Konzise Elemente der Reitergeschichte von Hugo von Hofmannsthal unter besonderer Berücksichtigung psychoanalytischer Interpretationsmöglichkeiten


Seminararbeit, 2015

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Intention der Arbeit

2. Aufarbeitung und Inhalt

3. Analyse konziser Elemente der Reitergeschichte unter besonderer Berücksichtigung psychoanalytischer Interpretationsmöglichkeiten

4. Fazit

5. Literatur

1. Intention der Arbeit

Die Belle Époque als Phase des Umbruchs und der Erneuerung war mit bitteren Einsichten verbunden. In seinem Essay Der Dichter und diese Zeit stellte Hugo von Hofmannsthal 1907 fest: „Das Wesen unserer Epoche ist Vieldeutigkeit und Unbestimmtheit. Sie kann nur auf Gleitendem ausruhen und ist sich bewusst, dass es Gleitendes ist, wo andere Generationen an das Feste glaubten".[1] Das Oeuvre von Hofmannsthals spiegelt ähnlich den Arbeiten zeitgenössischer Autoren des Fin de siècle die Auseinandersetzung mit sich in der Schwebe befindlichen Tendenzen und um Beantwortung ringenden Fragen wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Großtheorien wider.

Eine der bedeutendsten, zu den großen „Kränkungen der Menschheit“ gehörenden Theorien ist die Psychoanalyse Sigmund Freuds.[2] Die Zahl epischer, dramatischer und wissenschaftlicher Texte, die direkt oder indirekt auf Sigmund Freuds Deutungen menschlichen Denkens und Handelns fußen, ist nicht zu beziffern. Die pointiert ausgedrückte Annahme Freuds, dass der Mensch nicht weiß, warum er handelt, wie er handelt und kaum etwas von dem weiß, was er denkt, machte auch auf Hugo von Hofmannsthal Eindruck.[3] So konventionell es mittlerweile auch erscheint, so wäre es doch fahrlässig, wenn in der Betrachtung eines Werkes, das in die Zeit des natürlich weitaus umfassenderen (z. B. auch industriellen, gesellschaftlichen und kulturellen) Umbruchs fällt, die psychoanalytische Deutungsebene keine Berücksichtigung fände.

Zwar werden in der vorliegenden Arbeit auch strukturelle und semantische Ansatzpunkte erwähnt werden, doch liegt das Hauptaugenmerk infolge des vorgegebenen Umfangs speziell auf signifikanten Momenten sexualpathologischer und ödipaler Motivik. Inwieweit ist die Reitergeschichte von psychologischen Merkmalen geprägt und wie lässt sich unter Berücksichtigung der Ergebnisse der bisherigen Forschung das Denken und Handeln des Hauptprotagonisten, des Wachtmeisters Lerch, erklären?

2. Aufarbeitung und Inhalt

Kein Werk Hugo von Hofmannsthals umgibt in der germanistischen Forschung eine größere Aura des Schwerzugänglichen, ja gar Rätselhaften, als die Reitergeschichte.[4] Warum ist dem so? Bei näherer Betrachtung fallen stilistische und inhaltliche Übereinstimmungen mit anderen frühen, am Symbolismus, dem Jugendstil und dem Impressionismus orientierten Werken von Hofmannsthals ins Auge[5], doch gleichzeitig weist die nur wenige Seiten umfassende Prosaarbeit auch sehr viele Elemente auf, deren Stellenwert in der Literatur erst Jahrzehnte später mit Werken Franz Kafkas, Thomas Manns oder Albert Camus‘ gemehrt wurde.

Die mit dem Namen von Hofmannsthal verbundene feinsinnige, ästhetische Aura wird durch die Reitergeschichte vordergründig betrachtet nicht genährt. Von Hofmannsthal selbst distanzierte sich von ihr und nannte sie eine „Schreibübung“[6], doch ändert seine Abwertung nichts am Facettenreichtum der Reitergeschichte und vor allem nicht an ihrer Zeitlosigkeit.

