Schwangere mit türkischem und deutschem Hintergrund. Welche kulturellen Unterschiede der Wahrnehmung von gesundheitlichen Risiken gibt es?


Bachelorarbeit, 2017
83 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

1. Einleitung ... 1
2. Begriffsbestimmungen ... 2
2.1 Wahrnehmung, Gesundheit ... 2
2.2 Der Begriff der Kultur ... 4
3. Gesundheit und Krankheit im Kultur ... 6
3.1 Kulturabhängigkeit des Gesundheitsbegriffs... ......6
3.2 Krankheit als gesellschaftliches Phänomen... .8
3.3 Migration und Gesundheitsrisiken im kulturellen Kontext ... 9
4. Forschungsstand: Gesundheit von türkischen und
deutschen Schwangeren ... 13
4.1 Schwangerschaft und Geburt... ........................ ...13
4.2 Basiswissen von Schwangeren... ................... .14
4.3 Traditionelle Geburtsvorbereitung und Geburtsverhalten ... 17
4.4 Inanspruchnahme von Schwangerenvorsorge ... 18
4.5 Geschlecht des Kindes ... 21
4.6 Religiöse Missverständnisse und Organchiffren ... 22
4.7 Väter als Geburtsbegleiter... ........................... .24
4.8 Schwangerschaftsrisiken... ...25
4.9 Perinataldaten... .27
5. Methodische Konzeption ... 28
5.1 Methodische Vorgehensweise ... 29
5.2 Leitfaden für Experteninterviews ... 29
5.3 Auswahl der Interviewpartner ... 30
5.4 Vorbereitung und Durchführung der Interviews ... 31
6. Untersuchung: Vorgehensweise der Auswertung ... 31
6.1 Ergebnisse der Erhebung ... 31
6.2 Gemeinsamkeiten und Unterschiede ... 36
7. Diskussion ... 38
8. Fazit ... 42
Literaturverzeichnis
Anhang

1
1 Einleitung
In allen Kulturen dieser Welt ranken sich um Schwangerschaft und Geburt vielfältige
Mythen, Vorstellungen und Regeln. Diese Regeln haben alle das gleiche Ziel: eine
sichere Geburt für Mutter und Kind zu gewährleisten und die Geburt möglichst zu
erleichtern. Diese Rituale vermitteln ein hohes Maß an Sicherheit in unsicheren Si-
tuationen, indem sie Orientierung und Geborgenheit vermitteln (Lorenz-Wallacher
2016).
Obwohl Geburt und Schwangerschaft an sich natürliche Vorgänge sind, bestehen in
dieser Zeit für Mutter und Kind verschiedene, zum Teil weitreichende Risiken (Zim-
mermann 2000). Jede Gesellschaft sollte es von größte Interesse sein, dass diese
Zeit und die damit verbundenen Vorgänge für alle Beteiligten so ablaufen, dass ein
Höchstmaß an Wohlbefinden und qualifizierter Betreuung gewährleistet werden.
Schließlich hat die gesamte Gesellschaft ein Interesse und somit auch eine Verant-
wortung daran, dass sowohl Mutter als auch Kind diese Zeit möglichst komplikati-
onslos erleben. Denn an dieser Stelle wird auch ein wichtiger Grundstein für die Ge-
sundheit der kommenden Generation gelegt.
Als wissenschaftliche Forschungsrichtung hat Public-Health das Ziel der Stärkung
von Prävention und die Gesunderhaltung der Bevölkerung. Das aus Public Health
Gesichtspunkten interessante Thema wird mit der folgenden Fragestellung intensiv
betrachtet: Schwangere mit türkischem und deutschem Hintergrund: Welche kultu-
rellen Unterschiede der Wahrnehmung von gesundheitlichen Risiken gibt es?
Gegenstand dieser Arbeit ist die kulturabhängige Wahrnehmung von Schwangeren
mit türkischem und deutschem Hintergrund. Die Fragestellung wird auf Grundlage
einer systematischen Literaturrecherche und Befragungen von Experten im Region
Bremen bearbeitet. Eingeschlossen wird sowohl Fachliteratur, die auf deutscher und
auf englischer Sprache zur Verfügung steht, als auch die Beurteilung der Wahrneh-
mung von Experten. Bezüglich der Zielsetzung der Arbeit werden bedeutsame For-
schungsergebnisse und die eigenen Ergebnisse in die Arbeit eingefügt. Es wird ver-
sucht, ein Überblick über bisherige und aktuelle Studien sowie Literatur zu geben
und mit vier Experteninterviews diesen kulturellen Hintergrund einen angemessenen
Stellenwert zu geben. Die Motivation für die Auswahl des Themas ist das Interesse
zu ermitteln, wie Frauen die wichtige Lebenspassage, nämlich die Schwangerschaft

2
und Geburt in türkischer und deutscher Kultur wahrnehmen. Als hier sozialisierte
Frau mit türkischen Wurzeln und mehreren jüngeren Geschwistern habe ich erlebt ­
da ich auch viele Kontakte zu deutschen Familien hatte und habe ­ wie stark der
unterschiedliche kulturelle Kontext sich auf Gesundheit, Krankheit und Schwanger-
schaft auswirken kann.
2 Begriffsbestimmung
2.1
Wahrnehmung
Das Wort ,,Waraneman" kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutet ,,einer Sa-
che Aufmerksamkeit schenken" (Brockhaus 1999, 487). Das Brockhaus Lexikon
konkretisiert den Begriff so, dass Wahrnehmung ein psychologischer Prozess ist, in
dessen Verlauf die chemischen und physikalischen Reize aus der Umwelt über die
Sinnesorgane verarbeitet werden. Diese Reize in Verbindung mit ihrer Verarbeitung
ermöglichen es dem Organismus, sich in der Umwelt zu orientieren (Brockhaus
1999). Menschliche Wahrnehmung ergibt sich aus der individuellen Verarbeitung
von Umweltreizen. Die Reize werden dabei keineswegs vorurteilsfrei oder ohne Er-
wartungen wahrgenommen. Grund dafür ist, dass sich das Ergebnis der Wahrneh-
mung immer aus vorhergehenden Erfahrungen und der externen Umwelt zusam-
mensetzt (Moser 2002). Gegenstände des Wahrnehmungsprozesses sind die Struk-
tur des Erlebten in der Umwelt und die Veränderungen (Murch & Woodworth 1978).
Für Guski (1996) ist Wahrnehmung eine Tätigkeit, die Menschen stetig Informatio-
nen über Ereignisse und Zustände des Menschen selber und seiner Umgebung lie-
fert. Sie ist die Tätigkeit des Aufnehmens und Verarbeitens von Auskünften über
Gegenstände und Ereignisse der Umwelt. Goldstein (2005) fügt hinzu, dass Wahr-
nehmung etwas ist, das Menschen ständig erleben. Sei es hören, sehen, ertasten
und schmecken - das geht nur, wenn die Rezeptoren für Licht, Schall, Geschmack,
Geruch oder Druck die Sinnesorgane stimulieren. Wenn es die Rezeptoren nicht
gäbe, würde der Mensch nichts fühlen. Guski (2000) ergänzt, dass Wahrnehmung
ein aktiver und passiver Prozess ist, an dem die jeweiligen Organe beteiligt sind, die
die physische Energie der Außenwelt in elektrische bzw. chemische Energie umwan-
deln und die Bewegungen des Menschen steuern.

