E.T.A Hoffmann zu analysieren, die Merkmale herauszuarbeiten und es im Klassenverband zu interpretieren. Da jedoch die Lektüre für eine erste Begegnung mit dem KM zu umfangreich ist, wird der „Blonde Eckbert“ von Ludwig Tieck als Einstieg bearbeitet. Hieran werden die wichtigsten KM-Merkmale und Abgrenzungen zum VM herauskristallisiert, um im späteren Verlauf mit der Lektüre frei arbeiten zu können.

Dieser Schwerpunkt findet in dieser Arbeit zwar keinerlei Beachtung, jedoch um diese Intention zu erreichen, muss zu Beginn der Unterrichtseinheit eine Basis geschaffen und die Unterschiede zwischen Volks- und Kunstmärchen abgegrenzt werden. Hierzu wurden die Historie, Grundlagen und Zusammenhänge der Märchen im Allgemeinen erarbeitet, was eingangs dieser Arbeit mit einer Begriffsbestimmung theoretisch reflektiert und anhand des Volksmärchens „Rotkäppchen“ veranschaulicht wird. Im weiteren Verlauf wird die Theorie des Kunstmärchens besprochen und am „Blonden Eckbert“ näher erläutert.

2. Der Begriff „Märchen“

Bereits die Namensgebung weist auf eine bestimmte Charakterfunktion dieser speziellen Gattung hin, so dass eine Begriffsdefinition vorangestellt werden soll.

Abgeleitet wird der Begriff „Märchen“ von dem mittelhochdeutschen Substantiv mære (ausgesprochen: märe), welches Kunde, Erzählung[1], Botschaft oder auch „Nachricht von einer geschehenen Sache“ bedeutet.[2] Ergänzt wurde dieses Substantiv im Laufe der Zeit durch eine Diminuierung, also eine Verniedlichungsform der ursprünglichen Schreibweise, indem die Endung „-chen“ angefügt wurde. Dieses weist auf die kennzeichnende Kürze der vorgetragenen Erzählung hin.[3]

Die Folgerung der wörtlichen Ableitungen lässt den Rückschluss zu, dass Märchen ursprünglich mündlich überlieferte Erzählungen sind[4] und der Weiterverbreitung von Begebenheiten dienen. Diese erscheinen so beachtenswert, dass es ihnen zusteht, über die Grenzen hinaus bekannt zu werden.[5] Das Bertelsmann Universal Lexikon definiert „Märchen“ als „kurze Prosaerzählungen, die von phantastischen Zuständen und Vorgängen berichten“[6].

Da die sprachlichen Wurzeln des Wortgebrauchs bis ins Germanische und Gotische zurück zu verfolgen sind, geht die Forschung davon aus, dass es sich bei dem Märchen um eine der ältesten Erzählformen der Literatur handelt.

Die Durchsetzung des konkreten Gattungsbegriffs erfolgte erst durch Jacob (1785 - 1863) und Wilhelm (1786 - 1859) Grimm, welche die Gattung in drei Typen unterschieden: das Tiermärchen, den Schwank und das so genannte „eigentliche Märchen“, welches nochmals in Volks- und Kunstmärchen gegliedert wird.

Im Folgenden wird zunächst auf das Volksmärchen eingegangen, um im späteren Verlauf die Abgrenzung zum Kunstmärchen ermöglichen zu können. Die anderen zwei Varianten finden sowohl hier als auch in den Unterrichtseinheiten keine weitere Betrachtung.

3. Das Volksmärchen

Märchen[7] wurden über Jahrhunderte hinweg in Küchen, auf Schiffen und in den Lagern der Soldaten erzählt.[8] Da lediglich das Volk mit Hilfe seiner Alltagssprache als Erzähler agierte und sein jeweiliges Leben in die Handlung integrierte, werden diese Art der Märchen heutzutage unter dem Begriff „Volksmärchen“ (VM) zusammengefasst und stellen die traditionelle Form des Märchens dar. Dieser Grundsatz wird auch als „romantisches Paradigma“[9] bezeichnet.

Jede soziale Gemeinschaft verfügt über ein gewisses Repertoire an lokalen Erzählungen, welches in der Vergangenheit infolge ständiger Widergaben individuell, unter Beibehaltung des Erzählkerns, verändert wurde. Diese Tatsache erklärt die Existenz verschiedener Fassungen einzelner VM.

Anlässlich der verbalen Überlieferungen haben sie keinen bestimmten Autor oder Urheber, selbst Zeit und Ursprung sind (meist) unbekannt.[10] Sie wurden ab dem 17. Jahrhundert lediglich von Schriftstellern sowie Dichtern gesammelt und letztendlich von ihnen aufgezeichnet.

Welche historischen Entwicklungen diesen Aufzeichnungen vorausgingen, soll anknüpfend nähere Betrachtung finden.