Es sei kurz auf den Inhalt der Reitergeschichte hingewiesen. Der Text lässt sich leicht in acht Handlungseinheiten unterteilen[7], wobei das frühmorgendliche Eindringen der österreichischen Schwadron bis nach Mailand das erste schematische Glied bildet. Während des triumphalen Ritts durch Mailand tritt Wachtmeister Lerch als Hauptfigur hervor, der durch die Begegnung mit einer ihm aus Wien bekannten Frau eine einschneidende und schicksalhafte

Initialzündung erlebt. Die anschließenden, das vierte Glied der Handlung bildenden Tagträumereien während des nachmittäglichen Streifzugs durch italienisches Territorium werden durch den eigenmächtigen Ritt des Wachtmeisters durch ein schmutziges, rätselhaftes Dorf beendet. Im Anschluss an die symbolträchtigen Beobachtungen und Erlebnisse – einschließlich Selbstbegegnung – kommt es zu einem Gefecht, der Tötung eines gegnerischen Offiziers und dem Erwerb eines Beutepferds, das sich Lerch im siebenten Teil der Handlung weigert herauszugeben, woraufhin er von Rittmeister Baron Rofrano erschossen wird. Im letzten Teil spielt Lerch keine Rolle mehr, die Schwadron kehrt abends zur Armee zurück.

Das rätselhafte Verhalten der Protagonisten erinnert aus heutiger Sicht an Werke Franz Kafkas. Auf den ersten Blick ergeben weder die wirren Begehren Lerchs, noch die harte Sanktion durch Rittmeister Baron Rofrano einen Sinn. Die Fragen, die den Leser umtreiben, sind: Welche Motive treiben Wachtmeister Lerch um? Warum muss er sterben?[8] Verdienen Nonkonformisten den Tod? – Kaum eine einzige Frage vermag in sich die offen, ambivalenten roten Fäden der Reitergeschichte zu bündeln, kaum eine Antwort vermag eine Interpretationsmöglichkeit als völlig richtig oder als völlig falsch zu klassifizieren. Einig sind sich fast alle Interpreten darin, dass die Beurteilung dessen, was Wachtmeister Lerch widerfährt, den Schlüssel zur Antwort bildet.[9] Einzig und allein die Beurteilung des Schicksals Lerchs ermöglicht es nach Wolfram Mausers Meinung, die Erzählung im Kontext des Gesamtwerks von Hofmannsthals und als mit seinen „üblichen Themen“ kongruent zu sehen.[10]

Die populärsten Interpretationsansätze weisen in sich und zueinander einen starken Dissens auf.[11] Da wären die Bearbeitungen unter besonderer Berücksichtigung der Divergenz zwischen Lerchs Innerem und seiner Erfahrungswelt,[12] die Analysen der Novellenstruktur,[13] die Auseinandersetzung mit dem existenzialistischen Kausalnexus[14] und die Versuche, Fragen sozialkritischer Herkunft zu beantworten.[15] Über der Reitergeschichte liegt „stillschweigend hingenommene […] Uneinigkeit“, wie Wolfram Mauser in der Einleitung seiner Arbeit beklagt.[16]

Trotzdem der Einfluss der Psychoanalyse auf Werke von Hofmannsthals kaum zu übersehen ist, missbilligte er selbst die übermächtige Deutungshoheit, die die Psychoanalyse für sich beanspruchte.[17] „[I]ch […] halte [sie] abgesehen von fachlicher Akribie […] für eine absolute Mediocrität voll bornierten, provinzmäßigen Eigendünkels.“[18] In dieser Tradition äußert Hans- Peter Preußer trotz aller psychoanalytischer Ansatzpunkte Kritik am Wert einer freudschen Textinterpretation: „Die Reitergeschichte […] kennt keine psychologisch ausgebildeten Charaktere. […] [Es] […] wird eine Psyche rekonstruiert, die es nicht gibt.“[19]

Hans-Heinrich Baumann nennt die Reitergeschichte eine „Fabel vom Eros und [von] verbotene[n] Tagträume[n]“.[20] In der Tat bilden Träume ein zentrales Motiv.[21] Träume verweisen nach Freud auf Mangelerscheinungen. Je weniger bereits erlebt ist, desto mehr träumt man. Jeder Traum kann ein Individuum der Wunscherfüllung näher bringen, im Umkehrschluss aber auch den Drang, Wünsche wirklich zu befriedigen, vergrößern – also unzufriedener machen. Hugo von Hofmannsthal stellte fest: „Träume sind Taten.“[22] Sigmund Freud zufolge ist der Stereotyp des Träumers, der Libidomensch, ein sich nach Wunsch- und Trieberfüllung Sehnender, ein Mensch der bürgerlichen Welt der Jahrzehnte vor und nach 1900, also der Epoche von Hofmannsthals.[23]

3. Analyse konziser Elemente der Reitergeschichte unter besonderer Berücksichtigung psychoanalytischer Interpretationsmöglichkeiten

