Bruce LaBruces "No Skin Off My Ass" (1991) und seine kritische Auseinandersetzung mit Punk und Queerness


Hausarbeit, 2017

12 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

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1.
Einleitung
I'm not going to write about punk, because whenever anybody tries to, they
come off sounding really stupid. Punk isn't supposed to be written about, just
like `queercore' fanzines aren't supposed to be catalogued and historicised
and analysed to death [...] because sometimes to explain is to weaken. (Bruce
LaBruce, 1995, S. 205)
Mit dem Risiko nun äußerst blöd zu klingen, werde ich mich in dieser Arbeit mit dem
Thema Queercore beschäftigen und diesbezüglich den Film No Skin Off My Ass ­ sofern
dies im Rahmen dieser acht Seiten möglich ist ­ zu Tode analysieren. Das einleitende
Zitat stammt von Bruce LaBruce, Enfant Terrible des New Queer Cinema, kanadischer
Filmkritiker mit einem Masterabschluss in Filmtheorie, radikaler Post-Punk-
Provokateur und selbsternannter "Reluctant Pornographer" (LaBruce, 1997). Er machte
diese Äußerung im Jahre 1995 in Burstons und Richardsons Sammelwerk A Queer
Romance:
Lesbians, Gay Men, and Popular Culture
bei seinem widerwilligen Versuch
einer Beschreibung der Queercore-Szene. ,,`Queercore` is dead. I know, because I say it
is. Our son is dead." proklamiert er im selbigen Aufsatz zynisch und bringt in seiner
daraufhin geschilderten Reaktion auf Mike Nichols Verfilmung (1966) von Edward
Albees Stück Who's Afraid of Virginia Woolf? (1962) eine feministische Kritik an
Albees Verwendung von ,,Sohn" anstatt von ,,Tochter" mit ein (LaBruce, 1995, S. 197).
Der Pionier der Queercore-Bewegung erklärt ebendiese letztendlich also als
bewegungslos (Siegel, 2009). Ist Queercore tatsächlich tot oder ist diese Aussage eher
als eine weitere Provokation LaBruces` zu verstehen, die sich sarkastisch an einem
militärischen Gestus (,stillgestanden`) bedient? War Queercore, ebenso wie der Sohn
von George und Martha in Who's Afraid of Virginia Woolf?, möglicherweise niemals
lebendig, sondern nur die utopische Traumvorstellung einer desillusionierten Gruppe
von Queer-Punks der 1990er? Welche Rolle spielt der Film No Skin Off My Ass dabei
und inwiefern ist die von LaBruce geäußerte Kritik dort bereits aufzufinden?
Ziel dieser Arbeit ist es, die in No Skin Off My Ass verwendeten ästhetischen und
narrativen Gestaltungsmittel im Hinblick auf eine Kritik sowohl an homonormativen
Tendenzen der Schwulen- und Lesbenbewegung, als auch an der homophoben
Ausrichtung der Punk-Szene Anfang der 90er Jahre zu untersuchen. Zunächst wird sich
der Fragestellung durch eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Begriff ,queer`
genähert. Eine genauere Betrachtung des New Queer Cinema zur Entstehungszeit des
Films sowie der Queercore-Bewegung und deren Abgrenzung zum schwulen und
lesbischen Mainstream soll daraufhin Aufschluss über den Rezeptions- und

