Theodore Gericaults "Das Floß der Medusa". Wandel in der Historienmalerei


Hausarbeit, 2018
26 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II 1. Teil Theodore Gericault. Das Floß der Medusa
1. Der historische Hintergrund
2. Bildbeschreibung und –analyse
3. Interpretation
3.1. Die Themenwahl
3.2. Vorbilder und Vergleiche
4. Wandel der Historienmalerei mit dem Floß der Medusa

III 2. Teil Seminareinschätzung
1. Aufbau und Ablauf des Seminares
2. Entwicklung des Seminarverlaufes
3. Eigene Meinung und Einschätzung zum Seminar

IV. Schlusswort und Historienmalerei heute

V. Bibliographie

VI. Bildanhang/ Bildnachweis

I. Einleitung

Der Begriff „Historienmalerei“ lässt aus seinem Wort schon auf das Thema schließen, nämlich der Historie und wie sie in der Malerei wiedergegeben wird. Hier zeigt sich, wie ein Künstler ein bestimmtes historisches Ereignis auffasste und umsetzte. Als Quellen dienten hier Berichte des Geschehens, Befragung von Augenzeugen oder die eigene Anwesenheit. Doch nicht immer ist der historische Augenblick getreu dargestellt. Oft spielt die Fantasie des Künstlers stark in sein Werk mit ein um eine bestimmte politische Aussage zu treffen. Über den Begriff Historienmalerei gab es viele Debatten. Oft finden sich in der Literatur unterschiedliche Definitionen und Zeitstellungen. Im Allgemeinen geht man von einer Zeitspanne von der Renaissance bis zum Ende des 19. Jahrhunderts aus.[1] Im Rahmen dieser Arbeit wird über den Zeitraum Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts gesprochen. Es wird davon ausgegangen, dass Historienmalerei bis dahin dazu diente, den Höhepunkt eines Ereignisses darzustellen und ein bestimmtes Reichsoberhaupt in den Mittelpunkt zu rücken. Zur hier thematisierten Zeit findet ein Bruch in dieser üblichen Darstellungsweise statt. Ein gutes Beispiel hierfür liefert Theodore Gericault (1791-1824) (Abb.1) mit seinem „Floß der Medusa“ (Abb.2). Das Werk hat, nicht wie man zuerst denken mag, keinen Bezug zu dem mythologischen Wesen „Medusa“ mit den Haaren aus Schlangen.[2] Auf Gericault selbst werde ich nicht weiter eingehen, nur die folgenden Angaben: Gericault wächst in der Zeit Napoleons auf, erlebt dessen Aufstieg und Untergang mit. In dieser Zeit formt sich sein Grundmotiv, dass jede Gesellschaft seine Opfer fordert.[3] Das Gemälde basiert auf einem realen Schiffsunglück, welches sich 1818 ereignete. Gericault nutzte den Aufruhr in der Gesellschaft um mit diesem Ereignis seine neuen Ansichten zu zeigen und sein Ansehen zu steigern. Inwieweit sich sein Werk in die Geschichte der Historienmalerei einfügt, oder widerspricht, wird im ersten Teil der Arbeit besprochen. Das Thema dieser Hausarbeit entstand im Rahmen eines Seminares zur Historienmalerei. Die Arbeit ist in zwei thematische Abschnitte unterteilt. Nach einer kurzen Einleitung beginnt der erste Teil zu Gericault „Floß der Medusa“. Hier wird zuerst der historische Hintergrund zum Schiffbruch dargestellt und anschließend findet eine Beschreibung und Analyse des Gemäldes statt. Anschließend findet die Interpretation zum Gemälde statt. Diese fasst die Themenwahl, Vorbilder und Vergleiche ein. Zum Ende des ersten Teiles wird kurz zusammen gefasst, was im beschriebenen Zeitabschnitt neu ist in der Historienmalerei. Im zweiten Teil werde ich eine umfassende Einschätzung zum Seminar geben. Hierzu erläutere ich zuerst Aufbau und Ablauf des Seminares. Danach gebe ich Entwicklungen im Seminar wieder, welche die Diskussionen mit einbeziehen. Meine eigene Meinung soll lobend und kritisierend zum Seminar sein, aber auch eigene neue Erkenntnisse und Erfahrungen mit einbringen. Schlussendlich erfolgt eine kurze Zusammenfassung dieser Arbeit mit einem Ausblick auf die Historienmalerei in heutiger Zeit. Ziel dieser Arbeit ist zum einen die Einordnung eines Gemäldes in einen bestimmten kunsthistorischen Kontext anhand von Quellenanalyse und zum anderen der Bezug zu einem real abgelaufenen Prozess und mit Hauptaugenmerk auf die eigenen Gedanken.