3.1 Die Geschichte des Volksmärchens

So erzählt eine Generation der andern merkwürdige Träume, dabei nehmen diese Träume schärfer umrissenen Gestalten an, und es verliert sich unmerkbar die Erinnerung an ihre Herkunft, man vergisst, dass es eigentlich Träume sind, die man sich erzählt, dadurch werden die berichteten Begebenheiten nur noch seltsamer, bis sich endlich die Schöpfung vollendet, die wir Märchen nennen.“[11]

Auf diese Weise erklärte sich Friedrich von Leyen im Jahr 1901 den Ursprung des Märchens. Fakt ist, dass diese tradierte Gattung uralt ist und zu den ältesten Dichtungen der Menschheit überhaupt gehört. Aufgrund des daraus resultierenden umfangreichen historischen Hintergrundes soll in dieser Ausarbeitung auf den Aspekt der geschichtliche Entwicklung eingegangen werden. Eine genaue zeitliche Rückverfolgung ist wegen der fehlenden schriftlichen Überlieferungen so gut wie ausgeschlossen.

3.1.1 Das Altertum

Die Wiege der europäischen Märchen steht neben Indien, Griechenland und Rom in Ägypten.[12] Dort wurden Erzählungen mit märchenähnlichen Abläufen gefunden, deren Motive ebenfalls in den uns bekannten europäischen Märchen aufgegriffen werden. Die auf Papyrus dokumentierten Geschichten sind jedoch nach der Definition keine eigentlichen VM, da sie ausschließlich für die Schicht der Gebildeten anstelle des gemeinen Volkes bestimmt waren.

3.1.2 Das Mittelalter

Über Spanien und Byzanz gelangten die Märchen durch Kreuzfahrten nach Europa.[13] Das VM „Das Eselein“, bekannt geworden durch die Aufzeichnung der Gebrüder Grimm in ihren „Kinder- und Hausmärchen“ (KHM), lehnt sich an die Übersetzung eines Gedichtes an, welches in verschiedenen Handschriften in Städten von München bis Leningrad vorliegt.[14] Die weitflächige Verbreitung untermauert die individuellen Überlieferungen der Völker und sein Ausgangspunkt lässt sich bis in die Römerzeit zurückverfolgen. Alte indische Nachweise erzählen von Jünglingen aus gutem Hause, welche in Tiere verwandelt wurden und ihre menschliche Gestalt auf die gleiche Weise versuchen zurück zu gewinnen wie der Prinz in dem Märchen „Das Eselein“.[15]

3.1.3 Die Renaissance

Das 16. Jahrhundert liefert weitaus mehr historischen Hintergrund. Verschiedene Aschenbrödelvarianten in Deutschland, Frankreich und Portugal weisen auf die sichtliche Existenz und weite Verbreitung der VM im europäischen Raum hin.

Das Erscheinen der „Ergötzlichen Nächte“ von Giovanni Francesco Straparola (1480-1558), eine Sammlung von 73, aus mündlichen Überlieferungen stammenden Erzählungen, kann als erstes Ereignis in der Geschichte des VM bezeichnet werden. In diesem Band befinden sich unter den zusammengetragenen 21 Märchen bekannte Geschichten, die ihren Weg in die KHM gefunden haben, wie beispielsweise „Der gestiefelte Kater“ oder „Der Meisterdieb“.[16]

Im Jahr 1557 sammelte der Dichter Martin Montanus auf seinen Wanderungen zum Zeitvertreib Schwänke und nannte aufgrund des Beweggrundes seine niedergeschriebene Zusammenstellung „Schwankbuch Wegkürzer“. Eine der beliebtesten Erzählungen hieraus ist „Das tapfere Schneiderlein“.[17]

3.1.4 Das Barock

Im Barock trug vor allem die italienische Literatur mit dem „Pentamerone“ (Das Fünftagewerk) von Giambattista Basile (1575-1632) zum Erhalt des Volksmärchens bei.[18] Es ist anzunehmen, dass Basile durch mündliche Überlieferungen Kenntnis von den Geschichten erlangte und sie später, durchsetzt von typisch barocken Wortvariationen, Allegorien und Schnörkeln nicht nur weitererzählte, sondern auch niederschrieb. In den Märchen des Pentameron finden sich Parallelen zu „Tischlein deck dich“, „Der gestiefelte Kater“ und „Schneewittchen“.

Als Beweis für die Existenz von deutschen Märchen gilt die Erzählung des „Bärenhäuters“ in den „Simplicianischen Schriften“ von Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1622 - 1676).

Einer der bekanntesten französischen Dichter des Barocks war Charles Perrault (1628 - 1703). Er besuchte die besten Schulen, studierte Jura, war als Anwalt tätig und beaufsichtigte letzten Endes die königlichen Bauten Louis’ XIV.[19] Durch das „Pentamerone“ von Basile zum Schreiben inspiriert, verfasste er die „Märchen für Erwachsene“ („Contes de ma mère l´Oye") und publizierte sie 1697. In dieser Sammlung griff er bekannte VM wie beispielsweise „Dornröschen“, Rotkäppchen“, „Der gestiefelte Kater“, „Frau Holle“ und „Aschenputtel“ erneut auf.[20]

