Der kulturelle Wert von Fernsehunterhaltung. Neil Postman in der Guckguck-Welt


Hausarbeit, 2003

10 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Der Diskurs / Die Wortkultur

2 Das Fernsehen / Die Bildkultur

3 Bildkultur vs. Wortkultur

4 Resümee

Literatur

Einleitung

Im Zeitalter von Reality-TV und medienwirksamen Politiker-Fernsehduellen ist die Frage nach dem kulturellen Wert von Fernsehunterhaltung aktuell wie nie. Für den Medienökologen und -Kritiker Neil Postman ist die Antwort auf diese Frage leicht: es gibt keinen. Im Gegenteil: das Fernsehen ist, als Teil einer technologischen Ideologie, ein Feind der Kultur. (vgl. Postman 2000, S. 192)

Postmans Kulturkritik kann als ein Ausdruck der Furcht vor einer Medienrevolution begriffen werden. Die Angst vor der Zerstörung einer bestehenden Kultur durch das Aufkommen einer neuen ist allerdings nicht neu: Sie begann bei Platons Kritik an der Dichtkunst (vgl. Faulstich 2000, S. 172f) und endet noch lange nicht bei der Sorge, Hypertext könnte irgendwann das Buch ersetzen. (vgl. Hautzinger 1999, S. 116) Im Folgenden soll die Frage gestellt werden, inwieweit Postmans These zutrifft, dass die Bildkultur des Fernsehens die Wortkultur des Buches nicht nur bedroht, sondern gar verdrängt.

1 Der Diskurs / Die Wortkultur

Seit der Erfindung des Buchdrucks prägte die Buchkultur jahrhundertelang die kulturelle Entwicklung. Eine Hoch-Zeit der von Literalität beeinflussten Kultur sieht Postman im öffentlichen Diskurs im Amerika des 19. Jahrhunderts. Als Beispiel führt er eine Debatte zwischen Abraham Lincoln und seinem politischen Gegner Stephen A. Douglas an, die typisch für die damals vorherrschende, vor Publikum stattfindende Redekultur gewesen sei. Diese Diskussionen, Vorträge und Reden dauerten laut Postman oftmals viele Stunden lang und stellten an die Zuhörer erhebliche Anforderungen. Postman mutmaßt daher, ihre Aufmerksamkeitsspanne sei „nach heutigen Maßstäben offenbar außerordentlich groß“ gewesen (Postman 2000, S. 62) und: „Die Zuhörer bei den Lincoln-Douglas-Debatten waren mit den zur Diskussion stehenden Problemen offenbar gut vertraut, sie besaßen historische Kenntnisse und wußten über komplizierte Sachverhalte Bescheid.“ (ebd., S. 63) Indizien dafür sieht Postman darin, dass das Publikum die „rhetorischen Spitzen“ gewisser diskutierter Inhalte nur hätte verstehen können, wenn es bestimmte Gerichtsentscheidungen und andere Reden kannte und diverses ähnliches Hintergrundwissen besaß. (vgl. ebd.) Beweise dafür, dass das Publikum tatsächlich über all diese Informationen verfügte, hat Postman allerdings nicht. Da solche Debatten oft im Rahmen von Jahrmärkten und anderen besonderen Anlässen stattfanden, dürfen zumindest Zweifel angebracht sein, ob das Publikum tatsächlich nur aus bildungshungrigen Zuhörern bestand oder vielleicht auch den Unterhaltungswert der öffentlichen Diskussionen genoss. Dazu schreibt Ingomar Robier in seinem Buch „Die Wortkultur und ihre Widersacher“:

„Sie waren in dieser ihrer Motivation nicht unähnlich einem modernen Fernsehpublikum, das in der Hoffnung, sich bei einem verbalen Schlagabtausch zu amüsieren, Diskussionen von politischen Kandidaten auf dem Bildschirm verfolgt, nur mit dem Unterschied, dass die Zuhörer im puritanischen Neuengland des 19. Jahrhunderts keine vergleichbar amüsante Programmalternative zur Gestaltung eines kurzweiligen Abends besaßen.“ (Robier 2000, S. 54)

