Lohnt Bildung im Absurden? Quantität und Qualität in Albert Camus "Mythos des Sisyphos"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Absurde
2.1 Der philosophische Selbstmord
2.2 Der absurde Mensch

3. Bildung in der absurden Welt
3.1 Qualität durch Quantität?
3.2 Erfahrungen und Wissen
3.3 Der Lernende als absurder Mensch

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Albert Camus gut 150 Seiten langer Essay „Der Mythos des Sisyphos“ aus dem Jahre 1942[1] behandelt nach eigener Angabe das einzige „wirklich ernste[..] philosophische[…] Problem: den Selbstmord.“[2] Die Frage, ob das Leben es wert sei gelebt zu werden, ist insbesondere auf Grund der in ihrer Beantwortung liegenden Konsequenz entscheidend. Beziehungsweise ergibt sich auch die umgekehrte Betrachtungsweise der Inkonsequenz der Fortführung eines möglicherweise nicht lebenswerten Lebens. Diese Beobachtung bei anderen Philosophen und Denkern, beispielsweise bei Nietzsche, ist einer der Ausgangspunkte für Camus Werk. Den zweiten bildet die Annahme, dass die Welt, so wie sie ist, absurd sei[3]. Somit bilden nicht der Beweis des Absurden, sondern seine Folgen, den Inhalt des Mythos des Sisyphos. Inhalt dieser Arbeit sind konkret die Folgen für das Leben des einzelnen Menschen.

Bevor das Absurde im Folgenden noch ausführlicher erläutert werden soll, sei es kurz zusammengefasst als die „Entzweiung zwischen dem Menschen und seinem Leben“[4]. Dieses Gefühl liegt begründet in der großen Sinnlosigkeit eines Lebens in dieser absurden Welt, die sicher mit dem Tod endet und nur eine weitere Gewissheit, nämlich eben jenes Fehlen von jeglichem Sinn bietet. Für Camus ist diese Auffassung aber nicht so düster, wie sie auf den ersten Blick scheint. Es wird später gezeigt werden, dass er sie sogar gewissermaßen mit Freiheit verbinden kann. Dennoch stellt er grundlegend fest, dass es im Leben nicht um Qualität, sondern um Quantität gehe. Es komme nicht darauf an, „so gut wie möglich, sondern so viel wie möglich zu leben“[5]. Lediglich in einer Fußnote ergänzt Camus dann, dass Quantität manchmal Qualität bedeute[6].

Diese knappe Aussage soll an dieser Stelle als Aufhänger dienen darüber zu diskutieren, welche Möglichkeiten sich dem Menschen in der absurden Welt und ohne Abstreiten der letztendlichen Sinnlosigkeit aller Dinge und Taten, dennoch bieten um ein möglichst reiches Leben zu führen. Dieses sei hier beispielhaft am Thema der Bildung diskutiert, der nicht nur in der heutigen Zeit, sondern auch schon zu Beginn der Philosophiegeschichte eine immense Bedeutung zukommt. So lässt sich doch der Begriff der Philosophie selbst, seines griechischen Ursprungs nach, übersetzen als die Liebe zur Weisheit. Wenn aber auch Bildung als Weg zur Weisheit und Wahrheit in der absurden Welt keinen Einfluss hat, dann wäre Camus Werk eine Absage an die Hoffnung schlechthin.

Vor diesem Hintergrund wird im Folgenden zuerst das Absurde nochmals genauer untersucht und anschließend auf einige Ansatzpunkte zur Bildung im Mythos des Sisyphos näher eingegangen. Dafür wird der Begriff der Bildung nochmals ausführlicher zu bestimmen sein, um danach erneut auf die Frage nach Qualität durch Quantität einzugehen, sowie die Bedeutung des Wissen im Allgemeinen. Abschließend soll die dieser Arbeit übergeordnete Frage beantwortet werden, ob sich Bildung im Absurden überhaupt lohnt bzw. anders formuliert, welchen Einfluss Wissen auf das Leben eines Menschen in der absurden Welt haben kann.

