Bilingualer Sachunterricht in der Primarstufe

Möglichkeiten der Umsetzung im Rahmen bilingualer Schulkonzepte


Hausarbeit, 2017

25 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

3
Inhaltsverzeichnis
1.
Bilinguale Erziehung ­ bilingualer Unterricht
4
1.1 Erstsprache, Zweitsprache ­ Bilingualität
4
1.2 Interkultureller didaktischer Ansatz
5
1.3 Bilingualer Unterricht
7
2.
Bilingualer und interkultureller Sachunterricht an der Deutsch-Italienischen
Gesamtschule Wolfsburg
8
2.1 Das Modell ,one person ­ one language ­ one culture'
8
2.2 Konzeption des bilingualen Sachunterrichts
9
2.3 Curriculum und Leistungsbewertung
14
3.
Bilingualer Unterricht Deutsch-Tschechisch an der Schkola Oberland Freie Schule an
der Haine
15
3.1 Besonderheiten der Schule und des Schulkonzepts
15
3.2 Das Konzept ,Nachbarschaft und Sprache'
18
4.
Fazit
19
4.1 Chancen und Herausforderungen des bilingualen Unterrichts für
Schüler und Lehrer
19
4.2 Mehr bilinguale Schulen in Sachsen?
22
4.3 Schlussfolgerungen für die persönliche Unterrichtspraxis
23
Literaturverzeichnis
25
Anmerkung: Im Folgenden wird auf die doppelte Nennung von Schülerinnen und
Schülern, Lehrerinnen und Lehrern, Kolleginnen und Kollegen, Seminarteilnehmerinnen
und Seminarteilnehmern sowie Pädagoginnen und Pädagogen zugunsten der männlichen
Form verzichtet. Die weiblichen Personen sind jedoch ebenso angesprochen.

4
1.
Bilinguale Erziehung ­ bilingualer Unterricht
1.1 Erstsprache, Zweitsprache ­ Bilingualität
Um mit dem Begriff der Bilingualität arbeiten zu können, ist es zunächst notwendig, die
daran beteiligten Sprachen als Erst- und Zweitsprache zu definieren. ,,Erstsprache ist die
erste Sprache, die ein Mensch erwirbt."
1
Ob die Erstsprache zugleich auch die sogenannte
,starke Sprache'
2
und damit das bevorzugte verbale Kommunikationsmittel eines
Menschen ist, hängt in hohem Maße von den Sozialisationsbedingungen ab. Wird die
erworbene Erstsprache durch Auswanderung oder Umsiedlung zur Alltagskommunikation
über einen längeren Zeitraum kaum oder gar nicht mehr benutzt, kann eine Zweitsprache
zur ,starken Sprache' werden. Als Zweitsprache wird jede Sprache bezeichnet, die nach
der Erstsprache erlernt wird. Dabei wird zwischen dem ungesteuerten Zweitspracherwerb
in der Umgebung der Zielsprache und dem gesteuerten Fremdsprachenlernen, meist in
Erstsprachumgebung, unterschieden.
3
Im Falle des bilingualen Unterrichts liegt eine
Kombination aus beiden Varianten vor: zum einen wird die Zielsprache im
Sprachunterricht und teilweise auch im Fachunterricht systematisch und gesteuert erlernt,
zum andern dient sie aber im Unterricht wie auch im außerunterrichtlichen schulischen
Kontext der Bewältigung von Alltagssituationen, wie zum Beispiel der Kommunikation
mit Lehrern und Mitschülern, dem Verstehen von Arbeitsanweisungen bis hin zum
Mitteilen persönlicher Befindlichkeiten oder Erlebnisse.
Der Begriff des Bilingualismus drückt aus, dass zwei Sprachen verstanden und zur Lösung
kommunikativer Aufgaben benutzt werden können. Da aber davon auszugehen ist, dass
kaum ein Sprecher zwei Sprachen exakt gleich gut beherrscht und gleich häufig benutzt,
gehen die Meinungen darüber, ab welchem Beherrschungsgrad der Zweitsprache oder ab
welchem Verhältnis des Gebrauchs der beiden Sprachen von Bilingualität gesprochen
werden kann, weit auseinander.
4
Nach der Definition von Franceschini gilt eine Person als
zweisprachig, ,,[...] wenn sie regelmäßig im Alltag fähig ist, zwischen zwei oder mehr
1
Günther, Britta und Herbert: Erstsprache, Zweitsprache, Fremdsprache. Eine Einführung. 2., revidierte
Auflage. Weinheim und Basel: Beltz 2007. S. 56.
2
,,Die dominierende Sprache wird als starke Sprache (die auf höherem Niveau beherrscht wird, A. d. Verf.)
und die weniger ausgeprägte als schwache Sprache bezeichnet. Die Erstsprache ist meist die starke Sprache
eines Menschen; diese starke Sprache muss aber nicht immer die zuerst erworbene Sprache sein."
Kielhöfer, Bernd/Jonekeit, Sylvie: Zweisprachige Kindererziehung. Tübingen: Stauffenburg 2006. S. 12.
3
Vgl. Günther, S. 57f.
4
Vgl. ebd., S. 60f.

