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Erfahrungswelt und Erinnerung bei Husserl

Title: Erfahrungswelt und Erinnerung bei Husserl

Term Paper (Advanced seminar) , 2005 , 13 Pages , Grade: 1,7

Autor:in: Andre Fischer (Author)

Philosophy - Philosophy of the 20th century
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Unsere Erfahrungswelt besteht nicht ausschließlich aus Wahrnehmung. Es existieren andere Erfahrungsarten wie z.b.: die Erinnerung, die Vorausschau oder die Phantasie. Diese jedoch lassen sich auf die Wahrnehmung zurückführen. Husserl bezeichnet sie deshalb als Abwandlungen oder Modalitäten der Wahrnehmung.
Die Fähigkeit sich zu erinnern stellt eine der wichtigsten und nützlichsten Arten der menschlichen Erfahrung dar. Wir sind in der Lage, uns aktiv vergangene Erlebnisse jederzeit wieder ins Bewusstsein zu rufen. Husserl versucht zu zeigen, dass die Erinnerung zusätzlich eine wichtige Aufgabe bei der Konstitution unserer Wahrnehmung übernimmt. Er unterteilt die Erinnerung in die „Retention“, die er auch primäre Erinnerung nennt, und in die Wiedererinnerung, die er als Vergegenwärtigung des Vergan-genen oder sekundäre Erinnerung bezeichnet. Mit dieser Arbeit möchte ich zeigen, welche Bedeutung Husserl der Erinnerungsfunktion für die Konstitution unserer Erfahrungswelt beimisst. Im ersten Teil werde ich beschreiben, was Husserl unter einer „Retention“ versteht und welche Aufgaben sie erfüllt. Die „Protention“ als das auf die Zukunft gerichtete Gegenstück zur „Retention“ werde ich nur aus Gründen der Vollständigkeit kurz erklären, ansonsten mich aber auf die „Retention“ beschränken. Der zweite Teil meiner Arbeit beschäftigt sich mit der Wiedererinnerung bzw. „sekundären Erinnerung“. Hierbei möchte ich vor allen Dingen strukturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen der Wahrnehmung und der Wiedererinnerung herausarbeiten. Außerdem möchte ich zeigen wie „Retention“ und Wiedererinnerung ineinander greifen, und dass die „sekundäre Erinnerung“ ohne die „primäre“ nicht zustande käme. Im letzten Teil möchte ich zeigen, dass Husserl die „retentionale“ Struktur der Wahrnehmung auch in der Phantasie ausfindig macht.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Hauptteil

1. Primäre Erinnerung

1.1 Urimpression und Retention

1.2 Modifikation der Retention

1.3 Die Retentionskette

1.4 Protention

1.5 Beispiele für den Ablaufmodus von Urimpression, Retention und Protention

2. Sekundäre Erinnerung

2.1 Konstitution von Zeitobjekten durch reproduzierende Vergegenwärtigung

2.2 Die „Freiheit“ der Reproduktion

3 Phantasie

III. Fazit

Zielsetzung & Themen

Diese Arbeit untersucht Husserls phänomenologische Analyse der Zeitkonstitution, um zu verdeutlichen, wie die Erinnerungsfunktion wesentlich zur Wahrnehmung unserer Erfahrungswelt beiträgt. Im Zentrum steht die Frage, wie ein zusammenhängender Bewusstseinsstrom trotz des stetigen Wandels der sinnlichen Eindrücke möglich ist.

