Bewältigung von Armutsrisiken bei Kindern und Jugendlichen. Sozialpädagogische Handlungsmöglichkeiten


Akademische Arbeit, 2018
76 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Sozialpädagogischer Auftrag

3. Begriffserklärungen

4. Armut – Erklärung, Definition und Daten
4.1 Wie wird Armut definiert?
4.2 Absolute/Manifeste Armut
4.3 Relative Armut
4.4 Armuts- oder Ausgränzungsgefährdung in Österreich
4.5 Risikogruppen
4.6 Kinder- und Jugendarmut

5. Mögliche Auswirkungen, Risiken und Folgen von Armut
5.1 Mögliche Entwicklungsdefizite und deren Risikofaktoren
5.2 Auswirkungen auf die Eltern- bzw. Elternteil-Kind Beziehung
5.3 Physische und psychische Gesundheitsrisiken
5.4 Mangelhafte Bildung
5.5 Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt
5.6 Risikofaktor soziale Ausgrenzung und deren mögliche Folgen
5.7 Demoralisierung
5.8 Mobbing
5.9 Verschuldungsrisiko und unvernünftiger Umgang mit Geld

6. Gestaltung der Maßnahmen und Interaktionen

7. Sozialpädagogische Handlungsansätze
7.1 Resilienz
7.1.1 Resilienz fördernde Faktoren
7.1.2 Resilienz bewirkendes und förderndes Verhalten
7.1.3 Wichtige Erkenntnisse aus der Resilienzforschung
7.2 Selbstkongruenz entwickeln
7.3 Partizipation
7.4 Anmerkungen zu Sozialkompetenz und Beziehungsfähigkeit
7.5 Prävention gegen Mobbing und Unterstützung von Mobbing Opfern
7.5.1 Einzelintervention bei Grundschulkindern
7.5.2 Forum Theater für Gruppen ab sechs Personen
7.6 Grundsätzliches zu Projekten, Unternehmungen und Spielen
7.6.1 Stadteilbezogene Angebote
7.6.2 Spielen
7.7 Außerschulische Bildung und Kompetenzvermittlung
7.7.1 Trainingsübungen für kreativitätsfördernde Denkstile
7.7.2 Vermitteln von Bildung im Museum
7.7.3 Umgang mit Geld und Finanzen
7.7.4 Kochen
7.8 Kulturpädagogik
7.8.1 Erweitertes Rollenspiel
7.8.2 Comic Workshop
7.8.3 Musik
7.8.4 Tanz
7.9 Sport und Bewegung
7.9.1 Hinweise zur inhaltlichen Orientierung und Vermittlungsart
7.9.2 Psychosoziale Wirkungen des Sports
7.10 Literatur für Kinder und Jugendliche
7.11 Soziale Inklusion und Teilhabe

8. Zusammenfassung und Resümee

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Kurzfassung

In dieser Abschlussarbeit wird das Thema, Kinder- und Jugendarmut aufgegriffen. Sie gliedert sich in acht Kapitel. Einleitend wird die Thematik nahegebracht und die Fragestellung präsentiert. Danach erfolgt im zweiten Kapitel eine Begründung der sozialpädagogischen Relevanz und im Dritten die Erklärung von Fachbegriffen. Das vierte Kapitel dient der Erläuterung von verschiedenen Armutskategorien und der Schilderung von Kinder- und Jugendarmut. Kapitel fünf wird dazu verwendet, armutsbedingte Auswirkungen, Folgen und speziell mögliche Risikofaktoren für junge Menschen aufzuzeigen. In aller Kürze wird im sechsten Abschnitt Wichtiges zur Gestaltung von sozialpädagogischen Handlungen angeführt.

Auf die Fragestellung wird in Kapitel sieben eingegangen. Hier werden sozialpädagogische Handlungsansätze vorgestellt, die sich bei jungen Menschen in Armut anwenden lassen, um die aufgezeigten Risikofaktoren zu vermindern. Die Themen Resilienz, Kulturpädagogik und Sport werden besonderes beleuchtet.

Das letzte Kapitel beinhaltet eine Zusammenfassung dieser Arbeit und ein Resümee der wichtigsten Erkenntnisse.

1. Einleitung

Armut ist ein universelles Thema, das uns nicht nur durch globale Berichterstattung in den Medien begegnet, sondern auch im alltäglichen Leben wohlhabender Staaten wie Österreich oder Deutschland.

Huster et al. halten fest: Armut ist offenbar eine sich über die unterschiedlichsten Gesellschaftsformen erstreckende – zeitlose – Tatsache. Als gestaltbarer Teil der Lebensbedingungen gehört Armut zur Geschichte der Menschheit, aber nicht zum Menschsein in Form einer anthropologisch konstanten Gesetzesmäßigkeit. Somit bringt Armut auch immer sozial Handelnde hervor, die sich darum bemühen, diese menschenrechtliche Verletzung zu bewältigen. Es gab und gibt individuelle und kooperierende AkteurInnen, die persönliche wie auch öffentliche Strategien, Aspekte und Ressourcen zur Bekämpfung von Armut mobilisieren bzw. erschaffen wollen – vom kleinen Wirkkreis Einzelner bis hin zu globalen Interventionen von internationalen Institutionen (vgl. Huster et al., 2018, S. 3).

Vieles deutet auch darauf hin, dass die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird und Kinder- und Jugendarmut ein konstanter Teil der Gesellschaft bleibt:

Sogar reiche Industriegesellschaften tragen immanent Trends sozialer Exklusion, die junge Menschen zum Gesellschaftsrand drängen (vgl. Heimlich, 2013, S. 546).

Soziale Verwerfungen erhärten sich zunehmend (vgl. Dimmel et al., 2014, S. 999).

Gesellschaften mit intensiver Verteilungsungleichheit weisen ein Zunehmen von Problemen sozialer und gesundheitlicher Art auf (vgl. Gahleitner, 2017, S. 21).

Da sich gesellschaftliche Abspaltungen und Ausgrenzungen vertiefen und somit Kinderarmut steigt, wird diese auch zukünftig in unterschiedlichen Erscheinungs-formen Aufgabe der Sozialpädagogik sein (vgl. Chassé et al., 2010, S. 323).

„Soziale Arbeit und Sozialpädagogik werden nicht allein als Instrumente begriffen, die auf Notlagen reagieren, sondern gelten als Normalbedingung moderner Gesellschaften, die deren Risiken und Krisenanfälligkeiten als Bewältigungsinstrument auszubalancieren sucht“ (Eppenstein, 2018, S. 851).

In der Kinder- und Jugendhilfe haben es SozialpädagogInnen häufig mit Armutsbetroffenen zu tun, die mit ihren Herausforderungen überfordert sind. Diese Tatsache hat mein Interesse für das Thema Kinder- und Jugendarmut und die sich daraus ergebenden Problematiken geweckt.

Besonders wichtig ist es daher, Kenntnisse darüber zu erlangen, welche Probleme und Entwicklungsrisiken bei Kindern und Jugendlichen in Armutslagen auftreten können und wie diese bewältigt oder sogar vermieden werden können.

Für sozialpädagogische Fachkräfte ist es essenziell zu wissen, womit man benachteiligte junge Menschen bei Bedarf gezielt fördern und unterstützen kann, damit sie gute Zukunftschancen haben und ihr Leben positiv meistern können.

Die Handlungsbereiche zur Lebensbewältigung sind vorwiegend von der sozialen Lebenssituation der Individuen bestimmt. Dies weist auf die sozialgeordnete Eingliederung der Lebensumstände und somit auf die Möglichkeiten individueller Lebensbewältigung hin (vgl. Böhnisch, 2013, S. 123).