3
2.1 Gesundheit
Etymologisch gesehen bezieht sich der deutsche Begriff ,,gesund" auf das germani-
sche Wort (ga)sunda. Der Herkunft nach wird ,,gesund" gleichgesetzt mit den Begrif-
fen kräftig, munter und stark (Haug 1991, 21). Nach Faltermaier (1994, 55) besitzt
der englische Terminus ,,health" ähnlich wie das deutsche Wort ,,heil" die Bedeutung
von ,,ganz". In dem klinischen Wörterbuch Pschyrembel (2014) wird Gesundheit als
Zustand des vollständigen seelischen, körperlichen und sozialen Wohlbefindens ge-
sehen.
Eine allgemein gültige Definition von Gesundheit gibt es nicht. Es bestehen vielmehr
eine Reihe unterschiedlicher Begriffsdefinitionen, je nachdem aus welchen Diszipli-
nen die Definition stammen oder welche Aspekte des komplexen Begriffs in den Vor-
dergrund gestellt werden (Blättner & Waller 2011). Weiterhin zeigt sich, dass die
Vorstellung über Gesundheit aber auch Krankheit abhängig vom vorherrschenden
Denksystem einer Gesellschaft, Kultur oder Epoche sind. Somit sind im Gesund-
heits- und Krankheitsverständnis immer auch soziokulturelle Unterschiede zu erken-
nen (Faltermaier 2005). Franke (2012) ist der Meinung, dass nur eine interdiszipli-
näre Begriffsbestimmung zu einer Definition führen kann.
1948 definiert die Weltgesundheitsorganisation WHO Gesundheit als ,,ein Zustand
eines vollkommenen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht
nur die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen" (WHO 1948: zit. nach Fal-
termaier 2005, 33). Diese Definition ermöglicht ein ganzheitliches Verständnis von
Gesundheit. Sie löste jedoch kontroverse Diskussionen aus. Die Kritik zielt einerseits
auf das Wort ,,vollkommen", welches als zu utopisch empfunden wurde als auch auf
das Wort ,,Zustand", welcher als zu statisch empfunden wurde. (Ulich & Wülser
2010)
.
In diesem Zusammenhang erkennt man dem Salutogenesemodell von dem ameri-
kanisch- israelischen Soziologen Antonovsky einen hohen Wert zu. Er bezeichnet
die Theorie von Gesundheit und Krankheit mit dem von ihm geprägten Begriff ,,Sa-
lutogenese". Der Begriff ,,Salutogenese" steht dabei für Gesundheitsdynamik oder
Gesundheitsentstehung. Sie soll ein Antonym zu ,,Pathogenese" also Krankheitsdy-
namik sein (Hurrelmann 2006, 119). Das Modell sieht Gesundheit und Krankheit als
ein Kontinuum. Gesundheit und Krankheit sind dabei keine Zustände, die isoliert zu

4
betrachten sind. Zwischen gesund und krank bestehen schleichende Übergänge mit
vielen Zwischenstufen. Man kann sich subjektiv gesund fühlen, objektiv aber krank
sein. So wird ein Mensch nie vollständig gesund oder nie vollständig krank. Ohne
eine Vorstellung von Krankheit und Gesundheit können diese Zustände nicht defi-
niert werden. Die Zustände individueller Befindlichkeit sind zugleich abhängig vom
gesellschaftlichen Kontext. Auch der sozioökonomische Status, den ein Mensch o-
der eine Volksgruppe in einer Gesellschaft einnimmt, wirkt sich auf das Gesundheits-
verhalten und die Gesundheitsdynamik aus (Hurrelmann 2006). Nach Hurrelmanns
Verständnis ist Gesundheit ,,das Stadium des Gleichgewichtes von Risikofaktoren
und Schutzfaktoren, das eintritt, wenn einem Menschen die Bewältigung sowohl der
inneren (körperlichen und psychischen) als auch äußeren (sozialen und materiellen)
Anforderungen gelingt. Gesundheit ist ein Stadium, das einem Menschen Wohlbe-
finden und Lebensfreude vermittelt" (Hurrelmann 2006, 146).
Die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebensbedingungen beeinflussen den
Entwicklungsrahmen für Gesundheit. Somit lässt sich sagen, dass Gesundheit einen
Verlaufscharakter hat. Dieser Charakter impliziert die Berücksichtigung individueller
Normen und gesellschaftlicher Werte. So ist Gesundheit zwar zunächst ein Phäno-
men, das sich am Individuum bemerkbar macht, aber ohne den sozialen Kontext
nicht verständlich ist (Faltemaier 1994). Für die Wissenschaft ist es nicht einfach, mit
diesem umfassenden Phänomen umzugehen. Deshalb ist es notwendig, mit Hilfe
verschiedener Methoden in einer interdisziplinären Arbeit die Komplexität dieses
Phänomens zu verstehen.
2.2
Der Begriff der Kultur
Zur Kultur gibt es keine allgemein gültige Begriffsbestimmung. Grund dafür ist nach
Müller & Gelbrich (2004) die hohe Komplexität und die schwere Erfassbarkeit dieses
Begriffs. Im Folgenden kann es jedoch nicht darum gehen, eine Debatte um den
Kulturbegriff zu führen. Vielmehr soll die Erörterung dazu dienen, den Umgang mit
dem Kulturbegriff für die Darlegung der Problematik von Migration, Kultur und Krank-
heit bewusst zu machen. Zur Vorstellung des Kulturbegriffs soll eine Auswahl von
Beispielen im weiteren Verlauf unterstützen.

