Die Anforderung Welschs, dass jedes Individuum seine Hybridität entdecken und wertschätzen soll, um mit der transkulturellen Gesellschaft besser zurecht zu kommen, steckt hohe Ziele und möglicherweise zu hohe Ansprüche. Transkulturalität als solche zu erkennen und ausleben zu können, sich bewusst zu sein, dass sie frei ausgelebt werden kann, erfordert von jedem Individuum einen eigenständigen, vernunftbetonten Zugang. Diese Aufgabe ist möglicherweise von manchen Teilen der Bevölkerung nicht zu bewältigen. Denn die schwindende Rolle der Nationalkultur kann zur Entgrenzung der kulturellen Identität eines Individuums führen. Auch Klaus P. Hansen sieht die Anzeichen für die Einschränkung der nationalen Ebenen (vgl. Hansen), doch betont er, dass sie „politische Kräftefelder und internationale Ordnungsmuster“ (Hansen) darstellen, welche aktuell von Wichtigkeit für die Individuen und die gesellschaftliche Struktur sind. Wenn die Individuen nicht in der Lage sind sich über eine „nationale Identität“ oder deutsche, chinesische, französische „Leitkultur“ zu definieren, könnten sie sich verloren oder haltlos fühlen. So besteht für manche die Gefahr sich in politisch fanatische und extreme Richtungen zu flüchten, um Sicherheit bezüglich ihrer Identität zu erlangen.
Es soll herausgearbeitet werden, ob die kulturelle Entgrenzung der Identität, welche Jugendliche erfahren könnten, mit alternativen Mitteln, genauer mit dem Anschluss an musikorientierte Jugendkulturen, ausgeglichen werden kann.
Um die Rahmenbedingungen besser erfassen zu können, soll versucht werden die Begriffe der Postmoderne und der Globalisierung näher zu erläutern, um aus diesen heraus die kulturelle Entbettung der Individuen zu erklären. Daraufhin soll die besondere Situation Jugendlicher skizziert werden. Hiernach folgen eine Abgrenzung der Gegensubkulturen von den Teilsubkulturen und die Einordnung der musikorientierten Jugendszenen. Im Anschluss daran sollen gewählte Beispiele dieser musikorientierten Jugendszenen schlaglichtartig vorgestellt werden. An den von Herder festgelegten Merkmalen des traditionellen Kulturmodells wird daraufhin überprüft, ob diese Szenen ebenso eine vermeintliche Stabilität und Sicherheit bieten wie das traditionelle Kulturmodell und ob sie einen Beitrag zur Identitätskonstruktion leisten können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitende Gedanken
2. Umgestaltete Welt
2.1 Postmoderne
2.2 Globalisierung
3. Die jugendliche Suche nach Identität
3.1 Ein Jugendlicher- Was ist das?
3.2 Subkulturen: Die Differenz zwischen Gegenkultur und Teilkultur
4. Die Szene als Kulturersatz
4.1 Gewählte Beispiele musikorientierter Szenen
4.1.1 Black Metal
4.1.2 Gothic
4.1.3 Hip-Hop
4.1.4 Indie
4.2 Existieren Merkmale des traditionellen Kulturmodells in Musikszenen?
4.3 Die Szenen als Beitrag zu Identitätskonstruktionen Jugendlicher
5. Zusammenfassung der Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Seminararbeit untersucht, inwiefern musikorientierte Jugendszenen in einer zunehmend enttraditionalisierten und globalisierten Welt als Orte der Identitätskonstruktion dienen können. Es wird analysiert, ob diese Szenen Jugendlichen die nötige Stabilität und Sicherheit bieten, die durch den Verlust traditioneller gesellschaftlicher Bindungen in der Postmoderne entstanden ist.
- Die Auswirkungen von Postmoderne und Globalisierung auf die individuelle Identitätsfindung.
- Die Abgrenzung und Definition von Jugendszenen als moderne Teilkulturen.
- Empirische Einblicke in ausgewählte Musikszenen (Black Metal, Gothic, Hip-Hop, Indie).
- Die Überprüfung traditioneller Kulturmerkmale (z.B. nach Herder) innerhalb dieser Szenen.
- Die Rolle der Szenezugehörigkeit als Prozess der Selbstorganisation und Identitätsarbeit.
