Funktionen des Mahls im Mittelalter

Auf Basis Gerd Althoffs Artikel "Fest und Bündnis" und "Der frieden-, bündnis- und gemeinschaftsstiftende Charakter des Mahles im früheren Mittelalter"


Seminararbeit, 2018

14 Seiten, Note: 3,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung.
Wie begann man ein Mahl im Mittelalter?.

Anlässe.
Taufen.
Gemeinschaftsbewusstsein.
Totenmahl
Verbrüderungen.
Verweigerung / Bündnissicherung.
Gilden.
Polemiken.
Weitere Funktionen des Mahles.
Verstöße.
Fazit:

Vergleichende Aspekte zu anderen Texten.
Welche Zeremonielle sind noch heute mit einem Mahl verbunden?.

Literaturverzeichnis.

Einleitung

In der folgenden Arbeit gebe ich die Artikel Gerd Althoff’s „Fest und Bündnis“[1] und „Der frieden-, bündnis- und gesellschaftsstiftende Charakter des Mahles im früheren Mittelalter“,[2] unterstützt anhand von wissenschaftlicher Sekundärliteratur und den mündlich überlieferten Informationen des Seminars „Ältere deutsche Sprache und Literatur: Essen und Trinken in der mittelalterlichen Literatur“, gehalten vonUniv.-Prof. Mag. Dr. Fritsch-Rößler Waltraud, an der Universität Innsbruck, im Wintersemester 2017/18 wieder.

Wann das Mittelalter beginnt und aufhört, ist nicht konkret geregelt. Es gibt nur einige Ereignisse, an denen man sich in etwaorientiert und aufgrund welcherman eine Abgrenzung zu den vorherigen und nachstehenden Epochen ziehen kann.

„Das Mittelalter liegt zwischen Altertum und Neuzeit. […]Es gibt eine Vielzahl von Ereignissen, mit denen man das Mittelalter beginnen und enden lassen kann. Der Untergang des weströmischen Reiches im Jahr 476 wird als Trennpunkt zur Alten Geschichte ebenso aufgeführt wie die Taufe des fränkischen Königs Chlodwig um 500 […].Den Übergang zur Neuzeit markieren wahlweise die Erfindung des Buchdrucks in den 1450er-Jahren, die Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453, die Entdeckung Amerikas 1492 oder Luthers Thesenanschlag im Jahr 1517.“[3]

In den nächsten Seiten verschaffe ich hauptsächlich einen Überblick darüber, mit welchen Sitten und Gebräuchen ein Mahl im Mittelalter durchgeführt, aus welchen Anlässen gemahlt wurde und was man dabei beachten musste.

Gerd Althoff erklärt die Bedeutung des Mahls folgendermaßen:

„Den gemeinschaftsstiftenden und –stärkenden Charakter von Mahl, Gelage und Fest kennen alle Gesellschaften. So nimmt es nicht wunder und ist auch keine neue Erkenntnis, dass gemeinschaftlichem Essen und Trinken im Leben aller mittelalterlichen Gruppen eine hohe Bedeutung zukam. Mit diesem Ritual begründete man Gruppen, stiftete Frieden zwischen ihnen und stärkte nicht zuletzt Gemeinschafts- und Gruppenbewusstsein durch seine periodische Wiederholung. […] Gemeinsames Essen, Trinken und Feiern stiftet und enthält Bindungen, ohne dass es bestehende Rangunterschiede oder Herrschaftsverhältnisse verändern würde oder müsste.“[4]

Da ein Mahl im Mittelalter meist ein riesen Fest war, an dem mehrere hundert Personen teilnahmen,bedurfte dies einer gründlichen Organisation.

„Das Hauptwort für das Hoffest war ‚ hôchgezît, hôchzît ‘ (die Bedeutung ‚Hochzeit‘ hat sich erst später entwickelt); darin kam zum Ausdruck, dass die Festzeit dem Alltag enthoben war. Das deutsche Wort ‚Fest‘ (von lat. ‚ festum ‘) kam im 13. Jahrhundert nur erst vereinzelt vor.“[5]