2. Das Absurde

Für die folgende Auseinandersetzung ist es unabdingbar zu erläutern, worin genau für Camus das Absurde liegt. Dieses manifestiert sich in der Endlichkeit aller Dinge, einschließlich der menschlichen Existenz und der Irrationalität der Welt. Der Mensch will diese Unerklärbarkeit nicht hinnehmen und folgt damit seinem ihm innewohnenden Erkenntnisbedürfnis. Die Verbindung aus dem nicht zu erklärenden und dem ständigen Versuch der Erklärung bildet schließlich das Absurde. Für den Menschen folgt daraus, dass letztlich jede Entscheidung oder jeder Plan durch das Absurde zunichte gemacht wird. Es ist nicht möglich innerhalb einer irrationalen Welt einzelnen Handlungen Sinn zu verleihen[7]. An dieser Stelle aber lenkt Camus ein und erläutert durch ein Paradox, warum der Selbstmord als logische Kosequenz, dennoch keine Lösung sei. Der Mensch habe die Freiheit innerhalb der absurden Welt, alles zu tun, was er wolle. Einzelne Erfahrungen seien nichts wert, es sei aber möglich einen Wert aus einer möglichst großen Summe von Erfahrungen zu schöpfen[8]. Mit anderen Worten kann der Mensch quantitativ gewinnen, und, wie bereits erwähnt: „Quantität bedeutet manchmal Qualität“[9]. Durch die Entscheidung zum Selbstmord würde der Philosoph oder der Mensch dem Absurden nachgeben. Hat er es aber einmal erkannt, so besteht seine einzige Aufgabe darin, es am Leben zu erhalten. Der Logik des Absurden folgend besteht dieses damit zwar fort, aber es besteht auch die Auseinandersetzung damit fort und somit eine gewisse Freiheit im Punkte der Gegenwart[10]. Diese Freiheit und Losgelöstheit von der Bedeutung irgendwelcher Regeln birgt die Möglichkeit des Glücks. Seiner Sterblichkeit kann der Mensch nicht entgehen, aber er kann sich dagegen so lange wie möglich auflehnen und dem Absurden somit genau dadurch entgegen treten, dass er es erkennt und anerkennt.[11]

Für Camus ist der Selbstmord, als Konsequenz aus der Irrationalität der Welt, somit kein gangbarer Weg, ja sogar der falsche. Der Mensch und besonders der Philosoph hat die Möglichkeit der Erkenntnis über das Absurde. Vernichtet er diese durch sein eigenes Ableben, so vernichtet er auch das einzige, was er wirklich sicher wissen kann, und damit das Absurde an sich. Diese Fokussierung auf Erkenntnis und das, was wir wissen können, ist wie beschrieben charakteristisch für die Philosophie.

2.1 Der philosophische Selbstmord

Doch Camus lehnt nicht nur den tatsächlichen körperlichen Selbstmord ab, er stellt sich auch vehement gegen den sogenannten philosophischen Selbstmord[12]. Spekulation und Glauben sind für Camus Ausdrücke der Nicht-Akzeptanz des Absurden. So lehnt er jegliche Religion ab und ebenso den Glauben an den Verstand. Jegliches glauben und nicht-wissen verneint die unausweichliche Sinnlosigkeit und Konsequenz des Absurden. Verschiedene Ausführungen und Ausprägungen für dieses findet Camus auch in den Werken anderer Philosophen und beschreibt sie als Sprung. Diesen Vorwurf macht er in seinem Essay beispielsweise Kierkegaard, Nietzsche und Jaspers. Allen gemeinsam wirft er vor sich an einem bestimmten Punkt in ihrer Philosophie gegen das Absurde gewendet zu haben, in dem sie der Welt durch andere Erklärungen, deren Hintergründe häufig außerhalb dieser liegen, eine andere Ordnung zugeschrieben haben[13]. Nach Camus haben sie damit aber auf Erklärungen zurückgegriffen, die nicht sicher sein können und sich gegen die Logik des Absurden stellen. Im Absurden kann die Welt keinen Sinn und keine Ordnung aufweisen, da sie sinnlos ist. Außerdem kann die Welt mit nichts außerhalb ihrer selbst erklärt werden, da wir uns an diesem Punkt im Bereich des Nichtwissens befinden müssen. Die genannten Philosophen haben der Hoffnung auf weitere Erklärungen nachgegeben. Besonders tragisch ist dies für Camus, wenn das Absurde gewissermaßen selbst zu Gott wird.[14]