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Produktionskontext geben. Dabei wird sich vor allem mit der Frage beschäftigt, auf
welche Weise der Film normativ-hierarchische Repräsentationssysteme untergräbt und
inwiefern LaBruces Gegenentwurf ein subversives Potential beinhaltet. In Rückbezug
auf das Eingangszitat wird infolgedessen darauf eingegangen, ob Queercore tatsächlich
tot ist und welchen Einfluss die akademische Auseinandersetzung mit der radikalen,
anti-institutionellen Bewegung auf deren eigenen Stillstand hat. Den Abschluss der
Arbeit bildet ein Fazit mit Ausblick auf Fragen die heutzutage im Zusammenhang mit
LaBruces Kritik und queer-feministischem Filmschaffen interessant erscheinen.
2.
Theorie: Queer Theory, Queer Cinema, Queercore
No Skin Off My Ass entstand 1991 als Zusammenarbeit von Bruce LaBruce und G.B.
Jones, Mitbegründerin der experimentellen Post-Punk Band Fifth Column, die beide
auch als Darsteller im Film agieren. Zuvor hatten sich die beiden bereits für ihr Zine
J.D.s zusammengeschlossen und verwirklichten so nun auch ihren ersten Langspielfilm
gemeinsam. In fragmentarischen Episoden erzählt der Film die Liebesgeschichte eines
Friseurs (Bruce LaBruce), der sich im Park in einen Skinhead (Klaus von Bücker)
verliebt und diesen mit zu sich nach Hause nimmt. In Anlehnung an Robert Altmans
That Cold Day in the Park (1969), welchen der Friseur zu Beginn des Films im
Fernsehen schaut, wird der Skinhead zum Objekt seiner erotischen Begierde. Obwohl
der Skinhead entfliehen kann und zunächst bei seiner lesbischen Schwester und radikal-
feministischen Filmemacherin (GB. Jones) auftaucht, gesteht er sich später ein, dass er
zum Friseur zurückkehren möchte.
Der Film wird zu den unabhängigen Werken des
New Queer Cinema gezählt, LaBruce (1995) grenzt sich durch seine punkige
Außenseiterhaltung jedoch sogar noch weiter von den bereits kritisch positionierten,
queeren Independentfilmen ab. Der Ausdruck ,New Queer Cinema` wurde 1992 von
Filmkritikerin und -theoretikerin B. Ruby Rich in ihrem gleichnamigen Artikel geprägt.
Sie arbeitet darin folgende Merkmale des neuen queeren Kinos heraus:
"[...] there are traces in all of them of appropriation and pastiche, irony, as well as a
reworking of history with social constructionism very much in mind.
Definitively breaking
with older humanist approaches and the films and tapes that accompanied identity politics,
these works are irreverent, energetic, alternately minimalist and excessive. Above all,
they're full of pleasure." (Rich, 1992, p. 32)
Die Strömung zeichnet sich durch politische und ästhetische Independentfilme aus, die
sowohl an Avantgarde, Underground und Queer Cinema anlehnen. Ebenso wie
LaBruce, Initiator der Queercore Bewegung, diese 1995 für tot erklärt, so stellt auch
B.
Ruby Rich 2004 in einem Interview mit Jennie Rose fest, dass das New Queer Cinema

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nun endgültig beendet ist und fügt hinzu ,,It
's the worst nightmare of every gay activist
from the 1970s and 1980s who said, `If you don't watch out, you're going to end up with
lifestyle, lifestyle lifestyle'."
Der Begriff ,queer` wurde zuvor als abwertende Bezeichnung für von der Norm
abweichende Sexualitäten verwendet, um deren Andersheit negativ herauszustellen.
Diese Konnotation wurde in den 1990ern von queeren Aktivist_innen umgedeutet,
indem sie sich das Wort aneigneten und durch eine positive Interpretation von
Diversität ersetzten. Queer ist ein inklusiverer und fluider Begriff, der polarisierende
Kategorisierungen kritisiert und daher auch nicht lediglich als Synonym für schwul oder
lesbisch zu verstehen ist (Brontsema, 2004). Es ging dabei nämlich ausdrücklich nicht
um die Zuordnung einer fest bestimmten Identität, sondern gerade eben um die
Zurückweisung solcher Kategorien durch das Aufbrechen eines essentialistischen
Verständnisses von Sexualität, Begehren und Geschlecht (Stryker, 2008). Teresia de
Lauretis brachte das Wort ,queer` im Jahr 1990 im Titel der Konferenz ,,Queer Theory"
an der University of California mit Theorie zusammen und führte den Begriff somit
namentlich in den akademischen Diskurs ein (Halperlin, 2003, S. 340). Zwar wurden
Instabilität von Identitätszuschreibungen und Fluidität von Geschlechtern bereits auch
schon weitaus vorher bei Vordenker_innen wie Michel Foucault (The History of
Sexuality, 1976-1984), Judith Butler (Gender Trouble, 1990) und Eve Sedgwick
(Epistemology of the Closet, 1990) thematisiert, durch die Queer Theory wurde in den
1990ern jedoch ein Perspektivenwechsel eingeleitet (Logorrhöe & Woltersdorff, 2003).
Wie Gudrun Perko (2005, S.15) erläutert, wird unter Queer Theory ,,keine einheitliche
Theorie verstanden, sondern ein offenes politisches und theoretisches Projekt". Die
Ambiguität des Begriffs und dessen poststrukturalistische Logik der
Bedeutungsverschiebung macht eine eindeutige Definition umso schwieriger, was sich
auch im akademischen Diskurs über die Bedeutung des Wortes beobachten lässt. Nikki
Sullivan (2003) legt daher nahe, nicht danach zu fragen was Queer Theory ist, sondern
,queer` als Verb zu verstehen. So schreibt sie "To queer is to make strange, to frustrate,
to counteract, to delegitimize, to camp up" (Sullivan, 2003, S. vi) und schlägt vor sich
auf die queeren Praxen zu konzentrieren, mit denen heteronormatives Wissen und
Institutionen hinterfragt werden.
Die Queercore Bewegung formte sich in den 1980er Jahren in Reaktion auf ein
entpolitisiertes Feiern bunter Vielfalt und hetero- als auch homonormative Ausschlüsse
(Viegener, 1993). G.B. Jones und Bruce LaBruce brachten in Toronto ihr