Wie begann man ein Mahl im Mittelalter? Zunächst war es wichtig, dass eine Atmosphäre des Friedens und des Vertrauens geschaffen wurde.Männer und Frauen, sowie auch MännerundMännerküssten sich zur Begrüßung auf den Mund. Zum Zeichen des Friedensnahm man den Gästen die Waffen ab, da man sichergehen musste, dass bei so einem Gelage keine kriegerischen Absichten ausgeübt wurden.Man muss sich vorstellen, dass das Mittelalter eine waffentragende Gesellschaft war, die so gut wie niemanden Fremden vertraute und sich und seine Familie stets von Feinden und Eindringlingen schützen musste. Die Teilnehmer bekamen einen eigens für das Mahl angefertigten Mantel und wurden zu ihrem Platz geführt. Dabei musste man auch beachten, wer mit wem zusammengesetzt wurde, da es üblich war, nur aus einer Schüssel zu essen und aus einem Kelch zu trinken. Somit stärkte man den Zusammenhalt der Gesellschaft und schuf eine Atmosphäre des friedlichen Umgangs miteinander. Die Zusammensetzung der Gäste erfolgte nicht willkürlich, sondern wurde von den Gastgebern bestimmt.

Obwohl alles aufgeboten wurde, was die höfische Küche hergab, dienten solch große Mähler nicht dazu, mit dem eigenen Reichtum zu prahlen und die Herrschaft der königlichen Höfe zu zeigen, sondern sie hatten politische Funktionen, beispielsweise den Abschluss von Bündnissen. Solche Veranstaltungen eigneten sich besonders gut dazu, da man zum einen sehr viele Personen dazu einlud, die an solchen Verhandlungen ihr Mitspracherecht hatten und zum anderen, da durch die Feierlichkeiten eine positive Grundstimmung geschaffen wurde.

Neben Speis, Trank und Unterhaltung war es wichtig, die Gäste ordentlich zu beschenken, da diese meist einen weiten Weg hinter sich gelassen und auch noch vor sich hatten. Diese Schenkungen hatten also die Funktion der gegenseitigen Ehrung. Die Einladung zu so einem Fest hatte meist auch eine Gegeneinladung zur Folge. Gleich wie die Begrüßung verlief auch der Abschied durch eine aufwändige Zeremonie weitgehend in Frieden.

Anlässe

Man veranstaltete besonders große Mähler bei Taufen, Hochzeiten, Schwertleiten, Königserhebungen oder beim Abschluss von politischen Bündnissen, bei denen es darum ging, Verträge oder Gesetze zu bilden.

Taufen

Taufakte wurden sehr oft mit großen Festen verbunden. Schon der Empfang der Gäste war eine riesige Zeremonie, da diese oftmals auf bis zu hundert Schiffen ankamen. Nachdem man alle Gäste untergebracht hatte, wurde der Taufritus, sowie die gemeinsame Messfeier vollzogen und danach das Festmahl eingenommen. Am nächsten Morgen war es üblich, dass man zusammen auf die Jagd ging, um das ganze Prozedere zu untermalen. Nicht selten war, dass am Ende dieser Feier der Abschluss einer politischen Bindung daraus folge, der mit einem Vertrag besiegelt wurde. Solche Aktivitäten drückten den Willen zu einem friedlichen Zusammenleben aus.

Gemeinschaftsbewusstsein

„Die Bindung an Gruppen […], mögen sie Horde, Sippe, Clan, Stamm oder anders heißen, übernahm vielfältige Funktionen, die in ihrer Summe das Leben und Überleben der einzelnen erst ermöglichten.“[6]

Nicht selten kam es vor, dass zwei Verwandte sich auf natürlichem Wege nicht mehr den Frieden boten. Da man aber zur Zusammenarbeit verpflichtet war, musste diese mithilfe von beschworenen Bündnissen verstärkt werden.

Als Beispiel dessen kann man den beschworenen Frieden zwischen Karl dem Kahlen und Ludwig dem Deutschenanführen. Diese beiden hielten fast immer gemeinsam ihre Mahlzeiten und beschenkten sich einander reichlich. Der Geschichte nach lebten sie sogar in einem Haus zusammenund übten Kampfspiele aus.Weiters wurden diese Aktivitäten zum Kernbestand hochmittelalterlicher Feste.

Jedoch gab es auch Beispiele, wo die Friedfertigkeit einer Partei ausgenutzt wurde und am Ende nicht, wie gewollt, friedlich ausging.

Im Jahre 882 hob Karl III den Normannenfürsten Gottfried aus der Taufe. Da der Normanne schon einmal in das Reich Karls III eingefallen war, versicherte dieser, dass er dies nie wieder tun würde und der Fürst ernannte Karl zu seinem Taufpaten. Nachdem anschließend zwei Tage lang ausgiebig gefeiert wurde, schlossen die Normannen hinter sich die Tore und töteten die Franken, welche nur durch ein Lösegeld freigegeben werden konnten.

