Sieht man sich den Prozess der Ausdifferenzierung der Wissenschaften an, ist ein Ringen um ein zweifaches Anliegen nachzuzeichnen: Die Grenzen und Möglichkeiten der menschlichen Erkenntnisfähigkeit zu bestimmen, und die Zuständigkeitsbereiche der Erkenntnisformen und deren Methoden voneinander abzugrenzen.
Was jedoch, wenn die Vernunft auf diesem Wege nicht nur vor den „Gerichtshof der Vernunft“ , sondern schlussendlich auf das Schafott der Wissenschaften gelangt? Was bedeutet ein Wissenschaftsverständnis für die Welt, das einen nicht unerheblichen Teil aller möglichen Fragen, u. a. Fragen nach dem Sollen des Menschen, zunächst nur methodisch ausblendet, ihn dann aber durch den eigenen Fortschritt für überwunden und somit obsolet erklärt, ihn zur spekulativen Metaphysik abstempelt, derer man sich tunlichst zu enthalten habe?
Was ist von einer Wissenschaft zu halten, die, um ihrer selbstgesetzten präskriptiven Standards Willen, sich normativer Aussagen enthält, sich aber auch jeder Verantwortung für ihr Handeln und Denken entzieht?
Und wie kommen Generationen ohne Kommunikation dieser lästigen Fragen aus, weil sie in Vergessenheit geraten sind, denn, „worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen“.
Spätestens an dieser Stelle tritt die pädagogische Dimension des beschriebenen Dilemmas zutage. Kann pädagogisches Denken diese lästigen Sollens-Fragen ignorieren, um in der Familie der Wissenschaften willkommen zu sein oder gibt es eine Lesart von Normativität, die es pädagogischem Denken erlaubt, Sollens-Fragen zu stellen und normative Antworten zu geben, und dennoch Wissenschaft zu bleiben?
Mit anderen Worten: Kann pädagogisches Denken und Handeln ethische Fragen an „Ethikkommissionen“ delegieren? Kann es dem Pädagogen genügen, sich durch eine Art „pädagogischen Eid“ moralisch abzusichern? Oder muss „die Pädagogik“ sich gleichsam mit dem Hut in den Ring werfen, um das ihr immanente Wesen zu erreichen, dann aber um den Preis, dem etablierten Wissenschaftsverständnis nicht zu entsprechen?
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 „Abklärung über Aufklärung“ oder von der Verabschiedung des Normativitätsproblems in der Postmoderne
2.1 Vom „Projekt der Aufklärung“
2.1.1 Naturwissenschaft und Empirie
2.1.2 Geistes- und Sozialwissenschaften
2.1.2.1 Positivismus
2.1.2.2 Hermeneutik
2.2 Von der „Dialektik der Aufklärung“
2.2.1 Vom Erbe der Philosophie
2.2.2 Vom Ende der großen Erzählungen
3 „Revision der Moderne“ oder von der Normativität des Faktischen zur Faktizität der Normativität
3.1 Transzendentalphilosophie
3.2 Vom Bürger zweier Welten
3.2.1 Die sensible Welt des Seins in Ansehung der Natur der Dinge und der Gebrauch der „spekulativen“ Vernunft
3.2.2 Die intelligible Welt des Sollens bzw. Handelns in Ansehung der Freiheit des Menschen und der Gebrauch der „praktischen“ Vernunft
3.3 Von der Freiheit bei dem Zwange
3.4 Urteilskraft und Primat der praktischen Vernunft
4 „Aufklärung ohne Ende“ oder „normative“ Pädagogik als „Prinzipienwissenschaft“
4.1 Exkurs: Immanuel Kant: Über Pädagogik
4.2 Pädagogik als Wissenschaft
4.2.1 Pädagogik und Philosophie
4.2.1.1 Von der „Natur des Ich“
4.2.1.2 Prinzipien
4.2.2 Pädagogik und Empirie
4.3 Pädagogik als Profession
4.3.1 Vom pädagogischen Takt
4.3.2 Pädagogen zwischen Engagement und Distanzierung
5 Zusammenfassung und Fazit
6 Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen empirischem Wissenschaftsverständnis und der Notwendigkeit normativer pädagogischer Begründungen, um einen wissenschaftstheoretisch fundierten, transzendentalen Bildungsbegriff zu etablieren, der Pädagogik als „Prinzipienwissenschaft“ legitimiert.
- Historische Analyse des Verlusts regulativer Mechanismen im modernen Wissenschaftsverständnis.
- Revision der Moderne mittels Kantischer Transzendentalphilosophie zur Begründung von Normativität.
- Bestimmung der Pädagogik als eine Wissenschaft, die das „pädagogische Moment“ des Menschen erkennt.
- Erörterung der pädagogischen Profession zwischen faktischer Wirklichkeit und normativer Verpflichtung.
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Naturwissenschaft und Empirie
Hier ist zunächst festzuhalten, dass der naturwissenschaftliche Empirismus, als eine „Gattung menschlicher Erkenntnis“, zwar methodisch auf Beobachtung und Experiment basiert, sein eigentliches logisches Fundament jedoch seine Einstellung diesen gegenüber ist. So bricht Galilei mit der Tradition nur deshalb, weil er die Ergebnisse seiner Beobachtungen und Experimente als „Tatsachen“, die unabhängig von einem vorgefassten Weltbild sind, behandelt. Die Tatsachen lassen ich nicht unbedingt in ein anerkanntes System des Universums einordnen, aber Galilei ist der Meinung, dass es von entscheidender Wichtigkeit sei, die Tatsachen hinzunehmen, um dann aus ihnen eine geeignete Theorie aufbauen zu können.