5
Varietäten schnell zu wechseln und sie zu verwenden."
5
Bei der Betrachtung von
Bilingualität sollten vier Aspekte berücksichtigt werden. So kann der Zweitspracherwerb
simultan oder sukzessiv erfolgen. Es kann sich um einen ungesteuerten oder einen
gesteuerten Zweitspracherwerb handeln. Bezüglich des Grads der Beherrschung der beiden
Sprachen kann eine symmetrische oder asymmetrische Sprachkompetenz vorliegen. Neben
diesen offensichtlichen Aspekten der Bilingualität spielt die kognitive Organisation der
beiden Sprachen ebenfalls eine Rolle.
,,Bei der koordinierten Zweisprachigkeit werden einzelnen Wörtern jeder Sprache unterschiedliche
Repräsentationen im Gehirn zugeordnet. Bei der zusammengesetzten Zweisprachigkeit sind die
Wörter beider Sprachen einem Konzept zugeordnet."
6
In engem Zusammenhang mit der Verwendung des Begriffes ,Bilingualität' steht der
Terminus ,Mehrsprachigkeit', der den erstgenannten erweitert und heute gebräuchlicher
ist. Mehrsprachigkeit liegt vor, wenn zwei oder mehr Sprachen zur alltäglichen
Kommunikation eingesetzt werden können und der Wechsel zwischen diesen ohne
Probleme möglich ist.
7
Die Entwicklung dieser Mehrsprachigkeit ist in hohem Maße von
der ,,[...] Qualität und Menge der Anregungen im persönlichen Umfeld bis hin zu den
sozialen und gesellschaftlichen Bedingungen [...]"
8
abhängig.
Auf die Verwendung des Begriffes ,Muttersprache' wird im Kontext dieser Arbeit
verzichtet. Wörtlich genommen ist die Muttersprache, die Sprache, die die Mutter spricht
oder gesprochen hat. Dies muss aber nicht zwingend die Erstsprache sein. Zudem kann der
Erstspracherwerb auch mit Hilfe jeder anderen, in enger Beziehung zum Kind stehenden,
Person erfolgen.
1.2 Interkultureller didaktischer Ansatz
Im Rahmen eines bilingualen Unterrichts, genau wie im Fremdsprachunterricht oder dem
Zweitspracherwerb im Zielland, ist die gleichzeitige Entwicklung einer Kompetenz im
Umgang mit den kulturellen Gegebenheiten und Besonderheiten des Zielsprachenlandes
von großer Bedeutung. Diesem interkulturellen Denkansatz wird auch in den
Bildungsstandards für die erste Fremdsprache Rechnung getragen. Dort heißt es:
5
Günther, S. 61.
6
Ebd., S. 61.
7
Vgl. ebd., S.59.
8
Ebd., S. 59.

6
,,Interkulturelle Kompetenzen beinhalten Einsicht in die Kulturabhängigkeit des eigenen
Denkens, Handelns und Verhaltens sowie die Fähigkeit und Bereitschaft zur
Wahrnehmung und Analyse fremdkultureller Perspektiven."
9
Bei Erreichen des mittleren
Schulabschlusses in der ersten Fremdsprache sollen die Schüler folgende Kompetenzen
ausgebildet haben:
10
·
Kennen und Anwenden ausgewählter Interaktionsregeln und Sprachregister der
Zielkultur
·
Aufgeschlossenheit gegenüber fremder Kulturen und Akzeptanz kultureller Vielfalt
·
Ambiguitätstoleranz gegenüber fremdkultureller Erfahrungen
·
Kennen der inländischen Vorurteile und Stereotypen bezüglich anderer Kulturen
und kritische Auseinandersetzung damit
·
Wahrnehmung kultureller Differenzen und Konfliktsituationen und kommunikative
Lösung dieser
Die Entwicklung dieser Vielzahl an interkulturellen Kompetenzen kann nicht allein von
einem organisierten Sprachunterricht geleistet werden, da eine Vielzahl von persönlichen,
sozialen und institutionellen Faktoren den Verlauf beeinflussen. Marscholleks ,Model of
Reality', an dessen Spitze die Lernerpersönlichkeit steht, zeigt deutlich, dass die Sprache
einen zentralen Platz einnimmt und eine Schlüsselfunktion im Zugang zu einer anderen
Kultur einnimmt. Die Sprachbewusstheit, die durch das Erlernen oder Erwerben einer
Zweitsprache durch Sprachkontrastivität herausgebildet wird, beeinflusst und verändert die
Einstellungen der Lerner gegenüber ihrer kulturell vielfältigen Umwelt und deshalb
letztlich auch ihre eigene Persönlichkeitswahrnehmung und Identität. Zweitspracherwerb
und Fremdsprachunterricht müssen daher immer mit interkultureller Bildung einhergehen,
um eine Vermittlung ,,[...] zwischen den vorausgegangenen Sprach- und
9
Vgl. KMK, Sekretariat der Ständigen Kultusministerkonferenz (Hrsg.):Bildungsstandards für die erste
Fremdsprache (Englisch/Französisch) für den Mittleren Schulabschluss. Beschluss vom 04.12.2003.
München: Wolters Kluwer Deutschland. S. 16. Online unter: http://www.kmk.org/fileadmin/
veroeffentlichungen_beschluesse /2003/2003_12_04-BS-erste-Fremdsprache.pdf. Letzter Zugriff am
25.03.2017.
10
Vgl. ebd., S. 16.

