Eine starke Subjektorientierung, Mitgestaltung, Mitentscheidung, Mitverantwortung – Das sind zentrale Werte der deutschen Bildungspolitik, die in jedem Rahmenlehrplan zu finden sind. Verwunderlich mag es jedoch für den ein oder anderen sein, dass diese Werte keine Erfindung der neuesten Pädagogik sind, sondern auf ein Konzept zurückzuführen ist, dem viele womöglich skeptisch gegenüberstehen würden, nämlich eines der Deutschen Demokratischen Republik.
Lothar Klingberg rief sie mit seinem Modell der Dialektischen Didaktik in den 70er/80er Jahren des 20. Jahrhunderts ins Leben. Der Grundgedanke ist, dass Lehren und Lernen auf eine dialektische Art und Weise miteinander verbunden seien und es einen Widerspruch im allgemeinen Unterrichtsgeschehen gebe, der sich aus dem kollektiven Charakter der Schule einerseits und den individuellen Lernprozessen der Schülerinnen und Schüler andererseits zusammensetze.
In dieser Seminararbeit soll erforscht werden, ob und in welchem Ausmaß Klingbergs Konzept eine Bedeutung für unser heutiges Bildungssystem hat und welche Schwierigkeiten und Grenzen es eventuell aufweist. Meine Forschungsfrage hierzu lautet: Inwiefern erweist sich das von Lothar Klingberg entwickelte Modell der Dialektischen Didaktik als gegenwärtig gültige Handlungsanleitung für erfolgreichen Unterricht? Dabei werde ich wie folgt vorgehen.
Zunächst wird unter den Vorbetrachtungen ein kurzer Abriss der Geschichte der didaktischen Modelle dargestellt und das Pädagogikverständnis in der DDR sowie der Begriff der Dialektischen Didaktik erläutert, um eine Einführung in die Thematik zu geben. Im Anschluss werden drei zentrale Thesen, die Klingberg in seinem Modell aufgestellt hat, aufgegriffen und hinsichtlich der Gültigkeit für unser aktuelles Bildungssystem überprüft. Dies wird anhand des Rahmenlehrplans der Länder Berlin/Brandenburg von 2017/2018 sowie der neuesten Ergebnisse der Pädagogik-Forschung erfolgen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Vorbetrachtungen
1.1 Das Jahrhundert der didaktischen Modelle
1.2 Zum Verständnis von Didaktik in der DDR
1.3 Definition Dialektische Didaktik
2. Vergleich mit dem Rahmenlehrplan Berlin/Brandenburg (2017/18)
2.1 Das Prinzip Mitgestalten, Mitentscheiden, Mitverantworten
2.2 Das Prinzip der führenden Rolle des Lehrers und der Selbsttätigkeit der Schüler
2.3 Das Prinzip des individuellen Eingehens auf die Persönlichkeit des Schülers auf der Grundlage der Arbeit mit dem Schülerkollektiv
Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Seminararbeit untersucht die Relevanz der von Lothar Klingberg entwickelten Dialektischen Didaktik für das heutige Bildungssystem. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit das Modell eine gegenwärtig gültige Handlungsanleitung für erfolgreichen Unterricht darstellt und wo dessen Grenzen liegen.
