Soziale Arbeit als Chance für sozial schwache Schüler vor dem Hintergrund der Schule innerhalb der Kontrollgesellschaft


Hausarbeit, 2017

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretische Annahmen zur Kontrollgesellschaft
2.1 Von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft
2.2 Normalisierungsausgangslagen

3. Die Trainingsraummethode in der Praxis Schule vor dem Hintergrund der Kontrollgesellschaft
3.1 Schule innerhalb der Kontrollgesellschaft
3.2 Die Trainingsraummethode als Normalisierungstheorem im Setting Schule
3.2.1 Praktische Anwendung der Trainingsraum-Methode
3.3 Kritische Bewertung des Trainingsraums vor dem Hintergrund sozial schwacher Schüler in der Kontrollgesellschaft

4. Auftrag der Sozialen Arbeit vor dem Hintergrund sozial schwacher Schüler
4.1 Soziale Arbeit und ihr Auftrag
4.2 Lebensweltorientierung als Konzept der Sozialen Arbeit

5. Der Auftrag Sozialer Arbeit vor den Hintergrund der Trainingsraummethode – ein unterstützendes Angebot
5.1 Die Biografiearbeit als Alternative zum Trainingsraum
5.2 Fiktives Fallbeispiel Lena
5.3 Chance der Biografiearbeit als Methode der sozialen Arbeit und in Bezug auf Lena und sozial schwache Schüler

6. Fazit

1. Einleitung

Der aktuelle sozial- und innenpolitische Diskurs um Schulbildung, für den zur NRW Landtagswahl insbesondere die ehemalige Bildungsministerin Sylvia Löhrmann kritisiert wurde, zeigt, dass schulische Bildung in Deutschland zu einem im gesellschaftlichen Diskurs hoch angesehenem Gut gezählt werden kann. Bildung als ist dabei als gesellschaftliche Erwartung anzusehen, da ein Mindestmaß an Bildung vorausgesetzt wird, um Erfolg und Teilhabe in der Gesellschaft zu haben. Gesellschaft selbst zeichnet sich weiterhin durch hohe Erwartungen an ihre Mitglieder aus. Aus Sicht der Theorie der ‚Kontrollgesellschaft’ kennzeichnen die moderne Gesellschaft Forderungen nach Selbststeuerung des Menschen (vgl. Pongratz 2010, S. 66) und einen damit verbunden Sicherheitsverlust durch das Wegbrechen inkludierender Strukturen der „Disziplinargesellschaft“. Dem Individuum wird so betrachtet abverlangt, sich selbst gesellschaftlich durch fortlaufende Konkurrenz mit anderen innerhalb der Gesellschaft zu positionieren (vgl. ebd.). Dabei ist es dazu verdonnert sich den Normen anzupassen, um überhaupt konkurrenzfähig zu sein. Kann den Erwartungen nicht entsprochen werden, so kann es passieren, dass insbesondere schwächer situierte Menschen Erfahrungen der Ausgrenzung und der sozialen Isolation machen. Diese Isolation bedeutet auch den Ausschluss von Tauschprozessen und somit den „sozialen Tod“ (Pongratz 2010, S.72). Sie werden zu Verlierern des ‚Konkurrenzkampfs‘. Die Unterstützung von sozial schwachen Menschen und die Bewahrung dieser vor der sozialen Exklusion stellt eine wichtige Aufgabe der Sozialen Arbeit dar. Ausgehend von der Hypothese, dass gerade schulische Bildung über gesellschaftliche Zugangschancen bestimmt und aus der Perspektive der Theorie der Kontrollgesellschaft als gesellschaftliche Konkurrenzsituation verstanden werden kann, wird in der hier vorliegenden Arbeit der Frage nachgegangen, wie die schulische Methode des „Trainingsraums“ kritisch aus Sicht professioneller Sozialer Arbeit zu betrachten ist und welche Bedeutung sie für sozial schwache Schüler im Kontext von Schule hat. Denn wird den Bildungserwartungen nicht entsprochen, so kommen Methoden wie der Trainingsraum zum Einsatz. Dieser findet in vielen Schulen Deutschlands seinen Platz. Dabei ist jedoch aus Sicht der Sozialen Arbeit kritisch zu bewerten, ob der Trainingsraum den normativen Druck, den die Kontrollgesellschaft ohnehin schon ausdrückt verstärkt. Damit lautet die im Folgenden zu beantwortende Frage aus Sicht der Sozialen Arbeit, ob der Mensch vor dem Hintergrund der Kontrollgesellschaft noch als Subjekt wahrgenommen werden kann und ob der Trainingsraum weiterhin dazu führen kann den Menschen zu objektivieren.