In dieser Arbeit wird daher folgender Fragestellung nachgegangen:

„Welche sozialpädagogischen Handlungsansätze lassen sich anwenden, um mögliche Risikofaktoren von Armut bei jungen Menschen zu vermindern?“

Bezüglich der Armut von jungen Menschen betont Zander die Aufgabe und den Auftrag an die Soziale Arbeit, neben politischer Initiative und sozialer Tätigkeit in urbanen Gebieten, betont sie auch das sozialpädagogische Handeln an der Familie und dem Einzelfall (vgl. Zander, 2015, S. 72f).

Aus Kapazitätsgründen beschränkt sich die vorliegende Arbeit auf die Einzelfallarbeit. Themen wie z. B. Eltern- und Gemeinwesenarbeit können nicht behandelt werden.

Diese Arbeit beruht auf einschlägiger Literatur die umfassend recherchiert wurde. Sie wird untermauert durch Forschungsergebnisse und Statistiken von Instituten.

Einleitend wird im ersten Kapitel an die Thematik dieser Abschlussarbeit und ihre Fragestellung herangeführt.

Im zweiten Kapitel wird unter Bezugnahme von Werken von Chassé et al. (2010): „Meine Familie ist arm“, und anderen AutorInnen der sozialpädagogische Auftrag bezüglich Kindern und Jugendlichen in Armut begründet und deren Relevanz für die Sozialpädagogik.

In Kapitel Drei werden zum besseren Verständnis einige Fachbegriffe erklärt. Dafür dient neben Anderen das Fachlexikon der Sozialen Arbeit (2017) und der Beitrag von Holz (2016): „Armut von Kindern und Familien“, als Fundus.

Kapitel Vier dient dazu, den Begriff Armut zu definieren und weiters zu erklären, wie verschiedene Armutskategorien unterschieden und gemessen werden. Auch wird die Armutssituation in Österreich und der EU in Zahlen dargelegt. Definitionen und Informationen dafür kommen u. a. von Statistik Austria (2017a), Dimmel und Fürst (2017), weiters von Till und Till-Tentschert (2014) und Dimmel et al. (2014) aus: „Handbuch Armut in Österreich“.

Das fünfte Kapitel befasst sich mit möglichen Auswirkungen und Folgen von Armut bei junge Menschen, sowie Risiken für deren Entwicklung in physischen, psychischen, kognitiven, emotionalen und sozialen Bereichen.

Geschildert werden diese mit Fakten aus Werken von: Laubstein et al. (2016): „Armutsfolgen für Kinder und Jugendliche“, Clark et.al. (2012): „Junge Menschen als AdressantInnen sozialer Arbeit“ und Weiteren, sowie dem Artikel von Lutz (2011): „Jugendarmut: Ursachen und Folgen“.

Im sechsten werden prägnant Hinweise zur Handlungsgestaltung und Vorgehens-weise erwähnt, welche für einen Erfolg der Bemühungen von Bedeutung sind.

Anschließend widmet sich Kapitel Sieben möglichen Handlungsansätzen, zum Bewältigen von armutsbewirkten Risikofaktoren und Entwicklungsdefiziten bei Kindern und Jugendlichen, die in Armut leben. Einige der möglichen Ansätze sind, Resilienz, Partizipation, Kulturpädagogik, Sport und Bewegung, sowie Hilfe bei Mobbing. Wichtige Quellen dafür sind neben vielen anderen die Werke von, Zander (2009), (2015b) und (2015a): „Laut gegen Armut – leise für Resilienz“, Hammer und Lutz (2015): „Neue Wege aus der Kinder- und Jugendarmut“, Holz und Richter-Kornweitz (2010): „Kinderarmut und ihre Folgen“, Borg-Laufs (2015): „Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen aus armen und armutsgefährdeten Familien“, Braune-Kickau et al. (2013): „Handbuch Kulturpädagogik für Benachteiligte Jugendliche“, sowie Huster et al. (2018): „Handbuch Armut und soziale Ausgrenzung“.

Im letzten Kapitel werden die Erkenntnisse in einem Resümee zusammengefasst.

2. Sozialpädagogischer Auftrag

Der sozialpädagogische Auftrag an den in Armut lebenden jungen Menschen wird hier begründet. Ebenso wird die Relevanz für die Sozialpädagogik bezüglich der Bearbeitung negativer Auswirkungen von Kinder- und Jugendarmut dargelegt.

„Die UNO-Menschenrechtsdeklaration von 1948 […] bezeichnet die Soziale Arbeit als `Menschenrechtsprofession´. Gemäß diesem Postulat muss es die Aufgabe beruflicher Sozialer Arbeit sein, dank geförderten und geforderten Lernprozessen Menschen dazu befähigen, ihre Bedürfnisse so weit wie möglich aus eigener Kraft, zu befriedigen…“ (von Spiegel, 2013, S. 24).

Entsprechend der International Federation of Sozial Workers IFSW (2004) ist eines der beruflichen Handlungsfelder der Sozialen Arbeit, sich um soziale Gerechtigkeit zu bemühen, KlientInnen in ihrer Autonomie zu fördern und einzelne, spezifische Problemlagen zu bearbeiten (vgl. Kohlfürst, 2016, S. 49).

Seit dem 12. Kinder- und Jugendbericht (BMFSFJ 2005) ist allgemein klar, dass die Eltern Verantwortung für Kinder haben und auch die Öffentlichkeit. Der Staat hat sich dazu verpflichtet, das Aufwachsen von Kindern aktiv zum Wohlergehen zu fördern (vgl. Holz, 2016, S. 404; vgl. hierzu Böhnisch, 2012, S. 16f).

„Soziale Arbeit“ steht übergeordnet für Sozialpädagogik und Sozialarbeit. Soziale Arbeit als öffentliche Reaktion der Gesellschaft auf einen sozialen Unterstützungs-bedarf bearbeitet prekäre Lebensumstände und strebt die positive Veränderung sozialer Gegebenheiten an. Reagiert wird dabei auf Entwicklungstatsachen, soziale Problematiken und Risiken der Lebensgestaltung einzelner Menschen (vgl. Füssenhäuser, 2017, S. 774ff; Thole, 2015, S. 283f; Hurrelmann, 2010, S. 25).

Folgendes sei unbedingt angemerkt:

Gegründet auf die UN Deklaration der Rechte der Menschen wird prinzipiell vorausgesetzt, dass sozialpädagogisch Tätige die Integrität und den Wert von jedem Menschen achten, in Unabhängigkeit von ökonomischem, intellektuellem und sozialem gesellschaftlichem Rang, Geschlecht, nationaler Zugehörigkeit, Religion, ethischer Abstammung, Hautfalbe, Alter oder individueller Beeinträchtigung (vgl. aieje, 2006, S. 16, 33).

Soziale Arbeit unterstützt Fall - spezifisch, dort wo Ausgrenzungsdynamiken durch die primären Sicherungssysteme des Staates nicht aufhaltbar sind. Die Inklusions-vermittlung ist Hauptaufgabe der Sozialpädagogik. Sie hilft KlientInnen, nötige Fähigkeiten und Motivation für den Einstieg in Funktionssysteme zu erlangen, und ist um Exklusionsvermeidung bemüht (vgl. von Spiegel, 2013, S. 22).