Der Einzug der Schwadron in Mailand erscheint voll erotischer Verheißung. Rittmeister Baron Rofrano zeigt hier die in der Dorfszene von Wachtmeister Lerch wiederholte Schwäche, „sich selbst und der Schwadron nicht versagen [zu können], in diese große und schöne, wehrlos daliegende Stadt einzureiten.“[24] Das Bild der schönen, wehrlos daliegenden Stadt ist eindeutig sexuell konnotiert. So ist die Stadt das weibliche Sexualobjekt, die Soldaten mit ihren „achtundsiebzig aufgestemmte[n] nackte[n] Klingen“[25] die männlich-aggressiven Potenten des Akts, und der Triumphmarsch der Vollzug des Geschlechtsverkehrs.[26]

Bereits auf dem Land spielte das Verlockende eine Rolle. Es äußerte sich unter anderem in der von Sonne beschienen Schönheit der Kulturlandschaft voller schöner Jugendlicher. Doch diese erste, eher unspezifische Gefühlslage wird in Mailand von erotischer Erregung abgelöst. Und noch stärker als im ersten Teil spielt der Akt des Eindringens eine Rolle. „Verschlafene Fenster [werden] aufgerissen von den entblößten Armen schöner Unbekannter“.[27] Blicke dringen durch Fenster- und Türöffnungen ein.

[...]


[1] zitiert aus Stamm, Ulrike (1997): „Ein Kritiker aus dem Willen der Natur“. Hugo von Hofmannsthal und das Werk Walter Paters. Reihe Literaturwissenschaft Bd. 213, 1. Aufl. Würzburg, S. 83.

[2] Als Kränkungen der Menschheit gelten das heliozentrische Weltbild, die Darwinsche Abstammungslehre und die Psychoanalyse Freuds.

[3] Hugo von Hofmannsthal war überdies ein Leser psychiatrischer und psychopathologischer

Fachliteratur z.B. von Ribot, Binet, Janet und Morton Prince.

[4] Richard Alewyn kommt in seiner Interpretation der Reitergeschichte zu dem Ergebnis: „[…] [A]lles bleibt im Zweifel.“ Weiteres dazu siehe Alewyn, Richard (1963): Das Märchen der 672. Nacht – Reitergeschichte – Das Erlebnis des Marschalls von Bassompierre. In: ders.: Hugo von Hofmannsthal, 3. Auflage, Göttingen, S. 81-108. Hier: S. 108.

[5] Das Todesproblem als roter Faden im (Früh-)Werk von Hofmannsthals findet sich u.a. in Idylle, Die Frau im Fenster und Der Kaiser und die Hexe.

[6] siehe Hugo von Hofmannsthal - Sämtliche Werke in 38 Bänden. Veranstaltet vom Freien Deutschen Hochstift. Köttelwesch, Clemens et al (Hrsg.) (1978), 1. Auflage Frankfurt a.M.. Hier Band XXIX, S. 89 und S. 319.

[7] Die hier vorgenommene Schematisierung folgt Steinlein, Rüdiger (1991): Hugo von Hofmannsthals Reitergeschichte. Versuch einer struktural-psychoanalytischen Lektüre. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 110. 1. Auflage Berlin, S. 208-230. Hier: S. 209f.

[8] Um die Klärung dieser Frage dreht sich Richard Alewyns Aufsatz zur Reitergeschichte. Vgl. Alewyn, Hugo von Hofmannsthal, S. 79.

[9] Vgl. Mauser, Wolfram (1977): Fatalität der Identitätsstörung. Reitergeschichte. In: ders.: Hugo von Hofmannsthal. Konfliktbewältigung und Werkstruktur. Eine psychosoziologische Interpretation. 1. Aufl. München, S. 101-117. Hier: S. 107.

[10] Ebd. S. 107.

[11] Was Rüdiger Steinlein kaum verwundert: „Die vieldeutigen, widersprüchlichen und gebrochenen Effekte, die die Reitergeschichte erzählt, sind von einer erregenden Dichte und Komplexität.“ Zitiert aus und Näheres dazu in Steinlein, Reitergeschichte, S. 225.

[12] Vgl. Heimrath, Ulrich (1971): Hugo von Hofmannsthals Reitergeschichte. Eine Interpretation. In: Wirkendes Wort 21, 197, Nr. 5, S. 313-318.

[13] Vgl. Gilbert, Mary E. (1956): Hugo von Hofmannsthals Reitergeschichte. Versuch einer Interpretation. In: Ulshöfer, Robert (Hrsg.): Der Deutschunterricht, Jg. 8, Nr. 3, Stuttgart.