5
Die Bezeichnung Kultur lässt sich aus dem lateinischen Wort ,,cultura" ableiten. Sie
umfasst die ,,Pflege des Körpers und Geistes" (Brockhaus 1997, 612). Das Brock-
haus Lexikon versteht unter dem Kulturbegriff alles, was der Mensch geschaffen hat,
was also nicht naturgegeben ist. Kultur bezeichnet alle Handlungsbereiche, in denen
der Mensch individuell oder im ,,kollektiven Zusammenhang" (Brockhaus 1997, 612)
Verhaltensweisen, Produkte oder Leitvorstellungen erzeugt. Jede Gesellschaft hat
ihre eigene Kultur. Eine der bekanntesten ist von dem Anthropologen Sir Edward
Burnett Tylor. Er bezeichnet Kultur als ,,komplexes Ganzes" (Tylor 1871, 1: zit. nach
Dornheim 2015, 31) welches ,,das Wissen, den Glauben, die Kunst, die Moralauffas-
sung, die Gesetzte, die Sitten und alle anderen Fähigkeiten und Gewohnheiten um-
fasst, die sich der Mensch als Mitglied der Gesellschaft aneignet" (Tylor 1871, 1:zit.
nach Dornheim 2015, 31). Dieser Kulturbegriff ist ein Versuch, die immateriellen und
materiellen Bestandteile von Kultur in ihrer Gesamtheit zu erfassen. Kultur ist nicht
angeboren, sondern muss erlernt werden. Sie wird als Orientierungshilfe gesehen,
woran Individuen und Gesellschaften ihr Handeln ausrichten (Beer 2006). Da die
Weitergabe der Lebensweise von Generationen zu Generationen flüchtig ist, muss
jeder Einzelne Kultur immer wieder erlernen und produzieren. Darüber hinaus wird
Kultur als universales und traditionelles Organisationsprinzip aller Gesellschaften
verstanden. Zudem wird sie in ihren verschiedenen Inhalten als Charakter von Ge-
sellschaften verstanden und danach als Trennung für Ethnien, Religionen und Nati-
onen (Beer 2006).
Spradley (1979) definiert Kultur als ,,cognitive map" (Spradley 1979, 7). Kultur soll
dabei, wie auch Tylor meint, den Menschen eine gewisse Orientierung verleihen.
Spradley (1979) ist der Ansicht, dass Kultur genutzt wird, um Erfahrungen zu deuten
und soziales Verhalten von Menschen herzuleiten. Als Folge dessen können Kultu-
ren als intersubjektive Symbolsysteme verstanden werden, welche die soziokultu-
relle Wirklichkeit des Alltagslebens und seiner Spezialbereiche, wie z.B. Arbeitsfel-
der zweckhaft strukturieren. Nach Ladmiral & Lipiansky (2000) ist Kultur die Art zu
empfinden, zu agieren und zu denken. Beide Autoren vertreten die Meinung, dass
Kultur soziale Vorstellungen und Modelle mit einschließt, welche nach Ideologien,
Wertesysteme und soziale Normen ausgerichtet sind (Ladmiral & Lipiansky 2000).
Nach Hansen (2003) besteht Kultur aus den grundlegenden Eigenschaften wie Kom-

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munikation, Standardisierung und Kollektivität. Er fügt hinzu, dass sich alle materiel-
len, geistigen, künstlerischen und technischen Leistungen einer Kultur auf die Defi-
nition zurückführen lassen und die Art des Zusammenlebens, die dabei auftritt, Prob-
leme oder Lösungen sich daraus erklären (Hansen 2003). Eine weitere Definition
von Kultur wird von Beer (2006) vorgelegt. In dieser Definition wird Kultur als ein
Erklärungs- und Denkmodell des menschlichen Verhaltens verstanden.
3
Gesundheit und Krankheit im Kultur
3.1
Die Kulturabhängigkeit des Gesundheitsbegriffs
Es wurde bereits darauf hingewiesen, dass die Begriffe Gesundheit und Krankheit
vielfältig definiert werden. Neben anderen Faktoren beeinflusst besonders die kultu-
relle Herkunft, ,,was wir als Gesundheitsstörung und Krankheit bezeichnen, und wie
wir sie äußern, welche Ursachen und Krankheiten wir annehmen und welche Wün-
sche und Erwartungen wir an die Behandlung richten" (Collatz & Fischer 1998, 24).
In diesem Sinne können verschiedene Krankheitskonzepte darauf Einfluss nehmen,
wann sich jemand krank fühlt und nach medizinischer Hilfe sucht. Krankheitskon-
zepte beeinflussen das Gesundheitsverständnis (Zielke-Nadkarni 2003). Die Autorin
erklärt, dass diese ausschlaggebend bei der Einschätzung von Symptomen sind.
Über kulturelle Einflüsse in Bezug auf das Gesundheitsverhalten und in der Arzt-
Patienten- Kommunikation wird in der Literatur häufig berichtet (Behrens 2011). So
gibt es in einigen Migrantengruppen ,,magisch-religiöse" (Zielke-Nadkarni 2015, 199)
Denkansätze, die sich oft mit naturwissenschaftlichen Theorien vermischen oder
koexistieren. Krankheit wird dann zum Beispiel als Strafe für religiöse Fehlverhalten
oder als Folge von Verwünschung gedeutet. Bei gesundheitlichen Beschwerden
können dann religiöse Heiler aufgesucht werden oder es wird Abhilfe von magischen
Ritualen erwartet (Zielke-Nadkarni 2015).
In der Kommunikation mit dem medizinischen Personal kann es z.B. zu Missver-
ständnissen kommen, welche dann zu Unzufriedenheit auf beiden Seiten führt (Ken-
tenich et al. 2001). Auch das Befolgen medizinischer Anweisungen des Arztes hängt
davon ab, ob der Patient die Ursachen eines gesundheitlichen Problems ähnlich