2. Theoretische Annahmen zur Kontrollgesellschaft

Im Folgenden soll zunächst ein theoretischer Rahmen für die vorliegende Arbeit definiert werden. Dazu wird ein allgemeiner Überblick über die Kontrollgesellschaft und dessen Entwicklung aus der Disziplinargesellschaft beschrieben. In Bezug darauf wird der Begriff Gouvernementalität kurz erläutert, sowie die Kontrollmechanismen beschrieben, die zentrales Werkzeug der Kontrollgesellschaft sind. Abschließend soll die Normalisierungsausgangslage und die allgemeine Problematik beschrieben werden, die der Arbeit zugrunde liegt.

2.1 Von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft

Der Begriff Kontrollgesellschaft geht auf den französischen Philosophen Gilles Deleuze (1925-1995) zurück, der diesen in seinem „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ (1990) darstellt. Dabei beschreibt Deleuze die Kontrollgesellschaft als eine neue Gesellschaftsform, die dabei ist, die von Michel Foucault geprägte (vgl. Conrads 2008, o.A.), zentral in seinem Hauptwerk „Überwachen und Strafen. Über die Geburt des Gefängnisses“ (1975) dargestellte, Disziplinargesellschaft abzulösen.

Die Disziplinargesellschaft ist dem 18. und 19. Jahrhundert zuzuordnen und findet ihren Höhepunkt im 20. Jahrhundert (vgl. L´autre journal 1990, Deleuze, G. (1993): Postskriptum über die Kontrollgesellschaften,). Sie beschreibt eine Gesellschaftsform, in der die Individuen verschiedene voneinander abgetrennte Milieus durchlaufen, wie die Familie, die Schule, die Fabrik, möglicherweise das Gefängnis oder das Krankenhaus (vgl. ebd.). Dabei unterliegen die sogenannten „Einschließungsmilieus“ (Pongratz 2014, S.26) der Disziplin. Die Disziplin organisiert den „analytischen Raum“ (Foucault 1994a, S. 184) also das Einschließungsmilieu, das den Rahmen und die Voraussetzung für die Disziplinartechnik bildet (vgl. Pongratz 2014, S.26). „Die Kunst der Verteilung“ (Balzer 2015, S.13) besteht aus verschiedenen Teilen: der Klausur, der Parzellierung, der Zuweisung der Funktionsstellen und der Klassifikation (vgl. ebd., S.13f). Besonders gut sichtbar ist dies in den Fabriken (vgl. Deleuze, G. (1993): Postskriptum über die Kontrollgesellschaften). Die Verteilung dient dazu, dass „niemand aus dem Blick gerät“ (Balzer 2015, S.13) und jeder Lebensbereich entsprechend sanktioniert werden kann (vgl. Foucault 1994a, S.181ff). Ziel ist es mit Hilfe der Sanktionierung aus der reinen Disziplinargesellschaft eine produktive Disziplinargesellschaft zu machen (vgl. ebd., S.198). Es stehen also insbesondere ökonomische Gründe der Nutzbarmachung im Vordergrund (vgl. Feyock 2005, S.5).