Wenige Jahre nach Herausgabe der Perraultschen Märchen übersetzte ein aus Arabien stammender Franzose, Antoine Galland (1646-1715), die „Märchen aus 1001 Nacht“ ins Französische und führte so die arabischen Märchen in Europa ein. „Alf laila wa-laila“, wie diese Märchensammlung ursprünglich hieß, beinhaltet über 300 verschiedene Gattungen wie Märchen, Legenden und Parabeln. Die verschiedenen Dichtungen werden durch die Geschichte Scheherezades, der klugen Tochter eines Wesirs, verbunden. Diese soll von einem König getötet werden und ihre spannenden Fabulierungen halten ihn als ergriffenen Zuhörer von seinem Vorhaben ab. Geschichten wie „Sindbad der Seefahrer“, „Aladin und die Wunderlampe“ sowie „Ali Baba und die 40 Räuber“ sind diesem Werk entnommen.[21]

3.1.5 Von der Aufklärung bis zur Romantik

Der erste deutsche Märchenband namens „Volksmärchen der Deutschen“ wurde von dem Dichter Karl Augustus Musäus (1735-1787) in den Jahren 1782-1786 erarbeitet[22] und gilt als Fundament für den späteren Erfolg der Gebrüder Grimm. Deren erste Herausgabe der gesammelten „Kinder- und Hausmärchen“ (1812) in der Romantik stellte zweifelsohne das geschichtlich einschneidenste Ereignis der deutschen VM dar. Jakob (1785 – 1863) und Wilhelm (1786 - 1859) Grimm verwendeten für ihrer Sammlung Erzählungen aus verschiedene Quellen. Sie recherchierten unter anderem in der königlichen Bibliothek in Kassel und schrieben die Schilderungen ihrer Dienstboten auf.[23] Die Apothekertochter Gretchen Wild, Dorothea Viemann sowie die Dienstmagd Marie Müller gehörten zu den ersten Erzählerinnen, deren Geschichten von den Brüdern zu Papier gebracht wurden. Die jüngere Schwester von Gretchen, mit Namen Dortchen, stieß im späteren Verlauf hinzu und wurde Wilhelms Frau. Die bereits erwähnten Märchenbände Perraults galten ebenfalls als wichtige Vorlagen für die Grimmschen Niederschriften.

Die Brüder bearbeiteten ihr Werk über Jahre hinweg immer wieder neu. Die letzte originale Ausgabe der KHM erschien 1856, enthält 211 Märchen und wurde in 70 Sprachen übersetzt.[24] Heute gilt die Märchensammlung der Brüder als eines der meist verkauften deutschen Bücher der ganzen Welt und wurde mittlerweile in 160 Sprachen übersetzt.

Die Veröffentlichung eines derartig zusammengetragenen Materials trug zwei bedeutsame Folgen mit sich. Das VM, lange Zeit als unattraktive bürgerliche Epik verachtet, wurde zum einen gesellschafts- und buchfähig gemacht. Zum anderen wurde seit diesem Zeitpunkt in ganz Europa nach dem Vorbild der Gebrüder Grimm VM aufgezeichnet und publiziert, so dass wir heutzutage große Märchenalmanache aller Völker der Welt besitzen. Dies rettete viele, schon in Vergessenheit und dem Untergang geweihte, Märchen und die Publikation trat an die Stelle der mündlichen Erzählungen. Bereits in der Vorrede der KHM von 1812 heißt es: „Es war vielleicht gerade die Zeit, diese Märchen festzuhalten, da diejenigen, die sie bewahren sollten, immer seltener werden.“[25] Ebenso verdankt die Forschung den Niederschriften, dass Parallelen wissenschaftlich erschlossen werden können und ein historischer Überblick über die Entstehung der traditionellen Überlieferungen möglich ist.

4. Die Funktion des Märchens

„Es war einmal...

ein junges amerikanisches Ehepaar, das ängstlich bemüht war, von seinem Sohn

alles fernzuhalten, was in dem kleinen John Angstkomplexe erwecken könne.

Darum war es allen, die mit dem Kind zusammenkamen, streng verboten, ihm etwa

Märchen zu erzählen und die Eltern waren stolz darauf, dass sie ihren Sprössling frei von allem Aberglauben erzogen.

Alles schien nach Wunsch zu gehen, doch siehe da, eine Tages wehrte sich der

Kleine allein im Dunkeln zu bleiben und fing bitterlich an zu weinen.

Besorgt stürzten die Eltern ins Kinderzimmer herein und fragten, was denn los sei.

„Ein Komplex sitzt unterm Bett“, schluchzte der Kleine und es dauerte lange,

bis er sich wieder beruhigt hatte.“[26]

Diese Anekdote verdeutlicht, dass Kinder Märchen brauchen, um ihre inneren Vorgänge und den Alltag verarbeiten zu können. Da VM Konflikte aufzeigen, welche sich im Finale zum Guten wenden, finden unsere Sprösslinge nach dem Zuhören in ihrem Unterbewusstsein Lösungen für die eigenen Probleme. Die bildhafte Symbolsprache der Geschichten ist für den Nachwuchs leicht zu verstehen, da sie dem kindlichen Denken und dem Auffassungsvermögen entspricht.