7
wahrnimmt wie der Arzt (Behrens 2011). In diesem Zusammenhang schreibt Posner-
Landsch (2001), dass ,,Nicht-Kommunikation [...] sogar eine Krankheit zum Tode
sein [kann]" (Posner-Landsch 2001, 60). Er unterstreicht die Wichtigkeit von Kom-
munikation im medizinischen Kontext. Nicht-Verständigung im medizinischen Alltag
kann fatale Folgen haben. Einer dieser Folgen, die zu gesundheitlichen Schäden
und zu unnötigen Kosten führen, sind falsche Diagnosen (Allaoi 2005, 19). Um ge-
sundheitliche Schäden mit weitreichenden Folgen zu vermeiden, ist es unerlässlich,
dass zwischen dem medizinischen Personal und Patient eine gute Kommunikation
stattfindet.
Ladmiral und Lipiansky (2000) benennen ein zentrales Problem in der Interaktion
zwischen Arzt und Patient: ,,Das erste Hindernis, auf das wir in den Beziehungen mit
der Kultur des Anderen stoßen, [ist] dasjenige der Sprache, der Sprachen [...]. Von
hier nimmt alles seinen Anfang: Hier liegt die sichtbare Spitze des Eisbergs." (Lad-
miral & Lipiansky 2000, 29). Knapp (2008) erklärt, dass die Interaktanten in der ,,in-
terkulturellen Kommunikation" (Knapp 2008, 86) unterschiedliche und kulturspezifi-
sche Regeln der Kommunikation in die Interaktion einbringen. So ist die Deutung von
nicht explizit Gesagtem im Umgang mit Angehörigen einer fremden Kultur schwieri-
ger ist als im Umgang mit Angehörigen der eigenen Kultur. Sie fügt hinzu, dass ,,kul-
turelle Ursachen für Kommunikationsprobleme [...] nicht immer klar von anderen Ur-
sachen getrennt werden" (Knapp 2008, 89) können. Dieses Ereignis hat unterschied-
liche Gründe. Einer dieser Gründe ist, dass die Kultur ein Deutungssystem mit ,,offe-
nen Rändern" (Loenhoff 1992, 185) ist.
Letztendlich spielen kulturelle Rahmenbedingungen für die Gesundheit und das
Krankheitsempfinden eine grundlegende Rolle, denn jede Kultur prägt ,,die Einstel-
lung und Verhaltensweisen der Menschen durch ihre charakteristischen Lebensfor-
men und Rahmenbedingungen" (Pourgholam-Ernst 2002, 47). Nach Stolberg (2003)
ist die Wahrnehmung ,, von Krankheit und Körper [...] stets zutiefst gesellschaftlich,
kulturell geprägt" (Stolberg 2003, 29). Neben Wahrnehmung sind auch körperliche
Phänomene wie Schmerz oder Lust äußerst kulturell überformt. So ist es bekannt,
dass Migranten körperliche Beschwerden eher ganzheitlich schildern (Behrens
2011). Im Kapitel 2.2 wurde bereits versucht, eine Erklärung für den Begriff der Kultur
zu illustrieren, wobei erklärt wurde, dass Kultur die Art zu empfinden und zu denken
umfasst (Ladmiral & Lipiansky 2000).

8
3.2
Krankheit und Kranksein als gesellschaftliches Phänomen
,,Alle menschlichen Gesellschaften, gleich wie einfach oder wie differenziert sie auch
sein mögen, haben irgendwie gestaltete medizinische Systeme, nach denen sie ver-
stehend, verhaltend und handelnd den Umgang mit Gesundheit sowie mit Krankheit
und Kranksein einrichten" (Zimmermann 2000, 35). Der Autor fasst zusammen, dass
Krankheit wie sie erkannt, verstanden, erlebt und bewältigt wird, von Gesellschaft zu
Gesellschaft höchst unterschiedlich wahrgenommen wird. Es wurde bereits erwähnt,
dass der Umgang mit Krankheit in einer Gesellschaft durch bestehende Traditionen,
kulturellen Praktiken und Glaubensvorstellungen sowie Techniken und Methoden
der Heilung mitbestimmt wird. Nach Borde (2008) ist das medizinische System ein
Teil des jeweiligen kulturellen und sozialen Systems. Nach dem berühmten Ethno-
mediziner Arthur Kleinman ist die Wahrnehmung, Interpretation und Bewertung von
Symptomen durch kulturelle Faktoren geprägt. In der Ethnomedizin werden unter-
schiedliche Sektoren des Gesundheitssystems dargestellt: Professionelle (medizini-
sche Ausbildung), populäre (Unterstützung der Familienmitglieder oder Selbsthilfe)
und volksmedizinische Sektoren (nicht professionalisierte Heiler wie Heilpraktiker)
(Herrmann 2000). Im Rahmen der ethnomedizinischen Diskussion wurde das Kon-
zept kulturspezifischer Syndrome geprägt (Greifeld 2003). Die Existenz des Konzep-
tes war erstmal nicht für die abendländische Kultur bedeutsam, sondern für andere
Kulturen, da nach Greifeld (2003) die Ansicht herrschte, dass die europäische Schul-
medizin ,,kulturfrei" und damit universal sei.
Die Ethnomedizin unterscheidet zwischen Kranksein (illness) und Krankheit (dise-
ase) (Weiss 2005). Krankheiten (disease) sind objektiv fassbare Störungen bzw. zu
objektivierende Interpretationem dieser Störungen des Organismus, welche der
,,kausal-deterministischen" Denkweise folgen (Weiss 2005, 67). Kranksein (illness)
dagegen bezieht sich auf das persönliche Erleben des Menschen. Es ist das, ,,was
der Patient empfindet, wenn er zum Arzt geht", während Krankheiten sich darauf
bezieht, ,,was er nach der Konsultation nach Hause trägt". ,,Krankheit ist also, was
der Organ hat, Kranksein das, was der Mensch hat" (Cassel 1976b, zit. nach Weiss
2005, 67). Kleinman (1980) unterscheidet die Definitionen von Krankheit und Krank-
sein folgendermaßen: ,, Disease refers to a malfunctioning of biological and/or psy-
chological process, while the term illness refers tot he the psychosocial experience
and meaning of perceived disease." (Kleinman 1980, 72). ,,(...) illness is the shaping