Mit anderen Worten läuft alle Legitimation der Verknüpfung von Gegenstand und Methode der Naturwissenschaften und aller Geltungsanspruch naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auf die These hinaus, dass die Natur als ein „in einem ganz anspruchsvollen Sinne determiniertes System“ mit „vollständiger Kausalordnung“ außerhalb des Erkenntnis-subjekts existiert, sich durch Naturphänomene als Tatsachen vergegenständlicht und somit der Erkenntnis durch unvoreingenommene Erfahrung und Induktion, als dem „Prinzip des Empirismus“, zugänglich macht.
Der Beobachter scheint gegenüber dem, was er beobachtet, einen Freiheitsgrad zu besitzen. Er scheint dem Beobachteten in Distanz gegenüberzustehen und außerdem aus dieser Distanz heraus, sich als den Beobachtenden geradezu zwangsläufig zu vergessen, indem er sich in die Sachen versenkt. Die Naturwissenschaften haben ihren Bezug zur erkennenden Tätigkeit preisgegeben. Ex post könnte man auch sagen, „sie haben ihn bewusst aufgegeben, um ihn am Ende wiederzugewinnen“.
Deshalb sind es die Tatsachen der Natur, die der wissenschaftlichen Methode des Empirismus insofern am Zuträglichsten scheinen, als die Natur etwas Unabhängiges in dem Sinne ist, dass sie ist, wie sie ist, einerlei, ob die Menschen sie beobachten oder nicht, ob sie Theorien auf die Natur anwenden oder diese in der einen oder anderen Weise interpretieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung thematisiert das Dilemma der menschlichen Vernunft angesichts unbeantwortbarer Fragen und skizziert die Problematik einer Pädagogik, die zwischen wissenschaftlicher Neutralität und normativer Verantwortung steht.
2 „Abklärung über Aufklärung“ oder von der Verabschiedung des Normativitätsproblems in der Postmoderne: Dieses Kapitel zeichnet den historischen Prozess nach, in dem sich die empirischen Wissenschaften durch das Postulat der Werturteilsfreiheit von normativen Sinnfragen abwandten.
3 „Revision der Moderne“ oder von der Normativität des Faktischen zur Faktizität der Normativität: Anhand Kants Transzendentalphilosophie wird die sensible Sinnenwelt von der intelligiblen Welt der Freiheit unterschieden, um Normativität als „Faktum der Vernunft“ neu zu begründen.
4 „Aufklärung ohne Ende“ oder „normative“ Pädagogik als „Prinzipienwissenschaft“: Hier wird Pädagogik als eine Wissenschaft verortet, die sich auf transzendentale Prinzipien stützt, um den Menschen über bloße Naturkausalität hinaus in die Freiheit zu führen.
5 Zusammenfassung und Fazit: Die Arbeit resümiert, dass Pädagogik als eigenständige, transzendental-kritische Wissenschaft fungieren muss, um den Bildungsbegriff vor rein empirischer Reduktion zu bewahren.
6 Literatur: Umfassendes Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Pädagogik, Normativität, Wissenschaftlichkeit, Transzendentalphilosophie, Immanuel Kant, Aufklärung, Bildung, Sollen, Freiheit, Erkenntnistheorie, Empirismus, Pädagogischer Takt, Subjektivität, Alfred Petzelt, Vernunft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie Pädagogik als Wissenschaft legitimiert werden kann, ohne ihre normative Dimension – das Sollen und die moralische Bildung – an ein rein empirisch-deskriptives Wissenschaftsverständnis zu verlieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft Wissenschaftstheorie, insbesondere die Kantische Transzendentalphilosophie, mit grundlegenden pädagogischen Fragen zur Erziehung, Bildung und der Rolle der professionellen Lehrkraft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist die Erarbeitung eines Bildungsbegriffs, der als „Prinzipienwissenschaft“ den Diskurs um Erziehung und Sollen wissenschaftlich fundiert und von einer rein faktischen Sichtweise abgrenzt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt primär den transzendental-kritischen Ansatz, insbesondere die Rückführung auf Kantische Erkenntnistheorie, um pädagogische Begriffe methodisch und systematisch zu begründen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert den historischen Übergang zur empirischen Wissenschaft, entwickelt eine Theorie des Menschen als Bürger zweier Welten und leitet daraus Prinzipien für eine normative Pädagogik ab.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Pädagogik, Normativität, Transzendentalphilosophie, Bildung, Freiheit, Sollen und das Prinzip der pädagogischen Führung.
Inwieweit spielt die Kantische Philosophie eine Rolle für die Definition von Erziehung?
Kant dient als theoretische Basis, um Erziehung als einen Prozess der „Vervollkommnung“ zu begreifen, der den Menschen von der Disziplinierung über Kultivierung bis zur moralischen Mündigkeit führt.
Was bedeutet der „pädagogische Takt“ in diesem Kontext?
Der „pädagogische Takt“ bezeichnet die Fähigkeit des Pädagogen, die formalen theoretischen Prinzipien situativ angemessen auf den Einzelfall anzuwenden, ohne den Lernenden manipulativ zu instrumentalisieren.
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- Joachim Klenk (Author), 2005, Pädagogik zwischen Normativität und Wissenschaftlichkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40758