Der Trainingsraum als gouvernementale Strafform an Deutschlands Schulen. Eine Erscheinung moderner Kontrollgesellschaften?


Seminararbeit, 2014

14 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Von der Disziplinär- zur Kontrollgesellschaft
2.1. Historie
2.2. Panoptismus
2.3. Der Aufstieg der Kontrollgesellschaften

3. DasTrainingsraum-Modell
3.1. Der Trainingsraum als gouvernementale Straftechnik
3.2. Der Schüler als Homo oeconomicus
3.3. Das Diktat des Kontraktualismus
3.4. Die (Un-)Mündigkeit des Schülers

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

ln der vorliegenden Arbeit befasse ich mich mit der Trainingsraum-Methode, die sich an Deutschlands Schulen immer größerer Beliebtheit erfreut, und versuche diese unter Bezugnahme auf die Theorien Michel Foucaults und Gilles Deleuzes als eine Erscheinung moderner Kontrollgesellschaften einzuordnen.

Zu diesem Zweck werde ich erst einen allgemeinen Überblick über die Entwicklung der Disziplinär- und Kontrollgesellschaften und den damit verbundenen Wandel von Sanktionsinstrumenten geben. Im folgenden Kapitel betrachte ich den Trainingsraum unter verschiedenen Gesichtspunkten: als gouvernementales Kontrollinstrument, in Verbindung mit den Leitbildern des Homo oeconomicus und des Kontraktualismus sowie unter Berücksichtigung des Leitbildes vom mündigen Bürger, dessen Förderung eigentlich ein Hauptziel der Pädagogik seit der Aufklärung sein sollte. Es folgt eine abschließende Betrachtung der Ergebnisse.

2. Von der Disziplinär- zur Kontrollgesellschaft

2.1. Historie

Im Zuge der Aufklärung haben sich in Europa neue Techniken der Machtausübung etabliert, was sich unter anderem im Wandel der Sanktionierungsmechanismen wiedergespiegelt. Das Rechtssystem des Mittelalters stützte sich vor allem auf die Ausübung physischer Gewalt, häufig repräsentiert durch sog. „Spiegelstrafen“. Bei diesen Sanktionsformen sollte sich das verübte Verbrechen in der Bestrafung wiederspiegeln, so verlor ein Dieb seine Hand oder der Meineid Schwörende seine Zunge. Als die Aufklärungsbewegung die Berechtigung der mediävalen Herrschaftsformen hinterfragte und so einen grundlegenden Wandel der politischen Systeme initiierte, zog dies auch die Etablierung neuer Strafformen nach sich. So sprach sich beispielsweise Cesare Beccaria (1738-1794), einer der einflussreichsten Rechtsphilosophen der Aufklärung, in seinem 1764 erschienenen Werk „Über Verbrechen und Strafen“ für die Einführung milderer und rational begründeter Strafen aus:

„Der Zweck ist also kein anderer, als den Verbrecher daran zu hindern, seinen Mitbürgern neuen Schaden zuzufügen und die anderen von gleichen Handlungen abzuhalten. Es verdienen also die Strafen und die Art ihrer Auferlegung Vorzug, die unter Wahrung der Angemessenheit den lebhaftesten und nachhaltigsten Eindruck auf die Gemüter der Menschen machen und dabei dem Schuldigen möglichst geringes körperliches Leid zufügen.“ (Beccaria 1851, S. 41)

Diese Entwicklungen gingen natürlich auch an der Pädagogik nicht spurlos vorbei, so beschäftigte sich bereits Kant mit der Problematik, wie sich die Irrationalität pädagogischer Gewalt mit dem Anspruch, Kinder zum Gebrauch Ihres eigenen Verstandes zu ermutigen, miteinander vereinbaren ließen und stellte sich die Frage: „Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange?“ (Kant 1964, S. 711) In der Folge wurde die Bestrafung des Körpers abgelöst durch subtilere Strafformen, die auf die Seele des Bestraften abzielten (Pongratz: Sackgassen der Bildung 2010, S. 187) und der „allgemeinen und vernünftigen Sittlichkeit dienen sollte“ (ebd., S. 187). Bereits im 19. Jahrhundert manifestierte sich der nächste Entwicklungsschritt in der zunehmenden Mechanisierung der Sanktionsformen. Ziel dieser Disziplinarstrafen ist die Herstellung von Konformität durch Drill, Intensivierung und Wiederholung (ebd., S. 188). Als dritten Entwicklungsschritt seit der Aufklärung hat Pongratz das panoptische Strafen identifiziert, welches mit den Ideen der Reformpädagogik Einzug gehalten hat und sich „weicher, flexibler Kontrollformen“ bedient (Pongratz: Einstimmung in die Kontrollgesellschaft 2010, S. 65).