Innerhalb dieser Arbeit soll deshalb der Eindruck vermieden werden, dass durch Bildung das Absurde gewissermaßen besiegt werden kann. Der Anspruch muss klein gehalten werden und bleibt immer hinter der letztendlichen Sinnlosigkeit zurück. Somit kann jede Ausführung zur Bildung und jede Hoffnung zu Bildung in der absurden Welt nicht über diese hinaus gehen, sondern muss im Rahmen des tatsächlichen Lebens bleiben. In diesem Sinne soll der Sprung vermieden werden. Camus Auffassung zum Absurden soll in dieser Arbeit nicht widersprochen werden, sondern lediglich seine Konsequenzen für das alltägliche Leben beispielhaft genauer untersucht werden. Bevor dafür der Bildungsbegriff geklärt wird, soll zuerst der Ausdruck des absurden Menschen vorgestellt werden, da er vermehrt in Camus Werk auftaucht und auch im Folgenden wiederholt eine Rolle spielen wird.

2.2 Der absurde Mensch

Zu Beginn seines Kapitels über den absurden Menschen sagt Camus:

„ Denn was ist der absurde Mensch wirklich? Derjenige, der nichts für die Ewigkeit tut und es nicht leugnet. Nicht dass die Sehnsucht ihm fremd wäre. Aber er zieht ihr seinen Mut und seine Urteilskraft vor. Ersterer lehrt ihn, ohne Widerruf zu leben und sich mit dem zu begnügen, was er hat; Letztere unterrichtet ihn über seine Grenzen. Seiner Freiheit auf Zeit ebenso sicher wie seiner Auflehnung ohne Zukunft…“[15]

Nach dieser Beschreibung hat der absurde Mensch vor allem die Erkenntnis über die Absurdität der Welt erlangt und folgt dieser, wobei er dennoch jede sich ihm bietende Möglichkeit der Freiheit ausnutzt. Diese Nichtexistenz jeglicher unveränderlicher Norm beziehungsweise jedweder Regel mag auf den ersten Blick klingen wie Anarchismus und mag den absurden Menschen als außerhalb jeder Ordnung lebend darstellen. Solch ein Verständnis wäre aber zu kurz gegriffen. Der absurde Mensch ist lediglich vor allem sich selbst verpflichtet. Desweiteren kann er trotzdem innerhalb seines Lebens nach etwa Streben, ja tut dies sogar mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, nur vergisst er nicht, dass das Ergebnis seines Strebens über sein eigenes Leben hinaus keinerlei Bedeutung hat.

Als beispielhaft für den absurden Menschen nennt Camus den Schauspieler, der sich in der Rolle „des Vergänglichen übt und […]sich nur in der Welt des Scheins“[16] vollendet. Durch die Ausübung seines Berufes übt er sozusagen auch sich selbst aus und „verdeutlicht […], dass es keine Grenze gibt zwischen dem, was ein Mensch sein will, und dem, was er tatsächlich ist.“[17] Gewissermaßen versinnbildlicht jedes Spiel des Schauspielers ein menschliches Leben mit all seiner Sehnsucht und Sinnlosigkeit.

Ein weiteres Beispiel für die Personifizierung des absurden Menschen bietet Don Juan. Sein Lebenswandel wird dabei nicht als Vorbild präsentiert; Camus geht es um den Kern seiner Persönlichkeit. „Er ist ein gewöhnlicher Verführer. Nur mit dem Unterschied, dass er bewusst und infolgedessen absurd lebt.“[18] Seine Leidenschaft und das Begraben einer Liebe zum Zwecke der Geburt einer neuen, die nur wieder zum Enden verurteilt ist, folgen vollkommen den Regeln des Absurden. Ebenso mag Don Juan als egoistisch erscheinen, da er sich gegen jedwede gesellschaftliche Norm und auch letztlich gegen die Frauen, mit denen er zusammen ist, stellt. Entscheidend ist für dieses Beispiel, ebenso wie beim Schauspieler, die Verbindung von Streben innerhalb des Lebens, genauer gesagt in jedem Moment der Freiheit, bei gleichzeitigem Ablehnens jedweden tieferen Sinns. Auch im Folgenden soll der Begriff deshalb vor allem verstanden werden als die Bezeichnung für eine Person, die das Absurde erkannt hat, nach ihm lebt und trotzdem niemals der Auseinandersetzung mit ihm entflieht.