Jedoch waren die ursprünglichen Erzählungen nicht nur als infantile Konfliktlösung gedacht. Ihre Wurzeln zeugen vielmehr von einem Mittel der menschlichen Frühaufklärung. Da in den Unterrichtseinheiten auf den Aspekt der Märchen unter den Gesichtspunkt der Erwachsenen hauptsächlich eingegangen wird, soll ihre Funktion hinsichtlich der Kinderpsychologie hier kene weitere Betrachtung finden.

Ursprünglich waren VM tatsächlich Geschichten für Erwachsene und in den untersten Schichten des Volkes beheimatet, welche unter schlechten sozialen Bedingungen lebten. Der Unterhaltungswert war für diese Menschen allerdings zweitrangig. Die Erzählungen dienten in Zeiten ohne Medien hauptsächlich der ernsthaften Auseinandersetzung mit sozialkritischen Themen, galten zudem als sozialer Protest[27] und halfen dabei, Lebenskrisen besser zu bewältigen, da die erwachsenen Zuhörer sich sowohl mit dem Märchenpersonal identifizieren als auch Hoffnung durch den Sieg des Helden schöpfen konnten. So handelten Schwankmärchen beispielsweise von den städtischen Unterschichten wie Handwerksgesellen und Wanderburschen, welche alltägliche Konflikte durch List und Klugheit zu meistern wussten.

Wilhelm Grimm leitete das erste Stück in der KHM-Sammlung, den Froschkönig, mit dem Halbsatz „In alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hat …“ ein, bezeichnend für eine Glücksutopie, welche die Bewahrung des Lebens gegen alle Bedrohungen und Gefahren zum Thema hat[28] und der Held am Ende großzügig für seinen Mut belohnt wird. Die Botschaft, dass niemand sich zu fürchten braucht, da das Gute gewinnt, stand als Moral der kleinen Leute, die in der harten Welt überleben wollten.[29]

Märchen wurden üblicherweise in den bäuerlichen Kreisen erzählt. So konnten sich die Erwachsenen bestimmte Freiheiten herausnehmen und ihren Hang zu versteckten sexuellen Andeutungen oder gewagten Anspielungen nachgeben. Gerade die im späteren Teil anknüpfende Teilanalyse des „Rotkäppchens“ unterstreicht die Erkenntnis, dass der Inhalt der Märchen bei weitem nicht für Kinderohren bestimmt, sondern voll von Sexualität und Brutalität war.

Erst als sich die VM im Laufe der Zeit zu Erzählungen für Kinder wandelten, ließen beispielsweise die Gebrüder Grimm viele Passagen in ihren Texten aus oder änderten sie in harmlosere Versionen um, was ebenfalls am Beispiel des Rotkäppchens verdeutlicht werden soll.

4.1 Die Kinder- und Hausmärchen - eine Lektüre für Erwachsene

Die grimmsche Märchensammlung diente, nach eigenen Angaben in den Vorworten der KHM, anfänglich als „Dienst an der Geschichte der Poesie“[30] und nicht, um zur Unterhaltung der Kinder beizutragen. Es heißt sogar, „die Brüder Grimm hätten beim 1. Band an Kinder „nicht gedacht“ […]“[31], obwohl sich deren Ohren schon längst ihrer Märchensammlung bemächtigt hatten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Unterstützt wird diese Aussage durch die Begebenheit, dass Jacob Grimm im Jahre 1808 Aufzeichnungen an seinen ehemaligen Hochschullehrer Savigny sandte, um ihn von der aktuellen Arbeit zu unterrichten. Nur beiläufig war es als Geschenk für dessen Sohn gedacht, von dem der Absender die Patenschaft übernommen hatte.[32] Allerdings war dieser Stammhalter zu dem Zeitpunkt erst ein Jahr alt, so dass die Meinung des erwachsenen Lesers für Grimm im Vordergrund stand und nicht die Wirkung auf das Patenkind.

Die Art für Erwachsene zu schreiben hatte allerdings nach Erscheinen des ersten Bandes heftige Kritik zur Folge und es wurde gefordert, ihn für Kinder zu verbieten. Achim von Arnim (1781 - 1831) nahm in einem Briefwechsel mit Jacob Grimm genaue Stellung zu der Forderung nach einer Zensur der grimmschen Märchen.[33] In der überarbeiteten Vorrede des Jahres 1814 reagierte Jacob Grimm in den KHM auf die Beanstandungen sehr konkret: „[…]Das Märchenbuch ist mir daher gar nicht für Kinder geschrieben, aber es kommt ihnen recht erwünscht, und das freut mich sehr.“[34] Allerdings selektierten und umschrieben die Brüder einige der Märchen für die darauf folgenden Ausgaben immer wieder aufs Neue, so dass gerade Anspielungen hinsichtlich der Erotik nicht mehr als solche für Kinder erkennbar und mit der Moral der damaligen Zeit zu vereinbaren waren. Zudem verkindlichten die Brüder die Sprache, indem sie die Syntax vereinfachten und sehr viele Diminuierungen einbrachten. Hierzu weiter in der Vorrede: „Dabei haben wir jeden für das Kinderalter nicht passenden Ausdruck in dieser neuen Auflage sorgfältig gelöscht […]“[35] Die Kritik, dass Grimms Märchen zu grausam und sexistisch seien, verfolgte die KHM dennoch über ein Jahrhundert hinweg. Nach Ende des 2. Weltkrieges gaben die Alliierten aus diesem Grund für einen kurzen Zeitraum keine Druckerlaubnis für die bekannteste Märchensammlung Deutschlands.[36]

Inwiefern und unter welchen Beweggründen die Gebrüder Grimm die Märchen abänderten, soll nun anhand des „Rotkäppchens“ näher betrachtet werden.