7
Bildungserfahrungen der Schüler und ihren künftigen Bildungsmöglichkeiten [zu
ermöglichen]."
11
,Model of Reality'
12
1.3 Bilingualer Unterricht
Das alleinige Vorhandensein von Fremdsprachunterricht an einer Schule bedeutet nicht,
dass dort bilingual unterrichtet wird. Lahmann definiert bilingualen Unterricht als ,,[...] die
Verwendung von Fremdsprachen als Unterrichtssprachen in Sachfächern."
13
Der
Europäische Rat hat bereits 2002 auf seinem Gipfel in Barcelona dazu aufgerufen, im Zuge
11
Sächsisches Staatsministerium für Kultus (Hrsg.): Lehrplan für Vorbereitungsgruppen, Vorbereitungs-
klassen, Vorbereitungsklassen mit berufspraktischen Aspekten. Deutsch als Zweitsprache. Dresden 2004/
2009. S. 12.
12
Marschollek, Andreas: Reflected Practise of Teaching English. Introduction Course. Session 17. Cultural
Learning. Summer Semester 2016. S.3.
13
Lahmann, Jutta: Bilinguale Erziehung in Europa. In: Graf, Peter/Fernández-Castillo, Antonio (Hrsg.):
Schüler auf dem Weg nach Europa. Interkulturelle Bildung und Mehrsprachigkeit in der Schule. Bad
Heilbrunn: Klinkhardt 2001. S. 348.

8
eines zusammenwachsenden Europas das Lernen einer zweiten und dritten Sprache von
früher Kindheit an zu fördern. Bilingualer Unterricht ­ oder `Content and Language
Integrated Learning' (CLIL)
14
in der englischsprachigen Literatur ­ bietet durch seine
unmittelbare Anwendung des erworbenen Sprachwissens in einem bildungsrelevanten
Sachkontext sehr gute Voraussetzungen, die Motivation der Lerner zum Erlernen einer
oder mehrerer Fremdsprachen sowie zur Ausbildung der benötigten interkulturellen
Kompetenzen zu erhöhen und zu erhalten.
15
Das Curriculum für den bilingualen Sach-
oder Fachunterricht kann jedoch nicht vom einsprachigen Unterricht übernommen werden,
sondern bedarf der Anpassung und Überarbeitung, vor allem meist der Reduktion der
Themen. Neben Sachwissen und Arbeitstechniken stehen die Entwicklung und
Anwendung sprachlicher Kompetenzen, die kontrastive Sprachbetrachtung sowie der
interkulturelle Vergleich im Fokus.
Das Spektrum bilingualen Unterrichts ist groß und reicht von den zweisprachigen
Immersionsprogrammen in Kanada und Belgien über Schulen, die ein oder zwei
Sachfächer in der Zweitsprache unterrichten bis hin zu Schulen, die lediglich eine
Schulpartnerschaft mit einer Schule im Zielsprachenland regelmäßig pflegen, aber die
keine bildungssprachliche Einbindung der Zielsprache im schulischen Kontext
durchführen.
2.
Bilingualer und interkultureller Sachunterricht an der Deutsch-Italienischen
Gesamtschule Wolfsburg
2.1 Das Modell ,one person ­ one language ­ one culture'
In der zweisprachigen Kindererziehung hat sich das Prinzip ,one person ­ one language'
schon lange etabliert. Es wurde erstmals vom französischen Linguisten Jules Ronjat 1913
beschrieben und beruht darauf, dass die beiden vom Kind zu erlernenden Sprachen jeweils
nur von einer Bezugsperson in der Familie gesprochen und repräsentiert werden sollen.
14
,,Content and Language Integrated Learning (CLIL), that is the teaching of subjects other than foreign
languages through the medium of a foreign language, [...]."
Bosenius, Petra: Content and Language Integrated Learning: A Model for Multiliteracy? In: Ditze, Stephan-
Alexander/Halbach, Ana (Hrsg.): Bilingualer Sachfachunterricht (CLIL) im Kontext von Sprache, Kultur und
Multiliteralität. Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang 2009. S. 15.
15
Vgl. Lahmann, S. 348.
Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Bilingualer Sachunterricht in der Primarstufe
Untertitel
Möglichkeiten der Umsetzung im Rahmen bilingualer Schulkonzepte
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Seminar: Umgang mit Heterogenität in der Grundschule, Schwerpunkt Migration
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
25
Katalognummer
V387125
ISBN (eBook)
9783668613881
ISBN (Buch)
9783668613898
Dateigröße
813 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration, bilingualer Unterricht, Sachunterricht, Heterogenität
Arbeit zitieren
Kerstin Thiemann (Autor), 2017, Bilingualer Sachunterricht in der Primarstufe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387125

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