  • Strukturelle Analyse der primären Erinnerung (Retention und Protention)
  • Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer Erinnerung (Wiedererinnerung)
  • Die Rolle der Zeitkonstitution bei der Wahrnehmung von Zeitobjekten
  • Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Wahrnehmung, Erinnerung und Phantasie
  • Die "retentionale" Struktur als Grundlage des Bewusstseinsstroms

Auszug aus dem Buch

1.1 Urimpression und Retention

Husserl erklärt dies am Beispiel einer Tonfolge. Eine aus diversen Einzeltönen bestehende Melodie nimmt eine gewisse Zeitstrecke in Anspruch; sogar ein einzelner Ton hat eine bestimmte Dauer und kann in verschiedene Tonphasen zerlegt werden. Beim Hören einer Melodie ist uns zu jedem Zeitpunkt jedoch nur eine gegenwärtige Tonphase akustisch gegeben; diese bezeichnet Husserl als „Urimpression“, sie ist der „Quellpunkt, mit dem die >Erzeugung< des dauernden Objektes einsetzt...“3. Diese gegenwärtige Tonphase besteht jedoch nur kurz, denn „alsbald ist sie schon vorübergegangen – eine neue Tonphase ist dafür da, charakterisiert als lebendige Wahrnehmungsphase, als neues Ton-Jetzt.“4 Jede neue Impression verdrängt die vorangegangenen, zwingt sie zum „Absinken ins Vergangene“. Ständig tritt eine neue Tonphase, ein neuer Zeitpunkt der Dauer einer Melodie ins „Jetzt“, während die abgelaufenen Töne bzw. Tonphasen in die Vergangenheit rücken und sich vom „Jetzt“ entfernen. „Jedes Vergangene wandelt sich in ein Mehr-vergangenes, dieses abermals usw.“5 Wie kann uns nun aber eine Zeitstrecke als ganze in diesem permanent strömenden, nie aufzuhaltenden Prozess bewusst werden, d.h. wie können wir eine Melodie in ihrer zeitlichen Ausdehnung erfassen? Was verbindet alle einzelnen Zeitpunkte zu einem zusammenhängenden Geschehen und zu einer einheitlichen Erfahrung?

Die Tatsache, dass wir nicht nur separate einzelne Tonphasen, sondern eine einheitliche, kontinuierlich fließende Melodie hören, ist für Husserl eine Konstruktionsleitung unseres Bewusstseins. Unsere Sinnesorgane liefern zu jedem Zeitpunkt eine Menge an hyletischen Daten, die das Bewusstsein zu einer Wahrnehmung zusammensetzt. Im nächsten Augenblick ist das Bewusstsein jedoch wieder mit einer neuen sinnlichen Datenmenge konfrontiert. Dass wir trotzdem den vergangenen Augenblick im Bewusstsein bewahren, ihn festhalten können, wird durch eine Erinnerungsleistung des Bewusstseins ermöglicht. Diese Funktion nennt Husserl „Retention“ oder auch „primäre Erinnerung“.

Zusammenfassung der Kapitel

I. Einleitung: Die Einleitung führt in Husserls Verständnis ein, dass Wahrnehmung nicht isoliert existiert, sondern auf der Leistung der Erinnerung (Retention) und der Erwartung (Protention) basiert.

II. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert detailliert die Strukturen von Retention und Protention als grundlegende Momente der Zeitkonstitution sowie die sekundäre Erinnerung und die Phantasie als Abwandlungen der Wahrnehmung.

1. Primäre Erinnerung: Dieses Kapitel erläutert die Urimpression und Retention als elementare Funktionen, die den Bewusstseinsstrom in der unmittelbaren Gegenwart zusammenhalten.

1.1 Urimpression und Retention: Hier wird anhand des Beispiels der Melodiewahrnehmung verdeutlicht, wie das Bewusstsein den Übergang von momentanen Eindrücken zum „vergangenen“ Moment konstituiert.

1.2 Modifikation der Retention: Dieses Kapitel beschreibt den Prozess des "Abklingens" und "Verblassens" vergangener Tonphasen im Bewusstsein.

1.3 Die Retentionskette: Das Kapitel erklärt, wie sich Retentionen kontinuierlich aneinanderreihen und das "Erbe der Vergangenheit" in das aktuelle Jetzt integrieren.

1.4 Protention: Hier wird die auf die Zukunft gerichtete Erwartung als notwendige Ergänzung zur Retention eingeführt.

1.5 Beispiele für den Ablaufmodus von Urimpression, Retention und Protention: Dieses Kapitel nutzt visuelle Beispiele wie Filme oder das Lesen von Texten, um die abstrakten Funktionen der Zeitkonstitution anschaulich zu machen.