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Underground-Fanzine J.D.s heraus und rechneten darin sowohl mit der homophoben,
männlich und weiß dominierten Punk-Szene, als auch den neoliberalen Tendenzen des
schwulen und lesbischen Mainstream ab (Erickson, 2013). Curran Nault (2017, S. 1)
definiert Queercore als
,,configuration of artistically minded gender/sexual dissidents who annex punk practices
and aesthetics to challenge the oppressions of the mainstream and the lifeless sexual
politics and assimilationist tendencies of dominant gay and lesbian society".
Diese Subkultur, so beschreibt er, verschrieb sich radikaler queerer Politik, welche sich
ausdrücklich gegen das Establishment und die Verbürgerlichung stellte. Der
zunehmende Druck, sich konservativer Politik anzupassen und in die
Konsumgesellschaft einzugliedern, wurde mit dem Begriff der ,,Homonormativität"
(Duggan, 2002, S. 175) beschrieben. Darunter ist ein Einwand gegen die vorgegebene
Akzeptanz und die Auslöschung von Differenz zu verstehen, die eher zu einer
Entmachtung im rechtlichen und politischen Handlungsraum, als zu einer tatsächlichen
Gleichberechtigung von Minderheiten führte. Angelehnt an den Begriff der
Heteronormativität, welche von einer naturalisierten Zweigeschlechtlichkeit und
Privilegierung von Heterosexualität ausgeht (Warner, 1991), beschreibt
Homonormativität ein normatives Konzept von Homosexualität, das laut Susan Stryker
(2008) eine Unsichtbarkeit von Trans*personen und genderqueeren Menschen bestärkt.
Auf diese Weise wurden normative Machtverhältnisse gefestigt, anstatt diese durch eine
klare Gegenposition zu zerrütten (Duggan, 2002). In der Queercore-Bewegung
hingegen war Platz für alle Menschen, die sich außerhalb binärer Vorstellungen von
Gender, Sex und Begehren wiederfinden und möglicherweise nicht explizit als
homosexuell identifizieren (Nault, 2017). In einer ablehnenden Haltung gegenüber
Kategorisierungen bedienten sich die Zugehörigen der Queercore-Szene an den
nonkonformistischen Praktiken des Punk. In einem Interview mit dem australischen
Filmmagazin 4:3 (2015) schildert Bruce LaBruce die oppositionelle Ausrichtung von
Queerness und Punk:
"For me it's really a class of civilizations, or I guess a clash of cultures, or counter-cultures.
Even though I was alienated by both the gay subculture and the punk subculture, peripherally I
was involved with both. So I kind of ended up forming an identity in opposition to them, to
even the counter-cultures. So I took elements from both. Punk and gay were very oppositional
in terms of aesthetics and politics"
Auch in ihrem Zine J.D.s deklarieren Jones und LaBruce ihre Absicht ,,[to put] the punk
back in the queer and the queer back in punk." (Jones und LaBruce, 1989, S. 30, zitiert
in Nault, 2017).
Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Bruce LaBruces "No Skin Off My Ass" (1991) und seine kritische Auseinandersetzung mit Punk und Queerness
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Theater, Film und Medien)
Veranstaltung
Queer Cinema
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
12
Katalognummer
V388735
ISBN (eBook)
9783668627277
ISBN (Buch)
9783668627284
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
queer, punk, Bruce LaBruce, No Skin Off My Ass, new queer cinema, punk cinema, queer studies, film studies, queercore, cinema studies, homonormativity, queer theory, feminist punk, post pornography, queer cinem, homocore
Arbeit zitieren
Vivien Cahn (Autor), 2017, Bruce LaBruces "No Skin Off My Ass" (1991) und seine kritische Auseinandersetzung mit Punk und Queerness, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/388735

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