Demokratisches Schulsystem. Sudbury Valley School

Unbegründeter Anspruch oder reale Tatsache?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
19 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Demokratie“ und „demokratische Erziehung“

3. Allgemeintheoretische Überlegung zur Schülerpartizipation

4. Die Sudbury Valley School
4.1 Funktionsweise
4.2 Der Anspruch einer demokratischen Schule

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wie hat Abraham Lincoln 1863 einmal gesagt? Demokratie ist „die Regierung des Volkes, durch das Volk, für das Volk“ (Schiller, S. 13, original vgl. Schultze, 2002, S. 137). In ähnlichen Worten ist dies im Artikel 20 GG der Bundesrepublik Deutschland verankert. Wendet man diese definitio auf die Schule an, so würde sie lauten: Demokratie ist die Regierung der Schüler, durch die Schüler, für die Schüler. Unter dem Anspruch dieser Leitidee proklamiert und legitimiert die Sudbury Valley School (kurz: SVS) ihre Existenz. Eine Schule wie jede andere – nur eben anders. Ihr Grundprinzip ist die Demokratie. Die Schüler entscheiden was gemacht wird, wann etwas gemacht wird oder ob überhaupt etwas gemacht wird.

Doch ist die Sudbury Valley School wirklich so demokratisch, wie sie nach außen zu überzeugen vermag? In dieser Hausarbeit soll herausgestellt werden, ob der Anspruch einer demokratischen Schule eine unbegründete Behauptung oder eine reale Tatsache darstellt.

Einleitend wird der Begriff der „Demokratie“ unter diversen Perspektiven beleuchtet und aufgezeigt, dass dieser überall präsent ist – besonders in der Schule. Wie passt ein fast ausschließlich politisch genutztes Adjektiv („demokratisch“) als Attribut zu einem pädagogisch geprägten Wort wie Erziehung? Diese Grundsatzüberlegungen sind gefolgt von allgemeintheoretischen Überlegungen zur Schülerpartizipation. Hierbei werden Kriterien abgewogen, die als Maßstab einer demokratischen Schule gelten sollen. Anschließend wird das Funktionssystem der SVS aufgezeigt, um sich in den Schulstrukturen zurechtzufinden. Innerhalb des nächsten Kapitels soll außerdem geklärt werden, inwiefern demokratische Instrumente und Kompetenzen an der SVS vermittelt werden. Weiterhin sollen die vorher aufgestellten allgemeingültigen Prinzipien auf das Beispiel der SVS angewandt werden.

Diese Hausarbeit stützt sich vor allem auf die Werke von SVS-Gründer Daniel Greenberg. Wichtige Hinweise zur Schülerpartizipation finden sich in Eikels Überblick zur Schülerpartizipation. Außerdem erwähnenswert ist Hurrelmann, der den Begriff der „demokratischen Erziehung“ beleuchtet und im Sinne des permissiven Erziehungsstils indirekte Kritik an den in Deutschland gegründeten Sudbury Valley Schools ausübt.

2. „Demokratie“ und „demokratische Erziehung“

Was versteht man heutzutage unter dem Begriff „Demokratie“? Wenn diese Frage zufällig ausgewählten Individuen gestellt wird, wäre sicherlich als Antwort zu erwarten „Wir leben in einer Demokratie!“. Das bedeutet im Umkehrschluss, die Idee der Demokratie wird auf die Staatsform bezogen. In diesem Sinne wäre zu klären, ob die Demokratie ein rein politologisch geprägter Begriff, oder auch in anderen Teilen unserer Gesellschaft zu finden ist.

Etymologisch untersucht kann Demokratie in zwei griechische Begriffe unterteilt werden, dēmos und kratein. Die eben genannten Begriffe können als „Volk“ sowie „Herrschaft“ übersetzt werden. Ergo bedeutet Demokratie „ Herrschaft des Volkes “ oder „ Herrschaft der Mehrheit“. Neben einer etymologischen Definition schlägt Schultze weitere Perspektiven vor, um eine Demokratie zu charakterisieren. Dazu zählen (1) Kriterien wie politische Gleichheit innerhalb des Volkes (Wilson & Hansen, 2009; Schultze, S. 137), Volkssouveränität, Grundrechte, Partizipationsrechte, soziale Teilhabe sowie die Zulassung einer Opposition (Schultze, 2002; Schmidt, 1991). Weiterhin sollten (2) der Verfassungsstaat, sowie Gewaltenteilung und Parlamentarisierung erwähnt werden (ebd.). Um die Art der Demokratie richtig erfassen zu können, bedarf es (3) normativer Modelle (diese Modelle werden ausführlich im nächsten Absatz beschrieben). Die normativen Modelle sind gefolgt von der (4) Gesellschaftskonzeption (wie beispielsweise der direkten Demokratie) (ebd, S. 138f.). Hierzu werden unter anderem Volksabstimmungen gezählt. Zuletzt wird die Demokratie durch (5) eine breite Legitimationsbasis charakterisiert (ebd. S. 139).