II 1. Teil Theodore Gericault. Das Floß der Medusa

1. Der historische Hintergrund

„Die Fregatte Medusa ist am 2. Juli um 3 Uhr nachmittags auf der Sandbank von Arguin gescheitert, zwanzig Meilen vom Cap Blanc. Sechs Schaluppen und Beiboote der Medusa haben einen großen Teil ihrer Mannschaft und ihrer Passagiere gerettet. Von 150 Männern, die sich auf dem Floß gerettet hatten, sind 135 umgekommen.“[4] Doch wie kam es zu dieser Tragödie? Die Fregatte Medusa sollte als Expeditionskorps in die Kolonie Senegal in Saint- Louis reisen. Diese Kolonie war nach dem Abkommen in Paris 1814 von Frankreich wieder in den Besitz Englands übergegangen. Der Kapitän war Hugues de Chaumareys, welcher bis dahin keine weitreichenden Erfahrungen im Steuern eines Schiffes hatte, sowie einige seiner Offiziere. So kam es, das die Fregatte, ohne Unwetter oder anderen Gefahren, vor der Westküste Afrikas auf eine Sandbank lief.[5] Aus den Berichten von Überlebenden, wie dem Schiffsarzt Henry Sauvigny, wissen wir Näheres.[6] Zwei Tage lang versuchte man nun sich aus der misslichen Lage zu befreien. Da die Lage aussichtslos schien fingen die Offiziere an die Rettungsboote zu besetzten. Von Anfang an war klar, dass diese für 400 Passagiere nicht reichen würden, und so besetzte man diese zuerst mit der höher gestellten Gesellschaft. Für die restlichen Gestrandeten wurde aus dem Bauholz der Medusa ein großes Floß (Abb.3) gebaut. 150 Leute wurden darauf zusammen gepfercht, Matrosen, Offiziere und Soldaten. Der Plan war nun das Floß mit Hilfe der Rettungsboote an Land zu bringen. Doch schon nach Beginn der Fahrt wurden die Seile gekappt und das Floß seinem Schicksal überlassen.[7] 13 Tage sollte diese Irrfahrt nun gehen. Der Schiffsarzt Savigny beschreibt in seinem Bericht, wie die Umstände waren. Bereits am zweiten Tag sind die Vorräte aufgebraucht, bzw. ins Meer gefallen. Über 20 Mann sind schon gestorben oder haben sich selbst ins Meer geworfen. Die restlichen Passagiere beginnen sich gegenseitig zu attackieren um die letzten Reserven und die besten Plätze zu bekommen.[8] In den kommenden Tagen steigt der Hunger. Man ist nun nicht mehr nur der Umwelt mit Kälte und Hitze, Stürmen und dem Salzwasser ausgesetzt, sondern auch den eigenen Kameraden. Es kommt zu Meutereien und zu Kannibalismus. Die bewaffneten Offiziere setzen ihre Waffen zur Verteidigung ein. Auch das Floß beginnt an Stabilität zu verlieren. Es tun sich Risse auf, in denen man stecken bleiben, oder von Bord gehen und den Haien zum Opfer fallen konnte.[9] Am 17 Juli taucht die Brick Argus am Horizont auf. Die Sonne brennt seit sieben Tagen auf das Floß. Nur noch ein Fass Wein ist an Bord. Nach kurzer Beratung werden die Kranken über Bord geworfen. Die letzten Überlebenden setzen die Ration auf eine halbe Flasche Wein pro Tag. Doch das reicht nicht. Die Männer netzen ihre Lippen mit Urin. Bis zum 13. Tag sind ihnen Bärte gewachsen, Gesicht und Körper sind von der Sonne fürchterlich verbrannt. Meerwasser frisst sich in die Wunden. Sie warten auf den Tod. Da schreit ein Offizier, deutet auf ein Schiff am Horizont, nur die Mastspitzen lassen sich erkennen. Es ist eines der Begleitschiffe der "Medusa". Sie versuchen verzweifelt, auf sich aufmerksam zu machen, winken mit Tüchern, über eine halbe Stunde beobachten sie das Schiff, doch es kommt nicht näher. Dann verschwindet es hinter dem Horizont.[10] Die Brick wendet kurze Zeit später und rettet die 15 überlebenden, darunter der Schiffsarzt und der Schiffsbauer. Nach ihrer Rückkehr klagten diese die Verantwortlichen des Unglücks an, würde jedoch beim Prozess als Lügner dargestellt. Daraufhin verfassen diese einen Bericht, der große Aufmerksamkeit erregt.[11]