4.2 Das Rotkäppchen

Die Volkserzählung „Rotkäppchen“ gehört zu der Gattung der Warn- und Schreckmärchen, welche die Absicht haben zu belehren. Es gibt aufgrund der mündlichen Überlieferung verschiedene Versionen von ihm, die je nach Nationalität und Kultur auf die individuellen Kriterien abgewandelt wurden und daher ihren Schwerpunkt des Inhaltes unterschiedlich legten. Seinen Ursprung hat es im 17. Jahrhundert und wurde bevorzugt von Frauen mit der Absicht erzählt, die eigenen sozialen und sexuellen Erfahrungen weiterzugeben. Bruno Bettelheim zufolge geht die Literaturgeschichte des „Rotkäppchens“ auf Charles Perrault zurück, der es 1697 unter dem Titel „Le petit Chaperon rouge“ in seine Märchensammlung aufnahm.

In Frankreich wurde zeitgleich eine Prozesswelle gegen die so genannten „Mannswölfe“ ausgelöst, gegen die man wegen ihrer menschenfresserischen Tätigkeiten Anklage erhob. Zu ihren bevorzugten Opfern zählten im Besonderen kleine Jungen und Mädchen. Trotz dieses kriminellen Hintergrunds ist es allerdings nicht nur eine Geschichte über reale Gefahren der damaligen Zeit, sondern ebenso eine Verarbeitungsweise der Pubertät und des Erreichens der Volljährigkeit.

Im Folgenden sollen die vermutlich relevantesten Fassungen von den Gebrüder Grimm sowie Charles Perrault vorgestellt und im Anschluss sowohl miteinander verglichen als auch ihre möglichen Deutungshypothesen und ein möglicher Interpretationsansatz betrachtet werden.

4.2.1 Der Inhalt des „Rotkäppchens“ nach den Gebrüder Grimm

Die wohl den Europäern bekannteste Version dieses Volksmärchens[37] beginnt damit, dass die Großmutter für ihre Enkelin eine rote Haube anfertigen lässt, aus welcher der Name des Mädchens hervorgeht. Das so genannte Rotkäppchen wird zu Beginn mit der mütterlichen Warnung auf den Weg zur Großmutter geschickt, nicht vom Wege abzukommen. Jedoch lenkt der Wolf beim Zusammentreffen im Wald die Aufmerksamkeit des Mädchens auf die wunderschönen Blumen abseits des Weges und nutzt diese List, um bereits vor ihr zu dem Haus der Oma zu gelangen. Nachdem er diese verschlungen hat, zieht er deren Kleider an, um sich für das Rotkäppchen zu verkleiden. Als das Mädchen später ebenfalls eintrifft, folgt der berühmteste Frage-Antwort Dialog der Märchenwelt, an dessen Ende das Kind vom Bösewicht verschlungen wird.

Gesättigt von Oma und Enkelin fällt der Schurke in einen tiefen Schlaf und schnarcht so laut, dass ein Jäger auf ihn aufmerksam wird. Er rettet die Verspeisten, indem er dem arglos Schlafenden den Bauch aufschneidet. Anschließend wird der geleerte Wanst mit Steinen gefüllt, so dass der böse Wolf aufgrund des schweren Gewichts bei seinem Aufwachen zu Tode fällt. Das Mädchen entsinnt sich zum Ende des Märchens, dass es in Zukunft auf die Mutter hören und nicht mehr vom rechten Wege abkommen will.

4.2.2 Der Inhalt des „Rotkäppchens“ nach Charles Perrault

Die perraultschen Fassung[38] beginnt ebenfalls damit, dass die Enkelin eine rote Kappe von der Großmutter geschenkt bekommt und von ihrer Mutter mit Lebensmitteln zur kranken alten Dame geschickt wird. Im Wald trifft es zwar auch auf den Wolf, welcher ihr in dieser Version jedoch ankündigt, dass er sich ebenfalls auf den gleichen Weg zum Haus der Oma begeben wird. Ohne jegliche List des Wolfes vergisst das Mädchen die Zeit beim Spielen im Wald und macht sich keinerlei Sorge, was zwischenzeitlich in ihrer Abwesenheit passieren könnte.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Wolf ist währenddessen bei der Großmutter angekommen und verschlingt sie auch in der französischen Version. Danach legt er sich jedoch unverkleidet in deren Bett. In Gegensatz zur bekannten Grimmschen Fassung bittet er das Rotkäppchen, bei ihrer verspäteten Ankunft, sich zu ihm ins Bett zu legen. Diese kommt seinem Wunsch nach, jedoch erst, nachdem sie sich ihrer Kleidung gänzlich entledigt.

