Jungen - Geschlechtsspezifische Probleme


Hausarbeit, 2004
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Erik H. Eriksons Identitätsmodell

2 Geschlechterrollen
2.1 Männlich, weiblich – Was ist Geschlecht?
2.2 Männlichkeit

3 Jungenprobleme
3.1 Schule - „Die Schwäche der Starken“
3.2 Krank sein als Fremdwort – physische und psychische Krankheiten von Jungen
3.3 Sexueller Missbrauch an Jungen

4 Was Jungen stark macht – Jungenarbeit

5 Schlusswort

6 Literaturverzeichnis

1 Erik H. Eriksons Identitätsmodell

Erik H. Erikson geht bei seinem Identitätsmodell davon aus, dass Identität bzw. Identitätsentwicklung zwei Pole hat. Auf der einen Seite steht das Individuum, das Ich, wohin gegen auf der anderen Seite die soziale Umwelt, das Wir, steht.

„Der Begriff ‚Identität’ drückt also insofern eine wechselseitige Beziehung aus, als er sowohl ein dauerndes inneres Sich-Selbst-Gleichsein wie ein dauerndes Teilhaben an bestimmten gruppenspezifischen Charakterzügen umfaßt“ (Erikson 1966, 124).

Das Individuum ist demnach nicht in der Lage Identität aus sich selbst heraus zu entwickeln, sondern ist auf die Außenwelt angewiesen, welche das Individuum einerseits fordert anderseits reflektiert. Identität stellt ein Ergebnis dar. Es ist die Bewältigung der Anforderungen die sich aus der Einbettung des Individuums in eine Gesellschaftsordnung ergibt. Identitätsentwicklung muss dieser psychosozialen Herausforderung gerecht werden, da sonst Identität als Integrationsleistung nicht erreicht werden kann. Erikson erachtet also Integration als Vorrausetzung für Identitätsentwicklung. Identitätsentwicklung ist zwar nach Erikson ein lebenslanger Prozess, wird jedoch während der Adoleszenz besonders deutlich erlebt. Der Heranwachsende wird während der Adoleszenz nicht nur mit seiner biologischen Veränderung, sondern auch mit den sich ändernden Erwartungen seiner sozialen Umwelt konfrontiert.

„Der Prozess der Adoleszenz ist jedoch nur dann wirklich abgeschlossen, wenn das Individuum seine Kindheitsidentifikationen einer neuen Form von Identifikation untergeordnet hat, die es in der intensiven Gemeinschaft und im Wetteifern mit Gleichaltrigen errungen hat“ (Erikson 1966, 136 f.).

Die sich daraus ergebenden Krisen, die für Erikson allerdings positiv belegt sind, können nur durch die innere Einheit bewältigt werden und bilden die Grundlage für Eriksons Identitätsmodell. Die in Eriksons Modell enthaltenen acht Lebensphasen unterteilt er jeweils in Aufstieg, Krise und eine daraus resultierende dauerhafte Lösung. Das sogenannte psychosoziale Moratorium stellt somit eine Aufschubperiode dar, in welcher das Individuum noch nicht bereit ist, eine Verpflichtung der Gesellschaft zu übernehmen. Das Moratorium ist somit eine Krise vor der endgültigen Anpassung des Individuums an die Gesellschaft,

„während dessen der Mensch durch freies Rollen-Experimentieren sich in irgendeinem der Sektoren der Gesellschaft seinen Platz sucht, eine Nische, die fest umrissen und doch wie einzig für ihn gemacht ist“ (Erikson 1966, 137 f.).

Die Verbindung „psychologischer und soziologischer Wissenselemente“ (Keupp 1989, 59) in Eriksons Identitätsmodell, stellt der Sozialpsychologe Heiner Keupp als besonders anschaulich dar. Keupp ist davon überzeugt, dass Eriksons Modell, welches die Akkumulation der inneren Besitzstände als Grundlage für die Identitätsbildung herausstellt, bis in die 80er Jahre „das idealtypisch formulierte Modell der bürgerlichen Sozialisation“ (Keupp 1989, 59) war, kritisiert aber Eriksons ausschließlich positive Betrachtung des psychosozialen Moratoriums.

„Die Leiden, der Schmerz und die Unterwerfung, die mit diesem Einpassungsprozess gerade auch dann, wenn er gesellschaftlich als gelungen gilt, verbunden sind, werden nicht aufgezeigt“ (Keupp 2001, 808).