- Historische Einordnung didaktischer Modelle und das DDR-Pädagogikverständnis
- Definition und theoretische Grundlegung der Dialektischen Didaktik
- Vergleichende Analyse mit dem aktuellen Rahmenlehrplan Berlin/Brandenburg
- Bedeutung von Partizipation, Lehrer-Schüler-Verhältnis und individueller Förderung
- Kritische Reflexion über die Übertragbarkeit sozialistischer Pädagogik auf moderne Bildungsziele
Auszug aus dem Buch
1.3 Definition Dialektische Didaktik
Wie zu Beginn schon erwähnt, stehen nach dem Konzept der Dialektischen Didaktik das Lehren und Lernen in einem dialektischen Verhältnis zueinander. Was „dialektisch“ nun genau bedeutet, das erläutert Lothar Klingberg selbst in einem Brief aus dem Jahre 1986: „Dialektik: das ist die Frage nach dem Werden und dem Gewordensein, ihrem Verhältnis zum logisch-systematischen Aufbau einer Sache oder eines Sachgebietes.“ Mit einfachen Worten: Bei der Dialektik handelt es sich stets um einen Entwicklungsprozess, der immer im Unterricht zu finden ist und der laut Klingberg durch verschiedene Gegensätze entsteht und angetrieben wird. Er benennt beispielsweise den kollektiven Charakter der Institution Schule einerseits und den individuellen Charakter der Aneignungsprozesse der Schülerinnen und Schüler andererseits als widersprüchliche Komponenten. Ebenso stünden der eher konservative Blickpunkt des Lehrens auf die Vermittlung von tradierten Inhalten und der Notwendigkeit, Schülerinnen und Schüler auf das Leben vorzubereiten in einem Konflikt zueinander. Weitere Faktoren, die hier mit reinspielen, sind der Altersunterschied, das Informationsgefälle, die soziale Position, die Erzieher- sowie Schülerintentionen. Dies alles macht einen normalen Unterricht aus und hierin besteht auch die Schwierigkeit im Unterrichten. Klingberg beschreibt den Unterrichtsprozess als einen „dialektische[n], in sich widersprüchliche[n], komplizierte[n] und nicht selten auch konflikteiche[n] Vorgang“. Damit war man der Didaktik der Bundesrepublik, die reine Inhalte in den Vordergrund stellte, ein Stück überlegen. Andererseits muss man aber auch festhalten, dass Lothar Klingberg mit seinem Modell einen bestimmten Zweck verfolgte, der neben pädagogische auch politische Interessen einband. Wenn von Prozess die Rede ist, meint man hier auch immer einen gesellschaftlichen und politischen Prozess im Sinne von Parteilichkeit und Sozialismus.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der Dialektischen Didaktik sowie Vorstellung der Forschungsfrage zur aktuellen Bedeutung des Modells.
1. Vorbetrachtungen: Historischer Abriss über didaktische Modelle, das Verständnis von Didaktik in der DDR und die theoretische Definition der Dialektischen Didaktik.
2. Vergleich mit dem Rahmenlehrplan Berlin/Brandenburg (2017/18): Analyse der drei Kernprinzipien Klingbergs im Abgleich mit aktuellen pädagogischen Leitlinien und Forschungsansätzen.
Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage unter Berücksichtigung der Stärken und der historischen Bedingtheit des Modells.
Schlüsselwörter
Dialektische Didaktik, Lothar Klingberg, DDR-Pädagogik, Unterrichtsprozess, Rahmenlehrplan, Schülersubjektivität, Mitgestaltung, Unterrichtsqualität, Differenzierung, Lehrerrolle, Selbsttätigkeit, Schulreform, Bildungsstandards, Sozialistische Erziehung, Individuelle Förderung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Modell der Dialektischen Didaktik von Lothar Klingberg und hinterfragt, ob dieses historische Konzept der DDR-Pädagogik heute noch als Schlüssel für erfolgreichen Unterricht dienen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die didaktische Theoriegeschichte, den Vergleich mit aktuellen Lehrplänen (Berlin/Brandenburg) sowie die Prinzipien von Partizipation, Lehrerführung und individueller Schülerförderung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Ziel ist es zu ermitteln, inwieweit das von Klingberg entwickelte Modell heute eine gültige Handlungsanleitung für modernen Unterricht darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Literaturanalyse und einen Vergleich mit zeitgenössischen Rahmenlehrplänen sowie aktuellen bildungswissenschaftlichen Erkenntnissen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die drei Kernprinzipien Klingbergs (Mitgestaltung, führende Rolle des Lehrers, individuelles Eingehen auf die Persönlichkeit) detailliert erläutert und an aktuellen Bildungsstandards gespiegelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Dialektische Didaktik, Schülersubjektivität, Mitbestimmung, Differenzierung und die historische Einordnung in den DDR-Bildungskontext.
Inwiefern beeinflusste das DDR-System das Modell der Dialektischen Didaktik?
Das Modell ist stark von marxistisch-leninistischen Auffassungen geprägt, welche die Schule als Instrument zur Eingliederung in das sozialistische Gesellschaftssystem sahen, was eine permanente politische Parteilichkeit erforderte.
Kann das Modell heute trotz seines historischen Hintergrunds empfohlen werden?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass Klingbergs Prinzipien trotz ihrer sozialistischen Wurzeln zeitlose pädagogische Werte enthalten, die – mit der nötigen Vorsicht betrachtet – auch heute zu erfolgreichem Unterricht beitragen können.
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- Nadja Wolf (Autor), 2016, Dialektische Didaktik. Ein veraltetes Modell der DDR-Pädagogik oder der Schlüssel zum erfolgreichen Unterricht?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/413986