Im Kontext der Privatisierungs- und Liberalisierungsdiskussion hat der Deutsche Bundestag am 21.03.2002 den Antrag „Nachhaltige Wasserwirtschaft in Deutschland“ verabschiedet und sich gegen eine Liberalisierung und für eine Modernisierung der deutschen Wasserwirtschaft ausgesprochen. Das Parlament hat sich damit eindeutig für den Erhalt der Wasserversorgung als kommunale Aufgabe entschieden und die kommunale Entscheidungshoheit und demokratische Kontrolle anerkannt. Gleichzeitig wird vor dem Hintergrund der kleinteiligen Organisationsstruktur, durch die Förderung kooperativer, bzw. öffentlich-privater Lösungen die Schaffung effizienter und wettbewerbsgerechter Dienstleistungsunternehmen angestrebt. Neben Elementen der Bestands- und Struktursicherung weist die Modernisierungsstrategie damit Optionen auf, privatwirtschaftliches Engagement und Wettbewerb in der Wasserwirtschaft zu implementieren. Ob sich ein fortschreitender Ausverkauf der kommunalen Trinkwasserversorgung mit den Interessen in Einklang bringen lässt, die sich am Gemeinwohl und der demokratischen Kontrolle ausrichten, ist zu bezweifeln. Eine Modernisierungsstrategie unter Förderung öffentlich-privater Lösungen ist mit dem Ziel der Bewahrung der Trinkwasserversorgung als kommunale Aufgabe unter Umständen nicht zu vereinbaren. Die Arbeit verfolgt daher nicht nur die Intention, die Entwicklung der Beteiligung von Konzernen an kommunalen Versorgungsunternehmen darzulegen und die Aktivitäten der Konzerne E.on, RWE, EnBW, Veolia, Suez/Ondeo und Gelsenwasser zusammenzufassen. Vielmehr sind die Hypothese zu überprüfen, ob Konzernbeteiligungen nur selektiv nach Regionen und bestimmten Gemeindegrößenklassen erfolgen, und ob durch die Teilprivatisierung von kommunalem Eigentum langfristig der kommunale Einfluss und das Gemeinwohl aus der kommunalen Trinkwasserversorgung verdrängt werden kann. Folgende Forschungsfragen dienen in der Arbeit als Orientierung: 1. Welche Konzernstrategien und -interessen lassen sich aus dem Prozess der Teilprivatisierung kommunaler Versorgungsunternehmen herleiten? 2. Welchen Einfluss haben Beteiligungen von Energie- und Wasserkonzernen auf die Wettbewerbsintensität und Effizienz im Trinkwassersektor? 3. In welchen Bundesländern und in welchen Gemeindegrößenklassen sind Teilprivatisierungen in der deutschen Trinkwasserversorgung besonders vertreten? Worin liegen die Gründe für diese Entwicklung? [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
1.1. Einordnung des Themas
1.2. Zielsetzung und Fragestellung
1.3. Inhalt und Aufbau
2. DIE Ordnungspolitische Struktur der Trinkwasserversorgung in Deutschland
2.1. Definition: Trinkwasserversorgung und klassische Wasserversorgungsunternehmen
2.2. Die Geschichte der kommunalen Wasserversorgung
2.3. Exkurs: Der kommunale Querverbund
2.4. Das dezentrale Organisationsprinzip und die Rolle der Kommunen in der Trinkwasserversorgung
2.4.1. Das dezentrale Organisationsprinzip
2.4.2. Kommunale Entscheidungshoheit und die zentrale Stellung der Kommunen in der Trinkwasserversorgung
2.5. Die Theorie natürlicher Monopole und das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen
2.6. Räumliche und sektorale Struktur der Trinkwasserversorgung in Deutschland
2.6.1. Räumliche Struktur der Trinkwasserversorgung in Deutschland
2.6.2. Sektorale Struktur der Trinkwasserversorgung in Deutschland
3. Veränderungen der Rahmenbedingungen: Paradigmenwechsel in der Wirtschaftspolitik