Neben dem uns bekannten Fragendialog wundert sich Rotkäppchen bei Perrault zusätzlich über die großen Arme und Beine des Bösewichts und wird am Ende von ihm gefressen. Wenn sich bis zu diesem Punkt die beiden Märchenfassungen zu ähneln scheinen, ist der Schluss umso differenter. Der Franzose erfand keinen Retter, sondern er lässt das Kind und ihre Großmutter sterben. Seine Prämisse formuliert er zum Abschluss als ausdrückliche Moral, aus der sich mehrere Aspekte ableiten lassen.

4.2.3 Vergleich und Deutungshypothese der zwei Fassungen

Die Variante des Franzosen endet mit dem Tod der Frauen um einiges schockierender als die der Deutschen. Wobei sie noch als harmlos erscheint, wenn man bedenkt, dass in anderen Versionen einige seiner Landsmänner Rotkäppchen unwissentlich das Fleisch und Blut der Großmutter zu sich nehmen lassen und genussvoll beschreiben, wie es sich vor dem Wolf langsam auszieht.

Wenn man Märchen interpretiert oder deutet, muss man sich dem Hintergrund und der Zeitgeschichte des jeweiligen Autors sehr bewusst sein.

Perrault unterstütze zu der Entstehungszeit des Rotkäppchens die Bourgeoise, deren Ziel es war die Manieren und Sitten der niederen Schicht zu verbessern. Daher nutzte der Franzose seine Aufzeichnungen, um das Begehren des besseren Benimms dem Volk zugänglich zu machen. Beispielsweise trägt das Mädchen in seiner Geschichte ein „Chaperon“, eine kleine modische Kappe aus Samt oder Tuch, welche vornehmlich von aristokratischen Damen getragen wurde, nicht aber von Bauernmädchen.

Die bereits erwähnte Prozesswelle der „Mannwölfe“ scheint Charles Perrault beim seinen Aufzeichnungen außerdem stark beeinflusst zu haben, denn er rät unter anderem eindringlich, sich vor fremden Männern in Acht zu nehmen, da sie einen umbringen könnten. Im Verlauf der Moral wird verdeutlicht, dass ebenso die Zärtlichkeiten der Wölfe imstande seien, Damen ins Verderben zu locken. Der Wolf dient hier als Symbol des Verführers und soll die jungen Frauen davor warnen, sich auf Männer einzulassen und seien sie noch so zuvorkommend. Perraults sexuelles Verführungsmotiv sah den Wolf als wolllüstigen Fremden, an dem das Mädchen mit der roten Kappe ihre Jungfräulichkeit verliert. Der finale Tod des Kindes soll hervorheben, dass die Defloration nicht mehr rückgängig zu machen ist.

Allerdings finden sich heute nur noch wenige Bildbände, in denen das Rotkäppchen mit dem Wolf gemeinsam im Bett oder gar nackt gezeigt wird und somit auf die ursprüngliche Version hindeutet.[39] Dies liegt darin begründet, dass viele Verfasser, wie auch die Gebrüder Grimm, den Teil wegließen, in dem das Rotkäppchen sich auszieht und sich zu dem Wolf legt, da es ihnen in ihren Zeiten als zu erotisch und unmoralisch schien.

Es wird fälschlicherweise vermutet, dass dieses Märchen aus dem deutschen Märchenschatz stammt. Allerdings besteht es in seinem Rumpfteil aus der annähernd wortgetreuen Übersetzung Perraults und es wurde von den Brüdern lediglich der Dialog im Wald hinzugefügt.[40] Aus verschiedenen Gründen änderten sie vor allem das Ende: Ihnen passte zunächst die erotische Komponente des gemeinsamen Bettlagers von Wolf und Mädchen nicht, die sich zu allem Überfluss auch noch nackt dort aufhielten. Nachdem sie die Erotik verbannten, passte aber der Schluss nicht mehr, da in der französischen Version das Mädchen ja dem Wolf verfällt. Außerdem wollten und konnten sie ja wegen der Proteste gegen ihre Märchensammlung ein Kind nicht sterben lassen. So erfanden sie die Wiederbelebung Rotkäppchens und die der Großmutter, welche die neue Person des Jägers implizierte, der die beiden Verschlungenen rettet und den Bösewicht sterben lässt.

Die ursprüngliche Moral Perraults hebt sich aufgrund der umformulierten Geschichte auf, so dass eine neue, kindgerechtere entsteht, welche in der Urfassung nie vorgesehen war: Wer die elterliche Autorität missachtet, gerät in höchste Gefahr.

Die erzieherischen Aspekte, wie Gehorsam und Verhalten gegenüber Fremden, hat bis in die Gegenwart als didaktische Funktion wesentlich zum Erfolg des Märchens beigetragen, so dass es sich häufig in Schul- und Lesebüchern finden lässt.

