Nach unseren gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen sind Jungen und Männer stark, unabhängig, kompetent, kontrolliert und dominant. „Wenn ein Mann so nicht ist, dann ist er ein Weichling, ein Sonderling oder ein Schwuler“ (Lenz 1996, 169).
Die Ergebnisse der letzten PISA-Studie, wonach Jungen weit hinter den Mädchen zurückbleiben, ließen uns zweifeln ob diese Zuschreibungen nicht ihre Passform verloren haben. Sind Jungen nur in der Schule schwach, oder muss man sich generell mit dem männlichen Rollenbild auseinandersetzen?
Zu beginn dieser Arbeit wurden Erkenntnisse der Geschlechterforschung vorangestellt, um auf dieser Grundlage männliche Identitätsarbeit besser verstehen zu können. Im Verlauf der Arbeit wird sich auf ausgewählte Problemfelder beschränkt.
Als möglichen Lösungsansatz für diese geschlechtsspezifischen Probleme möchten wir Jungenarbeit, als ein noch relativ unbekanntes und bisher vernachlässigtes Handlungsfeld der Sozialen Arbeit, aufzeigen.
Inhaltsverzeichnis
1 Erik H. Eriksons Identitätsmodell
2 Geschlechterrollen
2.1 Männlich, weiblich – Was ist Geschlecht?
2.2 Männlichkeit
3 Jungenprobleme
3.1 Schule - „Die Schwäche der Starken“
3.2 Krank sein als Fremdwort – physische und psychische Krankheiten von Jungen
3.3 Sexueller Missbrauch an Jungen
4 Was Jungen stark macht – Jungenarbeit
5 Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die geschlechtsspezifischen Problemlagen von Jungen im Kontext gesellschaftlicher Rollenzuschreibungen und männlicher Identitätsarbeit. Das primäre Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen dem tradierten Männerbild und der Lebensrealität heutiger Jungen aufzuzeigen sowie Jungenarbeit als notwendiges Handlungsfeld der Sozialen Arbeit zu etablieren.
- Identitätsentwicklung im Modell von Erik H. Erikson
- Soziale Konstruktion von Geschlechterrollen und Männlichkeitskonzepten
- Schulische Leistungsdefizite und Verhaltensauffälligkeiten bei Jungen
- Physische und psychische Belastungen sowie psychosomatische Erkrankungen
- Problematik des sexuellen Missbrauchs an Jungen
- Perspektiven und Ziele der Jungenarbeit in der Sozialen Arbeit
Auszug aus dem Buch
3.1 Schule - „Die Schwäche der Starken“
Jungen machen Probleme. Dafür sprechen eindeutig die Statistiken, die derzeit in den Medien und der geschlechts-spezifischen Fachliteratur präsentiert werden. Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit erfüllen zu wollen, möchte wir einige wesentliche und immer wieder auftretende Ergebnisse vorstellen. Im Jahr 2003 sind 150.000 Jungen sitzen geblieben; das sind ca. ein Drittel mehr als bei den Mädchen. Die Anzahl der Jungen, die an weiterführenden Schulen lernen, sinkt und die Anzahl der männlichen Schulabbrecher steigt. In Schulleistungsstudien, wie IGLU, TIMS und PISA schneiden die Jungen im Durchschnitt schlechter ab, besonders im Bereich des Lesens und des Textverständnisses. Aber nicht nur in diesem Part werden die Leistungsdefizite offensichtlich, denn auch im Bereich der Naturwissenschaften haben die Mädchen aufgeholt und in Mathematik haben die Jungen ihre überragende Führung abgegeben. Die Realschulen werden zu 50 Prozent von Mädchen besucht, die Gymnasien bereits zu 55 Prozent. Mehr Mädchen beenden ihre Schulzeit mit Abitur, wohingegen 65 Prozent der Schüler ohne Hauptschulabschluss Jungen sind (vgl. Thimm 2004, 82 ff.).