Armut und ihre Auswirkungen sind unter anderem soziale Probleme, die von der Gesellschaft (öffentlich und politisch) als solche anerkannt werden. Soziale Probleme und die jeweils betroffene Person, bilden die Grundlage zur Bearbeitung durch sie Soziale Arbeit. Problematische Situationen oder kritisches Handeln das Sozialisationsdefizite oder mangelnde Ressourcen bewirkte, rechtfertigt das intervenieren der Sozialen Arbeit (vgl. Groenemeyer, 2017, S. 797f).

Die Möglichkeiten und Fähigkeiten, um Bildungs- und Einkunftslebensläufe zu entwickeln und zu verändern, sowie die Ressourcen zum Meistern sozialer Herausforderungen sind nicht gleich verteilt. Um der Steigerung gesellschaftlicher Schieflagen entgegen zu wirken und damit auch von Menschen in gesellschaftlich stark benachteiligter Lage die Möglichkeiten der Strukturveränderung ergriffen werden können, bedarf es ideenreicher, inspirierender, alltagsnaher und professioneller Sozialer Arbeit (vgl. Dewe, 2011, S. 93).

Kinderarmut stellt in der Sozialen Arbeit ein separates Phänomen dar. Kindliche Perspektiven und Möglichkeiten zur Bewältigung von Armut unterscheiden sich klar von denen Erwachsener. Die Sozialpädagogik sieht ihre Aufgabe auch darin, Kinder im „Hier und Jetzt“ zu fördern (vgl. Chassé et al., 2010, S. 322).

„In der Praxis der Sozialpädagogik spielt die Kinderarmut eine große Rolle. Mit dem Focus von Vernachlässigung, […] Schwierigkeiten des Sozialverhaltens usw. werden einerseits Erscheinungs- und andererseits Bewältigungsformen von Kindern bearbeitet die sich teilweise als Armutsfolgen interpretieren lassen“ (Ebd.).

Soziale Arbeit begleitet und unterstützt Individuen und Familien beim Suchen neuer Wege, Armut zu Bewältigen und hilft somit trotz prekärer Einkommens-umstände, selbstbestimmt ihr Leben zu führen (vgl. Maier, 2008, S. 30).

3. Begriffserklärungen

Zum allgemeinen besseren Verständnis werden hier ein paar Fachbegriffe und Begriffspaare erklärt. Einige wurde schon erklärt oder werden später erläutert, damit er in einem direkteren Zusammenhang mit der Thematik steht.

Ausgrenzung gibt es wegen grundsätzlichen ungleichen gesellschaftlichen Gegebenheiten und begrenzten Zugängen zu wichtigen Bereichen und Mitteln der Gesellschaft (vgl. Bettinger, 2015, S. 204f).

Marginalisierung betrifft an den Rändern der Gesellschaft befindliche Einzelne oder Gruppen, die gesellschaftlichen Normerwartungen im Lebenswandel und Benehmen nicht entsprechen (vgl. Ebd.).

Bedürfnis ist das Empfinden eines Mangels bzw. Spannungszustände aufgrund von materiellen oder immateriellen Mangelumständen (vgl. Ahmed, 2015, S. 36).

Benachteiligung besteht, wenn bei einem Kind momentan einige wenige Lebenslagen „Auffälligkeiten“ vorweisen. Die weitere Entwicklung kann als unvorteilhaft bzw. eingeschränkt gesehen werden (vgl. Holz, 2016, S. 414).

Deprivation (lat. deprivare: berauben), auch soziale Ausgrenzung genannt, meint das Entziehen, Entbehren, Verlieren oder die Isolation von Vertrautem oder für Entwicklung wichtigem, sowie ein empfinden von Benachteiligung (vgl. Soziales-Wissen.de.tl, o.V., 2017, https://soziales-wissen.de.tl).

Multiple Deprivation liegt vor, wenn in einigen sehr wichtigen Entwicklungs- und Lebensbereichen ein Kind „auffallend“ ist und Ressourcen die eine gute Entwicklung erhoffen lassen, dem Kind fehlen (vgl. Holz, 2016, S. 414).

Intervention bedeutet allgemein eingreifen in sehr oder wenig komplexe Systeme, mit professionell begründetem Handeln. Gründe sind Bedarf an Unterstützung und Hilfe im Leben von EmpfängerInnen, oder defizitäre soziale Infrastrukturen. Auf Personen bezogene soziale Interventionen beabsichtigen meist Veränderungen des Empfindens, Denkens, Tuns und Verhaltens, sowie der Funktionsweisen und Aufbau sozialer Beziehungen (vgl. Effinger, 2017, S. 456; Böllert, 2015, S. 148).

Mobbing beschreibt psychische und physische Gewalt die durch unterlaufen der persönlichen intimen Grenzen psychische und physische Verletzungen bewirkt. Gemeine Angriffe zielen dabei meist auf: soziales Ansehen, soziale Beziehungen, Mitteilungsmöglichkeiten, Schul-, Berufs- und Lebenssituation und Gesundheit.

Die andauernde starke psychische und oder physische Belastung kann negative gesundheitliche Folgen in Form von Schlaf- und Konzentrationsstörungen, chronischem ängstigen und depressiven Zuständen haben. Daraus folgt oft soziale Isolation in der Schule, am Arbeitsplatz und privat.

In Schulen kann es schwieriger sein Hilfe zu bekommen als in der Arbeitswelt, da die Abhängigkeitsverhältnisse anders sind. Besonders dann, wenn die betreffende Schule nicht an der Behebung des Konflikts interessiert ist (vgl. von Eisenhart Rothe/von Eisenhart Rothe, 2017, S. 591f).

Morbidität ist die Krankheitshäufigkeit in Bezug auf eine Population oder Bevölkerungsgruppe (vgl. Pschyrembel Online, Mueller, 2017, www.pschyrembel.de).

Soziale Anerkennung entsteht aus den intersubjektiven wahrnehmenden Handlungen des Erkennens, Akzeptieren und Bejahen einer Person oder Gruppe durch die Gesellschaft (vgl. Schoneville, 2015, S. 20f).

Soziale Ungleichheit sind die unterschiedlichen Zugangsmöglichkeiten innerhalb einer Gesellschaft zu Gesundheitsversorgung, Arbeitsmarkt, Wohnraum, Kapital und Bildung. Soziale Ungleichheit ist eine von Menschen geschaffene und daher auch von ihnen veränderbare Tatsache (vgl. Sünker, 2015, S. 294f).

Sozialisation ist der Prozess bei dem sich ein Mensch den gesellschaftlichen Verhaltensanforderungen anpasst und eine selbständige, stabile gesellschaftlich handlungsfähige Persönlichkeit entwickelt (vgl. Hurrelmann, 2017, S. 826).

Wohlergehen in Bezug auf Kindeswohl ist dann gegeben, wenn in den zentralen Lebensbereichen momentan nichts „Auffallendes“ festzustellen ist. (vgl. Holz, 2016, S. 414).

4. Armut – Erklärung, Definition und Daten

Dieses Kapitel soll verschiedene Armutsbegriffe und -unterteilungen erklären. Zudem wird ein grober Über- und Einblick in die Armutssituation Österreichs gegeben und knapp die Verhältnisse und Lebenslagen von Armen geschildert.

Denn um konkrete sozialpädagogische Handlungsschritte festlegen zu können, werden die Lebensumstände, in den Bereichen: Ökonomie, Gesundheit, Bildung, Eigen- und Fremdbestimmung genau betrachtet (vgl. Hugoth, 2012, S. 21).