[14] Vgl. Rieder, Heinz (1971): Hugo von Hofmannsthals Reitergeschichte. In: Eder, Alois et al (Hrsg.): Marginalien zur poetischen Welt. Festschrift für Robert Mühlher zum 60. Geburtstag. 1. Aufl. Berlin. S. 311-324.

[15] Vgl. Durr, Volker O. (1972): Der Tod des Wachtmeisters Anton Lerch und die Revolution von 1848. Zu Hofmannsthals Reitergeschichte. In: The German Quarterly, Bd. 45, Nr.1, Oxford. S. 33-46.

[16] Vgl. Mauser, Fatalität, S. 102.

[17] Vgl. Langer, Renate (2004): Hugo von Hofmannsthal und die Psychoanalyse. In: Österreichische Studiengemeinschaft für Kinderpsychoanalyse (Hrsg.): Studien zur Kinderpsychoanalyse, Bd. 20, 1. Aufl. Wien. S.155-181. Hier: S. 160.

[18] Vgl. Urban, Bernd (1978): Hofmannsthal, Freud und die Psychoanalyse. 1. Aufl. Frankfurt a.M. Hier: S. 125. – Rüdiger Steinlein sieht in von Hofmannsthals Distanzierung von seiner Reitergeschichte ein Eingeständnis, viel zu viel von sich selbst preisgegeben zu haben. Vgl. Steinlein, Hofmannsthals Reitergeschichte, S. 226. Die Klärung der Frage, ob und inwieweit biographische Bezüge in die Reitergeschichte eigeflossen sind, muss in dieser Arbeit jedoch hintanstehen.

[19] Vgl. Preußer, Hans- Peter (2009): Narratologische und denotative Präfigurationen des Semantischen. Eine Relektüre der Reitergeschichte Hugo von Hofmannsthals. In: Eke, Norbert Otto / Knapp, Gerhard P. (Hrsg.): Amsterdamer Beiträge zur Neueren Germanistik 67. Neulektüren – New Readings. Festschrift für Gerd Labroisse zum 80. Geburtstag, 1. Aufl. Amsterdam. S. 43-82. Hier: S. 65.

[20] Vgl. Baumann, Hans- Heinrich (1986): Fabel vom Eros und verbotene Tagträume. Kleiner Doppelkursus über Hofmannsthals Reitergeschichte. In: Bürger, Christa (Hrsg.): Zerstörung, Rettung des Mythos durch Licht. 1. Aufl. Frankfurt a.M. S. 69-85. Hier: S. 69.

[21] Träume sind ein Lieblingsmotiv von Hofmannsthals, dem er sich u.a. in Der Turm widmete.

[22] Vgl. Hofmannsthal, Hugo von (1921): Der Ersatz für die Träume. Osterbeilage der Prager Presse, 27. März 1921.

[23] entnommen aus Bloch, Ernst (1967): Das Prinzip Hoffnung. Gesamtausgabe V. 1.Aufl. Frankfurt a.M. Hier S.76. Nach Ernst Bloch drücken sich Träume durch nachvorne-zieherische Gefühle aus – ein Gefühl, das die Reitergeschichte latent ausdrückt.

[24] Vgl. Hofmannsthal, Hugo von: Reitergeschichte. In: Renner, Ursula (Hrsg.) (2000): Hugo von Hofmannsthal: Erzählungen. 1. Aufl. Stuttgart. S. 118-130. Alle Seitenangaben in dieser Arbeit beziehen sich auf diese Ausgabe. Folglich: RG. Hier: S. 119.

[25] Ebd. S. 120.

[26] Hans-Heinrich Baumann zieht Vergleiche mit der alten irischen Heldensage und den Romances de frontera, dem spanischen Romancero des maurischen Typus, deren Triumphmärsche bereits sexuelle Konnotationen zuließen. Siehe dazu Baumann, Fabel vom Eros, S. 73f.

[27] Vgl. RG, S. 120.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Konzise Elemente der Reitergeschichte von Hugo von Hofmannsthal unter besonderer Berücksichtigung psychoanalytischer Interpretationsmöglichkeiten
Hochschule
Universität Hamburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
13
Katalognummer
V383386
ISBN (eBook)
9783668587694
ISBN (Buch)
9783668587700
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konzise, elemente, reitergeschichte, hugo, hofmannsthal, berücksichtigung, interpretationsmöglichkeiten
Arbeit zitieren
Niels Menzel (Autor), 2015, Konzise Elemente der Reitergeschichte von Hugo von Hofmannsthal unter besonderer Berücksichtigung psychoanalytischer Interpretationsmöglichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/383386

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