Es sind jedoch nicht nur die schulischen Leistungen, die auf die Jungen aufmerksam gemacht haben, sondern auch die Auffälligkeiten im Verhalten. Schulen für Verhaltensauffällige werden zu 90 Prozent von Jungen besucht und sie dominieren zu 75 Prozent auch an Schulen für Lernschwierigkeiten. Es gibt mehr Delinquenten und Legastheniker männlichen denn weiblichen Geschlechts.
Auch die derzeit in den Medien gebrachte Debatte über das Ansteigen des Aggressionspotentials an Schulen bezieht sich weites gehend auf Jungen. Helmut Fend weist darauf hin, dass Gewalt häufig in Klassen auftritt, „in denen überwiegend Jungen waren; die einen niedrigen Leistungsstand haben, deren Zukunftsaussichten relativ gering waren und die auch schon häufig sitzen geblieben waren.“ (Fend 2003, 51).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Erik H. Eriksons Identitätsmodell: Dieses Kapitel erläutert das Identitätsmodell von Erikson als lebenslangen Prozess und diskutiert dessen Anwendbarkeit auf moderne psychosoziale Bedingungen.
2 Geschlechterrollen: Es wird die soziale Konstruktion von Geschlecht analysiert und das Konzept der „hegemonialen Männlichkeit“ kritisch beleuchtet.
3 Jungenprobleme: Das Kapitel analysiert die spezifischen Herausforderungen von Jungen in Schule, Gesundheit und durch Gewalterfahrungen.
4 Was Jungen stark macht – Jungenarbeit: Hier wird Jungenarbeit als ein förderlicher Ansatz vorgestellt, um Jungen bei der Entwicklung einer authentischen männlichen Identität zu unterstützen.
5 Schlusswort: Die Autoren reflektieren ihre eigene Auseinandersetzung mit dem Thema und betonen die Relevanz der Männerforschung für die Soziale Arbeit.
Schlüsselwörter
Jungenarbeit, Identitätsentwicklung, Männlichkeit, Geschlechterrollen, Schulleistung, psychosomatische Erkrankungen, Sozialpädagogik, Geschlechterforschung, Identitätsarbeit, Risikoverhalten, Sozialisation, männliches Rollenbild, Gewaltprävention, Identitätskonflikte, männliche Identität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit der aktuellen Situation von Jungen und analysiert die geschlechtsspezifischen Problemlagen, mit denen sie in der Gesellschaft konfrontiert sind.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die Identitätsentwicklung, Geschlechterrollenbilder, schulische Probleme, gesundheitliche Belastungen, sexueller Missbrauch und die Bedeutung der Jungenarbeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das traditionelle, rigide Männerbild Jungen in ihrer Identitätsfindung einschränkt und wie Jungenarbeit als unterstützendes Handlungsfeld wirken kann.
Welche wissenschaftlichen Perspektiven werden genutzt?
Die Arbeit stützt sich auf entwicklungspsychologische Theorien (Erikson, Keupp), konstruktivistische Ansätze zur Geschlechterforschung (Gildemeister) und soziologische Männlichkeitskonzepte (Connell).
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Analyse der Identität und Männlichkeit sowie eine detaillierte Untersuchung von Problemfeldern wie Schulversagen, psychosomatische Krankheiten und sexueller Missbrauch.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Jungenarbeit, Männlichkeitskonzepte, Sozialisation, Geschlechterrollen, Identitätsarbeit und psychosoziale Belastungen.
Warum wird im Kontext der Gesundheit speziell das Beispiel Asthma angeführt?
Asthma dient als Beispiel, um die Verbindung zwischen psychosomatischen Erkrankungen und der behinderten Autonomieentwicklung bei Jungen innerhalb spezifischer Familienkonstellationen zu verdeutlichen.
Was ist das „Teufelskreis“-Phänomen, das im Kapitel über Jungenarbeit beschrieben wird?
Damit ist die Tendenz gemeint, dass Jungen und Männer wichtige emotionale Kompetenzen wie Fürsorge oder Rücksichtnahme als weiblich abwerten und dadurch ein gesundes, ganzheitliches Leben verhindern.
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- Eric Schley (Author), Anna-Sophie Krause (Author), 2004, Jungen - Geschlechtsspezifische Probleme, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/40946