[...] In diesem Essay wird zur Beantwortung dieser Fragestellung zunächst kurz theoretisch dargestellt, wegen welcher intendierten Effekte das Mehrheitswahlrecht in Indien von der verfassungsgebenden Versammlung eingeführt wurde, um, im Gegensatz dazu, die Zersplitterung des indischen Parteiensystems zu illustrieren. Im zweiten Teil wird kurz chronologisch dargestellt, welche Parteien seit der Unabhängigkeit Indiens die Regierungen gestellt haben. Wegen der Vielzahl der Parteien kann nicht auf jede einzelne eingegangen werden. Vorweggenommen werden kann, dass die Regierungen seit 1977 wegen der nachlassenden Dominanz der Congress Party zunehmend instabil geworden sind. Wichtig ist ebenfalls, wie sich das Parteiensystem auf Mandatsebene historisch entwickelt hat. Anschließend werde ich versuchen, zu beantworten, warum es in Indien zu dieser Zersplitterung des Parteiensystem kam. Hierzu werden die Parteien, der Electoral Commission of India folgend, nach National, State und Regional Parties aggregiert dargestellt.
Gliederung
1. Einleitung
2. Das Indische Wahlsystem – First Past The Post
3. Die Effekte des Mehrheitswahlrechts
4. Die indischen Regierungen 1951-2004
5. Das Parteiensystem auf Mandatsebene heute
6. Gründe für die zunehmende Fragmentierung des Parteiensystems Indiens
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, warum Indien trotz des angewandten Mehrheitswahlrechts entgegen theoretischer Annahmen kein stabiles Zweiparteiensystem ausgebildet hat, sondern eine zunehmende Fragmentierung des Parteiensystems aufweist.
- Funktionsweise des indischen Wahlsystems (First Past The Post)
- Theoretische Effekte von Mehrheitswahlsystemen nach Duverger
- Historische Analyse der indischen Regierungsbildungen von 1951 bis 2004
- Analyse des Parteiensystems auf Mandatsebene
- Einfluss sozioökonomischer, religiöser und ethnischer Konfliktlinien auf die Parteienlandschaft
Auszug aus dem Buch
Die Effekte des Mehrheitswahlrechts
Den nachfolgenden theoretischen Ausführungen liegt die Annahme zugrunde, dass Wahlsysteme gesetzmäßige Auswirkungen auf Parteinsysteme haben. So wird davon ausgegangen, dass das Mehrheitswahlrecht zu Zweiparteiensystem führt. Diese Annahme lag auch der Entscheidung der verfassungsgebenden Kommission zugrunde, als deren übergreifendes Ziel die Etablierung eines regierungsfähigen Systems betrachtet werden kann. Wie bereits erwähnt, wurde hierbei auf die britische Verfassung rekurriert. Die Grundannahmen der Theorie eines Zusammenhangs zwischen Wahl- und Parteiensystem basierten auf den empirische Betrachtungen westlicher und relativ homogener Gesellschaften. Im Folgenden sollen diese theoretischen Annahmen differenzierter ausgeführt werden.
Das Ziel, welches mit der Einführung des Mehrheitswahlsystems verfolgt wurde, war die Generierung von Parlamentsmehrheiten, auch wenn diese auf der Unterstützung durch eine Minderheit der Wähler basiert. Diese durch das Wahlsystem bedingte und gewollte hohe Disproportionalität zwischen Stimmen und Mandaten kann dazu führen, dass eine geringe Veränderung der Stimmen eine große Veränderung bei den Mandaten herbeiführen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die indische Demokratie und die Fragestellung, warum das Mehrheitswahlsystem in Indien nicht zu einem Zweiparteiensystem geführt hat.
2. Das Indische Wahlsystem – First Past The Post: Beschreibung des Wahlsystems der Lok Sabha und die Bedeutung der Reservierung von Mandaten für bestimmte Bevölkerungsgruppen.
3. Die Effekte des Mehrheitswahlrechts: Theoretische Erläuterung der Annahmen über den Zusammenhang zwischen Mehrheitswahlsystemen und der Entstehung von Zweiparteiensystemen.
4. Die indischen Regierungen 1951-2004: Chronologischer Überblick über die Regierungsbildungen und die zunehmende Instabilität nach Ende der Dominanz der Congress Party.
5. Das Parteiensystem auf Mandatsebene heute: Analyse der Sitzverteilung und Entwicklung der Parteienlandschaft unter Verwendung statistischer Daten der Election Commission of India.
6. Gründe für die zunehmende Fragmentierung des Parteiensystems Indiens: Untersuchung der sozioökonomischen, religiösen und ethnischen Konfliktlinien sowie des Einflusses regionaler Klientelparteien.
7. Fazit: Zusammenfassende Antwort auf die Forschungsfrage, dass die extreme Heterogenität Indiens die theoretischen Annahmen über Mehrheitswahlsysteme entkräftet.
Schlüsselwörter
Indien, Wahlsystem, Parteiensystem, Mehrheitswahlrecht, First Past The Post, Fragmentierung, Lok Sabha, Regierungsbildung, Koalitionen, Konfliktlinien, Anti-Incumbency-Faktor, Parteienforschung, Congress Party, BJP, Demokratie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert die Diskrepanz zwischen der theoretischen Erwartung, dass Mehrheitswahlsysteme stabile Zweiparteiensysteme erzeugen, und der tatsächlichen Entwicklung eines hochgradig fragmentierten Parteiensystems in Indien.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind die Funktionsweise des indischen Wahlsystems, die historische Entwicklung der Regierungsbildungen seit 1951 sowie die soziokulturellen Ursachen für die Parteienzersplitterung.
Welche Forschungsfrage wird verfolgt?
Die Arbeit untersucht, inwiefern und weshalb in Indien trotz des Mehrheitswahlrechts entgegen der theoretischen Annahme das Parteiensystem so fragmentiert ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch fundierte Analyse, die Wahlergebnisse, Sitzverteilungen und soziopolitische Faktoren kontrastiert, um die Anwendbarkeit klassischer Wahlsystemtheorien auf den indischen Fall zu prüfen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine theoretische Einordnung des Mehrheitswahlrechts, einen historischen Abriss der Regierungen, eine quantitative Betrachtung der Sitzverteilung sowie eine qualitative Analyse der gesellschaftlichen Ursachen für den Parteienaufstieg.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie indisches Wahlsystem, Parteifragmentierung, Mehrheitswahlrecht, Lok Sabha, Koalitionsbildung und gesellschaftliche Heterogenität charakterisieren.
Warum gilt Indien in der Wahlsystemforschung als Ausnahmefall?
Indien wird oft als Ausnahme herangezogen, weil es trotz eines Mehrheitswahlsystems, das laut Theorie konzentrierend wirken sollte, ein extrem fragmentiertes Parteiensystem aufweist.
Welche Rolle spielen regionale Parteien für die Stabilität der indischen Regierung?
Regionale Parteien spielen eine entscheidende, oft destabilisierende Rolle, da nationale Parteien auf Koalitionen mit diesen Klientelparteien angewiesen sind, um Regierungsmehrheiten zu erzielen.
- Quote paper
- Sven Diekmann (Author), 2004, Warum ist Indien ein Ausnahmefall in der Wahl- und Parteiensystemforschung?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40818