2. Bildbeschreibung und –analyse

Wie hat nun Gericault dieses Thema umgesetzt? Seine endgültige Fassung, welche letztendlich auch im Salon ausgestellt wurde, entstand 1818/19 mit Öl auf Leinwand. Das Werk mit den gigantischen Maßen von 4,91 x 7,16m befindet sich heute im Louvre in Paris. Das Gemälde stellt eine Szene auf offener, stürmischer See dar. Zentral und fast das ganze Bild einnehmend, ist ein Floß zu sehen. Darauf befinden sich Personen (Ich zähle 19), welche in schlechter Verfassung zu sein scheinen. Auch das Floß bietet kaum noch genug Halt. Die Balken sind notdürftig zusammen gebunden und haben sich im linken hinteren Teil schon stark aufgelöst. Ein Mast mit Segel ragt in den Himmel hinauf. Dieser wird von zwei Seilen gehalten, welche ihn vor dem Sturz zu retten scheinen. Die Menschen sind dicht zusammen gedrängt vor dem Mast auf dem vorderen Teil des Floßes. Der Betrachter nimmt sofort eine Gruppenbildung wahr. Im Vordergrund, bis zur letzten linken Person, sind Menschen zu sehen, welche entweder tot sind oder in Verzweiflung zusammengesunken. Man sieht vier tote Menschen im Vordergrund, welche sich durch ihr grünlich helles Inkarnat, als Zeichen der Verwesung und ihrer Bewegungslosigkeit, bzw. auch teilweiser Zerstückelung auszeichnen. Von der linken Person ist nur noch der Oberkörper erhalten. Ein älterer Mann mit grauem Haar und Bart hält den Leichnam eines Jüngeren (Abb.4). Er hat ein rotes Tuch über sich, wahrscheinlich um sich vor der Sonne des Tages zu schützen. Am linken Arm hat er eine verbundene Armwunde. Sein Gesicht ist gezeichnet von Verzweiflung und Mutlosigkeit. Mit letzter Kraft hält er den Toten fest, was darauf deutet, dass dieser sein Sohn oder ein guter Freund ist.[12] Links neben ihm sitzt ein junger Mann mit dunkler Hautfarbe, welcher gebannt nach links schaut. Vor ihm ist eine Person stark in sich zusammen gesackt, wahrscheinlich ist auch sie tot. Davor liegt eine Person auf dem Rücken. Ein dünnes Tuch bedeckt seinen knochigen Oberkörper. Die linke Hand hält sich an einem Balken fest, was darauf deutet, dass er sich mit letzter Kraft am Floß festzuhalten versucht. Die zweite Gruppe ist wesentlich aktiver. Sie befindet sich rechts hinten im Bild. Es ist eine Mischung von Personen (wahrscheinlich alle männlich) weißer und dunkler Hautfarbe. Sie haben sich teilweise erhoben und strecken sich oder ihre Arme Richtung Horizont. Einige haben sich auf ein Fass gelehnt oder gestellt und schwenken weiße und rote Tücher. Den höchsten Punkt bildet ein farbiger Junge (Abb.5). Die dritte Gruppe befindet sich unter dem Segeltuch, welche sie als eine Art „Hütte“ aufgestellt haben. Diese Personen sind kaum noch zu erkennen, da dort Dunkelheit herrscht. Hierbei handelt es sich vermutlich um die von Savigny beschriebenen bewaffneten Offiziere. Bei genauerem Betrachten erkennt man am Horizont den Grund der Aufregung. Ein kleines Schiff zeichnet sich dort ab. Es ist jedoch aufgrund der Entfernung und des dunkler werdenden Himmels kaum zu erkennen. Starke, dunkle Wolken ziehen auf und nur ein letzter goldroter Horizontstreifen ist noch zu sehen. Nun erkennen wir auch, dass im linken Hintergrund eine große Welle auf das Floß zurollt, und dieses verschlingen will.[13] Bei der Bildkomposition ist der Fokus auf das Floß gelegt worden. Es ist so inszeniert, dass die rechte vordere Ecke zum Betrachter zeigt und über den Bildrand hinaus zu gehen scheint. Ebenso die rechte hintere Ecke. Es entsteht ein Dreieck zum Betrachter hin. Im Bildaufbau lassen sich zwei weitere Dreiecke finden (Abb.6/7). Zum einen die aufsteigende Menschenpyramide rechts im Bild und zum Anderen die zwei Seile, welche den Mast halten. Zudem ist das Ende des Mastes nicht zu sehen. Das Floß scheint den Rahmen des Bildes zu sprengen und darüber hinaus zu gehen, was beim Betrachter den Effekt hervorruft, dass er glaubt auf dem Floß selbst zu stehen. Die Horizontlinie wird von dem Mast, den Wellen und den Winkenden unterbrochen. Bei der Farbgebung hat sich Gericault auf grau- braune Töne beschränkt. Die einzigen farbigen Aspekte geben die roten und weißen Tücher der Personen. Zudem ist das Inkarnat einheitlich grau bis grünlich gelb. Die toten Personen scheinen regelrecht zu leuchten, im Gegensatz zu den Lebenden. In der Mitte des Bildes verdunkelt sich das Geschehen, ebenso wie die dunklen bedrohlichen Wolken am Horizont.[14] Möglicherweise ein Hinweis auf die Bedrohlichkeit der Offiziere? Meiner Meinung nach ist im Bildaufbau ein allgemeiner Abstieg von aktiv zu passiv zu sehen. An der Spitze die winkenden erhobenen Personen welche die Rettung wollen. Darunter die Personen, welche die Hilfe zwar gespannt erwarten, jedoch keine Kraft haben sich zu bewegen. Darunter diese, welche sich schon abgewandt haben, in sich zusammen gesunken sind und keine Hoffnung auf Rettung mehr besitzen. Und nun gänzlich am Grunde des Floßes diejenigen, welche bereits verendet sind. Somit ist hier ein Aufstieg zum Dramatischen hin komponiert.