Nach dem Zeitabschnitt `immerwährender Prosperität´ (Lutz, o.J., o.S.) gestaltet sich ein Problem der gesellschaftlichen Solidarität in der Zunahme sozialer Ungleichheit, da Armut verschieden starke Morbiditätsbelastungen oder räumliche Ausgrenzung hervorbringt (vgl. Dimmel et al., 2014, S. 10).

Die Entstehung von Armut und speziell von Kinder- und Jugendarmut kann aufgrund begrenzter Kapazitäten in dieser Arbeit nicht detailliert erklärt werden.

4.1 Wie wird Armut definiert?

„Um Arme von Nicht[!]-Armen unterscheiden zu können, bedarf es der Festlegung von Armutsgrenzen; dies ist gleichbedeutend mit der Definition eines Existenzminimums“ (Hauser, 2007, S. 66).

„`Die Definition von Armut stellt eine soziale Konstruktion dar und ist mit gesellschaftlichen Werte- und Normvorstellungen verbunden. Unter welchen Bedingungen eine Person oder eine Personengruppe als arm gilt, unterliegt einem fortwährend aushandelbaren gesellschaftlichen Definitionsprozess´“ (Holz, 2016, S. 405, Hervorh. i. O.).

„`Personen, Familien und Gruppen sind arm, wenn sie über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in ihrer Gesellschaft als Minimum annehmbar ist´, definiert die EU-Kommission“ (Halmer, 2016, S. 3, Hervorh. i. O.).

Für Sen (2002) ist Armut nicht nur materieller Mangel, sondern auch das Unvermögen, dem Leben Qualität zu verleihen und ein Mangel an Chancen verfügbare Alternativen zu realisieren (vgl. Hosemann, 2015, S. 46).

Kuhlmann (2018, S. 432) führt ein Zitat von Thomas von Aquin (1225 – 1274, Italien) an, in dem auch dieser schon die Lage armer Menschen nicht nur mit ökonomischen Aspekten beschreibt:

„...Mangel an sozialer Stärke, die ein Ergebnis ist von sozialem Ansehen und Einfluss, […] von Gesichertsein[!] durch soziale Bindungen, aber auch von Wissen und politischer Macht“ (Aquin zit. n. Sachße und Tennstedt, 1983, S. 39).

Armut hat viele Gesichter, denn es geht nicht nur um materielle Engpässe, sondern auch um Möglichkeiten, am Leben der Gesellschaft teilhaben zu können. Wie diese Faktoren am besten erfasst werden, ist umstritten, daher gibt es mannigfaltige Definitionen von Armut. Absolute Armut von Armutsgefährdung zu differenzieren ist eine wichtige Unterscheidung (vgl. Stelzer-Orthofer, 2016, www.schroedingerskatze.at).

4.2 Absolute/Manifeste Armut

Absolute Armut besteht, wenn Betroffene das Überlebensnotwendige an Obdach, Kleidung und Nahrung nicht decken können (vgl. Burmester, 2017, S. 58).

Genauer bedeutet dies, die ca. 5% manifest Armen in Österreich können mindestens zwei von den folgenden sieben Dimensionen nicht erfüllen:

— ihre Behausung adäquat warmhalten,

— in den vergangenen 12 Monaten zyklische Zahlungen (Gebühren, Wohn- und Wohnnebenkosten, Kreditabzahlungen, ...) fristgemäß abgelten,

— erforderliche Arzt- oder Zahnheilkundearztbesuche wahrnehmen,

— unvorhergesehene Aufwendungen bis hin 1.100€ bedienen,

— alle zwei Tage Fleisch, Fisch oder adäquate vegetarische Nahrung essen,

— Freunde und Verwandte einmal pro Monat zuhause mit Essen zu bedienen.

— nötige neue Bekleidung anschaffen (vgl. Dimmel et al., 2014, S. 9; Halmer, 2016, S. 4; vgl. hierzu. Statistik Austria, 2017a, S. 18ff).

EU Kategorien, vgl. hierzu Stelzer-Orthofer, 2016, www.schroedingerskatze.at.

Manifest Arme sind nicht im Stande, die mageren Einkünfte mit Einkommen aus anderen Tätigkeiten auszubessern oder mit Erspartem bzw. sparsamer Lebensgestaltung auszugleichen (vgl. parlament.gv.at, 2017, S. 4).

4.3 Relative Armut

Relative Armut liegt vor, wenn die soziokulturellen Bedürfnisse der Betroffenen nicht bedient werden können, da die Lebensverhältnisse extrem unter denen liegen die in der Gesellschaft üblich sind. Dadurch kann es zu ungenügendem teilhaben am gesellschaftlichen Leben kommen sogar bis hin zu Ausgrenzung. (vgl. Burmester, 2017, S. 58).

Weiters spricht man auch vom Lebensumstand der relativen Einkommensarmut. Davon Betroffene haben magere Handlungs- und Auswahlmöglichkeiten und können sich nicht ausreichend an den allgemeinen gesellschaftlich verfügbaren Waren und Dienstleistungen bedienen (vgl. Laubstein et al., 2016, S. 19).

4.4 Armuts- oder Ausgränzungsgefährdung in Österreich

Das wichtigste Orientierungsmaß zur Gliederung von Armutsgefährdung ist 60% des Medians. Die EU-Konvention legt damit eine Gefährdungsschwelle fest, bei der das angeglichene Haushaltseinkommen einer erwachsenen Person 60% des Medianeinkommens ausmacht (vgl. Statistik Austria, 2017a, S. 10).

Das Medianeinkommen ergibt sich in dem alle Einkommen nebeneinander gereiht werden und bei ungerader Anzahl das Mittlere Einkommen, oder bei gerader Anzahl der arithmetische Mittelwert der zwei Mittleren Einkommen genommen wird. Das Medianeinkommen unterscheidet sich absichtlich vom Durchschnittseinkommen. In der Sozial- und Wirtschaftswissenschaft wird es verwendet, da es weniger anfällig ist für Verzerrungen durch niedrige oder hohe Einkommensextreme (vgl. DIW Berlin, o.V., 2017; Pioch, 2011, S. 19).

Ca. 1,2 Mil. ÖsterreicherInnen sind Armutsgefährdet, ihr Haushaltseinkommen liegt unter 60% des Medians (vgl. parlament.gv.at, 2017, S. 4).

Aber nicht alle, die unter dieser Schwelle liegen, fühlen sich arm. Das kommt auf viele Faktoren an (vgl. Stelzer-Orthofer, 2016, www.schroedingerskatze.at).

1.185 Euro galt 2016 in Österreich als Armutsgefährdungsgrenze für alleinlebende Personen inklusive Sozialleistungen 12-mal pro Jahr! Die Schwelle ist pro Person deutlich geringer, wenn mehrere Menschen in einem Haushalt zusammenleben (vgl. Statistik Austria, 2017a, S. 11; o.V., 2016, www.schroedingerskatze.at).

Ein Haushaltseinkommen errechnet sich, indem von einem Haushalt alle netto Erwerbseinkommen und Pensionen plus Kapitaleinlagen und Sozialtransfers summiert werden und dann Unterhaltsleistungen sowie weitere Privattransfers addiert oder subtrahiert werden (vgl. Halmer, 2016, S. 3).

Es wird angenommen, zusammen leben erspart Kosten. Zur Verbrauchs-angleichung zählt man pro Haushalt eine erwachsene Person mit 1, weitere Erwachsene mit 0,5 und Kinder unter 14 Jahren mit 0,3. So ist die Grenze bei einem Haushalt mit 2 Erwachsenen + 2 Kindern (1.185€ x 2,1) bei: 2488,5€ monatlich (vgl. Statistik Austria, 2017a, S. 11; Till/Till-Tentschert, 2014, S. 126f).