2.2. Panoptismus

Den Begriff des Panoptismus hat der französische Philosoph Michel Foucault (1926­1984) in seinem berühmten und 1975 veröffentlichten Werk „Überwachen und Strafen“ geprägt. Die Grundlage ist ein architektonisches Konzept des britischen Philosophen Jeremy Bentham (1748-1832), das als Blaupause für z. B. Fabriken, Schulen oder Gefängnisbauten dienen sollte. In der Mitte des „Panopticons“ dominiert ein Beobachtungsturm mit Blick auf sämtliche ringförmig um den Turm angeordnete Raumeinheiten. Das von außen in die Räume/Zellen eintretende Licht hat zum einen den Effekt, dass die Zellen lichtdurchflutet sind und entsprechend gut eingesehen werden können, während man gleichzeitig von der Zelle aus aufgrund des Gegenlichts den Beobachtungsturm nicht en détail erkennen kann. Da der Insasse entsprechend nicht identifizieren kann, ob der Turm besetzt ist, wähnt er sich in einem permanenten Zustand der Beobachtung. Da also auch ein unbesetzter Turm zu den gewünschten Disziplinierungseffekten führt, stellt das Panopticon ein maximal effizientes Kontrollinstrument dar. Pongratz schreibt hierzu:

„Das Panopticon funktioniert gewissermaßen als ,Machtverstärker‘, der die Effekte der Disziplinierung soweit perfektioniert, dass sie sich einem unteren Grenzwert annähern.“ (ebd., S. 65)

Foucault schreibt zu demselben Thema:

„Derjenige, welcher der Sichtbarkeit unterworfen ist und dies weiß, übernimmt die Zwangsmittel der Macht und spielt sie gegen sich selber aus.“ (Foucault 1987, S. 260)

Den Panoptismus beschreibt Foucault als eine spezifische Machttechnik, die sich subtiler und sanfter Kontrollformen bedient und damit die Abkehr von den „rigiden, mechanischen Drilltechniken“ der Disziplinierung im 19. Jahrhundert bedeutet (Pongratz: Einstimmung in die Kontrollgesellschaft 2010, S. 65). In den Disziplinargesellschaften des 20. Jahrhunderts tritt die Ausübung von Macht und Herrschaft verstärkt in anonymisierter Form auf. Auch die Reformpädagogik bedient sich dieser neuen Entwicklungen und zielt auf eine Transformation der Fremd- in Selbstregulation ab sowie auf die Einführung von dynamischen und von innen hergeleiteten Lernformen (ebd., S. 66).

Die Schule ist für den Panoptismus ein geeignetes Setting, da sich das Schulleben in verhältnismäßig kleinen Gruppen abspielt und somit jeder jeden beobachten kann. Solche überschaubare und klar abzugrenzende soziale Gebilde bezeichnet Foucault als „Einschließungsmilieus“. Diese bilden die Grundlage für die funktionierende Disziplinargesellschaft, weite Beispiele für solche Milieus sind die Fabrik, die Armee oder die Familie.

2.3. Der Aufstieg der Kontrollgesellschaften

In seinem Text „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ von 1990 diagnostiziert der französische Philosoph Gilles Deleuze (1925-1995) den Zerfall dieser für die Disziplinargesellschaften so fundamentalen Einschließungsmilieus:

„Wir befinden uns in einer allgemeinen Krise aller Einschließungsmilieus, Gefängnis, Krankenhaus, Fabrik, Schule, Familie. [...] Eine Reform nach der anderen wird von den zuständigen Ministern für notwendig erklärt: Schulreform, Industriereform, Krankenhausreform, Armeereform, Gefängnisreform. Aber jeder weiß, daß diese Institutionen über kurz oder lang am Ende sind. Es handelt sich nur noch darum, ihre Agonie zu verwalten und die Leute zu beschäftigen, bis die neuen Kräfte, die schon an die Türe klopfen, ihren Platz eingenommen haben. Die Kontrollgesellschaften sind dabei, die Disziplinargesellschaften abzulösen.“ (Deleuze 1993, S.254)

Die Schwerpunkte, die zentral für die Disziplinargesellschaften waren, verlieren seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung, „Disziplin und Norm garantieren heute längst keine Produktivität mehr“ (Pongratz: Einstimmung in die Kontrollgesellschaft 2010, S. 66). Stattdessen findet eine Werteverschiebung in Richtung Flexibilität und Eigenverantwortung statt.