3. Interpretation

3.1. Die Themenwahl

Doch was bewegte den Maler Gericault dazu, sich solch einem Thema anzunehmen und mit der üblichen Tradition zu brechen? Es war Anfang November 1817 als Corread und Savigny ihr Buch über ihre Erlebnisse veröffentlichen. Zur gleichen Zeit kehrte Gericault aus Italien zurück.[15] Der Bericht faszinierte ihn so, dass er begann, sich mit der Medusa und den Erlebnissen näher auseinander zu setzen. Zum einen wollte er ein Werk schaffen, mit welchem er seinen Ruhm erneuern konnte, zum anderen empörte ihn die politische Meinung und Verschwiegenheit zu diesem Thema. Das Unglück und die Unfähigkeit der Beteiligten sollte zum Wohlwollen der Regierung verschwiegen werden, doch stattdessen ging es mit dem Werk Gericaults um die ganze Welt.[16] Der Kapitän de Chaumareys wurde vor ein Marinegericht gestellt, die Marine wurde daraufhin neu organisiert und es kam zu Veränderungen der politischen Lage in Frankreich. Durch die Veröffentlichungen wurde nun auch das gemeine Volk unsicher. Kritik gegen die Regierung wurde geübt und das unmenschliche Verhalten zu Ansprache gebracht. Warum hatte man nur die höhere Gesellschaft retten wollen? Man hatte die Menschen verraten, man hatte sie nicht nur der Natur, sondern auch sich selbst ausgesetzt. Die Überlebenden hatten sich zu „Urmenschen“ rückentwickelt, hatten unwürdiges Verhalten angenommen, frei nach dem Motto: „Der Stärkere gewinnt.“ Das war es, was Gericault in den Vordergrund setzte, eine Kritik an der Regierung Frankreichs, keine Heroisierung. Für Gericault war es nun wichtig, den dafür am besten geeignetsten Moment zu finden. Hierfür ließ er sich 18 Monate Zeit um seine Studien anzufertigen. Er befragte die Überlebenden, sammelte Dokumente, ließ sich vom Zimmermann der Medusa ein genaues Modell bauen und studierte sogar Leichenteile. Gericault war im Allgemeinen fasziniert von der Darstellung Unterlegener und Verletzter. So bot dieses Thema die Möglichkeit, Verletzungen und Tote zu studieren, und sie reell auf Papier zu bringen. Seine Hauptquelle war auch hier wieder der Bericht des Schiffsarztes Savigny. Lange denkt er über den Zeitpunkt nach, den er malen will. Er verwirft die Ideen vom Beginn des Floßes, der Rettung und dem Ausbrechenden Wahnsinn, bis er sein endgültiges Thema findet: Die Sonne brennt seit sieben Tagen auf das Floß. Nur noch ein Fass Wein ist an Bord. Nach kurzer Beratung werden die Kranken über Bord geworfen. Die letzten Überlebenden setzen die Ration auf eine halbe Flasche Wein pro Tag. Doch das reicht nicht. Die Männer netzen ihre Lippen mit Urin. Bis zum 13. Tag sind ihnen Bärte gewachsen, Gesicht und Körper sind von der Sonne fürchterlich verbrannt. Meerwasser frisst sich in die Wunden. Sie warten auf den Tod. Da schreit ein Offizier, deutet auf ein Schiff am Horizont, nur die Mastspitzen lassen sich erkennen. Es ist eines der Begleitschiffe der "Medusa". Sie versuchen verzweifelt, auf sich aufmerksam zu machen, winken mit Tüchern, über eine halbe Stunde beobachten sie das Schiff, doch es kommt nicht näher. Dann verschwindet es hinter dem Horizont.