Auch Postman selbst, der in der Unterhaltungskultur des Fernsehens (vgl. Abschnitt 2) eine Gefahr sieht, bemerkt, dass beispielsweise Romanautoren wie Walter Scott oder Charles Dickens bei öffentlichen Auftritten bejubelt wurden, und zwar mit „einer Begeisterung, wie sie heute einem Fernsehstar, einem prominenten Football-Spieler oder Michael Jackson zuteil wird“. (Postman 2000, S. 54) Und das, obwohl „das Lesen von Romanen als ein eher fragwürdiger Zeitvertreib galt.“ (ebd.)

Der öffentliche, politische Diskurs ist Postmans hauptsächliches und von ihm immer wieder benutztes Beispiel für das intellektuelle Niveau seiner Landsleute im 19. Jahrhundert. Es ist auch sein Beispiel für den Wert einer von Buchdruck und Buchbildung geprägten Kultur. Seine Weltsicht, die sich hierin äußert, ist, wie der Kommunikationswissenschaftler Gerhard Maletzke in seiner Streitschrift „Kulturverfall durch Fernsehen?“ schreibt, eine gängige unter vielen zeitgenössischen Kulturkritikern: Das Lesen ist nützlich, und „Fernsehen ist schlecht, gefährlich, verderblich.“ (Maletzke 1988, S. 14)

Laut Postman hat das Fernsehen negativen Einfluss auf (Schul-)Bildung, Erziehung, Leserverstand (der zur Zeit des öffentlichen Diskurses besonders stark ausgeprägt war), auf unsere herkömmlichen Vorstellungen von Kindheit und Erwachsensein und somit alles in allem auf die Kultur insgesamt. Robier beschreibt Postmans Fixierung auf das Buch als den Hauptträger der Kultur als ein „idealisiertes Konstrukt“ (Robier 2000, S. 45f), das von Medienwirkungstheorien ausgeht, über die es „nach wie vor höchst widersprüchliche Auffassungen“ gäbe. (ebd.)

Festzuhalten bleibt, dass man Postmans (kaum belegte!) Ansichten vom gebildeten Publikum, das geprägt war durch den nur durch die Buchkultur überhaupt möglichen öffentlichen Diskurs, ebenso kritisch sehen sollte wie sein Postulat, die Wortkultur sei der Bildkultur überlegen. Diese Auffassung wird bestimmt von Postmans Ansicht (die sich eng an Marshall McLuhans berühmte Aussage „Das Medium ist die Botschaft“ anlehnt), dass Medien durch die Art, wie sie vermittelt werden, wirken und nicht durch ihre Inhalte. Im Hinblick auf das Fernsehen meint Postman hier vor allem die Frage nach der Qualität des Mediums, wenn er schreibt, das Fernsehen, wenn es erfolgreich sein will, „...nichts mit dem zu tun hat, was man im Hinblick auf Erörterung, Urteilsbildung oder andere Formen sprachlicher Kommunikation als ‚gut’ bezeichnen würde, sehr viel dagegen mit der Wirkungsweise von Bildern.“ (Postman 1998, S. 111) Für Postman ist das Fernsehen eine „Bahn in den Stumpfsinn“ (Postman 1988, S. 189), und die Kultur ist ernstlich bedroht, wenn „das geschriebene oder gesprochene Wort Misstrauen erregt oder Anforderungen an unsere Aufmerksamkeit stellt, die wir nicht erfüllen können“ (ebd., S. 198). Und das, so Postmans pessimistische Prophezeiung, passiert – weil die Bildkultur die Wortkultur verdrängt.