Eine weitere Variante Armuts- und Ausgränzungsgefährdung zu erfassen wird von Till und Till-Tentschert sowie Halmer beschrieben:

Wenn mindestens eines der folglich aufgelisteten Merkmale auf eine Person zutrifft, gilt diese als Armutsgefährdet oder von sozialer Ausgrenzung bedroht.

— Wenn das verfügbare Einkommen von Menschen in deren Haushalt unter 60% des äquivalisierten nationalen Medianeinkommens liegt.

— Wenn der Haushalt von Personen vier oder mehreren der folglich gelisteten neun Kennzeichen für nachweislich materielle Deprivation entspricht:

i Zahlungsrückstände bei Wohn- und Wohnnebenkosten oder Krediten;
ii unvorhergesehene finanzielle Ausgaben können nicht getätigt werden;
iii jährlich eine Urlaubsreise zu machen ist finanziell nicht leistbar;
iv finanziell nicht im Stande die Behausung angemessen zu heizen;
v Zweitägig Fisch, Fleisch oder adäquates Vegetarisches Essen zu kaufen;
vi es ist nicht möglich einen PKW zu finanzieren;
vii eine Waschmaschine lässt sich nicht finanzieren;
viii die Finanzierung eines Farbfernsehgerätes ist nicht möglich;
ix ein Mobil- oder ein Telefon liegt nicht im Bereich des finanziell leistbaren.

— Menschen bis 60 Jahre alt in einem Haushalt ohne oder mit fast keiner Erwerbsintensität. D.h. Personen im erwerbsfähigen Alter von 18 bis 59 Jahre (außer Studenten), deren Erwerbstätigkeit der letzten 12 Monaten unter 20% des Möglichen ist (vgl. Till/Till-Tentschert, 2014, S. 123; Halmer, 2016, S. 5f; vgl. dazu v.a. parlament.gv.at, 2017, S. 2f und Statistik Austria, 2017a, S.18).

18% der Bevölkerung in Österreich waren 2016 laut EU-Definition von Armut oder Ausgrenzung gefährdet (vgl. Statistik Austria, 2017c, S. 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung 2016, URL: http://www.statistik.at, Stand: 2.1.2018.

Eine Kluft, die zum Verhängnis werden kann erklären Dimmel und Fürst (2017, S. 37) so:

Für alleinstehende Personen war 2015 die Mindestsicherung (828€) um 330€ niedriger als Armutsgefährdungsgrenze (1.163€) nach EU-SILC[1] und 530€ unter dem Referenzbudget (1.358€).

Armutssituationen entstehen meist durch mehrfaches Zusammenwirken von: geringen Einkünften, familiäre Verpflichtungen, Lebensereignissen, Krankheit und beschränktem Zugang zum Wohnungsangebot (vgl. Dimmel et al., 2014, S. 11).

4.5 Risikogruppen

Dieses Unterkapitel dient dazu nur einen ungefähren Überblick über die jeweiligen Personengruppen zu vermitteln und Einblick in die Einkommensentwicklung.

Die Armutsgefährdung wird durch Kinder nicht zwingend erhöht, jedoch bewirken sie zu den höheren Kosten oft eine verringerte Erwerbstätigkeit in Haushalten von Alleinerziehenden und Familien mit mehr als zwei Kinder.

Weiters sind öfter armutsgefährdet, Menschen mit geringem Bildungsabschluss, behinderte Manschen, da die Sozialleistungen oft nicht genügen, ältere Menschen besonders weibliche Alleinstehende und MigrantInnen (vgl. Halmer, 2016, S. 6).

Dem Alter nach sind Kinder und Jugendliche die gesellschaftliche Gruppe mit der höchsten Armutsrisikoquote. Sie sind dann besonders risikogefährdet, wenn fünf der folglich angeführten sozialen Kennzeichen auf ihr Familie zutreffen: alleinerziehend, geringe Bildung, Herkunft mit Migration, über zwei Geschwister, Wohnort in einer sozial belasteten Unterkunft. Treffen mehrere Kennzeichen zu, dann potenziert sich das Risiko vielfach. Junge Menschen sind sehr besonders stark Armutsgefährdet in Familien mit nur einem Elternteil, vor allem, wenn Geschwister im selben Haushalt leben. (vgl. Holz, 2016, S. 411).

Es genügt in der Praxis nicht auf bestimmte „Anzeichen“ wie „alleinerziehend“, oder „erwerbslos“ oder „migriert“ zu achten, um Familien und somit Kinder in finanziellen Risikolagen zu finden. Obwohl die Risiken sehr unterschiedlich sind – kommt Armut in jeder Familienkonstellation vor (vgl. Ebd., S. 412).

Das Realeinkommen in Deutschland ist im unteren Bereich heute niedriger als Mitte der 1990er (vgl. Peters, 2017, S. 131).

In Österreich stagniert das Realeinkommen seit Anfang der 1990er laut einem Wifo-Prognosebericht (vgl. Urschitz, 2014, www.diepresse.com).

4.6 Kinder- und Jugendarmut

„Kinderarmut ist ein Terminus, der abkürzend die Folgen von Armut für Kinder meint“ (Holz, 2010, S. 37).

Nach Holz und Dimmel ist Erwachsenenarmut unvergleichbar mit Kinderarmut. Denn Kinder haben keine Veränderungsmöglichkeiten an ihrer Lebenssituation und materielle, soziale und kulturelle Mangelversorgungen wirken viel stärker direkt auf ihre Handlungsspielräume. Wenn die Rede von Kinderarmut ist, dann sind die Auswirkungen von zu geringem Familieneinkommen auf Kinder und Jugendliche gemeint (vgl. Holz, 2016, S. 404; Dimmel, 2014, S. 186).

In der öffentlichen Diskussion wird meist ein Unterschied zwischen Kinder- und Jugendarmut gemacht. Kinderarmut löst Bestürzung und Mitleid aus, wobei Jugendarmut schnell als eigenverschuldet abgetan wird. Tatsache ist, dass die heutigen armen Jugendlichen die gestrigen armen Kinder sind – der Armutskreislauf geht weiter (vgl. Bundes Jugend Vertretung, 2016, S. 6).

Altersmäßig gibt es für den Begriff Jugend keine fixe Obergrenze, diese ist meist das Alter von 18- manchmal auch 25- oder 30 Jahren. (vgl. Richter, o.J., S. 27ff,).

"`Jugend´ ist kein einheitlicher Begriff - weder im wissenschaftlichen Diskurs noch in der österreichischen Rechtsordnung“ (bmfj, 2016, S. 1).

Eine sehr große Risikokomponente für die Entwicklung von Kindern mit umfangreicher Langzeitwirkung ist Armut. Sie mindert die Zukunftschancen junger Menschen. Je größer das verfügbare Einkommen der Eltern, je eher leben Kinder in Wohlergehen. Die am ärgsten armutsgefährdete Gruppe in der Bevölkerung sind junge Menschen.

Armut bei Kindern wird erkennbar an Einengungen bzw. Auffälligkeiten in vier Lebenslagendimensionen des Kindes: kulturelle und soziale Ressourcen, gesundheitliche Lage sowie materielle Basisversorgung (dazu gehört: Bekleidung, Nahrungsmittel, Wohnen und Anteil haben am gemeinen Konsum wie z. B. Spielsachen, Taschengeld, elektronische Geräte, Internet, Mittel für Hobbys usw.). Unterschieden wird in drei Typen von Lebensumständen: Wohlergehen, Benachteiligung und multiple Deprivation (vgl. Holz, 2016, S. 413f).