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of disease into behavior and experience. It is created by personal, social, and cultural
reactions to disease. Constructing illness from disease is a central function of health
care system (a coping function) and the first stage of healing. That is, illness contains
responses to disease which attempt to provide it with a meaningful form and expla-
nation as well as control" (Kleinman 1980, 72). Kleinman (1980) zeigt auf, dass diese
Unterscheidung neben den physischen Elementen (disease) auch psychische, sozi-
ale und kulturelle Einflüsse (illness) beinhaltet.
Greifeld (2001) versteht diesen Sachverhalt in einem ähnlichen Kontext. Nach ihr
bezieht sich ,,Kranksein" auf subjektive Erfahrungen, während ,,Krankheit" ein objek-
tiver Tatbestand ist. Menschen können sich krank fühlen (Kranksein), ohne eine
Krankheit zu haben aber auch der umgekehrte Zustand ist denkbar. Es treffen hier
unterschiedliche Erklärungsebenen für ein und denselben Zustand aufeinander.
3.3
Migration und Gesundheitsrisiken im kulturellen Kontext
Die Themenbereiche Migration und Gesundheit rückten in den letzten Jahren zuneh-
mend in das Blickfeld. Fragen, ob es Unterschiede der Gesundheit zwischen Mig-
ranten und der Mehrheitsbevölkerung gibt und ob solche Unterschiede vorwiegend
ein Problem der sozialen Schichtung sind, sind dabei unerlässlich (Razum 2010). Es
ist bereits bekannt, dass sozioökonomische Benachteiligungen krank machen, un-
abhängig davon, ob ein Migrationshintergrund besteht. Für Migranten, die oft
schlechter bezahlten Jobs nachgehen und in eingeschränkten Wohnverhältnissen
leben, könnte dies gesundheitliche Beeinträchtigungen zur Folge haben (Razum et
al. 2008, Razum 2010).
In Deutschland repräsentieren Migranten mehr als 20 % der Bevölkerung. Ende
2015 lebten rund 17,1 Millionen Migranten in Deutschland (Statistisches Bundesamt
2016). Dass Deutschland ein Zuwanderungsland geworden ist, stellt das Gesund-
heitssystem vor die Aufgabe, sich auf die Bedürfnisse der Migranten einzustellen
und ihre bestmögliche Versorgung zu gewährleisten (Razum et al. 2004). Borde
(2003) erklärt, dass seit Beginn der Zuwanderungsdebatte die Anfrage nach Aus-
künften über die Versorgungssituation und der damit verbundenen Gesundheitszu-
stand von Migranten groß ist. Wichtig dabei ist, die Gesundheitsversorgung der Mig-
ranten im Zusammenhang mit multiplen psychosozialen Faktoren zu betrachten.

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Denn psychosoziale Situation und Versorgungsprobleme tragen dazu bei, dass bei
Migranten größere Erkrankungs- und Sterblichkeitsrisiken bestehen als bei der deut-
schen Bevölkerung (Collatz 2001). Migration kann einen Einfluss auf das Risiko zu
erkranken und auf die Möglichkeit, eine angemessene Therapie zu erhalten, haben.
Spezifische Risiken ergeben sich durch schlechteren Zugang zur Gesundheitsver-
sorgung aufgrund kultureller sowie sprachlicher Barrieren (Razum et al. 2004).
Im Schwerpunktbericht der Gesundheitsberichterstattung des Bundes ,,Migration
und Gesundheit" stellt das Robert-Koch-Institut fest, dass vielmehr die Umstände
und Gründe einer Migration und damit verbundene Arbeits- und Lebensbedingungen
krank machen. Erhöhte Erkrankungshäufigkeit (Morbidität) und Sterblichkeit (Morta-
lität) treten bei Migranten auf, die im Vergleich zu der Mehrheitsbevölkerung über ein
niedriges Einkommen, einen geringen Bildungsstand und beruflichen Status verfü-
gen (Razum et al. 2008). Da diese Risikofaktoren und die soziale Lage eine gravie-
rende Bedeutung für die Gesundheit haben, wird im Folgenden auf den sozioökono-
mischen Status eingegangen: ,,In der empirischen sozialwissenschaftlichen For-
schung erweist sich der ,sozioökonomische Status` als der wichtigste sozial struktu-
rierende Faktor für das Gesundheitsverhalten und den Gesundheitsstatus" (Hurrel-
mann 2006, 25). Dieser Status drückt die relative Position innerhalb einer Gesell-
schaft aus. Dabei kann man nach finanziellen Möglichkeiten dem Bildungsstand so-
wie der gesellschaftlichen Anerkennung unterscheiden.
Die Daten des Mikrozensus von 2005 zeigen, dass Migranten im Durchschnitt in al-
len der drei Bereiche benachteiligt sind. So erreichen Migranten im Schnitt nur 79%
des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens der Gesamtbevölkerung (Integrati-
onsbeauftragte 2007, 14). Angaben zum Armutsrisiko von Migranten aus dem Mik-
rozensus von 2005 verdeutlichen, dass in Deutschland 28,2% der Migrationsbevöl-
kerung unterhalb der Armutsrisikogrenze lebt (Razum et al. 2008, 22). Auch bei der
Bildungsbeteiligung werden Unterschiede deutlich: Schüler mit Migrationshinter-
grund verlassen Schulen deutlich häufiger, ohne einen allgemein bildenden Schul-
abschluss als die Deutschen (BAMF 2008).
Hinsichtlich ihres ethnischen, kulturellen, sozioökonomischen Status sowie ihrer Zu-
wanderungsmotive und dem Gesundheitsverhalten bilden Migranten eine inhomo-
gene Gruppe. Entsprechend divergent sind ihre Gesundheitsprobleme (Razum et al.