Deleuze mit seinem Begriff der Kontrollgesellschaft hingegen, beschreibt den Übergang in eine neue Form der Gesellschaft (vgl. Pongratz 2014, S.25), denn die in der Disziplinargesellschaft bestehenden Einschließungsmilieus seien in eine Krise geraten, was sich, so Deleuze, vor allem durch die immer wieder für notwendig erklärten Reformen zeigt (vgl. Deleuze, G. (1993): Postskriptum über die Kontrollgesellschaften). Mit der Krise der Einschließungsmilieus entwickelt sich ein neues „Repertoire an Führungstechniken“ (Pongratz 2014, S.26). Disziplin und Norm können die Produktivität in der heutigen Zeit nicht mehr sicherstellen. „An ihre Stelle treten Flexibilität, Motivation, Zielvereinbarung oder Selbststeuerung“ (Pongratz 2010, S. 66). Deleuze beschreibt dies als Wandel von der Fabrik zum Unternehmen, welches dem Individuum nun nicht mehr im Sinne der Disziplinierung einen festen Platz zuordnet, sondern sie durch ständige Konkurrenzkämpfe und Rivalität in einen Gegensatz zueinander bringt (vgl. ebd.). Das Unternehmen löst jedoch nicht nur die Fabrik ab, „es wird zum verallgemeinerbaren Modell der neuen Kontrollformen überhaupt“ (Pongratz 2014, S.27). So schreibt Deleuze: „Familie, Schule, Armee, Fabrik sind keine unterschiedlichen analogen Milieus mehr, die auf einen Eigentümer konvergieren, Staat oder private Macht, sondern sind chiffrierte, deformierbare und transformierbare Figuren ein und desselben Unternehmens, das nur noch Geschäftsführer kennt“ (Deleuze 1993, S. 260). War es, so Deleuze, in der Disziplinargesellschaft noch so, dass man nie aufhörte anzufangen, wird man in der Kontrollgesellschaft nie mit etwas fertig (vgl. Deleuze, G. (1993): Postskriptum über die Kontrollgesellschaften). Die Menschen haben keine genauen Zielvorgaben mehr. Wer in der Gesellschaft Erfolg haben will, muss sich den neuen Kontrollmechanismen hingeben und sich mit einem hohen Maß an Selbstkontrolle immer wieder neu anpassen (vgl. Balzer 2015, S.25). Galt in der Disziplinargesellschaft noch das Prinzip des Wächters, der Sanktionen anordnete, so wird „das neue moralische Subjekt zu seinem eigenen Beobachter, Kontrolleur, Investor: kurz zu seinem eigenen Unternehmer“ (Pongratz 2014, S.27). Demnach könnte man die neuen Kontrollmechanismen auch unter den Stichworten „lebenslanges Lernen, permanente Fort- und Weiterbildung, Flexibilität bei der Jobsuche sowie Konsum als Daueraktivität“ (Weber, Maurer 2006, S.133) zusammenfassen, die alle Lebensbereiche durchziehen. Insgesamt hat also ein Umbruch der Regierungsform stattgefunden, weg von den Disziplinarformen „hin zu neuen Formen der Gouvernementalität“ (Pongratz 2014, S.27). Gouvernementalität als Begriff geht dabei auf den späten Foucault zurück und beschreibt eine Form der Regierung, die auf die Förderung von Selbsttechnologien wie beispielsweise Selbstbestimmung, Verantwortung und Wahlfreiheit abzielt und diese an Regierungsziele koppelt. Selbsttechnologien sind demnach „nicht die Grenze des Regierungshandelns, sondern sie sind selbst ein Instrument“ (Pongratz 2014, S. 29). Zentral erscheint, dass die neuen Führungstechniken vor dem Hintergrund „regulativer Entscheidungen“ (Weber 2006, S.133) von den Individuen selbst „im Kontext ihrer je besonderen Eingebundenheit in Familien- und Gemeindestrukturen vollzogen werden“ (ebd.).