2. Sekundäre Erinnerung: Das Kapitel behandelt die Wiedererinnerung als bewussten Akt, der auf der primären Erinnerung aufbaut.

2.1 Konstitution von Zeitobjekten durch reproduzierende Vergegenwärtigung: Hier wird der Prozess der bewussten Reproduktion früherer Erlebnisse und deren strukturelle Ähnlichkeit zur ursprünglichen Wahrnehmung dargestellt.

2.2 Die „Freiheit“ der Reproduktion: Dieses Kapitel thematisiert die Fähigkeit des Bewusstseins, erinnerte Zeitobjekte in ihrer zeitlichen Abfolge flexibel zu durchlaufen.

3 Phantasie: Dieses Kapitel grenzt die Phantasie von der Wahrnehmung und Erinnerung ab, hebt jedoch ihre ebenfalls retentionale Struktur hervor.

III. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Erinnerung und Erwartung keine isolierten Prozesse, sondern wesentliche Abwandlungen der Wahrnehmung sind, ohne die eine einheitliche Erfahrungswelt nicht möglich wäre.

Schlüsselwörter

Husserl, Phänomenologie, Zeitbewusstsein, Wahrnehmung, Erinnerung, Retention, Urimpression, Protention, Zeitobjekt, Bewusstseinsstrom, Konstitution, Wiedererinnerung, Phantasie, Zeitkonstitution, Erfahrungswelt.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit behandelt die phänomenologische Psychologie Edmund Husserls und untersucht, wie unser Bewusstsein Zeitobjekte – etwa eine Melodie – als zusammenhängende Einheiten wahrnimmt.

Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?

Die zentralen Themen sind die Struktur des Zeitbewusstseins, die Unterscheidung zwischen primärer und sekundärer Erinnerung sowie die Rolle der Wahrnehmungsmodalitäten.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Husserls Konzept der Retention und Protention die Konstitution unserer täglichen Erfahrungswelt ermöglicht.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt die phänomenologische Analysemethode, insbesondere die Untersuchung der Bewusstseinsstrukturen anhand von Zeit- und Wahrnehmungsbeispielen.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Im Hauptteil werden die Funktionen der Urimpression, Retention und Protention detailliert analysiert, gefolgt von einer Untersuchung der sekundären Erinnerung und der Phantasie.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit lässt sich primär durch Begriffe wie Zeitbewusstsein, Retention, Urimpression, Phänomenologie und Konstitution charakterisieren.

Warum unterscheidet Husserl zwischen primärer und sekundärer Erinnerung?

Die primäre Erinnerung (Retention) ist eine passive, unmittelbare Funktion der Wahrnehmung, während die sekundäre Erinnerung (Wiedererinnerung) ein aktiver, reproduktiver Prozess ist.

Inwiefern beeinflusst die "Freiheit" der Reproduktion unser Erinnern?

Die Freiheit bedeutet, dass wir erinnerte Erlebnisse nicht in der exakten Originaldauer durchlaufen müssen, sondern diese schneller oder in Phasen reproduzieren können.

Warum ist das Beispiel der Melodie für Husserl so zentral?

Das Beispiel der Melodie verdeutlicht die Schwierigkeit der Wahrnehmung eines gedehnten Zeitobjekts: Da nur ein Ton im Jetzt ist, muss das Bewusstsein die vorangegangenen Töne "festhalten", um die Melodie als Ganze zu erfassen.

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Details

Title
Erfahrungswelt und Erinnerung bei Husserl
College
Humboldt-University of Berlin  (Institut für Philosophie)
Course
Hauptseminar: Husserl
Grade
1,7
Author
Andre Fischer (Author)
Publication Year
2005
Pages
13
Catalog Number
V41749
ISBN (eBook)
9783638399524
Language
German
Tags
Erfahrungswelt Erinnerung Husserl Hauptseminar Husserl
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Andre Fischer (Author), 2005, Erfahrungswelt und Erinnerung bei Husserl, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41749
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