Am Ende seines Lebens konnte Augustus auf eine beachtliche Lebensleistung zurückblicken: Er hatte den römischen Staat quasi neu gegründet, eine nicht nur oberflächlich mit der republikanischen Verfassung konforme Monarchie installiert, die den Tod ihres Begründers überdauern konnte, den Provinzen eine neue und dauerhafte politische Funktion zukommen lassen und für den größten Teil des Reiches dauerhaften Frieden erwirkt und garantiert.
Dass dieses Lebenswerk einerseits durch rücksichtsloses und brutales Vorgehen und andererseits durch großes diplomatisches und politisches Geschick erreicht wurde, ist weder der Nachwelt, noch den Zeitgenossen des Augustus verborgen geblieben. Augustus’ Wesen und Werk war weder zu dessen Lebzeiten noch zu Lebzeiten des Tacitus unumstritten.
Daher ist es nur wenig verwunderlich, wenn die augusteische Propaganda es durchaus erfolgreich unternommen hat, die negativen Begleiterscheinungen des Prinzipats zu verschweigen oder illegales Vorgehen nachträglich zu legitimieren oder zu legalisieren. Ebenso wenig wird es verwundern, wenn die Gegner des Augustus als Person oder des Prinzipats als monarchischer Herrschaftsform gerade diese besonders herausstellen und die persönlichen Leistungen des göttlichen Augustus und die positiven Errungenschaften des Prinzipats zu verschweigen oder zu diskreditieren suchen.
Bei dem sogenannten „Totengericht“ über Augustus in den Annalen des Tacitus handelt es sich um nicht mehr und nicht weniger als um die Demontage eines Gottes. Singulär bei Tacitus ist jedoch dessen durchweg negative Einschätzung: Tacitus diskreditiert in der ihm eigenen verdächtigenden Darstellungsweise die Lebensleistung des Augustus und die Ehrungen, die dem Erben Caesars im Laufe seines Lebens zuteil wurden und in dessen posthumer Vergottung gipfelten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Tacitus – Leben und Werk
2.1 Kurzbiografie
2.2 Schriften und Tendenzen
2.3 Das sogenannte „Totengericht“
3 Gliederung und Überblick
3.1 Erster Abschnitt: „Unwesentliches“
3.2 Zweiter Abschnitt: Argumente der Anhänger des Augustus
3.3 Dritter Abschnitt: Argumente der Gegner des Augustus
4 Einzelinterpretation
4.1 „Unwesentliches“
4.1.1 Herkunft
4.1.2 Vollmachten und Ehrungen
4.1.3 Fazit
4.2 Der Erbe Caesars: Usurpator oder Befreier?
4.2.1 Argumente der Anhänger
4.2.2 Argumente der Gegner
4.2.3 Fazit
4.3 Vom Sohn Caesars zum Triumvirn
4.3.1 Argumente der Anhänger
4.3.2 Argumente der Gegner
4.3.3 Fazit
4.4 Vom Triumvirat zur Monarchie: Ausschaltung politischer Konkurrenten
4.4.1 Argumente der Anhänger
4.4.2 Argumente der Gegner
4.4.3 Fazit
4.5 Alleinherrschaft und Reichspolitik
4.5.1 Argumente der Anhänger
4.5.2 Argumente der Gegner
4.5.3 Fazit
4.6 Hausmachtpolitik und Nachfolgeregelung
4.6.1 Argumente der Anhänger
4.6.2 Argumente der Gegner
4.6.3 Fazit
4.7 Kaiserkult und Ehrungen
5 Von Tacitus verwendete literarische Quellen
6 Fazit und Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das sogenannte „Totengericht“ über Augustus in den Annalen des Tacitus, um die historischen Anspielungen zu identifizieren und Tacitus' negative Einschätzung des ersten römischen Princeps auf ihre Glaubwürdigkeit hin zu prüfen.
