Goethe schrieb einst in einem Brief vom 19. April 1770: „Ich binn [sic] anders.“ Zu dieser Erkenntnis kam er nach seinem Entschluss, sein Rechtswissenschaftsstudium zu unterbrechen und Frankfurt zu verlassen sowie durch die innere Distanz zu seinen Leipziger Liebeserlebnissen. Er war auf der Suche nach einem Neubeginn, der auch seine Literatur betreffen sollte. Seine neue Parole hieß: „Literatur solle den Leser empfinden machen, was zuvor nicht gefühlt, sie solle denken machen, was zuvor nicht gedacht wurde.“
Schauplatz für seinen literarischen Neubeginn war Straßburg, wo er sich zwischen April 1770 und August 1771 aufhielt. Dieser Aufenthalt ließ ihn und seine Dichtkunst zu etwas anderem machen und ist mit dem Stichwort „Sesenheimer Lyrik“ verbunden. In der Literaturwissenschaft wird auch von Erlebnislyrik gesprochen, da den Gedichten persönliche Erlebnisse zugrunde liegen, die unmittelbar dargestellt werden.
Diese Unmittelbarkeit und Echtheit finde man vor allem in den Sesenheimer Liebesgedichten. Eines der Bekanntesten, das darüber hinaus auch eines der Berühmtesten Goethes und der deutschen Literatur allgemein ist, schrieb der
Dichter im Jahr 1771. „Willkommen und Abschied“ ist uns insgesamt in drei Textfassungen erhalten: Ein im Jahr 1771 in zehn Zeilen handgeschriebenes Fragment, der Erstdruck in Jacobis Zeitschrift „Iris“ aus dem Jahr 1775 (noch ohne Überschrift) und die überarbeitete Fassung der „Schriften“ mit dem Titel „Willkomm und Abschied“ von 1789. Nach Goethes Tod wurde die Überschrift in der Werkausgabe von 1810 noch einmal in „Willkommen und Abschied“ umgeändert.
In dieser Arbeit soll anhand einer Analyse und Interpretation des Gedichts die Frage „Welche Tropen und rhetorischen Mittel nutzt Goethe in Willkommen und Abschied, um das ständige Auf und Ab der Gefühle darzustellen und inwiefern schlägt sich seine neue Sprache in diesem Gedicht nieder?“ diskutiert und beantwortet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Vorbetrachtungen
2.1 Die Epoche des Sturm und Drang
2.2 Goethes Sesenheimer Lyrik
3. Analyse und Interpretation
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Seminararbeit befasst sich mit Johann Wolfgang von Goethes Gedicht „Willkommen und Abschied“. Das primäre Ziel ist es, die in dem Werk verwendeten Tropen und rhetorischen Mittel zu analysieren, um das emotionale Auf und Ab des lyrischen Ichs darzustellen und zu untersuchen, wie sich Goethes innovative Sprache der Sturm-und-Drang-Zeit in diesem Gedicht manifestiert.
- Historischer Kontext der Epoche Sturm und Drang
- Genese und Bedeutung der Sesenheimer Lyrik
- Strukturelle und inhaltliche Analyse des Gedichts „Willkommen und Abschied“
- Einsatz rhetorischer Mittel und Metaphorik zur Gefühlswiedergabe
- Biographische Bezüge zwischen Goethe und Friederike Brion
Auszug aus dem Buch
3. Analyse und Interpretation
In diesem Teil der Seminararbeit wollen wir uns nun mit Feingefühl der Beschaffenheit des Textes nähern. Viele Philologen bezeichnen Goethes Gedicht als „bewunderte, weil 'künstlerisch gestaltete' Quelle[...]“10, was nicht zuletzt damit zusammenhängt, dass der Dichter in einer ganz neuen Sprache schrieb, einer Sprache, die voller Bildhaftigkeit und rhetorischer Pracht steckt.