11
2004, Razum et al. 2008). Ein Gesundheitsproblem, das in der Vergleichspopulation
seltener geworden ist, ist die Säuglingssterberate von Migranten. Die Säuglingsster-
berate ist ein besonders empfindlicher Indikator für Ungleichheit, da sie im Grunde
vermeidbar ist (Razum 2010). Reeske et al. (2011) zählen als weitere Risiken für
Migranten Tuberkulose und andere Infektionskrankheiten sowie bestimmte, im Ein-
zelfall auftretende erbliche Hämoglobin- und Stoffwechselkrankheiten auf. Darüber
hinaus werden Migranten spezifischen Gesundheitsrisiken ausgesetzt, die bei den
Deutschen seltener vorkommen. Diese sind psychosoziale Belastungen bedingt
durch Trennung von der Familie oder durch Fremdenfeindlichkeit (Razum et al.
2008, Reeske et al. 2011). Auch zählen Erfahrungen einer offenen oder verdeckten
Diskriminierung dazu, die zu zusätzlichen psychischen Belastungen führen (Fal-
termaier 2001).
Die Ärzte tendieren bei Migranten angesichts häufiger diagnostizierter psychosoma-
tischer Beschwerden vielmehr zur Verschreibung von Psychopharmaka, wobei die
Behandlung der deutschen Mehrheitsbevölkerung primär auf intensiven therapeuti-
schen Gesprächen beruht. Dies liegt an erhöhter Unsicherheiten in der Arzt-Patient-
Verständigung (BMFSFJ 2000). Collatz (2001) fügt hinzu, dass dadurch ein recht-
zeitiger Zugang zur notwendigen psychosozialen oder psychotherapeutischen Be-
handlung verhindert wird. Im Vorfeld aber versuchen die Migranten oftmals, ihre psy-
chischen Probleme im Familien- oder Bekanntenkreis zu lösen. Erst sehr spät neh-
men sie fachliche Hilfe in Anspruch (Gün 2011). So werden ihre Probleme in der
Primärversorgung sehr spät bzw. gar nicht erkannt, sodass die Erkrankung längst
einen chronischen Verlauf nehmen, bevor professionelle Hilfe in Anspruch genom-
men wird (Gün 2011). Ein Beispiel dafür ist, dass Migranten eine Psychotherapiebe-
handlung bei deutschen Kollegen wegen der sprachlichen Barriere und insbeson-
dere der kulturellen, religiösen und ethnisch bedingten Vorerwartungen meiden. Gün
(2011) deutet darauf hin, dass Patienten und Behandelnde unterschiedliche Wahr-
nehmungen, Erwartungen und Vorstellungen über psychotherapeutische Behand-
lung im ,,interkulturellen Setting" haben, die die Beziehung zwischen Patienten und
Behandelnden und als Folge dessen den Therapieerfolg beeinflussen (Gün 2011,
19). Das medizinische Personal und Patienten machen je nach Perspektive kulturell
bedingt unterschiedliche Erfahrungen, die sie als Erleichterung und Bereicherung
oder als auch Benachteiligung und Erschwerung empfinden. Der Arzt und der Patient

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können den Gesprächspartner aus einer bestimmten Perspektive wahrnehmen und
die Ansicht gewinnen, dass kulturelle Differenzen ein Hindernis bei der Arzt-Patient-
Interaktion sind. So sind beide Seiten der Ansicht, dass sie miteinander nicht über
gleiche Themen sprechen (Gün 2011).
,,Das Andere ist nicht höher oder tiefer ­ es ist schlicht anders" (Wehkamp 1984, 10).
Wehkamp versucht die Sensibilisierung für die Krankheit von Migranten zu stärken
und fügt hinzu, dass sich das Empfinden der Anderen nicht mit Begrifflichkeiten der
einheimischen Medizin trifft. Verständigungsprobleme in der Behandlung von Mig-
ranten kommen häufig vor. Sie sind auf unterschiedliche Ursachen zurückzuführen.
Rost-Roth (1995) macht das am geringen Wissen über die fremde Kultur und deren
Normen und Erwartungen deutlich (Rost-Roth 1995). Ein Patient erwartet bei einem
Arztgespräch eine verantwortungsbewusste und erfolgreiche Behandlung seiner Er-
krankung (Löning 1985). Jedoch braucht der Arzt wichtige Informationen über die
Erkrankung, um den Ansprüchen der Patienten gerecht zu werden. Loenhoff (1992)
begründet diesen Prozess so, dass Individuen zu Wissen über den jeweiligen Ge-
sprächspartner gelangen müssen, um erfolgreich handeln zu können. Weiterhin fügt
er hinzu, dass ,,solches Wissen [...] nur interaktiv und kommunikativ in Erfahrung
gebracht werden (kann)" (Loenhoff 1992, 218). Leyer (1991) betrachtet die Sprache
als größte Barriere zwischen Migranten und Ärzten. Dabei könnte Sprache nach Lad-
miral und Lipiansky (2000) den Zugang zu einer anderen Kultur öffnen. Neben kul-
turellen und sprachlichen Missverständnissen heben Ärzte und Patienten auch die
Bedeutsamkeit religiöser Missverständnisse hervor. Dieses und weitere Missver-
ständnisse in der Interaktion zwischen Arzt und türkischstämmigen Patienten werden
im Kapitel
4.3 konkretisiert.
,,Da es den Patienten und das Patientenverhalten an sich nicht gibt, kann es auch
den Migranten und dessen spezifisches Verhalten nicht geben" (Zimmermann 2000,
9). Zimmermann (2000) hebt die problematische Verallgemeinerung von Migranten
und ihren spezifischen Handlungs- und Verhaltensformen in medizinischen Instituti-
onen deutlich hervor. Es werden explizite Daten zur Gesundheit von Migranten, die
gezielt Interventionen ermöglichen, benötigt (Razum 2010). So zeigt ein Blick in die
interdisziplinären Gesundheitswissenschaften, dass die Forschung über den Zusam-
menhang zwischen Migration und Gesundheit in Deutschland wenig entwickelt ist.
Insbesondere fehlen empirische Forschungen über den Umgang von Migranten und