Historisch gesehen wurde die Idee der Volksherrschaft von diversen Persönlichkeiten geprägt. Dabei gibt es unterschiedliche Modellvorstellungen, welche versuchen, den Begriff der Demokratie zu erklären: liberale, kommunitaristische, republikanische, partizipatorische, deliberative sowie kritische Modelle (Wilson & Hansen, 2009). Am Beispiel des Liberalismus und der republikanischen Modelle werden nun verschiedene Ausprägungen von Demokratie beschrieben. Laut Wilson und Hansen ist der Liberalismus heutzutage das dominante Modell der Demokratie (2009), geprägt durch John Locke. Im Verständnis des Liberalismus stellen individuelle Rechte, der Schutz des Privateigentums sowie die Rechtstaatlichkeit wichtige Eckpfeiler dar (ebd.). Dem Liberalismus gegenüber stehen republikanische Modelle, geprägt durch Staatstheoretiker wie Jean-Jacques Rousseau. Bürger einer Demokratie definierten sich nicht „durch ihre Rechte und Wahlmöglichkeiten, sondern durch ihre Teilhabe im politischen Bereich von Dialog und Handeln“ (Wilson & Hansen, S. 180). Das bedeutet, dass ein stärkerer Fokus auf das Zusammenleben auf individueller Ebene gesetzt wird.

Dem gegenüber - auf soziologischer bzw. erziehungswissenschaftlicher Ebene - kann Demokratie als ein „vielschichtiges soziales Gut oder Ziel“ beschrieben werden. Hierbei wird die Demokratie als Begriff „einer Reihe von sozialer und politischer Bedeutungen“ (Wilson & Hansen, S. 179) definiert, der „einem ständigen zeitlichen Wandel unterliegt“ (ebd.).

Helmut Fend schrieb 1981 in seinem Werk „Theorie der Schule“: „Schulsysteme sind Instrumente der gesellschaftlichen Integration. In ihnen ist die Reproduktion von solchen Normen, Werten und Interpretationsmustern institutionalisiert, die zur Sicherung der Herrschaftsverhältnisse dienen“ (S. 16; vgl. außerdem Eikel, S. 21). Das bedeutet de facto, Demokratie muss in der Schule zu finden sein. Untersucht man den Liberalismus unter diesen Bedingungen, kann schnell festgestellt werden, dass ein liberalistischer Demokratiebegriff die Intention umfasst, „die Heranbildung von Staatsbürgern als unabhängig und autonom“ handelnde Persönlichkeiten voranzubringen (Wilson & Hansen, S. 180). Ähnliche Aussagen lassen sich in den republikanischen Modellen finden. Kann diese Intention heutzutage als „demokratische Erziehung“ wiedergegeben werden?

Die Schule hat als Erziehungsaufgabe die Heranbildung von demokratischen Staatsbürgern zu gewährleisten (Wilson & Hansen, 2009). Im Falle des Terminus der „demokratischen Erziehung“ konstatiert sich ein Verhältnis zwischen Adjektiv und Substantiv. Wie verhalten sich die Begriffe der „Demokratie“ und der „Erziehung“ zueinander? Um diese Frage zu beantworten, wird John Deweys Methode zur Überprüfung des Verhältnisses herangezogen. Dabei beschreibt er die genannten Begriffe als:

„nützliche Bezeichnungen, um unterschiedliche, aber miteinander verbundene Aspekte des gleichen Engagements für menschliches Leben als jener Umgestaltung von Erfahrung in einer Weise, welche menschliche Erkenntnisse und Ansichten eher erweitert, als sie einzuschränken, sie bereichert, statt sie verkümmern zu lassen, und sie vertieft, anstatt sie zu verflachen“ (ebd, S. 187).

Hierbei wird deutlich, dass Dewey die Demokratie nicht als Ziel demokratischer Erziehung darstellt. Vielmehr macht der Autor deutlich, dass die Demokratie eine „Zusammenstellung dynamischer Merkmale“ (ebd, S. 188) ist.

Das Ziel der demokratischen Erziehung wird wie folgt von Hurrelmann beschrieben: Demokratische Erziehung möchte „starke kindliche Persönlichkeiten […], die selbstständig, selbstbewusst und entscheidungsfähig für ihre eigenen Interessen eintreten können […] sowie […] Hilfsbereitschaft und Verantwortungsgefühl“[1] (S. 13f) zeigen. Dabei steht die gemeinsame Absprache von Regeln und Umgangsformen im Vordergrund, um eine demokratische Erziehungsbasis zu schaffen. Besonders sollte die Beziehung zwischen Erzieher und Zögling beachtet werden (Hurrelmann, 1994). Der Erzieher kann vom Zögling nur als soziales Modell (syn. Vorbild) betrachtet werden, solange sich dieser auch vorbildlich verhält, stets ein offenes Ohr für den Zögling hat und die freie Entfaltung des Kindes nicht einschränkt. Hierbei sind Begriffe wie „Authentizität“, „gleichberechtigte Umgangsformen“ sowie „gegenseitige Achtung“ als besonders wichtig anzusehen (ebd, S.15f.).

[...]


[1] Im rousseau‘schen Sinne kann hierbei von einer vernunftgeleiteten Erziehung zur Mündigkeit gesprochen werden.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Demokratisches Schulsystem. Sudbury Valley School
Untertitel
Unbegründeter Anspruch oder reale Tatsache?
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Politologie)
Veranstaltung
Demokratische Werte und Normen: Demokratische Erziehung
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V417940
ISBN (eBook)
9783668671751
ISBN (Buch)
9783668671768
Dateigröße
861 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Demokratie, Erziehung, Sudburry Valley, Nena
Arbeit zitieren
Christian Roth (Autor), 2016, Demokratisches Schulsystem. Sudbury Valley School, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/417940

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