- Historische Analyse der Machtlegitimation von Augustus
- Gegenüberstellung von Tacitus' Darstellung mit zeitgenössischen Quellen (u.a. Res Gestae, Sueton, Cassius Dio)
- Kritische Würdigung der Instrumentalisierung politischer Ereignisse durch Tacitus
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Prinzipat, senatorischer Freiheit und dynastischer Erbfolge
Auszug aus dem Buch
4.1.2.2 Tribunicia potestas
Die 37 Jahre, in denen Augustus die tribunizische Amtsgewalt innehatte sind die Jahre 23 v. bis 14. n.Chr. Im Krisenjahr 23 festigte somit ein weiterer Schritt die Macht des Princeps: Imperium proconsulare maius und tribunicia potestas wurden Augustus als Kompensation für die Aufgabe des Dauerkonsulats verliehen. Die Senatsentscheidungen wurden durch eine Lex verabschiedet und zum Gesetz. Die tribunicia potestas wurde wesentlicher Baustein der Macht des Prinzipats und sicherte dem Prinzeps politische Handlungsfähigkeit innerhalb Roms.
Augustus erhielt ohne die Begrenzungen von Kollegialität und de facto auch Annuität die für seine Machtausübung entscheidenden Rechte und Magistratskompetenzen: u.a. das Recht auf Gesetzesanträge, auf Einberufung des Senats und zur Hilfe gegen jedermann. Ebenso besaß der Prinzeps ein uneingeschränktes Vetorecht, mit dem er jede Initiative zu Fall bringen konnte. Wie die Volkstribunen war auch der Prinzeps sacrosanctus, also persönlich unangreifbar.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die Thematik der Demontage des Gottes Augustus durch Tacitus und Vorstellung der Forschungsfrage.
2 Tacitus – Leben und Werk: Überblick über die Biografie des Autors sowie seine schriftstellerische Absicht und Tendenz in den Annalen.
3 Gliederung und Überblick: Strukturierung des „Totengerichts“ in drei logische Abschnitte zur Vorbereitung der detaillierten Analyse.
4 Einzelinterpretation: Tiefgehende quellenkritische Untersuchung der einzelnen Anklagepunkte des Tacitus gegen Augustus und dessen Herrschaftsmodell.
5 Von Tacitus verwendete literarische Quellen: Diskussion über die den Historikern Tacitus und Dio vorliegende, vermutlich schriftliche Vorlage und deren Nutzung.
6 Fazit und Zusammenfassung: Resümee über Tacitus' geschickte, aber tendenziöse Argumentationsweise sowie eine Einordnung der Leistung des Augustus.
Schlüsselwörter
Augustus, Tacitus, Prinzipat, Totengericht, Annalen, Res Gestae, Machtlegitimation, Kaiserherrschaft, Quellenkritik, Senatorische Opposition, Triumvirat, Tiberius, Imperator, Autokratie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch die Darstellung von Augustus in den Annalen des Tacitus, insbesondere die dort enthaltene „Demontage“ seines gottgleichen Status.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Legitimation der Macht, das Verhältnis von Augustus zum Senat, die Nachfolgeregelung und die Wahrnehmung der augusteischen Ära durch Tacitus.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll geklärt werden, wie Tacitus die historischen Fakten nutzt oder verzerrt, um eine negative Beurteilung der Lebensleistung des Augustus zu konstruieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine quellenkritische Interpretation, bei der Tacitus' Ausführungen mit anderen antiken Quellen wie den Res Gestae des Augustus, Sueton und Cassius Dio abgeglichen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Einzelinterpretation, die Themen wie Herkunft, Machtbefugnisse (Konsulat, Tribunicia potestas), die Ausschaltung von Gegnern und die Nachfolgeregelung umfasst.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Augustus, Tacitus, Prinzipat, Totengericht und Machtlegitimation beschreiben.
Wie bewertet Tacitus die Rolle von Livia?
Tacitus stellt Livia durchweg negativ dar und bezichtigt sie sogar indirekt des Mordes an Augustus, um dessen private Sphäre ebenfalls zu diskreditieren.
Warum war der Prinzipat laut der Arbeit alternativlos?
Trotz der Kritik an der Person Augustus zeigt die Analyse, dass das Herrschaftssystem notwendig war, um weitere Bürgerkriege zu verhindern und ein politisches Gleichgewicht in einer Zeit ohne tragfähige republikanische Alternativen zu gewährleisten.
- Quote paper
- Olaf Franke (Author), 2004, Demontage eines Gottes - Augustus`Totengericht bei Tacitus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41604