Leib und Natur. Natur als leibphilosophischer Begriff im Kontext des Ökofeminismus


Hausarbeit, 2017

13 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Environmental movement und Natur-Begriff

3. Körper und Leib

4. Leiblich passive Erfahrungvon Natur

5. Natur jenseits von innen und außen

6. Leib und self-awareness, intelligence and the searching for meaning

7. Leiblich-ästhetische Wahrnehmung

8. Schlussbetrachtungen

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Vorliegende Arbeit versucht anhand des Textes „Reclaiming Nature by Reclaiming the Body" von Guôbjôrg R. Jóhannesdóttir und Sigridur Thorgeirsdottir das dort verhandelte Verhältnis von Körper bzw. Leib und Natur zu erforschen, um eine erste Perspektive auf eine mögliche leibphilosophisch begründete Umweltethik zu liefern. Im Zuge dessen werden wesentliche Stationen des Quelltextes in der Argumentationsstruktur rekonstruiert, um die Bedeutung der im Zentrum stehenden Begriffe von Natur und Körper zu erarbeiten und deren Verbindung aufzuzeigen. Weiterhin schien es praktikabel, den in der englischen Sprache nicht vorhandenen Unterschied zwischen Körper und Leib herauszustellen, um die im Quelltext vorhandene Bestimmung des Körper- bzw. Leibbegriffes plausibel zu machen.

Die Arbeit beginnt mit einer kurzen Vorstellung der bisherigen Positionen im Diskurs um eine angemessene Umwelt- bzw. Naturethik und stellt dabei die Argumentation und das Anliegen des environmental movement, der Umweltbewegung, dar. Darüber hinaus werden die in diesem Diskurs anzutreffenden Naturvorstellungen - Natur als etwas außerhalb vom Menschen Bestehendes und Natur als sozial und materiell konstruiertes Objekt - benannt und kritisiert, um im Anschluss den von den Autorinnen eingeführten Natur- und Leibbegriff zu entfalten. Da sich die Autorinnen im Bereich der Leibphilosophie bewegen, scheint es fast zwingend, dass viele Textstellen dunkel und einer wohlwollenden Deutung überlassen bleiben. Vorliegende Arbeit ist deshalb auch als Interpretation der Leib-Natur Beziehung zu betrachten und schließt mit einer kurzen Betrachtung des Leibseins als moralische Entscheidung.

2. Environmental movement und Natur-Begriff

Die Autorinnen Guôbjôrg R. Jóhannesdóttir und Sigridur Thorgeirsdottir skizzieren in „Reclaiming Nature by Reclaiming the Body" zunächst die bisherigen Stationen des Diskurses um den ethisch angemessenen Umgang mit der Natur. Diese Umweltethik reicht von der Auffassung Aldo Leopolds to think like a mountain und dem Anspruch, die Naturvor dem destruktiven menschlichen Einfluss zu schützen über Rachel Carson, die auf die Verbunden- und damit Abhängigkeit aller Lebensformen aufmerksam machen will bis zu Carolyn Merchant, die die mit der Aufklärung begonnene Atomisierung allen Lebens und damit den Verlust einer Umweltethik stützenden Vorstellung von der Natur als vitaler Ganzheit kritisiert. Dabei stellen die Autorinnen drei Kernpunkte heraus, die die Auffassungen des bisherigen environmental movement eint: 1) Die Natur muss vor der ausbeuterischen Macht des Menschen geschützt werden, 2) um die Natur zu schützen, müssen wir lernen, sie als Ganzes und ineinander verwobenes Ökosystem zu verstehen und 3) um die Natur als Ganzes zu sehen, ist es notwendig, wieder eine Verbindung zu ihr herzustellen.1

Ein wiederkehrendes und von Autoren wie Stephen Vogel und Timothy Morton kritisiertes Motiv ist dabei auch der Gedanke, dass um ein ökologisches Bewusstsein und eine ethisch angemessene Beziehung zur Natur zu entwickeln, es notwendig ist, unberührte, das heißt vom Menschen unbeeinflusste Natur auch erleben zu können. Die Kritik dieses Gedanken richtet sich dabei gegen die implizite Vorstellung des environmental movement, es gebe irgendwo „da draußen" Natur als eine Art unbeflecktes Heiligtum, das unbeeinflusst von der technischen Zivilisation besteht. Dieses Konzept beinhaltet eine Trennung von Mensch und Natur, die so nicht haltbar scheint, denn sogar„[a] polar bear is always in some surroundings that are affected by technological culture, the water, the air, etc."2. Diese Verbindung von Natur und Umwelt zeigt sich in drastischer Weise auch daran, dass die natürliche Welt dermaßen durchdrungen vom Wirken des Menschen ist, dass selbst das Klima und seine Veränderungen zu einigen Grad auf den technologischen Einfluss zurückzuführen ist.