Diese Verschiebung charakterisiert Deleuze anhand des Übergangs von einer Fabrik (als klassischem Einschließungsmilieu) zu einem Unternehmen (als Beispiel für Eigenverantwortung und von innen hergeleiteter Motivation). Das Individuum ist also nicht mehr als Teil einer klar konturierten Gruppe zu betrachten, sondern wandelt sich in einen Selbstunternehmer mit entsprechendem Anpassungs- und Leistungsdruck. Deleuze skizziert außerdem weitere, parallel dazu verlaufende Transformationsprozesse, z. B. die Ablösung der Schule durch die permanente Weiterbildung und die Tendenz vom Examen zu kontinuierlicher Kontrolle (Deleuze 1993, S. 256). Bei näherer Betrachtung von bildungspolitischen „Vorzeigeprojekten“ wie z. B. dem „Europäischen Qualifikationsrahmen für lebenslanges Lernen“ oder auch der „Bologna-Reform“, die eine weitgehende Abschaffung traditioneller Studiengänge zugunsten des vereinheitlichten Bachelor-/Mastersystems eingeleitet hat, erweisen sich die Analysen von Gilles Deleuze als fast schon erschreckend visionär. Pongratz schreibt außerdem zu dieser Entwicklung:

„Kennzeichen des aktuellen Umbruchs sind also nicht nur ökonomische oder soziale Deregulierungsprozesse; Kennzeichen ist auch eine parallel laufende .moralische Aufrüstung'. Denn gefordert wird nicht nur ein ökonomische kalkulierendes Selbstverhältnis, sondern der beständige Ausweis von Eigenverantwortlichkeit, privater Vorsorge und selbsttätiger Prävention.“ (Pongratz: Einstimmung in die Kontrollgesellschaft 2010, S. 68)

Während also die permanente Beobachtung durch die einen umgebenden Personen das Kennzeichen der Disziplinargesellschaften war, verlagert sich dieser „vervielfachte, permanente, panoptische Blick“ ins Innere des Individuums, es wird zu seinem eigenen Kontrolleur und Investor (ebd., S. 68)

Der Begriff der Gouvernementalität zielt auf diese neuen Regierungsformen ab, die „Subjektivierungspraktiken“ ins Zentrum ihrer Machtpolitik setzen, also Praktiken, die auf die Selbstoptimierung des Individuums setzen (ebd., S. 68). Aus Regierungssicht handelt es sich hierbei um eine besonders effiziente Vorgehensweise, da das

Subjekt die Regierungsziele zu eigenen Zielen transformiert. Bestenfalls ist also aufgrund der intrinsischen Motivation des Subjekts gar keine externe Kontrolle mehr notwendig, um die definierten Ziele zu erreichen.

3. Das Trainingsraum-Modell

3.1. DerTrainingsraum als gouvernementale Straftechnik

Der Trainingsraum erfreut sich seit der Einführung an einer Bielefelder Schule im Jahr 1996 wachsender Beliebtheit. Der Siegeszug dieser Bewegung erstreckt sich heutzutage über sämtliche Schulformen.

Die Anhänger des Trainingsraum-Modells begreifen selbiges nicht als Sanktionsinstrument. Vielmehr wird es als eine Chance für den Schüler betrachtet, nach einem Fehlverhalten einen läuternden Reflexionsprozess zu initiieren, an dessen Ende die Wiedereingliederung in die soziale Gruppe steht:

„Das Nach- und Durchdenken des eigenen Störverhaltens ist Sinn und Zweck des Aufenthaltes im Trainingsraum. Der Schüler hat hier Zeit und Muße, über sein Verhalten nachzudenken, und erhält dabei Unterstützung von dem betreffenden Trainingsraumlehrer. Mit seiner Hilfe soll im Schüler ein Denkprozess in Gang gesetzt werden, der sein vorheriges Verhalten an die geltenden Regeln bindet und es ihm ermöglicht, in einer ruhigen, entspannten und vorwurfsfreien Atmosphäre Ideen zu entwickeln, wie er seine Ziele und Wünsche erreichen kann, ohne dass dabei Recht der anderen Mitschülerinnen und Mitschüler verletzt werden.“ (Bründel/Simon 2007, S. 58)