Betrachten wir noch einmal die für dieses Vorhaben vorgesehene Leitfrage: „Welche Tropen und rhetorischen Mittel nutzt Goethe in Willkommen und Abschied, um das ständige Auf und Ab der Gefühle darzustellen und inwiefern schlägt sich seine neue Sprache in diesem Gedicht nieder?“
Zuallererst soll aber ein kurzer Überblick über den Inhalt gegeben werden. Das vierstrophige Gedicht, das durchweg aus vierhebigen Jamben besteht und im Kreuzreim geschrieben wurde, kann in drei Sinnabschnitten unterteilt werden. Der erste umfasst die ersten beiden Strophen und berichtet von dem nächtlichen Ritt des lyrischen Ichs durch den Wald. Der zweite Sinnabschnitt (3. Strophe) beschreibt die Begegnung zwischen dem Reiter und seiner Geliebten und im letzten Sinnabschnitt (4. Strophe) wird schließlich der Abschied von ihr dargestellt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Entstehungsgeschichte des Gedichts ein und stellt die zentrale Forschungsfrage hinsichtlich der rhetorischen Gestaltung und der neuen Sprachform Goethes.
2. Vorbetrachtungen: In diesem Kapitel werden der historische Hintergrund des Sturm und Drang sowie die spezifische Bedeutung der Sesenheimer Lyrik für Goethes dichterische Entwicklung erläutert.
3. Analyse und Interpretation: Der Hauptteil bietet eine detaillierte Untersuchung der rhetorischen Mittel und der inhaltlichen Struktur des Gedichts, um die Gefühlswelt des lyrischen Ichs zu erschließen.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert, wie die Lyrik dieser Zeit den späteren Übergang zu Goethes klassischer Schaffensperiode einleitete.
Schlüsselwörter
Goethe, Willkommen und Abschied, Sturm und Drang, Sesenheimer Lyrik, Erlebnislyrik, Literaturanalyse, Rhetorik, Metaphorik, Friederike Brion, Subjektivismus, Gefühlswelt, Gedichtinterpretation, 18. Jahrhundert, Lyrik, Geniebegriff.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das berühmte Gedicht „Willkommen und Abschied“ von Johann Wolfgang von Goethe im Hinblick auf seine sprachliche und rhetorische Gestaltung innerhalb der Epoche des Sturm und Drang.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentral sind der historische Kontext des Sturm und Drang, die Bedeutung der persönlichen Erlebnisse in Sesenheim sowie die literaturwissenschaftliche Analyse der Metaphorik und Rhetorik im Gedicht.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Goethe rhetorische Mittel einsetzt, um die emotionalen Schwankungen des lyrischen Ichs abzubilden und wie sich darin seine innovative, als „Sturm-und-Drang-Sprache“ bekannte Ausdrucksweise niederschlägt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Textanalyse, die auf einer fundierten Auswertung bestehender Forschungsliteratur (wie dem Goethe-Handbuch) und einer eigenen systematischen Interpretation des Gedichttextes basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der vier Strophen des Gedichts, wobei die Transformation von der äußeren, bedrohlichen Natur hin zur inneren Gefühlswelt der Liebe und des anschließenden Abschiedsschmerzes detailliert interpretiert wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie „Sesenheimer Lyrik“, „Sturm und Drang“, „Goethe“, „Rhetorik“ und „Erlebnislyrik“ erschließen.
Welchen Einfluss hatte der Aufenthalt in Sesenheim auf das Werk?
Der Aufenthalt bei Pfarrer Brion und die Liebe zu Friederike gelten als Auslöser für eine neue, unmittelbare Form des dichterischen Ausdrucks, die den Subjektivismus der Sturm-und-Drang-Zeit maßgeblich prägte.
Wie bewertet der Autor den Schluss des Gedichts?
Der Autor argumentiert, dass der Schluss keineswegs erzwungen wirkt, sondern durch sprachliche Geschicklichkeit und Anaphern einen positiven Nachklang trotz der erlittenen Trennung und Trauer erzeugt.
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- Nadja Wolf (Autor), 2016, Willkommen und Abschied. Goethes Sesenheimer Lyrik und die Sprache des Sturm und Drang, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/413984