[17] Diese Szene gibt ihm die Möglichkeit den Volksgedanken mit einzubringen. Das leidende Volk, welches sich aufbäumt und einer besseren Zukunft entgegenblickt. Gericault verwendet keine Hierarchie in seinem Werk, alle Menschen haben die gleiche Stellung, tragen die gleiche Kleidung und teilen dasselbe Leid. Die Offiziere tragen keine Uniform o.ä., welche sie als Franzosen auszeichnet. Somit wird dem Werk eine allgemeingültige Aussage zu teil, welches als Kritik an jeder beliebigen Nation gesehen werden kann. Zudem ist kein Handlungsablauf erkennbar, sondern ein bestimmter Moment, nämlich der der Sichtung am Horizont.[18] Die Darstellung des Hintergrundes verweist jedoch schon auf die Aussage, das hier im Bild nicht die kommende Rettung dargestellt ist, sondern das das rettende Schiff noch einmal abdreht. Dies erreichte Gericault, indem er das kleine Schiff nicht mit den Hoffnung bringenden Sonnenstrahlen erhellte, sondern im Gegenteil die Sonne untergeht und dunkle Wolken aufziehen als Zeichen des anhaltenden Leids. Trotz alle dem steht der Moment der Hoffnung noch im Vordergrund. Es bleibt jedoch die Frage, warum Gericault sich all die Mühe mit der Vorbereitung machte, und letztendlich seine Fantasie einbrachte, und somit kein historisch korrektes Werk schafft. Die von Savigny berichteten Verletzungen werden im Werk verschönt, und auch das Floß selbst ist nicht korrekt dargestellt. Als Grund hierfür sagt Gericault selbst: „Die Kunst selbst sollte nur das Schöne sein und nichts als das Schöne lehren!“ Wedekind beschreibt dies als einen Rückfall in den „Grand Style“[19]. Gericault will den Betrachter nicht durch fleischige Wunden oder Kannibalismus abschrecken, sondern den Betrachter durch Mitgefühl erreichen. Doch wer nicht selbst diese Not miterlebt hat, wird das Gemälde wohl eher mit Ekel betrachten, welches Gericault auch viel Kritik in der Ausstellung im Salon brachte. Gericault hoffte auf die Sicht des Betrachters mit dem Mitleid als spontane und angeborene Gefühlsregung. Doch die Gesellschaft betrachtete Schiffsbrüche eher als eine Sache, welche wohl häufiger vorkomme, und den gemeinen Bürger nichts angehe und daher eine Distanz zum Bild hervorruft. Mit seinem riesigen Format und dem hervorgerufenen Eindruck, man stehe direkt auf dem Floß, schafft Gericault es jedoch, den Betrachter wenigstens dazu zu bringen eine Emotion aufzubauen.