4.2.4 Mögliche Interpretationsansätze

Um den Schülern zu veranschaulichen, inwiefern die mündlichen Überlieferungen für Erwachsene bestimmt waren, wird im Unterricht ein möglicher Interpretationsansatz des „Rotkäppchens“ besprochen. In der Literatur finden sich unterschiedliche Analysen von Psychoanalytikern, Ethnologen oder Mythologen, so dass sich im Unterricht lediglich auf eine beschränkt werden kann, mit deren Hilfe das Interesse der Schüler für den Hintergrund der VM geweckt werden soll.

Bei der von mir gewählten Betrachtungsweise wurde die Geschichte der Dirne mit dem roten Käppchen hauptsächlich von Frauen erzählt, um sich mit ihren eigenen Erfahrungen der sexuellen und sozialen Einführung auseinanderzusetzen.

Das Mädchen durchläuft in diesem Sinne einen menschlichen Entwicklungsprozess. Bereits der Titel setzt sich mit dieser Thematik auseinander, da die Kolorierung für das Käppchen nicht zufällig gewählt wurde. Schließlich gibt die rote Kopfbedeckung dem Mädchen und der Geschichte seinen Namen. Rot ist sowohl die Farbe der Liebe als auch des Blutes und steht für die Lust am Leben und das Selbstvergnügen. Die rote Farbe der Kappe symbolisiert zudem die Liebe der anderen Menschen zu dem süßen Mädchen sowie auch dessen Wunsch geliebt zu werden und soll hier außerdem die Entwicklung des Mädchens vom Kind zur Frau symbolisieren. Mit dem Geschenk der Kappe beginnt das Erwachsenwerden, die Menstruation setzt bei dem Mädchen ein.

Rotkäppchen wird verzärtelt, ein Fehlverhalten in seiner Erziehung, was zu seiner Arglosigkeit und somit zur Katastrophe führt. Die Anweisung der Mutter, nicht vom Weg abzukommen, soll sie vor den Gefahren der Sexualität und den Verlust der Jungfräulichkeit warnen. Deutlich in der Befehlsform ausgesprochen, wird die Tochter an ihre Alltagspflichten herangeführt mit der Anweisung, seine moralischen Verpflichtungen nicht zu vergessen! Durch den Aufbruch zur ihrer Großmutter will sich Rotkäppchen aus der fürsorglichen Muttergebundenheit lösen, um in die Welt des Eros hineinzuwachsen. Während ein Dorf die Ordnung verkörpert, symbolisiert der Wald eine unbekannte und gefährliche Wildnis, der Waldweg den Lebensweg des Kindes.

Als das Mädchen den bösen Wolf, den Verführer, im Wald trifft, ist es noch ein Kind und gibt ihm auf gutgläubige Weise Auskunft, wohin sie des Weges ist. In dem kindlichen Stolz, von jemandem ernst genommen zu werden, plaudert es unbefangen mit der ihr gegenüber stehenden Bedrohung. Das unschuldige und naive Agieren ist ein Indiz für das kindliche Alter in diesem Stadium der Geschichte. Das Mädchen gerät in den Bann des Wolfes und läuft immer tiefer, abseits des Weges, in den Wald hinein, um Blumen zu pflücken. Sie verlässt mit dem Pfad die Geborgenheit der Kindheit. Zudem ist sie als Jugendliche noch nicht in der Lage, die Wirklichkeit richtig einzuschätzen und lässt sich von dem Lustprinzip der Natur von seinen eigentlichen Pflichten ablenken. Sieht man die Figur des Wolfes als einen Wesenszug von Rotkäppchen an, soll er die Lebensgier des Mädchens darstellen.

Die Abweichung vom geraden Weg der Tugend hat fatale Folgen.

Rotkäppchen ist bei der Ankunft im Haus ein Stück des Lebensweges gegangen und nicht mehr das naive Kindchen aus dem Wald. Aus diesem Grund nimmt sie eine fragende Haltung gegenüber ihrer Umwelt ein, indem es die berühmten Orientierungsfragen stellt. Hierbei werden die vier Sinne des Hörens, Sehens, Fühlens und Schmeckens aufgezählt, mit denen ein Heranwachsender in der Pubertät seine Umwelt zu verstehen versucht.

(„Ei Großmutter, was hast du für große Ohren!“ […] „Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!“ […] „Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!“ […] „Aber Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!“)

Das listige Tier verkörpert die Rolle des Mannes und der Akt des Verschlingens symbolisiert den Geschlechtsakt als kannibalische Handlung. Perraults Märchen endet hier, so dass verdeutlicht wird, dass eine Defloration nicht mehr rückgängig zu machen ist.

Bei den Gebrüder Grimm erfährt Rotkäppchen, zu Beginn das Symbol der weiblichen Unschuld, durch die Befreiung aus dem Leib des Unholds die Wiedergeburt zur erwachsenen Frau. Der Jäger befreit die beiden Frauen mit einer Schere und nicht mit dem Gewehr. Dieses kommt einem Kaiserschnitt gleich, bei dem der Bauch aufgeschnitten und das Leben entnommen wird. Es symbolisiert, dass man nicht mit roher Gewalt, sondern mit der Schärfe des Denkens ans Licht kommt und Überleben kann.