Bedingt durch die Veränderung sozialer Netzwerke bietet die moderne Gesellschaft nicht mehr die psychosozialen Vorraussetzungen, die für Eriksons Modell als Basis notwendig sind, um Identität zu bilden. Keupp stellt in Frage, ob Eriksons Identitätsmodell heute noch Bestand hat, da „ihm die gesellschaftliche Basis abhanden gekommen ist“ (Keup p 1989, 60).

„Für eine immer größere Anzahl von jungen Erwachsenen zeichnet sich kein Ende des Moratoriums ab, sie können also im Sinne von Erikson nicht erwachsen werden. Sie finden keine berufliche Integration und sie bauen sich nicht mehr die kleinfamiliäre Basis, die der Identität den dauerhaften psychosozialen Nährboden bietet“ (Keupp 1989, 59).

Eriksons Identitätsmodell hat für gut zwei Jahrzehnte eine herausragende Rolle in der Sozialwissenschaft gespielt. Heute muss man sich aber z.B. auch der Frage stellen, welche Bedeutung der Einfluss der Geschlechter, in unserem Fall des männlichen Geschlechts, für die Identitätsarbeit hat. Ausgehend von dieser Frage sehen wir es als notwendig an, Geschlecht und die Beziehungen untereinander zunächst zu beschreiben.

2 Geschlechterrollen

2.1 Männlich, weiblich – Was ist Geschlecht?

Für die Gesellschaften von der Antike bis zum späten Mittelalter war ein Ein-Geschlecht-Modell allgemein gültig. Frauen wurden als „anatomisch umgekehrte, minderwertige Männer“ (Gildemeister 2001, 685) konzipiert.

Seit der Neuzeit gehen unsere Gesellschaften von der Existenz von zwei Geschlechtern aus. Die Unterscheidung von Menschen in Männer und Frauen wurde jedoch „als ein außergesellschaftlicher, als ein der Welt der Natur zugewiesener Tatbestand gesehen“ (Gildemeister 2001, 682). Die Wissenschaft setzte Jahrhunderte lang das Männliche als Allgemein-Menschliche gleich. „’Der Mann’ [...] erscheint als Träger von Geist und Kultur und somit als ‚eigentlicher’ Mensch„ (Gildemeister 2001, 686) und die Frau war ein Geschlechtswesen die sich vom Allgemeinen unterscheidet und der Natur zugeordnet wurde.

Erst durch die Frauenbewegung und der Wissenschaft der Geschlechterforschung wurde dieses traditionelle Prinzip der Zweigeschlechtlichkeit in Frage gestellt. Ist diese Zweigeschlechtlichkeit wirklich nur naturgegeben und gesellschaftsunabhängig? Und resultiert aus der Art der Geschlechtsorgane zwingend eine solche Zweiteilung aller Menschen?

Seit den 80er Jahren haben sich mit der Geschlechterforschung unterschiedliche Ansätze zur Klärung dieser Fragen entwickelt. Eine Variante lehnt sich an den Konstruktivismus an. Geschlecht wird als eine soziale Konstruktion begriffen. Es liegt nicht in der Natur der Sache was mit männlich und weiblich gemeint ist, sondern resultiert aus einem gesellschaftlichen Konsens. Dieses sozial bzw. kulturell konstruierte Geschlecht, für das in der englischen Sprache das Wort „gender“ steht, unterscheidet sich vom biologischen Geschlecht, im Englischen „sex“, an dem es erst mal nichts zu verändern gibt. Jedoch gehen GeschlechterforscherInnen davon aus, dass das biologische Geschlecht „als eine Art ‚Grundlage’ für die Ausformungen (Gender) auf gesellschaftlich-kultureller Ebene gilt. Damit werde speziell in diesem Bereich eine strikte Trennlinie zwischen dem Reich der ‚Natur’ und dem der ‚Kultur’ gezogen“ (Gildemeister 2001, 685).

Geschlecht ist jedoch nicht nur ein Konstrukt, welches durch die Gesellschaft kreiert wird, sondern „es ist ein Konstrukt, das wahrscheinlich wie kein anderes Gesellschaft formt“ (Nacken 2004, 26).

2.2 Männlichkeit

Erst die Abkehr von einem Geschlechtsbild, welches das „Männliche“ einem „menschlichen Allgemeinen“ gleich setzt, ermöglichte die Erforschung der „Maskulinität als eine geschlechtliche und gesellschaftliche Kategorie“ (Gildemeister 2001, 686).