3.2. Vorbilder und Vergleiche

Um sein Werk zu erschaffen bediente sich Gericault einiger Vorbilder, sowohl lebender Personen, als auch Themen und Personen anderer früherer Künstler. Der Maler erschuf seine Personen im Gemälde nicht rein aus seiner Fantasie. Er ließ Leute kommen, welche ihm als Vorlage dienten. So findet man die beiden Autoren Correard und Savigny im Bild hinter dem Mast.[20] Auch soll Gericaults Freund Delacroix als Vorbild für die auf dem Gesicht liegende Leiche im Vordergrund gedient haben. Neben diesen reellen Vorbildern verwendetet Gericault ikonografische Traditionen von menschlichen Haltungen und Emotionen aus der Renaissance- und Barockmalerei und verband diese mit dem zeitgenössischen Thema.[21] Das erste Vergleichsbeispiel ist „Rückkehr des Marcus Sextus“ (Abb.8) 1799 von Narcisse Guerin, der außerdem Gericaults Lehrer war. Wedekind beschreibt hier den Rückgriff auf den klassischen Typus des Aristokraten.[22] Die Darstellung des Markus Sextus soll als Vorbild für den alten Mann in Gericaults „Floß der Medusa“ gedient haben. Meiner Meinung nach ist hier die Ähnlichkeit zu erkennen, auch darauf bedacht, dass Guerin der Lehrer Gericaults war und sich dieser bewusst seinen Meister als Vorbild genommen haben könnte. Zudem sind Alter, Haar und Bart der beiden Herren ähnlich. Auch die bestürzende Trauer auf den Gesichtern und das Halten der daneben liegenden Leichen zeugen von Emotion und Verbundenheit. Auch stimme ich Wedekind zu, wenn er von einem Vergleich mit einer Melancholie spricht.[23] Ich selbst kann in dem Gemälde einige Vergleiche zu christlichen Themen erkennen. Die Personen Gruppe „Vater und Sohn“ vorne links erinnert an die Beweinung Christi von Boticelli (Abb.9) um 1500. Zwar ist es hier nicht Maria, die ihren Sohn beweint, sondern ein älterer Herr, doch sind die Ähnlichkeiten des ausgestreckten jungen Leichnams mit gestrecktem, schlaffem Arm und dem Halten des Toten mit einem Arm sehr ähnlich. Die Farbe des grünlich blauen Inkarnats lässt einen Vergleich mit Angelos Giorgettis Beweinung (Abb.10) Christi zu. Fraglich ist jedoch, ob hier ein bestimmter Rückgriff auf alte Meister stattfand, oder die eigene Assoziation mit Verwesung im Vordergrund stand. Nicht zu vergessen ist auch, das Gericault sich der Malweise alter Meister wie Rubens, Michelangelo und Caravaggio bewusst war und diese vermutlich in der Ausgestaltung seiner Körper mit einbezog. Als erstes Beispiel dient hier Rubens „Das kleine Jüngste Gericht“ (Abb.11) 1617. In diesem Werk sind es die nackten verschlungenen Menschenkörper, welche Gericault als Vorbild gedient haben könnte. Mit entblößten Genitalien und gestreckten Gliedmaßen liegen einige am Boden. Die Lebhaftigkeit und die lebensnahen Zeichnungen scheinen sich bei Gericault wieder zu finden. Als zweites Beispiel ein Werk von 1804 von Antoine Jean Gros „bonaparte visitant les pestiférés de jaffa“ (Abb.12). Hier ist es vor allem das Leid, die dürren Körper und die Hoffnungslosigkeit der Kranken, welche Ähnlichkeit mit Gericault aufweisen. Auch hier sitzt ein Mann, den Kopf in beide Hände gestützt, hoffnungslos den Betrachter anblickend. Das Floß tritt hier in Verbindung mit den Geschichtsbildnissen der Napoleon- Ära. Ein weiterer Aspekt, welcher im Werk Gericaults voraus greift, welchen ich hier jedoch mit einbringen möchte, ist der Hinweis auf Gericaults Interesse für Geisteskranke und Irre. Diesen wird er sich erst in einer späteren Schaffensphase widmen, jedoch bietet das Thema Floß der Medusa einen ersten Versuch in der Darstellung von Verrückten und Kannibalismus.[24] Schon hier zeigt sich das erste Mal sein Interesse und die Studienfähgkeit der menschlichen Psyche.[25] Für mich ist das Floß der Medusa die „Arche Noah“ für die Besatzungsmitglieder. Auf stürmischer offener See ist es der Halt und die Rettung für 13 hoffnungslose Tage. Nicht dem Willen Gottes ausgesetzt, jedoch dem Willen der Regierung.

