Ödön von Horvath greift bei der Verfassung seines Werkes "Don Juan kommt aus dem Krieg" auf ein in der europäischen Literatur seit dem 17. Jahrhundert gängiges Sujet zurück: Den Mythos Don Juan. Diese Figur hat im Laufe von fast 400 Jahren Literaturgeschichte zahlreiche Autoren fasziniert und ist in mannigfaltigen Interpretationen auf unterschiedlichste Art und Weise gedeutet worden. Untersucht wird hier zunächst die Entstehungsgeschichte des Theaterstückes, sowie Horvaths schriftstellerische Selbstdefinition in Bezug auf das Werk. In einem folgenden Schritt wird die Schwierigkeit einer einheitlichen Deutung der Don Juan - Figur herausgestellt und eine Übersicht über die klassischen Motive gegeben, die das Don Juan – Sujet im Gros der Adaptionen auszeichnen. Der Vergleich mit Horvaths Stück „Don Juan kommt aus dem Krieg“ wird zeigen, dass der Autor sich zwar einiger klassischer Motivkonstellationen bedient, im Gros aber eine Neugestaltung des Don Juan – Stoffes vornimmt. Eine vornehmliche Gewichtung legt Ödön von Horvath dabei auf die Umstände der Zeit, in der das Theaterstück spielt. Diese ist insbesondere durch das Ende des Ersten Weltkrieges und die daraufhin einsetzende Inflation bestimmt. Bereits im Vorwort des Werkes definiert Horvath seine Vorstellung von Inflation, die sich nicht allein auf den monetären Sektor bezieht, sondern einer generellen Verschiebung aller Werte, seien es moralische, ethische oder soziale, gleichkommt. Den Auswirkungen dieses Werteumbruchs auf die Figuren des Stückes – abgesehen von Don Juan sind dies nur Frauen – in einer nach dem Krieg veränderten Gesellschaft wird im letzten Kapitel der vorliegenden Ausarbeitung nachgegangen. Untersucht wird dabei der Grad der Anpassung der verschiedenen Frauen des Stückes an die neue Situation, sowie Don Juans Handlungen und Wirkungen ihnen gegenüber. Den Abschluss der Arbeit bildet eine Analyse des (Frei-) Todes von Don Juan, wobei sich zeigen wird, dass er schon zu Beginn des Stückes einem unentrinnbaren Determinismus verhaftet ist, der nur mit seinem Tod ein Ende finden kann.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Ödön von Horvath und Don Juan
II. Don Juan und der Mythos
II. I Zur Entwicklung und Deutung des Don Juan
II. II Don Juan als Lebemann und Sammler
II. III Don Juan und das göttliche Strafgericht
II. IV Don Juan und die Gesellschaft
II. V Don Juan als Repräsentant der männlichen Sexualität
II. VI Quo vadis Don Juan?
III. Zeitumstände und Figuren in „Don Juan kommt aus dem Krieg“
III. I Don Juan und seine Zeit
III. II Die Frauen und ihre Zeit
III. III Tragik und Tod Don Juans
Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Ödön von Horvaths Theaterstück „Don Juan kommt aus dem Krieg“ im Kontext des europäischen Don-Juan-Mythos. Dabei wird analysiert, wie der Autor die klassische Figur dekonstruiert und in die soziokulturelle Realität der Nachkriegszeit und der Inflation von 1919-1923 einbettet, um den Werteverfall und die Identitätskrise der Epoche aufzuzeigen.
- Analyse der Entstehungsgeschichte und literarischen Einordnung des Werkes.
- Vergleich klassischer Don-Juan-Motive mit Horvaths Neugestaltung des Stoffes.
- Untersuchung der Auswirkungen der Inflation auf moralische und soziale Werte.
- Analyse der Frauenfiguren und deren Emanzipationsversuche nach dem Ersten Weltkrieg.
- Deutung der Figur des Don Juan als tragischer Idealsucher und Sinnbild des Determinierten.
Auszug aus dem Buch
I. Zur Entwicklung und Deutung des Don Juan
Das Don Juan Sujet in der Literatur lässt sich auf die Komödie „El Burlador de Sevillia y convidado de piedra“ (Der Spötter von Sevillia und der Steinerne Gast) des spanischen Mercedarier-Mönchs Gabriell Tellez, der unter dem Pseudonym Tirso de Molina schrieb, zurückführen und ist um das Jahr 1613 in Madrid uraufgeführt wurde. Ob der geschilderte, erfolgreiche und skrupellose Verführer und Lebemann eine reine Erfindung des Autoren ist oder ob sich das Stück auf eine tatsächliche historische Figur und reale Ereignisse bezieht, ist heutzutage nicht mehr festzustellen. Fakt ist aber die enorme Wirkung, die das Stück oder vielmehr die Hauptfigur im Laufe der Jahrhunderte insbesondere in Europa erzielt. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts, fast 400 Jahre nach der ersten Niederschrift, gibt es über 3000 Bearbeitungen, Interpretationen und Variationen des Don Juan Stoffes.