Der Begriff der „vorwurfsfreien Atmosphäre“ verdeutlicht das Selbstverständnis des Trainingsraum-Konzepts: der Schüler muss gar nicht mit externen Vorwürfen konfrontiert werden, da die Entwicklung eines gesellschaftskonformen Verhaltens in seinem ureigenen Interesse liegt. Das Ziel dieses Instrumentes ist letztlich also eine Selbst-Transformation des Individuums - die Ideen des Konstruktivismus aufgreifend, soll eine Modifikation der Wahrnehmung stattfinden (Pongratz: Einstimmung in die Kontrollgesellschaft 2010, S. 70). Zur Effizienz solcher gouvernementaler Strategien schreibt Pongratz:

„Im Rahmen gouvernementaler Strategien signalisieren Selbstbestimmung, Selbstregulierung, Selbstmanagement und Verantwortung also nicht einfach ,die Grenze des Regierungshandelns, sondern sie sind selbst ein Instrument und Vehikel, um das Verhältnis der Subjekte zu sich selbst und zu den anderen zu verändern (Lemke/Krasmann/Bröckling 2000, S. 30).“ (Pongratz 2013, S. 81)

Dort, wo also früher einer klare Linie zwischen dem Subjekt und Regierungshandeln gezogen wurde, überschreitet letztgenanntes diese Grenze mittlerweile sehr subtil.

3.2. Der Schüler als Homo oeconomicus

Das Trainingsraum-Modell steht stellvertretend für eine zunehmende Ökonomisierung der Gesellschaft, mit der die Vorstellung und Ansprache des Menschen als Homo oeconomicus immer präsenter wird. Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert den Homo oeconomicus in seinem Wirtschaftslexikon wie folgt:

„Der Homo oeconomicus kennt nur ökonomische Ziele und ist besonders durch Eigenschaften wie rationales Verhalten, das Streben nach größtmöglichem Nutzen (Nutzenmaximierung), die vollständige Kenntnis seiner wirtschaftlichen Entscheidungsmöglichkeiten und deren Folgen [...] charakterisiert.“ (http://www.bpb.de/nachschlaqen/lexika/lexikon-der-wirtschaft/19635/homo- oeconomicus, abgerufen am 09.08.)

Dass der Schüler von den Trainingsraum-Apologeten als ein vollkommen rationales Individuum betrachtet wird, verdeutlichen Bründel und Simon, wenn sie die These vertreten, dass Schüler ihr „störendes Verhalten erst dann aufgeben, wenn sie spüren, dass sie langfristig keinen Gewinn auf Ihrem Verhalten erzielen“ (Bründel/Simon 2007, S. 35). Allerdings ist der Homo oeconomicus lediglich ein theoretisches Konstrukt, um volkswirtschaftliche Zusammenhänge simplifizieren zu können, das durch und durch rationale Subjekt, das den Wirtschaftswissenschaftlern so häufig zur Seite steht, ist in der Realität nicht anzutreffen. Schüler, deren Verhalten beispielsweise durch problematische soziale Strukturen oder gar durch ein Krankheitsbild wie ADHS geprägt wird, entscheiden sich mit Sicherheit häufig nicht bewusst und rational dazu, den Unterricht zu stören bzw. in den Trainingsraum zu gehen. Diese komplexen pädagogischen Realitäten ausblendend, steht der Trainingsraum stellvertretend für die allgemeine gesellschaftliche Entwicklung sozialer Deregulierung. So wie das Individuum sich nicht mehr auf solidarische Prinzipien und soziale „Rückfallebenen“ verlassen soll und stattdessen eigene Vorsorgemaßnahmen zu treffen hat, soll der Schüler ebenfalls der Doktrin der Selbstverantwortung erliegen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Der Trainingsraum als gouvernementale Strafform an Deutschlands Schulen. Eine Erscheinung moderner Kontrollgesellschaften?
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
14
Katalognummer
V384440
ISBN (eBook)
9783668594913
ISBN (Buch)
9783668594920
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
trainingsraum, strafform, deutschlands, schulen, eine erscheinung, kontrollgesellschaften
Arbeit zitieren
Bastian Graupner (Autor), 2014, Der Trainingsraum als gouvernementale Strafform an Deutschlands Schulen. Eine Erscheinung moderner Kontrollgesellschaften?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384440

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