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ihrer Gesundheit, welches vor allem für die Konzeption einer präventiven gesund-
heitlichen Versorgung dieser Zielgruppe zentral wäre (Faltermaier 2001). Es reicht
nicht aus, Migrant zu sagen, letztlich haben alle Menschen unterschiedliche Vorstel-
lungen darüber, wie sie behandelt und versorgt oder gepflegt werden möchten
(Razum 2010).
4
Forschungsstand: Gesundheit von türkischen und deutschen
Schwangeren
4.1 Schwangerschaft
und
Geburt in transkultureller Sicht
Die Schwangerschaft ist in allen Gesellschaften ein außergewöhnliches Ereignis.
(Kuntner 1986). Jede Kultur dieser Welt geht mit Schwangerschaft und Geburt an-
ders um (Kuntner 1997). Die Natur hat nicht festgelegt, wie Frauen gebären, stillen
oder ihre Säuglinge pflegen sollen, denn Bräuche und Gewohnheiten, die eine
Schwangere befolgt, hängen eng vom kulturellen Kontext ab. Wie und wo die Ent-
bindung stattfindet, wer beisteht und dabei hilft, welche Tabus und welche Riten da-
mit verbunden sind, all das ist ein transkulturelles Phänomen, dass in allen Gesell-
schaften einen besonderen Stellenwert hat (Kuntner 1986). Kuntner (1995) erklärt,
dass Schwangerschaft und Geburt in jeder Gesellschaft von den Beteiligten anders
beeinflusst, organisiert und gestaltet werden. So entwickelten sich überall auf dieser
Welt unterschiedliche Geburtssysteme (Jordan 1986) und Schutzsysteme (Kuntner
1986) für Mutter und Kind. Geburts- und Schutzsysteme sind ein Komplex von Ideen,
Praktiken, Wissen, Erfahrungen, Regeln, Vorschriften und Maßnahmen, die auf
Schwangerschaft und Geburt bezogen sind. Die Geburtssysteme werden durch öko-
logische, soziale, religiöse, historische und medizinische Faktoren geprägt und sind
eingebettet in die Kultur der jeweiligen Gesellschaft (Kuntner 1995).
Die Institutionalisierung der Geburtshilfe und die Einführung neuer medizinischer
Konzepte bewirken eine Beeinflussung der gesellschaftlich angepassten Begleitum-
stände von Geburt, Schwangerschaft und der nachgeburtlichen Phase. Moderne In-
terventionen, wie Ultraschall, elektrische Wehenüberwachung oder chemisch-phar-
makologische Maßnahmen wie die Geburtseinleitung, Psychopharmaka und
Schmermittel verringern die Wahrscheinlichkeit von Komplikationen der Geburt.
Hierbei besteht nach Kuntner (2015) die Gefahr, die Geburt nur als ,medizinisches`

14
Ereignis zu verstehen, was dazu führt, ,,dass der Ablauf der Geburt infolge der Inter-
ventionen verschiedenster Art gestört wird. Zudem wird das physiologische Gebär-
verhalten der Frau beeinträchtigt" (Kuntner 2015, 440). So wurde die Entwicklung
der Geburtsmedizin in den letzten Jahren immer mehr in Frage gestellt. Ethnomedi-
zinische Forschungen haben zur Veränderung von geburtshilflichen Praktiken ge-
führt. Sie stehen in Zusammenhang mit der Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett,
Stillzeit und dem Umgang mit dem Neugeborenen. Dabei erfassen sie die psycho-
soziale Ebene (mehr Zuwendung zur Gebärenden) und den Einbezug der Familie.
4.2
Basiswissen von Schwangeren
Im Zusammenhang mit den bereits erläuterten Problemen und Besonderheiten bei
der Kommunikation und Interaktion mit nichtdeutschen Patienten ist es wichtig, den
Umfang vorhandener Kenntnisse bzw. Basiswissen von deutschen und türkischen
Patientinnen in Erfahrung zu bringen und miteinander zu vergleichen.
Während einer Schwangerschaft oder im Falle einer gynäkologischen Erkrankung
sind grundlegende Kenntnisse über den weiblichen Körper, über die Genitalorgane
und ihre Funktionen für das Gelingen des Arzt-Patientinnen-Gespräches sowie der
Compliance bei der Therapie eine wichtige Voraussetzung. Obwohl Gesundheitsein-
richtungen mit Aufgaben und Fragen aufgrund soziokultureller Vielfalt konfrontiert
werden, ist die Strukturierung vieler Einrichtungen monokulturell. Es werden spezifi-
sche Bedürfnisse von Patientinnen durch Sprachprobleme oder Schamgefühle, ein-
fache Fragen zu stellen, ignoriert und dem medizinischen Personal gelingt es nur
gelegentlich, sich ein Bild über das Basiswissen von den Patientinnen zu machen
(Borde et al. 1999, David 2001).
Im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung, Forschung und Technologie
unterstützte Public Health-Forschungsprojektes zur ,,Analyse der Versorgungssitua-
tion gynäkologisch erkrankter deutscher und türkischer Frauen im Krankenhaus"
wurde an der Universitätsfrauenklinik Charité Virchow-Klinikum Fragen nach Basis-
wissen und Kenntnissen der Patientinnen zur Gesundheitsvorsorge durchgeführt. In
die Studie wurden 262 türkischstämmige und 320 deutsche Frauen inkludiert, die
stationär behandelt wurden. Der Erhebungszeitraum war von Mai 1996 bis Juni