[...]


[1] Gaehtgens, Thomas W./ Fleckner, Uwe (Hrsg): Historienmalerei. Geschichte der klassischen Bildgattungen in Quellentexten und Kommentaren, Band I, Berlin 1996.

[2] Zu dieser Thematik schreibt Klaus Heinrich in seinem Werk: Floß der Medusa. 3 Studien zur Faszinationsgeschichte mit mehreren Beilagen und einem Anhang, Frankfurt am Main 1995

[3] Berger, Klaus: Gericault und sein Werk mit 103 einfarbigen Bildern und 4 Farbtafeln, Wien 1952, S.7.

[4] Wedekind , Gregor: Schiffbruch des Zuschauers. Theodore Gericaults „Floß der Medusa“ als Dekonstruktion des Historienbildes, in: Fleckner, Uwe: Bilder machen Geschichte, Band 13, Hamburg 2013, S.235. Fleckner zitiert hier einen anonymen Bericht aus dem „Journal des Debates“, 8. September 1816, S.3

[5] Vgl. Wedekind, S.235.

[6] Verweis auf den Titel: Savigny, J.B. Heinrich/ Corread, Alexander: Schiffbruch der Fregatte Medusa auf ihrer Fahrt nach dem Senegal im Jahr 1816, Leipzig 1818 (Reprint Berlin 2005).

[7] Tanner, Ekkehard : Ein Schiffbruch endet in einer menschlichen Tragödie: Das "Floß der Medusa" von Théodore Géricault berührt und schockiert den Betrachter heute genauso wie vor 200 Jahren. Teil 1 auf dem SCHIRN MAGAZIN beleuchtet die historischen Umstände der Katastrophe. 7.11.2013, http://www.schirn.de/magazin/kontext/das_floss_der_medusa_1/ (5.3.18). Vergleiche auch Berger, S.18

[8] Theorore Gericault. Das Floß der Medusa. In: Geo Epoche Edition, Nr.10, Die Kunst der Romantik, 10/2014.

[9] Vgl. Wedekind, S.238.

[10] Vgl. Geo Epoche, Nr.10/2014.

[11] Vgl. Journal des Debates.

[12] In der Literatur ist oft von Vater und Sohn die Rede. Das erschließt sich mir jedoch nicht.

[13] Diese Beschreibung wurde von mir selbst erstellt. Zum Vergleich kann Wedekind S.241 herangezogen werden.

[14] Bühler, Nina: Das Floß der Medusa. Jean Louis André Théodore Gericault (1791-1824), https://www.kunstlinks.de/kusem/lk/kompana/nina/floss.htm (7.3.18)

[15] Vgl. Wedekind, S.238.

[16] Vgl. Geo Epoche, Nr. 10/2014.

[17] Vgl. Geo Epoche, Nr.10/2014.

[18] Vgl. Wedekind, S.243.

[19] Vgl. Wedekind, S.248.

[20] Vgl. Wedekind, S.243. Es fällt schwer diese Äußerung nachzuvollziehen, da mir keine Abbildung der beiden bekannt ist, welche man mit dem Werk vergleichen könnte, um die Aussage zu prüfen.

[21] Matzner, Alexandra: Théodore Géricault. https://artinwords.de/theodore-gericault-malerei/ (9.3.2018)

[22] Vgl. Wedekind,S.244.

[23] Vgl. Wedekind, S.244., Vergleiche auch Heinrich, S.16.

[24] Hierzu gab es eine Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt „Gericault. Bilder auf Leben und Tod“ 18. Oktober 2013- 26. Januar 2014 mit dem Ausstellungskatalog von Gregor Wedekind und Max Hollein

[25] Vgl. Berger, S.37

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Theodore Gericaults "Das Floß der Medusa". Wandel in der Historienmalerei
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Archäologie und Kunstgeschichte)
Veranstaltung
Seminar: Historienmalerei
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
26
Katalognummer
V418352
ISBN (eBook)
9783668697119
ISBN (Buch)
9783668697126
Dateigröße
2142 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theodore, gericaults, floß, medusa, wandel, historienmalerei
Arbeit zitieren
Monique Feistel (Autor), 2018, Theodore Gericaults "Das Floß der Medusa". Wandel in der Historienmalerei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418352

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