3.1. Neoliberale Konzepte der Privatisierung, Liberalisierung und Deregulierung
3.1.1. Diskreditierung öffentlicher Unternehmen
3.2. Finanzkrise und kommunale Kostenorientierung
3.3. Privatisierungsformen und Modelle
3.3.1. Privatisierungsformen
3.3.2. Teilprivatisierung in der Trinkwasserversorgung
3.3.3. Privatisierungsmodelle: Das Betriebsführungs-, Betreiber- und Kooperationsmodell
3.4. Wettbewerb in der Trinkwasserversorgung
3.4.1. Wettbewerbsformen
3.5. Modernisierungsoffensive in der deutschen Trinkwasserversorgung
4. Veränderung in der Betriebsstruktur: Energie- und Wasserkonzerne in der Trinkwasserversorgung
4.1. Entwicklung privater Energie- und Wasserkonzerne
4.2. Strategien und Unternehmensziele
4.2.1. Strategien der Energiekonzerne
4.2.2. Strategien der Wasserkonzerne
5. Die Methodik der empirischen Auswertung
5.1. Die Problematik der Datengewinnung
5.2. Der Prozess der Datengewinnung
5.3. Die Methodik der Auswertung
5.3.1. Auswertung der Konzernaktivitäten: Konzernstrategien
5.3.2. Raumbezogene Auswertung: Verbreitungsgrad
5.3.3. Einflussmöglichkeiten der Kommune: Einflussgrad
6. Analyse der Beteiligungen von Energie- und Wasserkonzernen an kommunalen Versorgungsunternehmen
6.1. Analyse der Konzernaktivitäten und Konzentrationsprozesse im Trinkwassersektor
6.1.1. Konzernanteile an der Grundgesamtheit der Versorgungsunternehmen
6.1.2. Beteiligungen nach Unternehmenstypen
6.1.3. Größenvorteile durch strategische Beteiligungspartner
6.1.4. Exkurs: Die Unternehmensnetzwerke THÜGA und RHENAG
6.1.5. (Wasser-) Dienstleistungsunternehmen in der Konzernstruktur
6.1.6. Konzentration von Konzernbeteiligungen im Trinkwassersektor
6.2. Raumbezogene Analyse der Beteiligungen
6.2.1. Beteiligungen nach Bundesländern
6.2.2. Räumliche Schwerpunkte von Konzernbeteiligungen
6.2.3. Konzernbeteiligungen nach Gemeindegrößenklassen
6.3. Analyse der Einflussmöglichkeiten der Konzerne
6.3.1. Rechtsformen der WVU
6.3.2. Beteiligungsanteile der Konzerne an WVU
7. Bewertung der Beteiligungen von Energie- und Wasserkonzernen an kommunalen Versorgungsunternehmen
7.1. Bewertung der Konzernaktivitäten und –Strategien in der Trinkwasserversorgung
7.1.1. Zusammenfassung und Bewertung der Konzernstrategien
7.1.2. Bewertung von Beteiligungs- und Dienstleistungswettbewerb in der Trinkwasserversorgung
7.1.3. Wettbewerb und Effizienz
7.2. Bewertung der räumlichen und strukturellen Verteilung von Konzernbeteiligungen (Verbreitungsgrad)
7.3. Auswirkungen der Konzernbeteiligungen auf Steuerungsmöglichkeiten der Kommunen (Einflussgrad)
7.3.1. Einfluss von Organisationsprivatisierungen auf die Steuerungsmöglichkeiten der Kommunen
7.3.2. Bewertung der Anteilsverkäufe an kommunalen WVU
7.3.3. Demokratische Kontrolle in gemischtwirtschaftlichen Unternehmen
7.3.4. Auswirkungen der Aufgabenausgliederungen
8. Zusammenfassung
8.1. Zusammenfassende Bewertung von Teilprivatisierungen
8.2. Bewertung der Modernisierungsstrategie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Diplomarbeit analysiert die Teilprivatisierung der deutschen Trinkwasserversorgung unter besonderer Berücksichtigung der Beteiligung privater Energie- und Wasserkonzerne an kommunalen Versorgungsunternehmen. Dabei untersucht der Autor, wie sich diese Verflechtungen auf die kommunale Entscheidungshoheit, die Gemeinwohlorientierung und die Wettbewerbsintensität im Trinkwassersektor auswirken.
