Inwieweit trägt der technische Fortschritt dazu bei, dass die Welt oder der Mensch verbessert oder gar zerstört wird?

Arnold Gehlen zur Technikphilosophie


Essay, 2015

11 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Gehlens Anthropologie
Bei Gehlen ist der Mensch nichts weiter, und hier zitiert er Herder, als ein Mängelwesen ­
oder in seinen eigenen Worten: ,,ein Sonderentwurf der Natur"
1
-welches den Tieren sogar in
vielem nachsteht. Er ist nicht biologisch eingepasst in eine natürliche, artbesondere Umwelt,
weswegen es ihm auch, im Gegensatz zum Tier, an spezialisierten Organen sowie Instinkten
fehle. ,,Er ist ,organisch mittellos', ohne natürliche Waffen, ohne Angriffs- oder Schutz- oder
Fluchtorgane, mit Sinnen von nicht besonders bedeutender Leistungsfähigkeit, denn jeder
unserer Sinne wird von den ,Spezialisten' im Tierreich weit übertroffen."
2
Doch wie kann es
dann sein, dass ein so der Natur exponiertes und schutzloses Wesen wie der Mensch es ist,
sich dennoch erhalten kann? Nun, die Lösung scheint darin zu liegen, dass der Mensch,
befähigt durch seinen Intellekt und damit einhergehend auch der Sprache als
Kommunikationsmittel, dazu in der Lage ist, der organischen Anpassung zu entgehen, indem
er z.B. sein Abstraktionsvermögen einsetzt, um seine vorliegenden Umweltgegebenheiten zu
verändern. Diese Auffassung des Menschen als intentional handelndem Wesen, ist zentral für
die Technikphilosophie Gehlens. Denn in diesem Handeln verändert der Mensch die
unmittelbar vorfindbaren Dinge mit Kopf, aber auch primär mit seinen Händen, auf seine
eigene Bedürfnisse hin. Hierbei ist er ein manipulatives, sowie auch schaffendes Wesen, ein
Homo Faber. Die Formen seines Handelns vereint Gehlen, nicht ganz unähnlich zu Kapp,
unter seinem eher breit gefassten Technikbegriff. Laut Gehlen gehört sie ,,im allgemeinsten
Sinne zum Wesen des Menschen"
3
, mit ihr nur kann der Mensch die vorliegenden
Naturgegebenheiten so verändern, dass er überlebensfähig ist.
Der menschlichen Organmängel wird nach Gehlen mit drei Prinzipien entgegengetreten:
Organersatz, Organverstärkung, sowie Organentlastung, jeweils zugehörig zu den passenden
Techniken: Ergänzungstechnik, Verstärkungstechnik und Entlastungstechnik. Bei Waffen z.B.
kann man von Organersatz sprechen, da diese zum Schutz oder Nahrungsbeschaffung fehlten,
ebenso in diese Kategorie fällt laut Gehlen die Feuerverwendung. Eng verbunden mit dem
Prinzip des Organersatz ist das Prinzip der Organverstärkung. Hierzu könnte man den
Schlagstein zählen, dessen Aufgabe es ist die natürliche Schlagkraft der bloßen Faust zu
überbieten oder andere Gegenstände, welche dem Menschen helfen seine Sinne effektiver
1 Thies, Christian: Gehlen zur Einführung, S.38
2 Gehlen, Arnold: Anthropologische und sozialpsychologische Untersuchungen, S. 46
3 Gehlen, Arnold: Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen
Gesellschaft, S.7
2