3. Bildung in der absurden Welt

Je nach dem welches Verständnis von Bildung man zu Grunde legt, mag die Beantwortung der hier gestellten Fragen sehr unterschiedlich ausfallen. So sei festgehalten, dass Bildung hier nicht gleichzusetzen ist mit Wissen im Sinne des Besitzes von Erkenntnissen (seien sie auch wahr oder falsch), sondern prozesshaft zu verstehen ist. Diese Auffassung geht zurück auf Georg Simmel, der in seinen Ausführungen zur Schulpädagogik sagte: „Denn Bildung ist weder das bloße Haben von Wissensinhalten, noch das bloße Sein als eine inhaltslose Verfassung der Seele.“[19] Ohne an dieser Stelle zu tief in die Philosophie Simmels einsteigen zu wollen, da dies den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde, sei kurz (und vielleicht verkürzt) das Sein von Bildung erläutert. Dieses knüpft offensichtlich an das auch alltagssprachlich bekannte gebildet sein an. Für Simmel steht dies für eine Übernahme der Wissensinhalte, bei ihm objektive Kultur, in das eigene Denken, Handeln und Verstehen, die subjektive Kultur. Das entscheidende ist also eine Verinnerlichung des Wissens durch eine Verknüpfung mit dem eigenen Selbst, aus dem auch wieder Handeln und neue objektive Kultur entstehen.[20] Dieser ständige Prozess ist Bildung. In Verknüpfung zu Camus sind vor allem die Konsequenzen, die aus einem Wissen gezogen werden entscheidend. Wie weit geht dieser Prozess in der absurden Welt, bzw. wie weit ist er möglich und von Bedeutung, wenn doch nach Camus mit der Erkenntnis, dass alles absurd ist, bereits die einzige Wahrheit gefunden wurde?

3.1 Qualität durch Quantität?

Quantität drückt sich im Absurden durch die Summe von Erfahrungen aus, die ein Mensch im Laufe seines Lebens sammelt. Dabei gibt es nicht eine einzige Erfahrung, die mehr wert wäre als ein Haufen anderer, beliebiger Erfahrungen. Diese besitzen untereinander keine Wertigkeiten. So viel wie möglich zu leben[21], ist nach Camus zuallererst zeitlich zu verstehen. Und Zeit bemisst sich für den Menschen in der absurden Welt in den Lebensjahren bis er unausweichlich stirbt. Und auch wenn jemand vierzig Jahre lang bewusst jede Erfahrung, die sich ihm bot, sammelte, so kann er doch niemals so viele Erfahrungen sammeln, wie jemand, der sechzig Jahre alt wurde.[22] Dies mag zuerst widersprüchlich zu der Aufforderung, so viel wie möglich zu leben, klingen. Doch letztlich ist es konsequent im Sinne der von Camus angestrebten absoluten Werturteilsfreiheit in seinem Essay. So kann er keine Erfahrung sicher belegen, die mehr wert wäre, als eine andere, kann keine Emotion höher schätzen, als eine andere, und muss deshalb von dem einzig klaren, dem Absurden und der Zählbarkeit einer Summe von Erfahrungen, ausgehen. Seine Schlussfolgerung zieht Albert Camus schließlich aus einer Analogie zu den Naturwissenschaften. Durch eine größere Quantität an Teilchen, sei eine Materie in ihren Eigenarten spezifischer und ausgeprägter beschrieben. Ebenso verhalte es sich beim Menschen und seinen Erfahrungen.[23]