Wie im vorangegangenen Abschnitt beschrieben setzen die neuen Kontrollmechanismen auf Selbsttechnologien (vgl. Pongratz 2014, S.28), die insbesondere Motivation, Flexibilität und Selbststeuerung implizieren (vgl. Pongratz 2010, S.66). Dies verlangt den Individuen in der Gesellschaft ein hohes Maß an Selbstkontrolle ab, um sich den immer wieder verändernden Anforderungen entsprechend anzupassen (vgl. Balzer 2015, S.25). Es geht also um „Subjektivierungspraktiken“ (vgl. Pongratz 2014, S.29). Dies sind Praktiken „die sich der Individuen bemächtigen, indem sie sie zu permanenter Selbstprüfung, Selbstartikulation, Selbstdechiffrierung und Selbstoptimierung anstacheln“ (Pongratz 2010, S. 68). Ferner lässt sich Kontrolle als eine Art Modulation beschreiben, die variabel, flexibel und formbar ist. Erhielten die Individuen in der Disziplinargesellschaft eine Signatur, die das entsprechende Individuum angibt sowie eine Zahl, die die Position in der Masse festlegt (vgl. Deleuze, G. (1993): Postskriptum über die Kontrollgesellschaften) und damit jedem einen bestimmten Platz zuordnete, so besteht die Sprache der Kontrolle nicht mehr aus Zahl und Signatur, sondern aus verschiedenen Chiffren. Diese werden aus mehreren Datenbanken ermittelt, die auf der digitalen Vernetzung aller Teile der Gesellschaft basieren und ein bestimmtes Codewort ergeben, welches den Zugang zu Informationen regelt (vgl. Balzer 2015, S.26f). Kontrolle könnte man demnach mit einem elektronischen Halsband vergleichen, das alle Daten einer Person erfasst (vgl. Deleuze, G. (1993): Postskriptum über die Kontrollgesellschaften). Ob eine Person nun Zugang zu spezifischen Ressourcen und Milieus erhält ist abhängig dem individuellen Codewort. Zentral ist, dass sich dieses jederzeit verändern kann. Grund dafür muss nicht zwingend ein fehlerhaftes Verhalten des Individuums sein, sondern kann auch auf einer neunen negativen Einschätzung der Situation beruhen (vgl. Balzer 2015, S.26). Damit dies nicht passiert sind genau die Selbsttechnologien und die ständige Selbstkontrolle notwendig. Individuen die dem Druck nicht gewachsen sind und die Selbsttechnologien nicht flexibel anwenden können, verlieren leicht den Anschluss (vgl. ebd., S.28). Ihre Chiffre wird entsprechend geändert und ihnen werden verschiedene Zugänge verwehrt. Die „exkludierte Minderheit“ (Weber 2006, S.134) bedarf nun einer Vielzahl von spezialisierten Hilfen, um sie im einheitlichen Raum des Sozialen zu reorganisieren (vgl. ebd.).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Theorie der Kontrollgesellschaft nach Deleuze die Individuen der Gesellschaft sehr objektiv beschreibt. Sie müssen den gesellschaftlichen Normen entsprechen müssen, um zu Funktionieren und ein Teil der Gesellschaft zu sein. Alle die diesem vorgegeben Rahmen nicht entsprechen unterliegen dem Ausschluss. In Bezug dazu soll weiterhin die Normalisierungsausgangslage beschrieben werden.

2.2 Normalisierungsausgangslagen

Die Zunahme von Individualisierung, Möglichkeiten und Destabilisierung sozialer Ordnung bergen „neben der Entscheidungsfreiheit und Selbststrukturierung des Lebens auch ein hohes Risiko des Scheiterns“ (Baumgärtner 2014, S.6f). Menschen die scheitern, machen Erfahrungen der Ausgrenzung und Ausgeschlossenheit. Dies stellt die Normalisierungsausgangslage der Kontrollgesellschaft dar. Dabei sollen die Ausgeschlossenen innerhalb eines Sozialen Raumes reorganisiert werden (vgl. Weber / Maurer 2006, S.134). Im Zuge dieser Entwicklungen gewinnt Pädagogik und auch die Soziale Arbeit eine hohe Bedeutung. (Pongratz 2014, S.29).