Es stellt sich die Frage, auf was eine Umweltethik zielen soll, die Natur als wild, unberührt und fern begreift, wenn doch eben dieser ferne Ort so gut wie nicht mehr vorhanden ist und wenn doch, der Zugang und die Verbindung zu diesem meist technisch vermittelt ist? Natur in diesem Kontext als puren und unberührten Zufluchtsort zu verstehen, scheint für die Diskussion um eine angemessene Umweltethik wenig dienlich, sondern ein Aufgeben dieses Konzeptes, so Vogel, „,might actually mean an improvement in the quality and rigor ofourthinking about the human relationship to the environment we inhabit.'"3 Da die Vorstellung unberührer Natur sich als Irrglaube erweist, scheinen Vertreter der Gegenposition wie Morton und Vogel den Bereich zu fokussieren, der tatsächlich im Rahmen möglicher Veränderung liegt. Das ist Natur als untrennbar vom menschlichen Einfluss verstanden: „,the idea of nature is getting in the way of properly ecological forms of culture, philosophy, politics, and art.'"4

In diesem Punkt stimmen Jóhannesdóttir und Thorgeirsdottir nicht überein: Das Konzept der reinen Natur sollte nicht durch die Vorstellung ersetzt werden, Natur oder naturhafte Umgebung sei ausschließlich materiell und sozial konstruiert und nicht mehr als die Bedeutungen, die wir ihr in einer hoch technologisierten Welt zuschreiben. Dies scheint kontraintuitiv, da Natur uns nicht nur immer wieder überrascht, überwältigt und neue Facetten offenbart, sondern immer noch Teile der Natur unerforscht sind und wir in einem kontinuierlichen Prozess des Entdeckens durch die Wissenschaft oder unsere eigene gelebte Erfahrung sind. Natur, so lässt sich mit den Autorinnen argumentieren, enthält immer etwas Unbekanntes, Ungreifbares und Mysteriöses.

Der Diskurs um das Ende des Naturbegriffs basiert hingegen auf der Idee, Natur sei gespiegelt, interpretiert und repräsentiert durch die Wissenschaft oder angewandtes Wissen. Jedoch: „it [the discourse] does not account for our experience of being nature ourselves, of being bodies, of connecting to the core of what it means to be a breathing, pulsating, sexuate human being."5 Hier deuten die Autorinnen ihren erfahrungsbasierten Ansatz an: „Perhaps the only way for us to stop seeing nature as something outside of us and truly sense and understand ourselves as natural beings that are a part of the earth's ecosystem is to start focusing more on nature as experiences inour bodies."6 - und machen deutlich dass sie der weiter oben angeführten Argumentation des environmental movement folgen. Um die Natur vor der ausbeuterischen Macht des Menschen zu schützen, ist es notwendig, wieder eine Verbindung zu ihr herzustellen. Der Körper soll dabei als Bindeglied zwischen Mensch und Natur fungieren.

3. Körper und Leib

Um zu verstehen, inwieweit der Körper die Möglichkeit bietet, eine Brücke zwischen Mensch und Natur zu schlagen, scheint es dienlich, an diesem Punkt zwischen Körper und Leib zu differenzieren, was im Deutschen durch den Umstand erleichtert wird, dass es „einen relativ klaren semantischen Unterschied gibt zwischen dem lebendigen Leib in seinem Lebensvollzug, mit all seinen Regungen und Haltungen, und dem Körper."7 Der Leib weist auf das leibliche Spüren und Erleben und kennzeichnet die Bedingung der Möglichkeit von Erfahrungen des In-der-Welt-Seins - „leiblich ist das Erleben von Körper und Welt und damit der subjektive Zugang zu ihr (Erste Person-Perspektive)."8 Leiblich ist, was Ich spüre und wie Ich mich in dieser Welt erlebe, wohingegen der Körper geometrisch durch Oberflächen von außen in seiner Ausdehnung definiert ist, er bildet ein „sicht-, mess- und manipulierbares Objekt im dreidimensionalen Raum, etwas, das von außen, aus der Perspektive einer dritten Person, wahrgenommen werden kann"9. Dabei ist einerlei ob es sich um einen lebendigen oder leblosen, den eigenen oder fremden Körper handelt. Der Körper ist etwas, über das ich ausschließlich als beobachtende und nicht erlebende Person berichten kann.

Jóhannesdóttir und Thorgeirsdottir scheinen sich in ihrer Argumentation eindeutig auf den Leib zu berufen, so argumentieren sie später im Text: „Merleau-Ponty used the word "flesh" to describe this pre-discursive level, and it was no co-incidence that he chose a word that has such a strong connotation with the body as nature - as flesh that comes to be, decays, dies and comes to be again in an endless circle of life."10 Dabei geht es um ein prädiskursives und damit nichtreflexives Vermögen von Erfahrung, denn: „We are so lost in our ideas of nature [...] that we neglect the fact, that we are something before we start thinking and having ideas. We thus suggest that we should stop thinking like a mountain or a mall, and rather start sensing and experiencing like embodied beings."11 Die Möglichkeit der Rückverbindung mit der Natur sehen die Autorinnen folglich allem Anschein nach in der Leibphilosophie und derer praxisnahen Anwendung begründet.