einsetzen zu können, den Sehsinn durch das Mikroskop oder auch den Hörsinn durch das
Telefon. Sich entlasten kann der Mensch durch einerseits Ausnutzung bereits vorliegender
natürlicher Ressourcen wie der Laststiere, welche ihm wortwörtlich die Traglast ersparen,
oder aber auch technischer, von Menschen geschaffener Hilfsmittel wie dem Automobil. Alle
drei Prinzipien findet man gut veranschaulicht, nimmt man das Flugzeug als Exempel. So
begegnet man den dem Menschen zum Fliegen fehlenden Flügeln, welche jegliche
organischen, natürlich vorkommenden Pendants sogar bei weitem überbieten und abgesehen
davon natürlich kostet es den Reisenden keinerlei Eigenbemühung sein Ziel zu erreichen, er
wird entlastet.
4
,,Wenn man unter Technik die Fähigkeiten und Mittel versteht, mit denen der Mensch sich die Natur dienstbar
macht, indem er ihre Eigenschaften und Gesetze erkennt, ausnützt und gegeneinander ausspielt, so gehört sie in
diesem allgemeinsten Sinne zum Wesen des Menschen."
aus Gehlen, Arnold:
Die Seele im technischen
Zeitalter, S. 7
Gehlens Technikverständnis
Im Gegensatz zum Tier, welches nicht in der Lage ist Werkzeuge herzustellen oder gar
weiterzuentwickeln, haben wir es beim Menschen, laut Gehlen, mit einem von Grund auf
technischen Wesen zu tun. Er schreibt im ersten Abschnitt der ,,Seele im technischen
Zeitalter" über die Technik im Kontext seiner Anthropologie:
,,Technik ist so alt wie der Mensch, denn aus den Spuren der Verwendung bearbeiteter
Werkzeuge können wir bisweilen bei Fossilfunden erst mit Sicherheit schliessen, dass wir es
mit Menschen zu tun haben."
5
oder anders ,,Mensch und Technik gehören uranfänglich
zusammen."
6
Man finde zwar auch bei Tieren Ansätze Werkzeuge zu benutzen, jedoch sei der
Grad der Möglichkeit nur begrenzt. Und welcher Unterschied noch viel mehr ins Gewicht zu
fallen scheint, ist die Fähigkeit zum Selbstbewusstsein, denn: ,,Der Mensch weiß um seine
Bedürfnisse, das Tier nicht."
7
Während nun also das Tier seinen Trieben und Instinkten
4 Gehlen, Arnold: Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen
Gesellschaft, S. 6f
5 Gehlen, Arnold: Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen
Gesellschaft, S. 6
6 Deege, Michael: Die Technikphilosophie Arnold Gehlens, S. 28
7 Deege, Michael: Die Technikphilosophie Arnold Gehlens, S. 41f
3

unterworfen ist, kann der Mensch sich seine Welt aktiv erschließen aufgrund seines
Abstraktionsvermögens. Er bearbeitet seine Umwelt, schafft sich seine eigene zweite Natur.
Und zwar durch Technik, denn ,,in dem gebrochenen Verhältnis zur Natur ist sie ein wahres
Spiegelbild des Menschen, und man kann diese Merkmale schon in dem Umstand erkennen,
daß die ältesten und grundlegenden Erfindungen ohne Naturvorbild gemacht worden sind."
8
Als Beispiele führt Gehlen hierfür die Feuerherstellung durch Bohren von Holz auf Holz oder
die Fortbewegung durch Explosion an. Demnach kann man behaupten: ,,Die Welt der Technik
ist also sozusagen der ,grosse Mensch`: geistreich und trickreich, lebensfördernd und
lebenszerstörend wie er selbst, mit demselben gebrochenen Verhältnis zur urwüchsigen Natur.
Sie ist wie der Mensch ,nature artificielle`."
9
Betrachte man die Gesamtentwicklung der Technik, so finde man eine ,,hintergründige,
bewußtlos aber konsequent verfolgte Logik, die sich allein mit den Begriffen der
fortschreitenden Objektivation menschlicher Arbeit und Leistung sowie der zunehmenden
Entlastung des Menschen beschreiben läßt [...]"
10
Gehlen beschreibt dies als einen drei-
Stufigen Prozess. Während auf der ersten Stufe noch die physische Kraft und der geistige
Aufwand auf Seiten des Menschen geleistet werden muss und dieser lediglich durch das
Werkzeug eine gewisse Entlastung verspürt, wird auf der zweiten Stufe ­ der Stufe der
Arbeits- und Kraftmaschine ­ bereits die physische Kraft technisch objektiviert. Auf der
letzten und dritten Stufe, der des Automaten, wird auch der geistige Aufwand der Menschen
entbehrlich gemacht. Akzeptiert man dies, bedeutet das auch gleichsam, dass die Technik in
der Automatisierung ihre methodische Vollendung erreicht.
Das Resonanzphänomen
Nachdem der Mensch also quasi aus der Natur raus gefallen ist, verwundert es nicht mehr
allzu sehr, dass sich zwischen dem Mensch und dem Anorganischen ein ganz besonderes
Verhältnis entwickelt zu haben scheint. Für den Menschen ist, hierbei beruft sich Gehlen auf
Bergson, die anorganische Natur ,,erkennbarer als die organische"
11
. Ja, Bergson geht noch
8 Gehlen, Arnold: Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen
Gesellschaft, S. 7
9 Gehlen, Arnold: Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen
Gesellschaft, S. 7
10 Gehlen, Arnold: Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen
Gesellschaft, S. 19
11 Gehlen, Arnold: Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen
Gesellschaft, S. 9
4