Bei dem Begriff „das Normale“ selbst, so Link (2006), ist auffällig, dass er sich erst im Zuge der „modernen Massenproduktion und moderner Erhebung von Massendaten sowie der statistischen Analyse solcher Massendaten seit dem 18. Jahrhundert und verstärkt seit dem frühen 19. Jahrhundert“ (Link 2006, S.20) entwickelt hat. Im Hinblick darauf ist der Fachausdruck als eng verknüpfter Komplex zu verstehen, der aus „diskursiven Konzepten und Modellen wie praktischen Verfahren“ (ebd.) besteht, die für die moderne, vor allem westliche Gesellschaft von großer Bedeutung ist. „Dieser Komplex umfasst sowohl spezialdiskursive (wissenschaftliche) wie praktisch-gesellschaftliche Verfahren der „Normalisierung“ – im Sinne des Normal-Machens, der Produktion und Reproduktion von Normalitäten“ (ebd.). Aufgrund der Komplexität fasst Link „das Normale“ unter dem Begriff des „Normalismus“ (ebd.) zusammen. Vor diesem Hintergrund beschreibt er die Etablierung in die Gesellschaft wie folgt: „Spezialdiskurse und ihre Praktiken produzieren spezielle, sektorielle Normalitäten (z.B. medizinische, psychologische, soziologische) – die Interdiskurse integrieren diese verschiedenen Normalitäten zu allgemein kulturellen Vorstellungen von Normalität, zu einer Art Querschnittskategorie des Normalen – diese Querschnittskategorie schließlich erweist sich als selbstverständlicher Orientierungsmaßstab moderner okzidentaler Subjekte im Alltag“ (ebd.). Dabei versteht man unter Spezialdiskursen, Diskurse die spezielles Wissen zunächst für ein spezialisiertes Publikum bereitstellen (vgl. ebd., S.19). Der Interdiskurs hingegen bezieht sich auf die allgemeingebildete Bevölkerung, die diese von den Spezialdiskursen hergestellten Normalitäten diskutieren und aus ihnen die entsprechenden Querschnittskategorien von Normalität bilden (vgl. ebd., S.19f). Es wird also ständig bewertet ob etwas noch normal ist oder nicht. Nach dieser Beurteilung richtet die Gesellschaft ihr Verhalten und Handeln aus (vgl. ebd., S.20).

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Bevölkerung der Kontrollgesellschaft eine Definition von Normalität in unterschiedlichen Lebensbereichen konstruiert. Alle die aus diesem Bereich herausfallen unterliegt der gesellschaftlichen Exklusion und müssen dementsprechend normalisiert werden. So etablierten sich aus theoretischer Perspektive von Kontrollgesellschaft verschiedene Institutionen und Dienstleistungen, die die Aufgabe der Normalisierung übernehmen sollen (vgl. Kessl, Plößer 2010, S.7).

Im Hinblick auf die aktuellen Bildungsdiskurse, soll im Folgenden der Sektor Schule innerhalb der Kontrollgesellschaft beschrieben werde.

3. Die Trainingsraummethode in der Praxis Schule vor dem Hintergrund der Kontrollgesellschaft

Vor dem Hintergrund des theoretischen Teils und des sich aus der Kontrollgesellschaft ergebenen Problems der Exklusion derer, die den Anforderungen nicht gewachsen sind und entsprechen, soll nun der Sektor Schule innerhalb der Kontrollgesellschaft dargestellt werden. In Bezug auf die Normalisierungsausgangslage wird weiterhin der Trainingsraum als Normalisierungstheorem zum Sektor Schule dargestellt. Dieser wird aus Sicht der Sozialarbeiters und mit Blick sozial schwache im letzten Abschnitt kritisch bewertet.