Die UNICEF hat 2012 nicht monetäre Aspekte als Indikatoren für Kinderarmut definiert. Begrenzte kulturelle Anteilnahme, soziale Ein- und Abgrenzung, desolater Gesundheitszustand, räumliche Abtrennung, sinnliche Erlebensarmut, eintönige Tagesrhythmen und Freizeitgestaltung, Stigmatisierungserlebnisse, Erfahrungen mit Gewalt und Misshandlung (vgl. Dimmel, 2014, S. 187).

Ca. 20% (1.8 Mil.) der Bevölkerung in Österreich sind unter 20 Jahre alt (vgl. Statistik Austria, 2017b, S 1).

In Österreich lebten 2016, 20% (356.000) der unter 20-Jährigen in Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdeten Familien, (vgl. AK Oberösterreich, o.V., 2016).

Laut `die Armutskonferenz´ ist die momentane Situation in Österreich so, dass: 52.000 Kinder in einem Haushalt leben der nicht adäquat geheizt werden kann. 171.000 Kinder nicht einmal monatlich Freunde in ihr Zuhause einladen können. 234.000 Kinder in Unterkünften wohnen müssen die überbelegt sind, und sogar 223.000 Kinder hausen in Räumen die feucht und schimmelig sind. Tausende Kinder müssen einen nötigen Besuch beim Arzt wegen finanziellen Gründen aufschieben. (vgl. Die Armutskonferenz, o.V., 2017, www.armutskonferenz.at).

Derzeit sind in der EU 26,5% (ca. 25 Mil.) Kinder und Jugendliche Armuts- und Exklusionsgefährdet und 8,6% erleiden sehr schwere materielle Deprivation (vgl. Schraad-Tischler, 2017, S. 8).

Kinder, die durch sozialpolitische Definitionen von Kinderarmut als arm eingestuft werden, verneinen dies oft. Hingegen erleben manche Kinder Armut, deren Familieneinkommen knapp über dem festgelegten Armutsniveau liegt. Diese Problematik besteht aufgrund theoretischer, zahlenbasierter Messung und Errechnung.

Für Kinder selbst sind oft Armutsmerkmale: sehr eingeschränkter Konsum, geringe Möglichkeiten und materielle Entbehrungen. Dazu gehört u.a. Schulzubehör, oder vor Kälte schützende Kleidung. Kein Urlaub weg von Zuhause, kein Kinobesuch, keine Möglichkeit zur Vereinsmitgliedschaft oder ein Musikinstrument zu erlernen (vgl. Andersen, 2015, S. 42ff; vgl. dazu v.a. Thimm, 2016, S. 212f).

Abschließend zu diesem Kapitel und überleitend zum nächsten mit den möglichen Auswirkungen, Risiken und Folgen von Armut wird das folgende Zitat wiedergegeben:

„Die Kluft zwischen sozial schwachen Jugendlichen und wohlhabenderen ist in den vergangenen Jahren immer größer geworden. Die Kinder und Jugendlichen aus sozial schwächeren Familien mit geringerer Bildung haben immer schlechtere Chancen. Die Jugendlichen werden isoliert und der Pessimismus verfestigt sich. Viele resignieren und nutzen nicht mehr alle ihre Möglichkeiten“ (Hurrelmann, 2010, o.S. zit. n. Lutz, 2011, S. 22).

5. Mögliche Auswirkungen, Risiken und Folgen von Armut

Dieses Kapitel dient dazu, eine Vorstellung und ein Gefühl für die Lebenssituation von armen jungen Menschen zu vermitteln und im Besonderen die Folgen und Auswirkungen von Armut. Weiters sollen damit die Herausforderungen für die Sozialpädagogik aufgezeigt werden denn:

Sozialpädagogische Aufgabenbereichserfassung geschieht durch identifizieren von problematischen Zuständen, welche zu behandeln sind und als lösbar gelten (vgl. Clark et.al., 2012, S. 177).

Armut tritt heute nicht mehr nur in den äußersten Bereichen der Gesellschaft auf, sondern auch immer mehr in ihrem Inneren, und dadurch wird die Armuts-diskussion in der Öffentlichkeit in den letzten Jahren angeregter betrieben und die wissenschaftliche Erforschung der Auswirkungen auf die körperliche, geistige, seelische, kognitive, intellektuelle, soziale und kulturelle Entwicklung bei jungen Menschen angetrieben. Familien mit Kindern welche in finanziell sehr kargen Umständen leben, sind am ärgsten betroffen und die mangelnde Berücksichtigung dessen, was die Kinder in diesen Familien brauchen, ist gründlich wissenschaftlich aufgezeigt worden. Von den sehr mageren Lebenslagen der Kinder entstehen die Schwierigkeiten der Lebensepoche Jugend (vgl. Niederer, 2012, S. 502f).

Der Fokus armer Kinder und Jugendlicher ist meist auf das Bewältigen aktueller Probleme gerichtet. Daraus resultiert eine frustrierte Grundstimmung, keine Bildung einer Perspektive und wenig Selbstvertrauen (vgl. Lutz, 2011, S. 19).

Einerseits wurde nachgewiesen, dass Armutsumstände in Familien Auswirkungen auf deren Beziehungsgeflecht, Emotionsregulierung und Bildungskultur haben. Andererseits erfordern diese Umstände eigene Vorgehensweisen zum Wahren von sozialer Anerkennung und Eigenbehauptung (vgl. Sting, 2016, S. 452).

„Die Armut bewirkt nicht bei allen Kindern multiple Deprivationen oder schulische Benachteiligungen. Diese Auswirkungen zeigen sich zwar häufiger bei armen als bei nichtarmen Kindern, aber eben nicht bei allen“ (Kampshoff, 2010, S. 221).

5.1 Mögliche Entwicklungsdefizite und deren Risikofaktoren

Im Vorschulalter hatten über 50% der armen Kinder ein auffälliges Verhalten beim Spielen, Sprechen und Arbeiten. Sie wurden auch öfter zurückgestellt von der Schule. Sogar bei gleich vielen „Auffälligkeiten“ waren ihre Chancen kleiner auf einen normalen Regelschulwechsel, als bei nicht Armen (vgl. Holz, 2010, S. 39).

Arme junge Menschen im Grundschulalter erleben viel weniger dem Alter entsprechende Erfahrungs- und Lernmöglichkeiten als nicht Arme. Sie haben auch weniger Möglichkeiten sozialer Integration und zum Entwickeln sozialer Kompetenzen (vgl. Ebd., S. 41; Dimmel, 2014, S. 201).

„Besonders deutlich kommen die statusspezifischen Unterschiede bei Sprach-, Sprech-, Stimm- und Sehstörungen, intellektuellen Entwicklungsverzögerungen, emotionalen und sozialen Störungen sowie psychiatrischen Auffälligkeiten zum Ausdruck“ (Lampert/Richter, 2010, S. 56).

„Der sozioökonomische Status bestimmt die intellektuelle Entwicklung weit mehr, als sämtliche derzeit erfassbaren pränatalen und perinatalen Risikofaktoren“ (Largo, 1995, S. 15, zit. n. Merten, 2010, S. 67).

Der Nachwuchs aus deprivierten Familien stellt bei sich oft ein Handicap fest in Sozialbeziehungen zu Altersgenossen und erlebt öfter Zurückweisungen von Gleichaltrigen (vgl. Chassé et al., 2010, S. 26).