Die Frauenbewegung hat durch ihre wissenschaftlichen Leistungen eine Tür geöffnet, welche aber erst durch eine eigene Männerforschung durchschritten werden kann. Wie sieht es denn also aus mit den Jungen und Männern und ihrer Männlichkeit?

Aus der Perspektive der Sozialarbeit und Sozialpädagogik stellen Jungen und Männer den Hauptteil der Klienten. Jungen und Männer verursachen Probleme und mit ihnen verbindet man Macht, Unterdrückung, Gewalt – sie sind Täter.

Diese pauschale Sichtweise wäre wissenschaftlich zu kurz gegriffen. Es bedarf einer gründlichen Analyse dieses männlichen Verhaltens in bezug auf Machtfragen, Machtstrukturen und Hierarchien. Einer der bekanntesten Wissenschaftler ist der australische Soziologe Robert W. Connell (vgl. Winter 2002, 1163 f.), der sich mit diesen traditionellen Männlichkeitsvorstellungen befasst. Er zeigt auf, wie sich unterschiedliche Männlichkeitskonzepte gegenseitig dominieren oder abwerten. Diese verschiedenen und vielfältigen Männlichkeitskonzepte sind als Struktur und Bestandteil der Identität zu verstehen und reproduzieren sich in zwischenmenschlichen Beziehungen ständig neu. Somit entspricht dieses Männlichkeitsmodell keinen statischen Ansatz. Männlichkeit ist veränderbar. Connells Modell der „hegemonialen Männlichkeit“ schließt deshalb an konstruktivistische Sichtweisen an, wo nach Geschlecht und Geschlechterverhältnisse sich „ständig neu durch die Beziehungen zu sich und anderen, durch Handeln und Aushandeln mit anderen“ (Winter 2002, 1164) reproduzieren. Dieses Aushandeln ist immer eine Frage der materiellen Ressourcen. Somit spielen politische und wirtschaftliche Machtverhältnisse eine entscheidende Rolle. Gewalt ist somit ein wichtiger Bestandteil bei der „Unterordnung von Frauen

und verschiedenen Gruppen von Männern“ (Winter 2002, 1163), egal ob sie struktureller, seelischer, körperlicher oder sexueller Natur ist. Dennoch sieht Connell eine Möglichkeit der „Dekonstruktion geschlechtsbezogener Konstrukte“ (Winter 2002, 1164). Das Modell der „Hegemonialen Männlichkeit“ basiert auf einem Männerbild, welches wirtschaftlichen Erfolg zur Prämisse macht. Der ideale Mann ist „darauf ausgerichtet zu einer kulturellen, ethnischen und auch zu einer körperlichen Mehrheit zu gehören“ (Nacken 2004, 21). Diesem Männerbild, das bei uns vorherrscht, können jedoch nur die wenigsten Männer entsprechen, auch wenn sie es anstreben:

„Dann spuken ihnen Mythen (vom Mannsein) im Kopf herum, die unreal sind. Damit können sie eigentlich nur im Alltag und eben auch im Schulalltag scheitern“ (Nacken 2004, 25).

Mit der Unterordnung unter dieses Männerbild ist eine Abwertung verbunden. Das Männliche wird höher bewertet als das Weibliche und Heterosexualität wird höher als Homosexualität behandelt.

„Wir leben in einer Konkurrenzgesellschaft. Und dieses Konkurrenzprinzip, das Leistungsprinzip, dieses Dominanzprinzip, dieses Männliche [...] zieht sich durch sehr viele Bereiche, auch durch Freundschaftskreise und Vereine. Es geht um dieses höher, schneller, weiter – wer ist der Beste? Und wer da ausschert, hat es nicht einfach“ (Nacken 2004, 30).

Jungen wachsen mit einem männlichen Rollenbild auf, dem nur wenige entsprechen können. Welchen Problemen sind Jungen ausgesetzt die diesen Anforderungen nicht gerecht werden können oder wollen?

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Jungen - Geschlechtsspezifische Probleme
Hochschule
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden (FH)
Note
1,3
Autoren
Jahr
2004
Seiten
22
Katalognummer
V40946
ISBN (eBook)
9783638393317
ISBN (Buch)
9783638677028
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jungen, Geschlechtsspezifische, Probleme
Arbeit zitieren
Eric Schley (Autor)Anna-Sophie Krause (Autor), 2004, Jungen - Geschlechtsspezifische Probleme, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40946

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