Ähnlich verdächtig war folgendes Beispiel: Im Jahre 931 machten sich König von Eberhard und weitere fränkische Grafen und Bischöfe auf den Weg nach Saalfeld in Franken, um mit ihnen zu mahlen. Die Zeitgenossen wurden bei diesem Ereignis stutzig, weil der König sonst nie auf anderen Höfen zu gastieren pflegte. Somit gingen die Bürger der Stadt davon aus, dass auf so einem Fest mehr Böses als Gutes verhandelt wurde. Sie sollten Recht behalten, denn wie sich später herausstellte, beschlossen die Teilnehmer des Festes eine Verschwörung gegen Otto dem Großen. Daraufhin folgte ein Aufstand gegen den König. Zwölf Jahre später spielte sich ein ähnliches Ereignis mit Herzog Liudolf (dem Sohn Ottos des Großen) ab.

Der Ausdruck für einen solchen Aufstand ist die „ Fehde“.

„Fehde im Mittelalter bedeutet das Selbsthilferecht der Adligen, das regelhaft und kontrolliert durchgeführt wird.“[7]

Weiters gibt es ein Beispiel, als der Erzbischof Adalbert von Bremen ein Bündnis mit einem Dänenkönig schloss. Zur Bekräftigung des Bündnisses wurde acht Tage lang zum einen auf dem Hof des Erzbischofs und zum anderen auf dem Hof des Dänenkönigs gefeiert. Natürlich versuchte man, sich gegenseitig durch Freigiebigkeit und Verschwendung zu übertreffen.

Auf eine Einladung zu einem Mahl folgte im Mittelalter oftmals eine Gegeneinladung.

Totenmahl

Makaber war der Anlass, den man Totenmahl nannte.

Im Jahre 1127 wurde der flandrische Graf Karl des Guten ermordet. Seine Mörder veranstalteten daraufhin auf seinem Grabe ein Gelage. Das Totenmahl hatte den Nutzen, dass eine Gemeinschaft der Lebenden und Verstorbenen bewirkt werden sollte und sich die Toten nicht mehr an den Lebenden rächen konnten. Somit wurde eine Zusammenkunft beider Parteien erzwungen. Aufgrund des Gelages wurden die Toten, nach Ansicht der mittelalterlichen Zeitgenossen positiv auf die Lebenden gestimmt.

Familien, Freunde, Gilden oder geistliche Gemeinschaften mahlten zum Gedenken an Verstorbene sehr feierlich. Dabei tat man so, als wären die Verstorbenen gegenwärtig und anwesend. Es war sogar üblich, dass manSpeiseröhrchen in deren Gräber steckte, um zu gewährleisten, dassdie Toten noch etwas von den Essen, die wegen ihnen veranstaltet wurden, hatten. Diesen Brauchtum übernahm man aus der Antike.

„Ja selbst die Seelen der Abgeschiedenen wollte man zu der Zeit des Heidentums stärken […] man feierte eben diese Zeit das Fest des scheidenden Sommers und der demselben hingeschiedenen Seelen. Da zog nach dem Volksglauben das große Heer der Toten um, wurde von dem zum Ernteopfer versammelten Volk begrüßt und mit frisch aufgestelltem Brot zur Weiterreise gestärkt; oder es wurden auch statt der Toten, die keine Wegzehrung mehr begehrten, die Armen und Siechen mit Trank und Speise erquickt.“[8]

Laut diesem Zitat von A. Freyde konnte man mit der Essensration der Verstorbenen einen Armen verköstigen und somit fungierte ein Mahlauch als eine Art Armenfürsorge. Diese Mähler wurden jedoch keineswegs aus Trauer veranstaltet. Man war der Ansicht, dass die Chance, Gebet und Gedenken auf Dauer zu sichern, dann am größten war, wenn es spürbare Wohltaten für die Gedenkenden mit sich brachte.