4. Leiblich passive Erfahrung von Natur

Natur enthält, den Autorinnen zufolge, etwas Überraschendes und damit nicht dem aktiven Handeln, Herbeiführen und Konstruieren unterliegendes. Die Tendenz, das Verhältnis von Natur und Mensch als passiv und folglich als empfangend zu verstehen, zeigt sich auch in der Kritik, wie der vermeintlich wilden Natur in einer hochtechnologisierten Welt begegnet wird: „The idea of connecting with nature by being outdoors, in the open wild, in friluftsliv, is diminished because it relies on the idea of being active and letting that action influence your intellectual ideas about your relationship with nature "out there", rather than being passive and open to perveiving your relationship with nature through your body."12

Dieses passive Empfangen der Natur finde sich auch in den Forschungen zum Einfluss von Parks, Grünanlagen sowie Zimmerpflanzen auf die menschliche Gesundheit wieder oder würde beim bloßen Betrachten von Pflanzen zutage treten: „it is obvious that the mere sight of green plants reminds us of nature and gives us a sense ofwellbeing."13 Natur, sei es in Form von Pflanzen, Grünanlagen oder Wäldern, kann demnach qualitativ wahrgenommen, genauer: leiblich gespürt werden. Doch auch die Mülldeponie löst leiblich etwas in uns aus, sei es auch Abscheu oder Übelkeit. Hieraus folgern die Autorinnen: „Registering sensations ofwellbeing, discomfort, or revulsion means acknowledging how we are affected by nature in and through our bodies. We become aware of nature in our bodies when such bodily sensations are evoked and triggered in us, be it in a comforting or an unpleasant manner."14

Welches Naturverständnis liegt hier vor und welches Kriterium haben wir, das uns erlaubt, etwas als Natur zu bezeichnen? Denn auch die Shoppingmall löst leiblich etwas auch, doch behaupten die Autorinnen: „The mall, however, can hardly evoke such a sense, although crowds may at times make us feel bodily discomfort, as though the mall environment is draining the energy out of us."15 Es scheint folglich einen qualitativ erfahrbaren Unterschied zwischen Natur und naturnahen Produkten und Umgebungen wie der Mülldeponie und naturfernen Orten wie der Shoppingmall zu geben, der sich dem Anschein nach darin äußert, dass Natur den Menschen leiblich-affektiv betrifft, während naturferne Umgebungen sich darin äußern, dem Menschen Kraft zu entziehen. Die genaue Bedeutung dieser Passage bleibt jedoch fraglich und ist womöglich dem Umstand geschuldet, dass die Autorinnen mehr daran interessiert sind, eine erste Verbindungslinie zwischen Leib und Natur zu skizzieren, denn eine klar definierte Begriffsbestimmung vorzunehmen: „We do not propose a clearly defined philosophical concept of nature or of environment."16 Festhalten lässt sich: Der Mensch erfährt Natur leiblich.

5. Natur jenseits von innen und außen

Als weiterer problematischer Punkt für die Argumentation der Autorinnen - und im Bild der Natur als unbeflecktes Heiligtum bereits enthalten - erweist sich die Vorstellung, Natur sei etwas, das außerhalb des Menschen bestünde. Diese Überzeugung findet sich sowohl in den Argumentationen des environmental movement als auch bei Kritikern des Naturbegriffs wie Vogel: „One of the reasons that end-of-nature thinkers oppose the use ofthe term "nature" is that they consider it to be a metaphysical term. Vogel claims, for example, that nature or the physical world is seen as "outside" the human mind insofar as the mind is seen as doing thing to nature."17

[...]


1 Jóhannesdóttir, Guöbjörg R., Sigridur Thorgeirsdottir: Reclaiming Nature by Reclaiming the Body. In: BALKAN JOURNAL OF PHILOSOPHY. Vol. 8. Issue 1. 2016. S. 40

2 Ebd.

3 Ebd.

4 Ebd.

5 Jóhannesdóttir. Reclaiming Nature by Reclaiming the Body. S. 41

6 Ebd. S. 41

7 Schmitz, Hermann: Der Leib. De Gruyter: Berlin 2011. Vorwort.

8 Landweer, Hilge, Isabella Marcinski (Hg.): Dem Erleben auf der Spur. Feminismus und die Philosophie des Leibes. Transcript Verlag: Bielefeld 2016. S. 2

9 Ebd.

10 Jóhannesdóttir. Reclaiming Nature by Reclaiming the Body. S. 46

11 Ebd. S. 41

12 Jóhannesdóttir. Reclaiming Nature by Reclaiming the Body. S. 41

13 Ebd. S. 42

14 Ebd.

15 Ebd.

16 Ebd.

17 Ebd. S. 43

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Leib und Natur. Natur als leibphilosophischer Begriff im Kontext des Ökofeminismus
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Jahr
2017
Seiten
13
Katalognummer
V388062
ISBN (eBook)
9783668627550
ISBN (Buch)
9783668627567
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Phänomenologie, Leib, Körper, Natur
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Leib und Natur. Natur als leibphilosophischer Begriff im Kontext des Ökofeminismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388062

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