In der vorliegenden Arbeit befasse ich mich mit der Trainingsraum-Methode, die sich an Deutschlands Schulen immer größerer Beliebtheit erfreut, und versuche diese unter Bezugnahme auf die Theorien Michel Foucaults und Gilles Deleuzes als eine Erscheinung moderner Kontrollgesellschaften einzuordnen.
Zu diesem Zweck werde ich erst einen allgemeinen Überblick über die Entwicklung der Disziplinar- und Kontrollgesellschaften und den damit verbundenen Wandel von Sanktionsinstrumenten geben. Im folgenden Kapitel betrachte ich den Trainingsraum unter verschiedenen Gesichtspunkten: als gouvernementales Kontrollinstrument, in Verbindung mit den Leitbildern des Homo oeconomicus und des Kontraktualismus sowie unter Berücksichtigung des Leitbildes vom mündigen Bürger, dessen Förderung eigentlich ein Hauptziel der Pädagogik seit der Aufklärung sein sollte. Es folgt eine abschließende Betrachtung der Ergebnisse.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft
2.1. Historie
2.2. Panoptismus
2.3. Der Aufstieg der Kontrollgesellschaften
3. Das Trainingsraum-Modell
3.1. Der Trainingsraum als gouvernementale Straftechnik
3.2. Der Schüler als Homo oeconomicus
3.3. Das Diktat des Kontraktualismus
3.4. Die (Un-)Mündigkeit des Schülers
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die pädagogische „Trainingsraum-Methode“ unter Rückgriff auf die machttheoretischen Ansätze von Michel Foucault und Gilles Deleuze, um sie als Ausdruck moderner gouvernementaler Kontrolltechniken in Schulen zu analysieren.
- Wandel von Disziplinar- zu Kontrollgesellschaften
- Das Panoptismus-Konzept in schulischen Settings
- Ökonomisierung pädagogischer Verhältnisse (Homo oeconomicus)
- Kritik an kontraktualistischen Machtstrukturen im Klassenzimmer
- Die Einschränkung der Mündigkeit durch subtile Steuerung
Auszug aus dem Buch
3.1. Der Trainingsraum als gouvernementale Straftechnik
Der Trainingsraum erfreut sich seit der Einführung an einer Bielefelder Schule im Jahr 1996 wachsender Beliebtheit. Der Siegeszug dieser Bewegung erstreckt sich heutzutage über sämtliche Schulformen.
Die Anhänger des Trainingsraum-Modells begreifen selbiges nicht als Sanktionsinstrument. Vielmehr wird es als eine Chance für den Schüler betrachtet, nach einem Fehlverhalten einen läuternden Reflexionsprozess zu initiieren, an dessen Ende die Wiedereingliederung in die soziale Gruppe steht:
„Das Nach- und Durchdenken des eigenen Störverhaltens ist Sinn und Zweck des Aufenthaltes im Trainingsraum. Der Schüler hat hier Zeit und Muße, über sein Verhalten nachzudenken, und erhält dabei Unterstützung von dem betreffenden Trainingsraumlehrer. Mit seiner Hilfe soll im Schüler ein Denkprozess in Gang gesetzt werden, der sein vorheriges Verhalten an die geltenden Regeln bindet und es ihm ermöglicht, in einer ruhigen, entspannten und vorwurfsfreien Atmosphäre Ideen zu entwickeln, wie er seine Ziele und Wünsche erreichen kann, ohne dass dabei Recht der anderen Mitschülerinnen und Mitschüler verletzt werden.“ (Bründel/Simon 2007, S. 58)
Der Begriff der „vorwurfsfreien Atmosphäre“ verdeutlicht das Selbstverständnis des Trainingsraum-Konzepts: der Schüler muss gar nicht mit externen Vorwürfen konfrontiert werden, da die Entwicklung eines gesellschaftskonformen Verhaltens in seinem ureigenen Interesse liegt. Das Ziel dieses Instrumentes ist letztlich also eine Selbst-Transformation des Individuums - die Ideen des Konstruktivismus aufgreifend, soll eine Modifikation der Wahrnehmung stattfinden (Pongratz: Einstimmung in die Kontrollgesellschaft 2010, S. 70).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Zielsetzung ein, die Trainingsraum-Methode mit den Theorien von Foucault und Deleuze kritisch zu beleuchten.
2. Von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft: Dieses Kapitel erläutert den historischen Wandel von physischer Bestrafung hin zu subtilen Kontrollmechanismen, inklusive des Konzepts des Panoptismus.
3. Das Trainingsraum-Modell: Hier wird das Modell konkret analysiert, insbesondere hinsichtlich seiner Wirkung als gouvernementales Instrument, der ökonomischen Sicht auf Schüler und der Mechanismen des Kontraktualismus.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass der Trainingsraum eine Form der Selbstoptimierung erzwingt, die den Schüler als Unternehmer seiner selbst begreift und echte Mündigkeit durch subtilen Zwang ersetzt.
Schlüsselwörter
Trainingsraum-Methode, Gouvernementalität, Michel Foucault, Gilles Deleuze, Disziplinargesellschaft, Kontrollgesellschaft, Panoptismus, Homo oeconomicus, Kontraktualismus, Selbstoptimierung, Pädagogik, Machttechnik, Schulentwicklung, Disziplinierung, Mündigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die pädagogische Methode des „Trainingsraums“ als ein Instrument moderner Machtausübung, das Schüler zur Selbstregulierung anstatt zu äußerem Gehorsam anhält.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Themenfelder umfassen Machttheorien der Moderne, historische Veränderungen von Bestrafungspraktiken, ökonomische Leitbilder in der Pädagogik sowie die kritische Reflexion von Verhaltensmanagement in Schulen.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die Forschungsfrage befasst sich damit, wie sich der Trainingsraum als gouvernementale Straftechnik in den Kontext der Überwachungs- und Kontrollgesellschaft einordnen lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoriegestützte diskursanalytische Arbeit, die primär auf den machtphilosophischen Werken von Michel Foucault und Gilles Deleuze basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung der Machtausübung, die theoretische Fundierung durch das Panoptismus-Modell und eine detaillierte Analyse der Trainingsraum-Methode hinsichtlich ihrer kontraktualistischen und ökonomischen Aspekte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Gouvernementalität, Kontrollgesellschaft, Homo oeconomicus, Selbstoptimierung und die kritische Distanz zur vermeintlichen „vorwurfsfreien Atmosphäre“ des Modells.
Inwiefern beeinflusst der „Homo oeconomicus“ das Bild des Schülers im Trainingsraum?
Der Schüler wird als rationaler Marktakteur betrachtet, der bei Fehlverhalten sanktioniert wird, um seine „Effizienz“ und Regelkonformität zu steigern, was das pädagogische Verhältnis zunehmend ökonomisiert.
Welche spezifische Schlussfolgerung zieht der Autor zur Mündigkeit des Schülers?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass das Modell unter dem Deckmantel der Selbstbestimmung eine neue Form der Unmündigkeit schafft, da keine echte kritische Reflexion, sondern lediglich eine Anpassung an vorgegebene Normen gefordert wird.
- Arbeit zitieren
- Bastian Graupner (Autor:in), 2014, Der Trainingsraum als gouvernementale Strafform an Deutschlands Schulen. Eine Erscheinung moderner Kontrollgesellschaften?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/384440