Eine weitere Funktion von Totenmählern war die Untermauerung von Rechtshandlungen, wie hier an diesem weiteren Zitat von Freyde gut erkennbar ist:

„Das Erbe ohne Weiteres in Stille anzutreten, war völlig undenkbar. So war es zu der feierlichen Besitznahme erforderlich, dass in dem neu erworbenen Grundstück ein Tisch aufgestellt und Gäste als Zeugen bewirtet wurden. So wurde von alters her in Deutschland zur Bekräftigung feierlicher Verträge Bier und Met getrunken, ja unter vielen Teilnehmern und Zeugen förmliches Gelag und Mal (sic!) gehalten. […] Alle rechtsgültigen Handlungen konnten eben nur unter Zuziehung von Zeugen und Gästen vollzogen werden, und diese musste man bewirten. So wurden auch die feierlichen Gerichts- oder Dingtage mit Zeche und Gelag beendet, auch eingezogene Gerichtsbußen, genommene Pfänder pflegt man zu vertrinken, wobei dem vorsitzenden Richter der Antrunkgebürte.“[9]

Verbrüderungen

„Der mittelalterliche Mensch wurde einerseits in Gruppen und Gemeinschaften hineingeboren; in seine Sippe und seinen Stamm, in das Gefüge der herrschaftlichen wie freundschaftlichen Bindungen seines Vaters […]. Andererseits konnte und musste er neuen Gruppen beitreten, indem er neue Lehnsbindungen einging, sich politischen Parteiungen anschloss oder freundschaftliche Bindungen knüpfte, die gleichfalls ihre Wirksamkeit für alle Lebensbereiche besaßen.[…] Die Zugehörigkeit zu einer Gruppe darf getrost als Voraussetzung für die Möglichkeit des Überlebens angesehen werden. Sie forderte aber einen persönlichen Einsatz und bestimmte das Leben jedes Gruppenmitglied wohl in einer Weise, wie sie heute nur noch schwer vorstellbar ist.“[10]

Ein sehr wichtiger Aspekt von Mählern des Mittelalters waren Verbrüderungen. Es konnte sich jeder mit jedem verbrüdern, waren es geistliche Gemeinschaften oder Einzelpersonen mit Königen, Bischöfen oder Laien. Das Ziel dieser Verbrüderungen war meist die Erlangung des Seelenheils oder die Unterstützung in allen öffentlichen und privaten Angelegenheiten. Sehr wichtig waren dabei auch politische Verbrüderungen, wobei Verträge zwischen den einzelnen Parteien geschlossen wurden. Die Einhaltung dieser Verträge hatte im Nachhinein oberste Priorität. Jedoch wurden solche Verträge meist nur sehr vage ausgedrückt:

„Ein Freund versprach beim Abschluss eines Freundschaftsbündnisses, das Vertragscharakter hatte, sich in der Zukunft so zu verhalten, wie es von Rechts wegen ein Freund seinem Freund gegenüber tun sollte.“[11]

Da es auf solchen Festen alles im Überfluss gab, führten diese meist zu Trunkenheit und darauffolgend zu Übelkeit oder großer Offenheit gegenüber den anderen Tischgästen. Dies führte dazu, dass einige sehr skurrile Regelungen aufgestellt wurden, wie man sich bei Tisch zu verhalten hatte. Beispielsweise sollte man der Dame nebenan nicht in den Ausschnittgreifen oder man sollte, wenn man sich erbrechen musste, dies neben dem Tisch erledigen und sich dazu nicht überden Tisch beugen. Diese Regeln wurden mit steigendem Alkoholpegel schnell über Bord geworfen und man gab sich letztendlich seinen Trieben hin.

[...]


[1] Altenburg 1991: 29-38

[2] Bitsch, Ehlert, von Ertzdorff 1991: 13-25

[3] Müller 2008: 13

[4] Althoff 1990: 203-204

[5] Bumke 2002: 282

[6] Althoff 1990: 1

[7] Holzauer 1997: 15

[8] Freyde 1909: 21-22

[9] Freyde 1909: 28-29

[10] Althoff 1990: 2, 8

[11] Althoff 1990: 11

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Funktionen des Mahls im Mittelalter
Untertitel
Auf Basis Gerd Althoffs Artikel "Fest und Bündnis" und "Der frieden-, bündnis- und gemeinschaftsstiftende Charakter des Mahles im früheren Mittelalter"
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Germanistik)
Veranstaltung
Ältere deutsche Sprache und Literatur: Essen und Trinken in der mittelalterlichen Literatur
Note
3,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
14
Katalognummer
V415893
ISBN (eBook)
9783668657878
ISBN (Buch)
9783668657885
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
funktionen, mahls, mittelalter, basis, gerd, althoffs, artikel, fest, bündnis, charakter, mahles
Arbeit zitieren
Carmen Hassler (Autor), 2018, Funktionen des Mahls im Mittelalter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/415893

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