Die todbringenden Steine im Bauch des Wolfes sind ein Zeichen der Unfruchtbarkeit und mit der Tötung des Wolfes wird das so genannte „starke“ Geschlecht gar verhöhnt, da ein Mannsbild versucht, die Rolle einer schwangeren Frau nachzuahmen. Spöttisch schlussfolgerte man in Frauenkreisen: Frauen sind besser, weil sie Kinder gebären können, Männer hingegen sind gefährlich und todbringend.

Das Rotkäppchen hat in dem finsteren Leib die dunklen Seiten des Lebens kennen gelernt. Erlittene Angst lässt den Menschen reifen und durch erfahrene Lektionen für das Leben lernen.

[...]


* Die Ausdrücke ‚Schüler’ und ‚Lernende’ sind, auch im weiteren Verlauf, stellvertretend zu sehen für ‚Schülerinnen und Schüler’.

[1] http://www.wissen.de – Suchbegriff: Märchen (Anlage 5)

[2] Rölleke, Heinz: Die Märchen der Gebrüder Grimm: Quellen und Studien: Gesammelte Aufsätze. Trier 2000, S. 229

[3] ebd.

[4] http://www.wissen.de – Suchbegriff: Märchen (Anlage 5)

[5] Rölleke 2000, S. 229

[6] vgl. Bertelsmann Universal Lexikon. Bd. 11, S. 230

[7] Der Begriff “Märchen” soll im Folgenden zur Vereinfachung innerhalb der abgrenzenden Abschnitte sowohl für das Volks- als auch das Kunstmärchen angewendet werden.

[8] Pleticha, H (Hg): dtv junior Literatur Lexikon. Sprache, Lebensbilder, literarische Begriffe und Epochen. München 1987, S. 53

[9] Pöge-Alder, Kathrin: Märchen als mündlich tradierte Erzählungen des Volkes? Frankfurt a.M. 1994, S. 17

[10] Arnold, Heinz Ludwig / Detering, Heinrich (Hg.): Märchen. In: Grundzüge der Literaturwissenschaft. München 1996, S. 676

[11] von der Leyen, Friedrich: Traum und Märchen. In „Märchenforschung und Tiefenpsychologie“ hg. v. Wilhelm Laiblin. Darmstadt 1995, S. 2

[12] http://www.br-online.de/wissen-bildung/collegeradio/medien/deutsch/maerchen/arbeitsblaetter: Arbeitsblatt 4

(Anlage 6)

[13] ebd.

[14] ebd.

[15] ebd.

[16] ebd.

[17] ebd.

[18] ebd.

[19] http://www.aberhallo.de/lexikon/index.php/Charles_Perrault (Anlage 7)

[20] ebd.

[21] ebd.

[22] ebd.

[23] ebd.

[24] ebd.

[25] Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand. Stuttgart 1997, S. 16

[26] Röhrich, Lutz: Argumente für und gegen das Märchen. In: Sage und Märchen. Erzählforschung heute. S. 23

[27] Freund, Winfried: Deutsche Märchen: Eine Einführung. München 1996, S. 11

[28] ebd.

[29] Hoffmann / Rösch: Grundlagen, Stile, Gestalten der deutschen Literatur. S. 191

[30] Vgl. Rölleke Heinz: Daß unsere Märchen auch als ein Erziehungsbuch dienen. In: Märchen in Erziehung und Unterricht heute. Band II. Hohengehren 1997, S. 31

[31] ebd.

[32] Rölleke 1997, S. 32

[33] Anlage 8

[34] Rölleke 1997, S. 34

[35] Rölleke 1997, S. 38

[36] Rölleke, Heinz: Die Märchen der Brüder Grimm. In: Erwachsenenbildung 2/1985. Düsseldorf, S. 76

[37] Anlage 9

[38] Anlage 10

[39] Siehe Bild Lehrskizze II

[40] ebd.

Ende der Leseprobe aus 80 Seiten

Details

Titel
Das Volks- und Kunstmärchen im Deutschunterricht der Berufsoberschule
Veranstaltung
Hausarbeit des 2. Staatsexamens
Note
1
Autor
Jahr
2005
Seiten
80
Katalognummer
V38311
ISBN (eBook)
9783638374088
ISBN (Buch)
9783640810543
Dateigröße
3156 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Arbeit wurde im Rahmen des 2. Staatsexamens / Staatliche Schulen angefertigt. Sie beinhaltet die Definition des Begriffs "Märchen", Unterscheidungen und Merkmale Kunst- / Volksmärchen, die Funktion der Gattung, zwei Deutungsansätze des "Rotkäppchens" sowie 4 vollständige Unterrichtsverläufe inklusive Arbeitsblätter und Lösungen.
Schlagworte
Volks-, Kunstmärchen, Deutschunterricht, Berufsoberschule, Hausarbeit, Staatsexamens
Arbeit zitieren
Daniela Hadwiger (Autor), 2005, Das Volks- und Kunstmärchen im Deutschunterricht der Berufsoberschule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38311

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