Diese Kinder und Jugendlichen leiden oft unter den mageren Möglichkeiten, genügend Kompetenzen für die Interaktion mit Anderen und im Umgang mit den eigenen Emotionen zu entwickeln. Ihre Verbalisierungs-Versiertheit allgemein und Handlungsfacetten in Konflikten sind auch meist sehr dürftig. (vgl. Ebd., 314ff).

Die Bedürfnisse armer junger Menschen nach Entwicklung von Interessen und in Folge deren Förderung bleiben Großteils unerfüllt. Denn meist können sie kaum oder gar nicht gesellschaftliche Angebote bezüglich Musik, Kultur, Kunst, Sport oder anderswertige außerschulische Bildung in Anspruch nehmen. Von den Eltern wird kaum versucht, dies auszugleichen und das soziale Netz ist oft zu klein und zu wenig engagiert (vgl. Ebd., S. 134, 178, 191f, 290; Thimm, 2016, S. 212f).

„... ein Aufwachsen in dauerhafter Armut, verschärft jede Auffälligkeit und das bereits sehr früh“ (Richter-Kornweitz, 2010, S. 52).

5.2 Auswirkungen auf die Eltern- bzw. Elternteil-Kind Beziehung

Armut wirkt sich auf die Familiendynamik manchmal so aus, dass die Eltern ökonomische Mängel in Frust, Missmut und ausbleibendes Selbstbewusstsein umwandeln. Die Kinder machen Mangelerfahrungen bezüglich Glück, emotionaler Wärme, Halt und sozialer Unterstützung (vgl. Chassé et al., 2010, S. 26).

In materiell ungünstig ausgestatteten Familien kommt es häufiger zwischen den Eltern, den Eltern und Kindern sowie den Geschwistern zu Konflikten. Dies wird auch begünstigt durch die geringere Anzahl an zur Verfügung stehenden Wohnfläche und -räumen. Bindungsbedürfnisse der Kinder armer Familien bleiben öfter unterversorgt. (vgl. Borg-Laufs, 2015, S. 325)

Aus armen Jugendlichen werden oft arme Erwachsene, die eine Familie gründen, welche von Anfang an erschöpft sein kann. Armutskulturen bilden sich und werden Tradition. Diese erschöpften Familien haben oft umfangreiche Belastungen und sind daher immer weniger im Stande, die Haushaltsorganisation zu bewältigen und ihren Aufgaben in der Erziehung gerecht zu werden (vgl. Lutz, 2011, S. 21f).

5.3 Physische und psychische Gesundheitsrisiken

Die von vielen internationale Studien erwiesenen Zusammenhänge zwischen sozialem und gesundheitlichem Unterschied betreffen besonders signifikant junge Menschen (vgl. Sting, 2016, S. 497f).

Arme Kinder und Jugendliche sind durch die Umstände stärker psychosozial belastet. Beeinträchtigungen psychosomatischer Art, wie Störungen des Schlafes und der Konzentration, treten öfter auf. Die Seele junger Menschen mit niederer sozioökonomischer Position ist öfter gekränkt, sie haben öfter affektive Störungen wie z. B. Depressivität (vgl. Bundes Jugend Vertretung, 2016, S. 9).

Für die verschiedensten Entwicklungsstörungen fehlen in Österreich geschätzte 80.000 kassenfinanzierte Therapieplätze für Minderjährige. Dies führt zu langen Wartezeiten - von bis zu über 12 Monaten, da private Finanzierung zu teuer ist (vgl. Österreichische Liga für Kinder- und Jugendgesundheit, 2017, S. 16).

Auch schulisches Belastungserleben tritt deutlicher auf bei SchülerInnen mit geringem familiärem Wohlstand, als mit hohem (vgl. Laubstein et al., 2016, S. 67).

Internationale und Deutsche Studien, zeigen die stärkste Krankheitshäufung in Familien niederen sozioökonomischen Status. In diesen ereignen sich öfter Verletzungen, ihre Mitglieder nehmen mehr psychoaktive Substanzen, kultivieren schlechtere Ernährungsgewohnheiten und gesamt gesehen häufen sich psychische und physische Beeinträchtigungen. Die Verbindung biopsychosozialer gesundheitlicher Probleme mit ökonomischen Engpässen in unterprivilegierten Alltagsumwelten sind offensichtlich (vgl. Gahleitner, 2017, S. 21).

Gegenüber nichtarmen Jugendlichen machen arme Jugendlichen deutlich weniger Vereins- oder Freizeitsport, essen seltener Salat und Gemüse oder Früchte und Obst. Sie reinigen ihr Gebiss seltener, sind öfter in Raufhandel involviert und werden öfter gemobbt (vgl. Laubstein et al., 2016, S. 67f; Habl, 2014, S. 247).

In der BRD zeigen sich bei rund 22% der unter 18-Jährigen für deren Lebensabschnitt von zentraler Bedeutung folgende gesundheitliche Probleme:

Psychisch Auffallendes wie z. B. Störungen durch Ängste, Depressionen und in der Entwicklung, oder gestörtes Sozialverhalten. Diese treten in den unteren sozialen Schichten wesentlich häufiger auf als in den höheren.

Ebenso stark zusammenhängend mit den ungleichen Lebensumständen sozial Benachteiligter unter 18-jähriger Menschen, ist eine höhere Morbidität und ein riskantes, die Gesundheit bedrohendes Verhalten zum Meistern von Entwicklungsanforderungen (vgl. Sting, 2016, S. 496ff; Thimm, 2016, S. 212f).

5.4 Mangelhafte Bildung

Restriktive soziale Lebensbedingungen bewirken teilweise ein blockieren von weiterführenden Bildungsprozessen. Sie werden auch überdeckt von Strategien der Bewältigung des Lebens und der Selbstbehauptung (vgl. Sting, 2016, S. 450).

In armen Familien mangelt es meist sehr an zeitlichen, finanziellen und materiellen Ressourcen, um bei kindlichen Lernprozessen zuhause genügend behilflich zu sein, eine zuverlässige Alltagsstruktur zu bieten und um eine für Lernprozesse förderliche, gemeinsame Gestaltung der Freizeit mit Gleichaltrigen ausreichend zu ermöglichen (vgl. Chassé et al., 2010, S. 154).

Es könnte eventuell ausreichen, wenn ein Elternteil oder die alleinerziehende Person, die Ressourcen aufbringen könnte (vgl. Ebd., S. 223).

SchülerInnen aus prekären Verhältnissen mangelt es oft an Bildung, primär bei `soft skills´, die für einen ökonomischen Erfolg nötig sind (vgl. Lutz, 2011, S. 19).

Schlögl stellt fest: Eltern oder allein Erziehende von armen Familien haben häufig einen geringen Schul- oder Ausbildungsabschluss. Kinder aus armen Familien brechen eher eine Schule oder Lehre ab, als solche aus nichtarmen Familien. Die meisten Jugendlichen ohne positivem Pflichtschulabschluss und/oder Berufsausbildung kommen aus armen Verhältnissen (vgl. Schlögl, 2014, S. 224ff).

Armut und Bildungsmisserfolg hängen nicht zwingend zusammen. Es wird aber davon ausgegangen, dass schon bestehende Mängel an Sozialisation und Bildung durch Armut gesteigert werden. Nicht die wirtschaftliche Situation der Eltern, sondern ihre soziale Herkunft beeinflusst die Bildungswahl für ihre Kinder und bringt Benachteiligungen in deren Bildungsweg (vgl. Kampshoff, 2010, S. 221).