Simmel verwendet interessanter Weise in seiner Beschreibung des Individuums eine ganz ähnliche Logik. So sei ein Individuum durch eine größere Anzahl an sozialen Kreisen (verkürzt Verbindungen zu anderen Individuen), und damit durch eine quantitative Beschreibung, auch qualitativ genauer bestimmt[24]. Der entscheidende Unterschied zwischen beiden Auffassungen liegt darin, dass für Simmel die Wechselwirkungen und Beziehungen zwischen den einzelnen Teilen eine herausragende Rolle spielen, während Camus die Verknüpfungen zwischen den einzelnen Erfahrungen, abseits einer bloßen Addition, vollkommen ausklammert. Genau an diesem Punkt aber setzt Bildung, nach dem oben beschriebenen Verständnis, an. Sie bildet einen Prozess der Verknüpfung, der auch wertfrei gesprochen, einen Mehrgewinn für das Individuum mit sich bringt. Das Individuum, oder um zu Camus zurück zu kehren, der absurde Mensch, hat mehr gesammelt, wenn er die Erfahrungen von zwanzig Lebensjahren mit einander verbindet, als wenn er diese isoliert voneinander betrachtet. Kurz gesagt hat er die Verknüpfungen als weitere zählbare Teile dazugewonnen. Wenn dies tatsächlich Bildung ist, so kann der absurde Mensch durch lernen noch wesentlich mehr erreichen, als nur die Erkenntnis der Endlichkeit und Sinnlosigkeit aller Dinge. Letztlich wird ihm dieses nicht weiter helfen, da das Absurde auch durch noch so viele neue Erfahrungen und Verknüpfungen nicht besiegt werden kann. Und auch jede einzelne Verknüpfung erhält nicht mehr Sinn, als jede letztlich sinnlose Handlung im Absurden. Dennoch sind sie ein Mittel im Kampf[25] gegen das Absurde, sofern mit Camus die einzige Waffe gegen das Absurde Erkenntnis und möglichst langes, intensives Aushalten ist.

3.2 Erfahrungen und Wissen

Eine gewisse Art der Hierarchie der Erfahrungen macht doch auch Camus deutlich. Diese liegt aber nicht im Inhalt der Erfahrungen begründet, sondern hängt direkt am Menschen. „Manche [Erfahrungen] dienen dem Menschen, andere schaden ihm. Sie dienen ihm, wenn er bewusst ist.“[26] Dieses Bewusstsein über die eigene Situation und die eigenen Erfahrungen fängt bei der Erkenntnis des Absurden an, aber es endet nicht damit. Hier erst beginnt wieder, was Camus als Freiheit und Möglichkeit des Glücks beschreibt. Im Moment der Gegenwart ist alles was wir tun sinnlos, aber wir können selbst entscheiden es zu tun, oder zu lassen. Der Mensch hat somit eine Wahl, die zwar nicht das unausweichliche verhindert, aber dennoch alles andere offen hält. Und wenn in diesem Punkt einige Erfahrungen über anderen stehen, so liegt es an den Menschen die richtige Wahl zu treffen. Dieses richtig zählt nicht für die absurde Welt, die kein gut oder schlecht kennt, sondern für den Einzelnen. Und ähnlich wie im Sinne der Verknüpfungen zwischen den Erfahrungen, so geht es auch bei der Bewusstheit der Erfahrungen und ihrer Wertigkeit für das eigene Leben, um Wissen und Bildung. Es geht um das Haben von Erfahrungen im quantitativen Sinne und um das Sein von Erfahrungen im Sinne der Vereinnahmung und des sich zunutze machens für das eigene, dennoch tödlich endende Leben. Niemand kann in der absurden Welt gezwungen werden, etwas aus seinem Leben zu machen. So klingt es absurd jemanden dazu aufzufordern möglichst viel aufzubauen, damit es am Ende sicher zerstört wird. Und ebenso schwierig ist es fremd zu urteilen, welche Erfahrungen von Bedeutung sind und welche Wissensinhalte entscheidend, wenn letztlich nichts entscheidend sein kann. Der absurde Mensch kann nicht in der Schule nach Lehrplan lernen, wie er mit seinem absurden Leben umzugehen hat. Er kann aber möglicherweise etwas anderes, viel grundlegenderes lernen, wobei der Ort dafür ebenso nicht zwangsläufig die Schule sein muss. Denn „zuerst muss man wissen“[27], wissen um das Absurde und seine Konsequenz. Dem Menschen ist nach Camus das Streben nach Erkenntnis eigen, doch er braucht die Auseinandersetzung mit Anderen um das Absurde zu verstehen und um zu begreifen, dass es tödlich endet. Erst mit diesem Wissen kann er lernen sein Leben zu gestalten.