15
1999. Die Altersgruppe lag zwischen 15 und 75 Jahre. Vor den Fragen zum Basis-
wissen über den eigenen Körper wurden die Patientinnen erstmals nach ihrem Inte-
resse zu dem Thema gefragt. 96,2% der deutschen und 76,9% der türkischen Pati-
entinnen äußerten ihr Interesse an dem Thema (Borde et al. 1999, 115). Es zeigte
sich, dass türkische Patientinnen stärkere Interessen aufwiesen, wenn sie die deut-
sche Sprache gut beherrschen bzw. der zweiten Migrantinnengeneration angehör-
ten. Die Ergebnisse zeigten, dass ein stärkeres Interesse mit dem höheren Bildungs-
grad, der Integration am Erwerbsleben aber auch mit dem Schweregrad der Erkran-
kung verbunden ist.
Um die Frage zu beantworten, woher die Frauen ihre Quelle über das Wissen zu
Vorgängen in ihrem Körper haben, wurde eine Fragebogenliste mit Mehrfachbenen-
nungen zur Verfügung gestellt. Die Ergebnisse zeigten deutliche Unterschiede. Wäh-
rend für türkische Patientinnen als primäre Informationsquellen ihr Partner oder Ehe-
mann diente, bevorzugten deutsche Patientinnen als Informationsquelle eher Bü-
cher, Zeitschriften oder elektronische Medien. (Borde et al. 1999).
Um die tatsächlichen Kenntnisse über Körperfunktionen von stationären Patientin-
nen in der Gynäkologie zu analysieren, wurden spezifische Fragen zur Anatomie der
weiblichen Geschlechtsorgane, Geschlechtskrankheiten und über Verhütung ge-
stellt. Bei der Beantwortung aller Fragen wiesen deutsche Frauen wesentlich mehr
richtige Antworten auf als türkische Frauen. Wie es aus der Tabelle zu entnehmen
ist, haben türkische Frauen bei allen Variablen häufiger die Antwortmöglichkeit ,,weiß
ich nicht" gewählt.
Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht zu Themenbereichen und Ergebnissen im
Vergleich der beiden Frauengruppen.
richtige Antwort
(in %)
falsche Antwort
(in %)
weiß ich nicht
(in %)
n
deutsch
320
türkisch
262
deutsch
320
türkisch
262
deutsch
320
türkisch
262
Zusammenhang zwischen Hor-
monen und Monatsblutung
39,5
12,8
46,8
42,5
13,7
44,7
Unfruchtbare Tage im Zyklus
44,8
22,7
35,9
41,8
17,4
35,5
Vorgang des Eisprungs
51,6
17,8
35,3
35,3
13,1
54,2
Veränderung der Körpertempe-
ratur nach dem Eisprung
56,2
26,5
21,3
14,5
22,5
59,0

16
Name der Untersuchungsme-
thode zur Kontrolle v. Zellverän-
derungen an Muttermundes u.
Scheide
51,6
18,4
17,4
18,4
26,5
63,2
Mammographie
69,3
33,5
34,7
20,3
6,0
46,2
Übertragung von Geschlechts-
krankheiten
88,7
65,5
10,4
17,3
0,9
17,2
Verhütung von Geschlechts-
krankheiten
90,3
43,4
8,2
32,8
1,6
23,8
Abb. 1: Wissen über Funktionen der weiblichen Geschlechtsorgane, Verhütung von Geschlechtskrankheiten
und Früherkennungsuntersuchungen in der Gynäkologie (In Anlehnung an David, Borde & Kentenich 2000,
86).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Frauen türkischer Herkunft geringere
Kenntnisse über weibliche Körperfunktionen haben als Frauen deutscher Herkunft.
Ähnliche Ergebnisse ergaben sich aus dem Modellvorhaben zur Verbesserung der
Schwangerenvorsorge und Nachsorge von Säuglingen durch ,,Familien-Hebammen"
in Bremen im Jahre 1981/1982 (Perinatalstudie). Der Kenntnisstand über Schwan-
gerenvorsorgeuntersuchung bei Frauen türkischer Herkunft war entscheidend
schlechter gegenüber Frauen deutscher Herkunft. Über wichtige Schwanger-
schaftsrisiken waren 95% der türkischen Frauen nicht informiert. Bei deutschen
Frauen betrug der Anteil 62%. Auch bei Aufgaben der Geburtsvorbereitung sah es
nicht anders aus. 71% der türkischen Patientinnen hatten weniger Erkenntnisse über
das Thema, während bei deutschen Frauen der Anteil nur bei 30% lag (Collatz 1986,
75f).
Die soziodemographischen Unterschiede der Public Health-Studie von 1996-1999
der beiden Vergleichsgruppen wirkten sich direkt auf den Kenntnisstand und das
Wissen über Funktionen des weiblichen Körpers aus. Sowohl die ältere Studie aus
Bremen als auch die aktuellere Studie aus Berlin haben aufgezeigt, dass Patientin-
nen türkischer Herkunft insgesamt einen niedrigeren Bildungsstand haben als deut-
sche Patientinnen. Die Berliner Studie zeigt, dass der Anteil der nicht erwerbstätigen
Frauen türkischer Herkunft bei 70,8% lag gegenüber 44,7% der deutschen Frauen.
(Borde et al. 1999, 37). Auch im Hinblick auf ihre Wohnsituation unterscheidet sich
die Lebensqualität der beiden Vergleichsgruppen deutlich. Türkische Frauen hatten
gegenüber deutsche Frauen weniger Wohnraum zur Verfügung (Borde et al. 1999,
40).
Ende der Leseprobe aus 83 Seiten

Details

Titel
Schwangere mit türkischem und deutschem Hintergrund. Welche kulturellen Unterschiede der Wahrnehmung von gesundheitlichen Risiken gibt es?
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
83
Katalognummer
V387552
ISBN (eBook)
9783668622159
ISBN (Buch)
9783668622166
Dateigröße
720 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kultur, Gesundheit, Schwangerschaft, Wahrnehmung
Arbeit zitieren
Ümmü-Gülsüm Uzun (Autor), 2017, Schwangere mit türkischem und deutschem Hintergrund. Welche kulturellen Unterschiede der Wahrnehmung von gesundheitlichen Risiken gibt es?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387552

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