Pantizsch-Wiebe betont zwar das Bildung nicht das Wundermittel sei zum Bekämpfen der Armut von Kindern und Familien, jedoch ist oft Bildungsarmut ein entscheidender Faktor für ein perspektivenloses Leben ohne Entfaltungschancen. Bildung ist aber eine ganz entscheidende Ressource, zur Arbeitsmarktintegration, zum Bilden und stabilisieren eines Selbstwertgefühls und zum Öffnen von Chancen zum Teilhaben am sozialen Leben (vgl. Pantizsch-Wiebe, 2009, S. 102f).

5.5 Schwierigkeiten am Arbeitsmarkt

Jugendliche aus armen Lagen haben magere Chancen in den Arbeitsmarkt einer auf Wissen basierenden Ökonomie ein- und aufzusteigen (vgl. Lutz, 2011, S. 19).

Unselten ist das Resultat von Armut in Kindheit und Jugend eine Armutskarriere mit lebenslangen Folgeerscheinungen. Misslingende Wechsel vom Bildungs- in den Beschäftigungssektor steigern das Risiko andauernder trister Beschäftigung, von Arbeitslosigkeit und Angewiesen sein auf soziale Transferleistungen. Daran geknüpft sind Verluste von Sozialversicherungszeiten, magere Chancen Eigentum zu bilden und somit eine höhere Gefahr von Altersarmut.

Andauernder Ausschluss vom Beschäftigungssystem und daran geknüpften Netzwerken verstärken zusätzlich das Risiko, in soziale Randgruppierungen abgedrängt zu werden (vgl. Gottwald, 2015, S. 200).

5.6 Risikofaktor soziale Ausgrenzung und deren mögliche Folgen

Arme junge Menschen haben oft sehr wenig soziales Kapital, kaum Einflechtung in vielfältige Netzwerke und Kontakte, sowie kein Vermögen, soziale Brücken zu bauen. Dadurch entsteht eine umfassende Einschränkung der Integration in ein soziokulturelles Milieu (vgl. Lutz, 2011, S. 19).

Bei der Bewältigung sozialer Ausgrenzung durch suchen erreichbarer Wege sozialer Integration, treten in folgenden Bereichen Probleme auf: Erfahrungen - des Abhandengekommen Selbstwertes tiefenpsychologisch abgelagert - sozialer Unorientiertheit - nicht vorhandenem sozialem Rückhalts.

In solchen Zusammenhängen ist mit erreichbar gemeint, dass diese jungen Menschen beim Bemühen um psychosoziales Handlungsvermögen da sozialen Zuspruch und Zugehörigkeit suchen, wo es für sie chancenreich scheint. Hiermit kann erklärt werden, wieso sich vorwiegend Jugendliche und Adoleszente mit ähnlichen heiklen Bewältigungsproblematiken in sonderbaren Cliquen einfinden und gegenseitig stark anziehen.

Beim Streben nach der eigenen Handlungsfähigkeit einerseits und sozialer Integration andererseits kann eine prekäre Spannung entstehen, die sich in sozial abwegigem Verhalten und Umgang verwirklicht, wenn dies Annahme und Eigenwirksamkeit verspricht (vgl. Böhnisch, 2013, S.122f; Böhnisch, 2016, S.21).

Somit fördern Druck- und Beschränkungslebenslagen das Ablegen von allgemeinen gesellschaftlichen Vorgaben zum Erreichen und Sichern sozialer Handlungsfähigkeit sowie Anerkennung und eine Tendenz zu subkulturellen Strategien. Dies kann eine Blockierung des Strebens nach Bildung bewirken, die den momentanen Lebenshorizont übersteigt.

Bei Kindern, die ihre Armut bewältigen müssen, tritt oft sozialer Rückzug oder eine Verringerung der Handlungsmöglichkeiten ein, damit die blamierende Offenlegung ihrer Umstände vermieden wird. Diese selbstausschließende Strategie kann somit in extreme soziale Ausgrenzung münden (vgl. Sting, 2016, S. 452).

Von Wolffersdorff schreibt dazu ergänzend, dass Jugendliche aus randständigen Gesellschaftsschichten viel geringere Chancen haben, schulischen Erfolgsansichten zu entsprechen. Viel eher haben sie Erlebnisse des Versagens in der Schule.

Angebote einer straffälligen Gruppenkultur zur Lösung solcher Umstände sind meist aggressiv gestaltete Reaktionen bei denen Statusorientierungen wie Familie und Schule umgedreht werden. Somit wird: Autorität und fremder Besitz verachtet, vieles egal, statt sich zu bemühen und Bedürfnisse werden spontan ausgelebt, anstatt Impulse zu regulieren (vgl. von Wolffersdorff, 2016, S. 644ff).

Soziale Verwund- und Verletzbarkeit von Gesundheit ist nicht generell festgelegt. Diese entsteht meist in den Umständen sozialer Ungleichheit, Benachteiligung und Exklusion. Ungenügende Anerkennung, Akzeptanz, Machtlosigkeitsgefühle, wirtschaftliche Einschränkungen und wenig Lebenserfahrung schränken die Selbstverwirklichung sehr ein (vgl. Haverkamp, 2018, S. 479).

Arme junge Menschen erleben oft Ungerechtigkeit in ihrem Leben und auch die Gesellschaft wird als ungerecht wahrgenommen (vgl. Andersen, 2015, S. 44).

5.7 Demoralisierung

Das Propagieren unerwarteter Möglichkeiten verbunden mit zugeteilter Verantwortung des Individuums für sein eigenes Leben bei gleichzeitig knapper werdenden Ressourcen, mündet in das Phänomen Demoralisierung. Darunter versteht man eine Grundhaltung die geprägt ist von Hilf-, Sinn-, Hoffnungs- und Machtlosigkeit und niedrigem Selbstwertgefühl. Demoralisierung ist das Gegenteil von Kohärenzgefühl. Entgegen einer aktiven und optimistischen Verfassung ist diese destruktiv oder gekennzeichnet von lähmender Passivität bis hin zu Apathie. Das erklärt, weshalb Menschen in prekären Lebenslagen, ihre Probleme häufig auf doppeln mit passivem oder hinderlichem Verhalten (vgl. Sting, 2008, S. 430).

5.8 Mobbing

Jugendliche werden Opfer von Mobbing aus verschieden Gründen u. a., weil sie keine sozial akzeptierten Kennzeichen besitzen wie z. B. Markengewand oder gar ärmlich angezogen sind. Oder generell, weil sie von niederem sozialen Status sind. Ein geringer Selbstwert erhöht ebenso das Risiko gemobbt zu werden (vgl. Heldt, 2012, S. 15; Schubarth, 2013, S. 83).

[...]


[1] SILC - Statistics on Income and Living Conditions

Ende der Leseprobe aus 76 Seiten

Details

Titel
Bewältigung von Armutsrisiken bei Kindern und Jugendlichen. Sozialpädagogische Handlungsmöglichkeiten
Note
2
Autor
Jahr
2018
Seiten
76
Katalognummer
V412307
ISBN (eBook)
9783668637276
Dateigröße
741 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Armut, Resilienz, Entwicklung, Armutsfolgen, Risiken, Kinder, Jugendliche, Sozialpädagogik, Soziale Arbeit
Arbeit zitieren
Simon Gallmayer (Autor), 2018, Bewältigung von Armutsrisiken bei Kindern und Jugendlichen. Sozialpädagogische Handlungsmöglichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412307

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