weiter und schreibt: ,,Unsere rationale Denkkraft, die abstrakten Modelle, die sie entwickelt,
und ihre mathematischen Begriffsbildungen kommen in der anorganischen Natur mit einer
erstaunlichen Treffsicherheit an, während wir über das, was »Leben« eigentlich ist, trotz aller
Fortschritte der organischen Chemie kaum besser unterrichtet sind, als die ersten Philosophen
des griechischen Altertums."
12
Es scheint also, dass der menschliche Intellekt, denn von nichts
anderem spricht Bergson hier, ,,das anorganisch starre zum Gegenstand hat."
13
Nur welche Konsequenz hat das jetzt für das Wesen des Menschen oder genauer für den Teil,
den wir Intellekt oder Geist nennen? Gehlen führt selber den Begriff Resonanzphänomen ein,
welcher ursprünglich in der Physik und Musik angewendet wird, um diesen Sachverhalt
genauer zu beschreiben. Ursprünglich ist unter Resonanz ein Mitschwingen bzw. -tönen eines
Körpers in der Schwingung eines anderes Körpers gemeint.
14
Doch was schwingt beim
Menschen mit und war das Anorganische nicht starr? Es scheint sich jedenfalls um etwas zu
handeln was Worte wie ,,elementar menschliches Interesse"
15
und ,,instinktähnlichen
Bedürfnis nach Umweltstabilität"
16
mit sich zu ziehen. Etwas im Menschen scheint seit jeher
ein Wohlgefallen an, sogar eine Notwendigkeit für automatische Vorgänge zu haben. Worte
wie elementar und instinktähnlich lassen zudem darauf schließen, dass genauso wie die
Technik uranfänglich mit dem Menschen entstanden ist, der Mensch seit jeher von diesen
,,rhythmischen, periodischen, in ihrer Unbeirrbarkeit »tendenziös« wirkenden Vorgängen
beeindruckt worden sei, handle es sich nun um die rätselhaft genauen Wiederholung des
Umschwungs der Gestirne oder um die eigensinnigen, stereotypen, unablenkbaren
Gewohnheiten der Tiere."
17
Was sich geändert hat, ist nur der Grad des aktiven Eingreifens der Menschen in diese
Vorgänge. Anfänglich fungiert der Mensch als Beobachter. Die Gestirne und die
Gewohnheiten der Tiere werden wahrgenommen und durch ihre Gleichförmigkeit wird die
Seele des Menschen beruhigt. Im zweiten Schritt dann greift der Mensch durch die Technik
gezielt ein, um diese Gleichförmigkeit und somit Umweltstabilität aktiv aufrechtzuerhalten
oder sogar erst herzustellen. Doch hierzu griff die Menschheit bis vor kurzem gerne zu einer
12 Gehlen, Arnold: Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen
Gesellschaft, S. 9
13 Gehlen, Arnold: Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen
Gesellschaft, S. 9
14
http://www.duden.de/rechtschreibung/Resonanz
, letzter Zugriff am 25.09.2015
15 Gehlen, Arnold: Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen
Gesellschaft, S. 14
16 Gehlen, Arnold: Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen
Gesellschaft, S. 14
17 Gehlen, Arnold: Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen
Gesellschaft, S. 16
5
Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Inwieweit trägt der technische Fortschritt dazu bei, dass die Welt oder der Mensch verbessert oder gar zerstört wird?
Untertitel
Arnold Gehlen zur Technikphilosophie
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Veranstaltung
Anthropologie und Technikphilosophie – Geschichte und Entwicklung
Note
2,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
11
Katalognummer
V387657
ISBN (eBook)
9783668621701
ISBN (Buch)
9783668621718
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Technik, Philosophie, Mensch, Fortschritt, Zukunft, Verbesserung, Verschlechterung
Arbeit zitieren
Sylwia Ekmann (Autor:in), 2015, Inwieweit trägt der technische Fortschritt dazu bei, dass die Welt oder der Mensch verbessert oder gar zerstört wird?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/387657

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Inwieweit trägt der technische Fortschritt dazu bei, dass die Welt oder der Mensch verbessert oder gar zerstört wird?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden