Der aktuelle sozial- und innenpolitische Diskurs um Schulbildung, für den zur NRW Landtagswahl insbesondere die ehemalige Bildungsministerin Sylvia Löhrmann kritisiert wurde, zeigt, dass schulische Bildung in Deutschland zu einem im gesellschaftlichen Diskurs hoch angesehenem Gut gezählt werden kann. Bildung als ist dabei als gesellschaftliche Erwartung anzusehen, da ein Mindestmaß an Bildung vorausgesetzt wird, um Erfolg und Teilhabe in der Gesellschaft zu haben. Gesellschaft selbst zeichnet sich weiterhin durch hohe Erwartungen an ihre Mitglieder aus. Aus Sicht der Theorie der ‚Kontrollgesellschaft’ kennzeichnen die moderne Gesellschaft Forderungen nach Selbststeuerung des Menschen und einen damit verbunden Sicherheitsverlust durch das Wegbrechen inkludierender Strukturen der „Disziplinargesellschaft“. Dem Individuum wird so betrachtet abverlangt, sich selbst gesellschaftlich durch fortlaufende Konkurrenz mit anderen innerhalb der Gesellschaft zu positionieren. Dabei ist es dazu verdonnert sich den Normen anzupassen, um überhaupt konkurrenzfähig zu sein. Kann den Erwartungen nicht entsprochen werden, so kann es passieren, dass insbesondere schwächer situierte Menschen Erfahrungen der Ausgrenzung und der sozialen Isolation machen.
Diese Isolation bedeutet auch den Ausschluss von Tauschprozessen und somit den „sozialen Tod“ (Pongratz 2010, S.72). Sie werden zu Verlierern des ‚Konkurrenzkampfs‘. Die Unterstützung von sozial schwachen Menschen und die Bewahrung dieser vor der sozialen Exklusion stellt eine wichtige Aufgabe der Sozialen Arbeit dar. Ausgehend von der Hypothese, dass gerade schulische Bildung über gesellschaftliche Zugangschancen bestimmt und aus der Perspektive der Theorie der Kontrollgesellschaft als gesellschaftliche Konkurrenzsituation verstanden werden kann, wird in der hier vorliegenden Arbeit der Frage nachgegangen, wie die schulische Methode des „Trainingsraums“ kritisch aus Sicht professioneller Sozialer Arbeit zu betrachten ist und welche Bedeutung sie für sozial schwache Schüler im Kontext von Schule hat. Denn wird den Bildungserwartungen nicht entsprochen, so kommen Methoden wie der Trainingsraum zum Einsatz. Dieser findet in vielen Schulen Deutschlands seinen Platz. Dabei ist jedoch aus Sicht der Sozialen Arbeit kritisch zu bewerten, ob der Trainingsraum den normativen Druck, den die Kontrollgesellschaft ohnehin schon ausdrückt, verstärkt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theoretische Annahmen zur Kontrollgesellschaft
2.1 Von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft
2.2 Normalisierungsausgangslagen
3. Die Trainingsraummethode in der Praxis Schule vor dem Hintergrund der Kontrollgesellschaft
3.1 Schule innerhalb der Kontrollgesellschaft
3.2 Die Trainingsraummethode als Normalisierungstheorem im Setting Schule
3.2.1 Praktische Anwendung der Trainingsraum-Methode
3.3 Kritische Bewertung des Trainingsraums vor dem Hintergrund sozial schwacher Schüler in der Kontrollgesellschaft
4. Auftrag der Sozialen Arbeit vor dem Hintergrund sozial schwacher Schüler
4.1 Soziale Arbeit und ihr Auftrag
4.2 Lebensweltorientierung als Konzept der Sozialen Arbeit
5. Der Auftrag Sozialer Arbeit vor den Hintergrund der Trainingsraummethode – ein unterstützendes Angebot
5.1 Die Biografiearbeit als Alternative zum Trainingsraum
5.2 Fiktives Fallbeispiel Lena
5.3 Chance der Biografiearbeit als Methode der sozialen Arbeit und in Bezug auf Lena und sozial schwache Schüler
6. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht kritisch die schulische Methode des Trainingsraums im Kontext der Kontrollgesellschaft. Ziel ist es zu analysieren, ob diese Methode den normativen Druck auf sozial schwache Schüler verstärkt oder ob alternative Ansätze der Sozialen Arbeit, wie die Biografiearbeit, eine stärkere Unterstützung des Individuums ermöglichen.
- Kontrollgesellschaft nach Gilles Deleuze
- Trainingsraum-Methode als Normalisierungsinstrument
- Herausforderungen für sozial schwache Schüler
- Auftrag und Mandat der Sozialen Arbeit
- Biografiearbeit als ganzheitliche Alternative
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Praktische Anwendung der Trainingsraum-Methode
Die Trainingsraum-Methode läuft nach einem bestimmten Schema ab. Zunächst bemerkt der Lehrer die Störung im Unterricht. Er macht den Schüler auf diese aufmerksam und ein Frageprozess entsteht. Dabei wird der Schüler gefragt, was er macht, welche Regel es ist, die er gebrochen hat und weiterhin was passiert, wenn er gegen die Regel verstößt (vgl. ebd., S.51). Dann unterbreitet die Lehrkraft ein Angebot, welches so aussieht dass der Schüler entweder ohne zu stören weiterhin am Unterricht teilhaben kann, oder in den Trainingsraum geht, wo der Trainingsraum-Lehrer sein Störverhalten mit ihm bespricht und reflektiert, um gemeinsam eine Änderung des Verhaltens zu erreichen (vgl. ebd., S.40). Dabei muss immer eine Entscheidung vom Schüler selbst getroffen werden.
Zum Abschluss des Prozedere gilt es die Frage zu beantworten was passiert wenn er wieder stört, denn dann muss der Schüler direkt in den Trainingsraum (vgl. ebd., S.51). Im Frageprozess ist es von Bedeutung, dass der Umgangston freundlich und respektvoll ist, um den Schülern die Selbstreflexion zu ermöglichen (ebd., S.53). Trifft der Schüler die Entscheidung in den Trainingsraum zu gehen, bekommt er einen Laufzettel, auf dem alle nötigen Informationen stehen die für den Trainingsraum-Lehrer relevant sind. Nach Eintritt in den Raum läuft der Trainingsraum-Aufenthalt nach einem 14-schrittigen festgelegten Plan ab, der wie folgt aussieht: „1. Anklopfen, 2. Begrüßung, 3. Übergabe des Laufzettels, 4. Schüler setzt sich auf einen freien Platz je nach Situation, 5. Schüler/in signalisiert Gesprächsbereitschaft, 6. Schüler/in schildert seine/ihre Sicht der Störung, 7. Absichten/Hintergründe erforschen, 8. Absicht vom Verhalten trennen, 9. Regelverstoß benennen, 10. Ideen für das zukünftige Verhalten sammeln lassen, 11. Plan schreiben lassen, 12. Absprachen treffen über das Einholen der Hausaufgaben und Nacharbeiten des Versäumten, 13. Plan kopieren, 14. Verabschiedung“ (Bründel 2003, S.61). Zentral in diesem Ablauf ist der Plan. Um diesen zu erstellen, muss der Trainingsraumlehrer zunächst die sogenannte „kontrollierte Variable“ (ebd., S.64) herausfinden, also das was der Schüler bewusst oder weniger bewusste mit seinem Störverhalten erreichen wollte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Thema der schulischen Bildung innerhalb der Kontrollgesellschaft und Formulierung der Fragestellung bezüglich der Trainingsraummethode.
2. Theoretische Annahmen zur Kontrollgesellschaft: Darstellung des theoretischen Rahmens durch den Übergang von der Disziplinar- zur Kontrollgesellschaft und Erläuterung der Normalisierungsmechanismen.
3. Die Trainingsraummethode in der Praxis Schule vor dem Hintergrund der Kontrollgesellschaft: Analyse der Schule als Ort moderner Führungstechniken und kritische Untersuchung der Trainingsraummethode.
4. Auftrag der Sozialen Arbeit vor dem Hintergrund sozial schwacher Schüler: Erörterung der professionellen Identität und des Mandats der Sozialen Arbeit sowie des Konzepts der Lebensweltorientierung.
5. Der Auftrag Sozialer Arbeit vor den Hintergrund der Trainingsraummethode – ein unterstützendes Angebot: Vorstellung der Biografiearbeit als Alternative zum Trainingsraum anhand eines fiktiven Fallbeispiels.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Plädoyer für einen subjektorientierten Blick in der pädagogischen Arbeit.
Schlüsselwörter
Kontrollgesellschaft, Disziplinargesellschaft, Trainingsraum-Methode, Soziale Arbeit, Biografiearbeit, Normalisierung, Lebensweltorientierung, Subjektivierung, Exklusion, soziale Schwäche, Schulerfolg, Selbststeuerung, Führungstechniken, individuelle Förderung, Interdiskurs.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie die Methode des Trainingsraums in Schulen auf sozial schwache Schüler wirkt, wenn man sie vor dem Hintergrund der Theorie der Kontrollgesellschaft betrachtet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Felder sind die soziologische Theorie der Kontrollgesellschaft, schulische Disziplinierungsmaßnahmen, der professionelle Auftrag der Sozialen Arbeit und die Methode der Biografiearbeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, kritisch zu hinterfragen, ob der Trainingsraum als Methode den normativen Druck auf Schüler erhöht, und aufzuzeigen, wie Biografiearbeit als alternative Unterstützung dienen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für die Arbeit gewählt?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse sowie der Fallanalyse eines fiktiven Fallbeispiels, um die Auswirkungen pädagogischer Konzepte auf das Individuum zu veranschaulichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Wandel der Schule zur Kontrollinstitution, beschreibt die praktische Anwendung des Trainingsraums und kontrastiert diese mit dem lebensweltorientierten Ansatz der Sozialen Arbeit.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Kontrollgesellschaft, Normalisierung, Trainingsraummethode, Soziale Arbeit, Biografiearbeit und die Förderung sozial schwacher Schüler.
Was ist die „kontrollierte Variable“ im Trainingsraum?
Dies ist der Aspekt, den der Trainingsraum-Lehrer herausfinden möchte: das bewusste oder unbewusste Ziel, das der Schüler mit seinem störenden Verhalten zu erreichen versucht.
Warum wird Lena als Fallbeispiel angeführt?
Lena dient dazu, die Grenzen der Trainingsraum-Methode aufzuzeigen, da diese bei Schülern mit komplexer, belasteter Biografie oft nicht greift und die tieferen Ursachen ihres Verhaltens ignoriert.
Welche Rolle spielt das „Trippelmandat“ der Sozialen Arbeit?
Es dient dazu, eine kritisch-reflexive Distanz zu wahren und sicherzustellen, dass die Soziale Arbeit nicht nur den gesellschaftlichen Anforderungen folgt, sondern auch ethische Standards für das Subjekt wahrt.
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- Verena Morfeld (Autor), 2017, Soziale Arbeit als Chance für sozial schwache Schüler vor dem Hintergrund der Schule innerhalb der Kontrollgesellschaft, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388588