3.3 Der Lernende als absurder Mensch

An dieser Stelle stellt sich die Frage, ob wir den Lernenden, der trotz der Erkenntnis des Absurden nach Wissen strebt, als absurden Menschen verstehen können. So mag zu aller erst Bildung nicht vergleichbar klingen mit der Leidenschaft eines Don Juan, oder der Täuschung im Leben eines Schauspielers. Das Lernen hat in der absurden Welt von vorneherein etwas sinnloses, ist doch eine weitere Erkenntnis per se nicht möglich. Jedes Wissen, dass wir nach der Wahrheit über die Welt erlangen wollen, kann niemals einem Wahrheitsanspruch genügen. Genau hierin zeigt sich das „Gefühl der Absurdität“[28], dass in der „Entzweiung zwischen dem Menschen und seinem Leben, zwischen dem Handelnden und seinem Rahmen“[29], begründet liegt. Die Nicht-Aufgabe des Dranges nach immer weiterer Erkenntnis und nach neuem Wissen steht gewissermaßen für die fortgeführte Auseinandersetzung mit dem Absurden. Wie bereits in Teil 3.1 erwähnt ist die Bildung eine Art Waffe gegen das Absurde. Und ebenso kann man sie nicht zu niedrig schätzen und ebenso wie die Leidenschaft des Don Juan als eine Leidenschaft begreifen. Die Sehnsucht des Lernenden wird nie vollkommen befriedigt sein, doch solange er sie nicht aufgibt, kann sie weiter bestehen und er nutzt durch das Lernen seine Freiheit. Diese Interpretation sei nicht als Vorgriff auf eine Beantwortung der dieser Arbeit zugrunde liegenden Frage zu verstehen. Vielmehr soll sie zeigen, dass im Absurden die verschiedensten Formen der Lebensführung möglich und denkbar sind. Allen gemeinsam ist, dass sie denselben Grad der Sinnlosigkeit aufweisen. Eine Wertung unter ihnen ist nicht möglich. Ob Bildung dennoch Vorteile, ebenso für den Schauspieler, wie für Don Juan und den Philosophen bringt, soll nun abschließend diskutiert werden.

4. Fazit

Ein Weiser ist in Camus Essay niemand, der bloß die Wahrheit über das Absurde erkannt hat und auch niemand, der reich an Erfahrungen ist, sondern einer, der gelernt hat, von dem zu leben, „ was er hat, und nicht auf das spekuliert, was er nicht hat.“[30] Die Flucht in die Bildung und eine Verknüpfung von dieser mit Sinn, mag so auch wie ein Sprung oder philosophischer Selbstmord anmuten, sofern man die obigen Ausführungen als Spekulation abtut. Sie kann aber auch verstanden werden als reine Ausnutzung der Freiheit im Absurden. Nur durch Wissen kann das Absurde erkannt werden und nur durch die Nicht-Aufgabe des Strebens nach mehr Wissen kann die Auseinandersetzung mit ihm fortgesetzt werden. Camus hat nichts gegen die Sehnsucht. Ebenso ist die Hoffnung per se nicht verwerflich und allein ihre Existenz noch keine Verneinung des Absurden. Doch Hoffnung und Sehnsucht sind kein Zweck, da sie so mit einem Sinn und Ziel verbunden wären. Sie können immer nur Mittel bleiben. In der Wahl seiner Mittel aber ist der in der absurden Welt lebende Mensch so frei wie in sonst keinem anderen Punkt. So ist auch die Bildung ein Mittel der Lebensfüllung und kann nur niemals Lebenserfüllung werden, da das Leben endet und nicht erfüllt und abgeschlossen wird. Das Streben des Lernenden ist so ein Beispiel unter vielen, wie sie auch Camus benutzt um immer wieder zu verdeutlichen wie allumfassend das Absurde und wie reich an Konsequenzen es ist.