- Strukturanalyse der deutschen Trinkwasserversorgung und ihrer historischen Entwicklung
- Untersuchung der neoliberalen Einflüsse auf Privatisierungs- und Liberalisierungsprozesse
- Analyse der Strategien und Aktivitäten führender Energie- und Wasserkonzerne
- Bewertung der räumlichen Verteilung und der Konzentration von Konzernbeteiligungen
- Überprüfung des Einflusses privater Beteiligungen auf kommunale Steuerungsmöglichkeiten
Auszug aus dem Buch
6.1.1. Konzernanteile an der Grundgesamtheit der Versorgungsunternehmen
Aufgrund der Kapitalintensität als auch der benötigten Fachkompetenzen können nur einige wenige private Unternehmen als maßgebliche private Akteure in der deutschen Trinkwasserversorgung auftreten. Konzerne konnten in ihrer vielschichtigen Struktur Kompetenzen bündeln und sich im Zuge der Liberalisierungs- und Privatisierungswelle auf neuen Märkten etablieren. Deswegen müssen die auszuwählenden Konzerne neben ausreichender Finanzkraft und Kompetenzen auch über einen Zugang zum deutschen Trinkwassermarkt verfügen. Vor allem die drei großen Energiekonzerne E.on, RWE, Vattenfall und EnBW aber auch die weltweit größten Wasserkonzerne Veolia und Suez/Ondeo sind an kommunalen WVU in Deutschland beteiligt und wurden aus den oben genannten Gründen für die Untersuchung ausgewählt.
Im Rahmen der Analyse der Beteiligungsverzeichnisse dieser führenden Wasser- und Energiekonzerne Deutschlands wurden 324 Beteiligungen an 297 kommunalen Versorgungsunternehmen ausgewertet, die über recht unterschiedliche Kooperationsformen und -ansätze in die jeweilige Konzernstruktur integriert werden. Von den 297 Versorgungsunternehmen sind 239 auch gleichzeitig als WVU tätig. Bei der Zusammenführung der Konzerndaten stellte sich heraus, dass an 27 der 297 Unternehmen nicht nur ein, sondern gleich zwei Konzerne als Anteilseigner für ihre Konzerninteressen eintreten. In der nachstehenden Abbildung sind sowohl die Gesamtzahl der Beteiligungen nach Konzernen (hell+dunkel) als auch das Verhältnis von WVU (hell) zu Versorgungsunternehmen, die nicht zu WVU gehören (dunkel), dargestellt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Dieses Kapitel ordnet das Thema in den Kontext der Privatisierungs- und Liberalisierungsdiskussion ein und definiert die zentralen Forschungsfragen sowie den methodischen Aufbau der Arbeit.
2. DIE Ordnungspolitische Struktur der Trinkwasserversorgung in Deutschland: Hier werden die historische Entwicklung, die rechtlichen Grundlagen und die klassische, durch das dezentrale Organisationsprinzip geprägte Struktur der Wasserwirtschaft dargestellt.
3. Veränderungen der Rahmenbedingungen: Paradigmenwechsel in der Wirtschaftspolitik: Dieses Kapitel erläutert den Einfluss neoliberaler Konzepte auf die kommunale Versorgungswirtschaft sowie die verschiedenen Privatisierungsformen und -modelle.