2 Das Fernsehen / Die Bildkultur

Dass Bilder in unserem Alltag heute einen höheren Stellenwert einnehmen als die Schrift, sieht Postman nicht erst in der Erfindung des Fernsehens begründet. Bereits durch das Aufkommen der Daguerrotypie (einem photographischen Verfahren, das noch keine Vervielfältigung erlaubte) und später der Photographie im 19. Jahrhundert habe die Bedeutung des Bildes als Kommunikationswerkzeug zugenommen. Die neuen Bildformen waren bereits damals mehr als eine Ergänzung der Sprache, sie waren „...vielmehr bestrebt, die Sprache als unser wichtigstes Instrument zur Deutung, zum Begreifen und Prüfen der Realität zu ersetzen.“ (Postman 2000, S. 95). Als Beispiel für diese „optische Revolution“ nennt er die Werbung, die dazu geführt haben soll, dass Magazin- und Zeitungsleser Bilder als neue Überzeugungsgrundlage wählten (ebd., S. 96). Auch die Nachrichten sollten durch die Ergänzung mit Bildmaterial einen neuen Kontext eingehen, den Postman jedoch negiert und als illusorisch bezeichnet. (ebd.)

Der massive Eintritt der Bildmedien in die Schriftkultur brachte laut Postman eine neue Welt hervor: eine „Guckguck-Welt“ voller Beliebigkeit. Diese neue Welt fördert weder Zusammenhänge noch Bedeutung, ist allerdings unterhaltsam, und diese Unterhaltsamkeit wurde durch das Fernsehen noch verstärkt. (vgl. ebd., S. 99)

Die größte Gefahr der Guckguck-Welt sieht Postman im Einfluss des Fernsehens auf unseren Blickwinkel: „Wir zweifeln nicht an der Realität dessen, was wir im Fernsehen sehen“, behauptet er und meint damit pauschalisierend mindestens alle Amerikaner (ebd., S. 101). Die vom Fernsehen vermittelte Welt sollte uns eigentlich bizarr erscheinen, stattdessen empfinden wir sie als natürlich. Das Fernsehen hat den Status eines Mythos erlangt, wie ihn Roland Barthes formuliert hat. (vgl. ebd., S. 100)

Robier entdeckt in Postmans Ablehnung der Bildkultur Züge seiner religiösen Erziehung. Das alttestamentarische Gebot „Du sollst dir kein Bildnis machen“ wird von Postman auch besonders hervorgehoben: „Uns, die wir heute im Begriff sind, eine wortbestimmte Kultur in eine bildbestimmte Kultur zu verwandeln, könnte die Besinnung auf dieses mosaische Gebot durchaus von Nutzen sein.“ (Postman 2000, S. 18) Robier bezeichnet Postman deshalb als einen Ikonoklast (also als einen Bilderfeind) und erinnert an seine jüdischen Wurzeln sowie seinen Hang zum protestantischen Konservatismus: „Sowohl die jüdische als auch die protestantische Religion zeichnen sich durch eine Dominanz des Wortes und eine Abneigung gegen das Bild aus, die beide ihren Ursprung im alten Testament haben.“ (Robier 2000, S. 86)

Der Medienforscher Werner Faulstich sieht in Kulturkritik überhaupt ein „religiöses Bedürfnis“ und eine „Sehnsucht nach Transzendenz“ (vgl. Faulstich 2000, S. 186):

„Jeweils im Anschluß an eine vollzogene Medienrevolution, einen durchgesetzten kulturellen Paradigmawechsel wird verzweifelt Ausschau gehalten nach einem weltanschaulichen Halt außerhalb des neuen Medien- und Kultursystems, außerhalb des neuen Paradigmas, um die brüchig gewordene Identität doch noch zu retten.“ (ebd.)

[...]

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Details

Titel
Der kulturelle Wert von Fernsehunterhaltung. Neil Postman in der Guckguck-Welt
Hochschule
Hochschule der Medien Stuttgart
Note
1,3
Autor
Jahr
2003
Seiten
10
Katalognummer
V417890
ISBN (eBook)
9783668671584
ISBN (Buch)
9783668671591
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Postman, Medienkultur, Medienwissenschaft
Arbeit zitieren
Trixy Freude (Autor), 2003, Der kulturelle Wert von Fernsehunterhaltung. Neil Postman in der Guckguck-Welt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/417890

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