Doch die vorhergehenden Ausführungen haben auch gezeigt, dass die Bildung, auch abseits jeder über sie hinausgehenden Hoffnung, nicht nur dem sich vollkommen dem Lernen verschreibenden, sondern auch jedem anderen Menschen ein willkommenes Mittel sein kann. Denn vor allem ist Bildung nach der verwendeten Auffassung auf den Einzelnen fokussiert. Und das Absurde schreit gewissermaßen nach einer Auseinandersetzung jedes Menschen mit seinem Leben, falle sie so intensiv und allumfassend wie möglich aus. Lernen und Wissen helfen dabei, bewusst zu Leben. Nur wer Worte lernt, der kann genau beschreiben und „Beschreiben- das ist der letzte Ehrgeiz eines absurden Denkens.“[31] So können wir eine große Summe an Erfahrungen sammeln und ebenso möglichst detaillierte Beschreibungen, an Stelle von Erklärungen oder statt dem Drang nach Schlussfolgerungen[32] nachzugeben. Bildung scheint sich so gesehen tatsächlich zu lohnen im Absurden. Das entscheidende Wort in diesem Satz ist allerdings das im. Denn niemals kann sie sich darüber hinaus oder einfach nur ohne die Verknüpfung zum Absurden lohnen. Würden wir dieses annehmen, würden wir uns weit von Camus entfernen. Ein Zuspruch zur Bildung käme dann einem Glauben und damit dem Sprung, der vermieden werden sollte, gleich. Nur sehr begrenzt birgt diese Arbeit damit Motivation und Hoffnung in einen unsinnigen Sinn des Lernens, aber auch diese Begrenztheit ist einiges wert.

So bleibt auch hier ein bitterer Beigeschmack nach der Lektüre Camus. Dieser Geschmack ergibt sich selbstverständlich aus dem Wunsch nach Erkenntnis und Wahrheit. Doch man kann auch tröstliches in seinem Werk finden. So ist es letztlich auch ein Plädoyer dafür seine Freiheit zu nutzen. Und zwar nicht nur einmalig, sondern in jedem Moment des Lebens. Außerdem nimmt Camus gewissermaßen der Debatte über den Sinn des Lebens den Wind aus den Segeln und fordert uns auf, uns nicht in Sinndiskussionen zu verstricken, sondern im Leben selbst. Für ihn ist das Denken, und im Sinne dieser Arbeit vielleicht auch verstanden als Bildung, zwar ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Lebens, aber letztlich geht das Leben über jedes Denken, jeden Verstand und jeden Sinn hinaus[33] und kommt in der Rangfolge vor allem anderen. Und dies kann man durchaus als Aufforderung verstehen, sich hinein zu stürzen und dem Lernen oder gleich welcher Sehnsucht zwar auch einen wichtigen Platz einzuräumen, aber niemals etwas höher zu schätzen als das Leben selbst, das Teil der einzigen Gewissheit ist.

Literaturverzeichnis

Camus, Albert: Der Mythos des Sisyphos. Übersetzt von Vincent von Wroblewsby. 16.Auflage (1991). Rowohlt: Hamburg 2013.

Lichtblau, Klaus: Georg Simmel. Frankfurt/Main: Campus Verlag 1997.

Simmel, Georg: Schulpädagogik, in: ders., hg. v. Otto Rammstedt, Bd. 20, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2004, S. 311 – 472.

[...]


[1] Hier verwendete Ausgabe: Camus, Albert: Der Mythos des Sisyphos. Übersetzt von Vincent von Wroblewsby. 16.Auflage (1991). Rowohlt: Hamburg 2013.

[2] Ebd. S. 15.

[3] Vgl. Ebd. S. 13.

[4] Ebd. S. 18.

[5] Ebd. S. 74.

[6] Ebd. S. 75.

[7] Vgl. Camus, Albert: Der Mythos des Sisyphos. Übersetzt von Vincent von Wroblewsby. 16.Auflage (1991). Rowohlt: Hamburg 2013, S. 64ff.