Auszug aus dem Buch
4.1 Gewählte Beispiele musikorientierter Szenen
Wie im essentialistischen Kulturmodell hat auch jede Szene ihre eigenen Merkmale, mit denen sie sich von andern Subkulturen oder der Gesamtkultur abgrenzt. Szenen haben zudem einen thematischen Fokus, aus dem sich spezifische Lebensstiele ergeben, welche durch Medien, Mode und Populärkultur vermittelt werden (vgl. Eickelpasch, 2010, S. 7/ vgl. Bucher/Bonfadelli, 2007, S. 227). Speziell Jugendliche, die mit der Suche nach einer Identität beschäftig sind, finden in den Medien Lebensmodelle, die weniger zur reinen Nachahmung als vielmehr zum „Abwägen von Vorzügen verschiedener Modelle anregen“ (Bucher/Bondfadelli, 2007, S. 225). Mit diesen Lebensstilen aus den musikorientierten Jugendkulturen und Szenen wird zur kulturellen und sozialen Einordnung und zur Identitätsbildung ihrer Mitglieder beigetragen (vgl. Hitzler/Bucher/Niederbacher, 2001, S. 20). Folgend werden vier musikorientierte Jugendszenen skizzenhaft beschrieben, um als Beispiel zu dienen. Die Entstehung der jeweiligen Szenen sowie die in ihr vertretene Weltanschauung, die zu findenden Symbole und die Mode sollen skizzenhaft erläutert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitende Gedanken: Die Einleitung führt in die Problematik von Klischees und Vorurteilen ein und thematisiert das Konzept der Transkulturalität nach Wolfgang Welsch als Antwort auf eine globalisierte Welt.
2. Umgestaltete Welt: Dieses Kapitel erläutert die Begriffe Postmoderne und Globalisierung, um die daraus resultierende kulturelle Entbettung und Identitätsunsicherheit des Individuums zu verdeutlichen.
3. Die jugendliche Suche nach Identität: Es erfolgt eine definitorische Einordnung der Jugendphase sowie eine Abgrenzung der Konzepte Subkultur, Gegenkultur und Szene.
4. Die Szene als Kulturersatz: Das Hauptkapitel beschreibt verschiedene Musikszenen und prüft, ob diese die Merkmale traditioneller Kulturmodelle aufweisen, um stabilisierende Funktionen zu erfüllen.
5. Zusammenfassung der Ergebnisse: Das Fazit fasst die Rolle der Szenen als Orte der Identitätskonstruktion zusammen und ordnet sie in den Kontext der modernen Identitätsarbeit ein.
Schlüsselwörter
Identitätskonstruktion, Postmoderne, Globalisierung, Transkulturalität, Jugendszenen, Musikorientierte Jugendkulturen, Subkultur, Identität, Authentizität, Soziale Homogenisierung, Lebensstil, Jugendphase, Entbettung, Szene-Code, Selbstorganisation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Identitätskonstruktion Jugendlicher in einer sich wandelnden, postmodernen Gesellschaft und untersucht, ob musikorientierte Jugendszenen dabei als stabilisierende Ersatzstrukturen fungieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind der soziologische Wandel durch Globalisierung und Postmoderne, der Identitätsbegriff, die Definition von Subkulturen sowie die detaillierte Betrachtung spezifischer Musikszenen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist herauszuarbeiten, ob Szenen wie Black Metal, Gothic, Hip-Hop oder Indie den Jugendlichen eine kulturelle Heimat und Sicherheit bieten können, die ihnen in der unübersichtlichen, modernen Gesellschaft verloren gegangen ist.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturanalyse und der Anwendung soziologischer Konzepte (u.a. von Welsch, Bauman, Keupp) auf den Bereich der Jugendszenenforschung basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Begriffe Postmoderne und Globalisierung theoretisch beleuchtet, Jugendliche als Akteure definiert und eine detaillierte Gegenüberstellung von Szenenmerkmalen und traditionellen Kulturmodellen vorgenommen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Identitätskonstruktion, Postmoderne, Transkulturalität, Jugendszenen, Subkultur, Authentizität und soziale Homogenisierung.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen Subkulturen und Szenen?
Während Subkulturen oft als Teilsysteme einer Gesellschaft mit eigenen Normen und Werten gesehen werden, betont die Autorin bei Szenen die freiwillige Wahl, das geteilte Interesse und die globale Verbreitung durch neue Medien.
Warum ist die Authentizität innerhalb der Szenen so wichtig?
Authentizität fungiert als Motor und Garant für die Szene, da die Mitglieder sich fortlaufend durch szenespezifische Standards (z.B. Kleidung, Musikgeschmack) legitimieren müssen, um nicht als „aufgesetzt“ oder nicht zugehörig zu gelten.
- Citation du texte
- Diplom Pädagogin Lisa Hartmann (Auteur), 2013, Identitätskonstruktionen. Dienen musikorientierte Jugendszenen als alternative Stabilität in der Postmoderne?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/412892