4. Veränderung in der Betriebsstruktur: Energie- und Wasserkonzerne in der Trinkwasserversorgung: Das Kapitel analysiert die Entstehung der privaten Energie- und Wasserkonzerne und deren strategische Interessen am deutschen Trinkwassermarkt.
5. Die Methodik der empirischen Auswertung: Hier wird der Prozess der Datengewinnung und die methodische Herangehensweise zur Auswertung der Konzernbeteiligungen und Einflussmöglichkeiten beschrieben.
6. Analyse der Beteiligungen von Energie- und Wasserkonzernen an kommunalen Versorgungsunternehmen: Der empirische Hauptteil analysiert die Konzernaktivitäten, die raumbezogene Verteilung der Beteiligungen und die Einflussmöglichkeiten der Konzerne auf kommunale Strukturen.
7. Bewertung der Beteiligungen von Energie- und Wasserkonzernen an kommunalen Versorgungsunternehmen: Dieses Kapitel bewertet die Konzernstrategien und deren Auswirkungen auf die Wettbewerbsintensität, die kommunale Entscheidungshoheit und das Gemeinwohl.
8. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Bewertung der Teilprivatisierungen und der ordnungspolitischen Wirksamkeit der Modernisierungsstrategie.
Schlüsselwörter
Teilprivatisierung, Trinkwasserversorgung, Kommunalwirtschaft, Energiekonzerne, Wasserkonzerne, Daseinsvorsorge, Wettbewerb, Liberalisierung, Organisationsprivatisierung, Beteiligungsmanagement, kommunale Selbstverwaltung, Gemeinwohlorientierung, Infrastruktur, Konzernstrategie, Stadtwerke
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die zunehmende Teilprivatisierung der deutschen Trinkwasserversorgung durch Energie- und Wasserkonzerne und deren Auswirkungen auf die kommunale Steuerungshoheit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Konzernstrategien der großen Infrastrukturakteure, die Auswirkungen auf die kleinteilige deutsche Versorgungsstruktur sowie die Spannungsfelder zwischen Gemeinwohl und Gewinnerzielungsabsichten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es wird überprüft, ob Konzernbeteiligungen selektiv erfolgen und ob durch die Teilprivatisierung langfristig der kommunale Einfluss sowie das Gemeinwohl aus der Trinkwasserversorgung verdrängt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine empirische Datenauswertung auf Basis von Beteiligungsverzeichnissen und Geschäftsberichten führender Energie- und Wasserkonzerne durch und ergänzt diese durch eine raumbezogene Analyse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine Bestandsaufnahme der ordnungspolitischen Rahmenbedingungen, eine Analyse der verschiedenen Konzernaktivitäten und Konzentrationsprozesse sowie eine Bewertung dieser Entwicklungen hinsichtlich Effizienz und demokratischer Kontrolle.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Teilprivatisierung, Daseinsvorsorge, kommunale Selbstverwaltung, gemischtwirtschaftliche Unternehmen, Konzernstrategien und Wettbewerb im Infrastruktursektor.
Wie unterscheidet sich die Rolle von Energiekonzernen wie RWE und E.on von Wasserkonzernen wie Veolia?
Während Energiekonzerne oft die vertikale Integration im Rahmen von Multi-Utility-Strategien verfolgen, agieren Wasserkonzerne meist spezialisierter über Dienstleistungsverträge und operieren mit internationalem Fachwissen.
Welche Rolle spielen die Unternehmensnetzwerke THÜGA und RHENAG?
Diese Netzwerke dienen als Holding für Minderheitsbeteiligungen und ermöglichen es den Konzernen, Einfluss auf die Geschäftsführung zahlreicher kommunaler Unternehmen zu nehmen und Synergien durch Beratungsleistungen und technische Expertise zu erzielen.
- Quote paper
- Joerg Musiolik (Author), 2004, Teilprivatisierung in der deutschen Trinkwasserversorgung: Analyse der Beteiligung von privaten Energie- und Wasserkonzernen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38385