[8] Vgl. Camus, Albert: Der Mythos des Sisyphos. Übersetzt von Vincent von Wroblewsby. 16.Auflage (1991). Rowohlt: Hamburg 2013, S. 75f.

[9] Ebd. S. 75.

[10] Ebd. S. 77f.

[11] Camus gibt seinem Werk den Titel Der Mythos des Sisyphos und bezieht sich darin auf die Geschichte von Sisyphos, der von den Göttern die Strafe erhält fortwährend einen Stein den Berg hinauf zurollen, der am Ende wieder hinunterrollt. Camus meint, dass wir uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen müssen, da er sein absurdes Schicksal zwar kennt, aber dennoch nicht verzweifelt, sondern den einzigen Weg der möglichen Besserung wählt: weiterzumachen. Verkürzt gesagt stellt Sisyphos das Idealbild des absurden Menschen dar. Vgl. dazu: Camus, Albert: Der Mythos des Sisyphos. Übersetzt von Vincent von Wroblewsby. 16.Auflage (1991). Rowohlt: Hamburg 2013, S.139ff.

[12] Vgl. Ebd. S. 41ff.

[13] Eine detailliertere Auseinandersetzung mit Camus Argumentation an dieser Stelle ist sicherlich auch lohnenswert, würde aber den Umfang dieser Arbeit überschreiten und ist für die konkrete Frage ebenfalls nicht tiefer gehend von Bedeutung.

[14] Camus, Albert: Der Mythos des Sisyphos. Übersetzt von Vincent von Wroblewsby. 16.Auflage (1991). Rowohlt: Hamburg 2013, S. 46.

[15] Camus, Albert: Der Mythos des Sisyphos. Übersetzt von Vincent von Wroblewsby. 16.Auflage (1991). Rowohlt: Hamburg 2013, S. 83.

[16] Ebd. S. 96.

[17] Ebd. S. 96.

[18] Ebd. S. 88.

[19] Simmel, Georg: Schulpädagogik, in: ders., hg. v. Otto Rammstedt, Bd. 20, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2004, S. 355.

[20] Vgl. zu weiteren Erläuterungen: Simmel, Georg: Schulpädagogik, in: ders., hg. v. Otto Rammstedt, Bd. 20, Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 2004, S. 311 – 472.

[21] Vgl. Camus, Albert: Der Mythos des Sisyphos. Übersetzt von Vincent von Wroblewsby. 16.Auflage (1991). Rowohlt: Hamburg 2013, S. 74ff.

[22] Vgl. Ebd. S. 76.

[23] Vgl. Ebd. S. 75.

[24] Vgl. Lichtblau, Klaus: Georg Simmel. Frankfurt/Main: Campus Verlag 1997, S. 19ff.

[25] Vgl. Camus, Albert: Der Mythos des Sisyphos. Übersetzt von Vincent von Wroblewsby. 16.Auflage (1991). Rowohlt: Hamburg 2013, S. 50.

[26] Ebd. S. 85.

[27] Camus, Albert: Der Mythos des Sisyphos. Übersetzt von Vincent von Wroblewsby. 16.Auflage (1991). Rowohlt: Hamburg 2013, S.114.

[28] Ebd. S. 18-

[29] Ebd. S: 18.

[30] Camus, Albert: Der Mythos des Sisyphos. Übersetzt von Vincent von Wroblewsby. 16.Auflage (1991). Rowohlt: Hamburg 2013, S. 108.

[31] Camus, Albert: Der Mythos des Sisyphos. Übersetzt von Vincent von Wroblewsby. 16.Auflage (1991). Rowohlt: Hamburg 2013, S. 114.

[32] Ebd. S. 122.

[33] Vgl. Ebd. S. 20.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Lohnt Bildung im Absurden? Quantität und Qualität in Albert Camus "Mythos des Sisyphos"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
13
Katalognummer
V411768
ISBN (eBook)
9783668630796
ISBN (Buch)
9783668630802
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildung, Absurdität, Lernen, Erfahrung, Wissen
Arbeit zitieren
M.A. Leonie Peters (Autor), 2014, Lohnt Bildung im Absurden? Quantität und Qualität in Albert Camus "Mythos des Sisyphos", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/411768

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