Angesichts dieser gewaltigen Anzahl von Arbeiten zu Don Juan fällt es schwer, auch nur eine ungefähre Charakterisierung des „Don Juan“- Typus zu geben, sofern sie dem Gros der Arbeiten gerecht werden soll. Die Antwort auf die Frage, was einen „Don Juan“ auszeichnet, ist nicht nur von den einzelnen Autoren, die sich des Stoffes bemächtigen, abhängig, sondern wechselt auch im Laufe der Jahrhunderte die Gewichtung. Erscheint Don Juan relativ zu Beginn seiner Entstehungsgeschichte als rücksichtsloser Frauenverführer, bisweilen sogar – schänder, der gottlos sein eigenes erotisches Vergnügen durch Lügen, Verrat und Mord zu sichern weiß und moralische oder religiöse Konventionen bewusst überschreitet bis er als gerechte Strafe für seine Taten zur Hölle fährt, wird er im 19. und 20. Jahrhundert in der Tendenz selbstkritischer und humaner und als Folge davon mehr gegen seine eigene Natur denn gegen Widersacher und Konkurrenten kämpfend dargestellt.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung des Werkes, der Forschungsabsicht und der methodischen Herangehensweise an die Untersuchung von Horvaths Don Juan.
I. Ödön von Horvath und Don Juan: Erörterung der biographischen Hintergründe und der literarischen Entwicklung des Stückes im Kontext von Horvaths Selbstverständnis als Zeitchronist.
II. Don Juan und der Mythos: Untersuchung traditioneller Motivkonstellationen, wie des Sammlers, des göttlichen Strafgerichts und der männlichen Sexualität, im Vergleich zur Moderne.
III. Zeitumstände und Figuren in „Don Juan kommt aus dem Krieg“: Analyse der soziopolitischen Bedingungen, insbesondere der Inflation, und deren Einfluss auf die Frauenrollen und Don Juans tragisches Ende.
Resümee: Synthese der Ergebnisse, die bestätigt, dass Don Juan als im Wandel der Gesellschaft verlorener Idealsucher gezeichnet ist, dessen Schicksal untrennbar mit dem Werteverfall verbunden ist.
Schlüsselwörter
Ödön von Horvath, Don Juan, Mythos, Inflation, Erster Weltkrieg, Werteverfall, Literaturgeschichte, Geschlechterrollen, Emanzipation, Identitätskrise, Tragik, Schuld, Tod, Motivanalyse, Motivkonstellation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert Ödön von Horvaths Theaterstück „Don Juan kommt aus dem Krieg“ und dessen Einordnung in die literarische Tradition des Don-Juan-Mythos.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Die zentralen Felder sind die Bedeutung der Inflation für das soziale Gefüge, der Wandel von moralischen Werten sowie die psychologische Entwicklung der Figur Don Juan nach dem Ersten Weltkrieg.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Horvath durch die Transformation des klassischen Verführer-Mythos ein kritisches Bild einer durch Inflation und Krieg zerrütteten Gesellschaft zeichnet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die Motive des Don-Juan-Stoffes vergleicht und in den historischen Zeitkontext von 1919-1923 einordnet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der mythologischen Grundlagen, eine Analyse der gesellschaftlichen Umstände und eine spezifische Betrachtung der Frauenfiguren sowie des tragischen Endes von Don Juan.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit zeichnet sich durch Begriffe wie Literaturgeschichte, Werteverfall, Identitätskrise, Inflation und den Don-Juan-Mythos aus.
Wie unterscheidet sich Horvaths Don Juan von der klassischen literarischen Vorlage?
Im Gegensatz zum aktiven, skrupellosen Verführer der Tradition ist Horvaths Don Juan ein müder, kranker und von einer Sinnkrise getriebener Mann, der in einer veränderten Nachkriegswelt keinen Platz mehr findet.
Welche Rolle spielt die Inflation für die Frauenfiguren im Stück?
Die Inflation wirkt als Katalysator für ein neues Selbstbewusstsein, da alte Rollenbilder obsolet werden und die Frauen gezwungen sind, sich in einer Männer-armen Welt neu zu positionieren.
- Citation du texte
- Maik Lehmkuhl (Auteur), 2005, Horvath und der Mythos Don Juan. Untersucht an dem Theaterstück "Don Juan kommt aus dem Krieg", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/38743