3.1 Schule innerhalb der Kontrollgesellschaft

In der Disziplinargesellschaft war die Schule ein zentrales Einschließungsmilieu, das vor allem dafür Sorge getragen hat, dass funktionstüchtige und geschulte Arbeitskräfte für die Produktion nachkamen. Dies geschah durch Disziplinartechniken, die einen klaren Rahmen und wenig flexible Strukturen vorgaben. Doch auch das Einschließungsmilieu Schule stürzt zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch das Ende der Disziplinargesellschaft in eine Krise (vgl. Ribolis 2011, S. 6ff). Im Zuge der entstehenden Kontrollgesellschaft und zahlreichen Reformen vollzieht sich ein Wandel hin zu einem neuen „Repertoire von Führungstechniken“ (Pongratz 2010, S.66) auch im Sektor Schule. „Die Verbindung von politischen Regierungsformen mit neuartigen (Selbst-)Führungs- und Kontrolltechniken, kurz: die ´freiwillige Selbstkontrolle´ der Individuen lässt sich auf allen Ebenen des Bildungssystems nachzeichnen“ (Pongratz 2014, S. 29), so Pongratz. Gekennzeichnet ist dieser Wandel durch den Übergang von der „alten Lern-und Drillschule“ (Pongratz 2004, S.252) der Disziplinargesellschaft, hin zu „dynamischeren, innengeleiteten Arbeitsformen“ (ebd.), die darauf ausgelegt sind „Fremd- in Selbstregulierung zu überführen“ (ebd.). Vor allem der Begriff „Selbst-Organisation“ (ebd.) wird von Autoren wie Pongratz, so Kolbe, Reh, Idel, Fritzsche und Rabenstein, als „neue ökonomisch nutzbare Ressource“ (ebd.) angesehen. Dabei würden die heutigen neuen „Subjektivierungspraktiken“ (ebd., S.238) bis zu einem „beobachtbaren Selbstzwang und freiwilligem Gehorsam“ (ebd.) reichen. „Erreicht würden diese im Unterricht durch Praktiken reformpädagogischer Settings, die auf Individualisierung setzten und auf Formen der selbstständigen Organisation von Arbeit, der Selbstmotivation und vor allem der (Selbst-)Beurteilung zielen“ (ebd.). Auch Bründel und Simon (2003) beschreiben die Eigenverantwortung des Schülers als Kern der heutigen Schule.

„Lernen ist Selbstorganisation, Selbstbewegung und Eigengestaltung“ (Bründel, Simon 2003, S. 45), welches die Findung kreativer Lösungswege, aber auch Um- und Sonderwege mit einschließt (vgl. ebd.). „Die Verantwortung der Schüler liegt darin ihre eigenen Bildungsziele zu formulieren und ihre eigenen Lernleistungen zu bewerten und bei Bedarf ihre Anstrengungsbereitschaft zu erhöhen und ihr schulisches Engagement zu vergrößern“ (ebd.). Dazu dienen die Lehrer zunächst als Hilfe. Regeln erstellen einen Rahmen für wünschenswertes Verhalten und geben den Schülern Orientierung und Sicherheit. Dabei gilt, dass jeder Schüler das Recht hat guten Unterricht zu bekommen und ihnen die Pflicht obliegt für störungsfreien Unterricht zu sorgen (vgl. ebd., S.47). Gelingt dies nicht, hat der Schüler in Eigenverantwortung für sein Verhalten die Konsequenzen zu tragen.

Auffällig ist, das auch der Sektor Schule im Hinblick auf die Perspektive der Kontrollgesellschaft aus 2.1 das zentrale Augenmerk zwar auf Subjektivierungspraktiken setzt (vgl. Kolbe, Reh ,Idel, Fritzsche, Rabenstein 2009, S.238), die Forderungen an die Schüler jedoch mit hohen normativen Ansprüchen behaftet sind, die verlangen sich an Regeln und Normen innerhalb der Schule zu halten. Geschieht dies nicht werden entsprechende Maßnahmen ergriffen. Dazu wird in Bezug auf Unterrichtsstörungen als Norm- und Regelbruch die Trainingsraum-Methode als Normalisierungstheorem dargestellt, die helfen soll diese zu vermeiden.

3.2 Die Trainingsraummethode als Normalisierungstheorem im Setting Schule

Die Trainingsraum – Methode gilt seit einigen Jahren deutschlandweit als eine wirkungsvolle Methode in Schulen den Unterricht möglichst störungsfrei zu gestalten und Schülerinnen und Schüler zu mehr Verantwortung für ihr eigenes Verhalten zu erziehen (vgl. Bründel, Simon 2003, S. 9). Die Methode zielt darauf ab Unterrichtsstörungen dahingehend zu vermeiden, dass die Schüler und Schülerinnen bei Fehlverhalten eigenverantwortlich ihr Denken und Handeln innerhalb eines abgesonderten Raumes mit Hilfe eines speziell ausgebildeten Trainingsraum-Lehrers reflektieren (vgl. ebd. S.58). Ziel ist es ihre Störung selbst zu erkennen, sodass Einstellungs- und Verhaltensänderungen durch die Schüler selbst erzielt werden können (vgl. ebd., S.15). Dabei ist es innerhalb des Trainingsraumes, der aus circa zehn bis zwölf Einzeltischen besteht, notwendig im Gespräch mit dem ausgebildeten Trainingsraum-Lehrer herauszufinden, was der Schüler mit seinem Verhalten erreichen wollte und was er mit der Störung beabsichtigt hat (vgl. ebd., S.63). Im Anschluss soll erarbeitet werden, wie es ihm gelingen kann nicht mehr zu stören und ferner die Ideen in einen „konkreten, messbaren und überschaubaren Plan“ (ebd., S.60) umzusetzen. Dies dient dazu die Notwendigkeit für die Einhaltung von Regeln in der Schule wachzurufen (vgl. ebd., S.50). Zugleich soll das Programm die Lehrer in ihrem Schulalltag wesentlich entlasten (vgl. ebd.). So schreiben Bründel und Simon in ihrem Buch „Die Trainingsraum-Methode“ (2003): „Schüler und Schülerinnen – so beklagen Lehrer und Schulpsychologen gemeinsam - verfügen im Allgemeinen über wenig Lebenskompetenz und über eine nur geringe Eigenverantwortlichkeit für ihr Verhalten. Sie sind es gewohnt die Verantwortung auf andere zu schieben, sich bei der Frage, wer angefangen hat, herauszureden und eigenes Verhalten oft mit dem anderer zu entschuldigen. Sie machen sich nicht genug bewusst, dass sie selbst und nicht andere ihr Verhalten verursachen, dass ihre Handlungen `im Kopf ´entstehen, d.h. gewünscht und gewollt sind. Sie haben es nicht gelernt, den Eigenanteil ihres Verhaltens zu erkennen, Konsequenzen zu überdenken und sich selbst zu kontrollieren.“ (ebd., S.16). Dort findet der Trainingsraum seinen Ausgangspunkt. Mit der Methode soll den Lehrern ermöglicht werden einen Unterricht frei von Störungen zu gestalten (vgl. ebd.). Gleichzeitig soll das „Schülerbewusstsein für Regeln, Regeleinhaltung und Regelverletzung“ (vgl. ebd., S.40) gestärkt werden, sowie zu eigenverantwortlichem Handeln motiviert werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Soziale Arbeit als Chance für sozial schwache Schüler vor dem Hintergrund der Schule innerhalb der Kontrollgesellschaft
Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
21
Katalognummer
V388588
ISBN (eBook)
9783668649293
ISBN (Buch)
9783668649309
Dateigröße
569 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale, arbeit, chance, schüler, hintergrund, schule, kontrollgesellschaft
Arbeit zitieren
Verena Morfeld (Autor), 2017, Soziale Arbeit als Chance für sozial schwache Schüler vor dem Hintergrund der Schule innerhalb der Kontrollgesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388588

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