Habitus und soziale Ungleichheit. Zur Bourdieuschen Habitustheorie


Hausarbeit, 2016
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Habitustheorie

Ursprung des Habitus-Konzepts

Klassenhabitus

Habitus und Geschlecht

Habitus und Soziales Feld

Kapitalsorten nach Pierre Bourdieu

Ökonomisches Kapital

Kulturelles Kapital
Inkorporiertes kulturelles Kapital
Objektiviertes kulturelles Kapital
Institutionelles kulturelles Kapital

Soziales Kapital

Soziale Ungleichheit

Dimensionen Sozialer Ungleichheit

Soziale Ungleichheit der Bildung
Ursachen von Bildungsungleichheiten

Schlussgedanken

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit dem Thema Habitus und Soziale Ungleichheit.

Auch wenn sich einige namhafte Soziologen und Philosophen schon von alters her mit dem Thema Habitus beschäftigt haben, stößt man bei der Suche nach aussagekräftiger Literatur immer wieder auf den französischen Ethnologen und Soziologen Pierre Bourdieu, der mit seiner Habitustheorie eines seiner einflussreichsten theoretischen Werke verfasst hat.

Von daher habe ich mich in meiner Arbeit auf die Bourdieusche Habitustheorie beschränkt, da hier umfassend auf die Habitusterminologie eingegangen wird.

Im weiteren Verlauf der Hausarbeit beleuchte ich das Thema der Sozialen Ungleichheiten, die sich in unterschiedlichsten Lebenssituationen wiederfinden lassen. Auch finden sich immer wieder Querverweise auf die Kapitalarten nach Bourdieu, und Zugehörigkeit zu sozialen Schichten. Jedes Individuum lebt innerhalb eines Sozialgefüges und nicht losgelöst von Beziehungen verschiedenster Art. Jeder hat unterschiedliche Positionen innerhalb einer Gruppe, innerhalb einer Beziehung, innerhalb der Gesellschaft inne, die wiederum mit differierenden Lebensbedingungen einhergehen.

Unterschiedliche Lebensbedingungen ziehen unweigerlich soziale Ungleichheiten nach sich, die sich in sehr unterschiedlicher Art und Weise darstellen.

Soziale Ungleichheit ist nicht, wie man fälschlicherweise annehmen könnte, auf individuelle Unterscheidungsmerkmale bezogen, wie z.B. Alter, Geschlecht usw., sondern auf allgemeinzugängliche „wertvolle“ Güter einer Gesellschaft.

So stehen die einzelnen Punkte in kausalen Zusammenhängen.

2. Habitustheorie

Der Begriff des Habitus lässt sich in der Vergangenheit in vielen Bereichen der Philosophie, sowie der Soziologie durch diverse Soziologen wie Émile Durkheim, Max Weber, Norbert Elias und Marcel Mauss finden. Jedoch war es Pierre Bourdieu, der dem Begriff ein durchdachtes und systematisches Konzept verlieh. Er bezog die spezifische Bedeutung des Habitus auf seine Theorie und Ansichten der sozialen Welt. (Vgl. Gebauer, Krais 2002, S. 5).

Die Habitustheorie ist das wohl wichtigste und elementarste Konzept von Pierre Bourdieu.

Der Begriff des Habitus definiert sich im alltäglichen Leben als das Auftreten eines Menschen, sowie das Erscheinungsbild und das Aussehen.

Der Habitus eines Menschen ist sein grundlegendes Weltverständnis und Selbstverständnis. Das heißt der Habitus des Einzelnen ist das, was ihn prägt, was er sich selbst zutraut und was er kann, sowie seine Rolle in der Gesellschaft. Kurz, das was ihn ausmacht z.B. durch Bildung oder seine Herkunft.

Bourdieu beschrieb in seinen Arbeiten immer verschiedene Darlegungen des Habitusbegriffs, die sich alle sehr ähneln. Doch er legte nie eine genaue und einzigartige Definition fest. Bourdieu definiert den Habitus allerdings am häufigsten "als ein System verinnerlichter Muster [...], die es erlauben, alle typischen Gedanken, Wahrnehmungen und Handlungen einer Kultur zu erzeugen - und nur diese.“

Wir halten fest, dass es beim Habitus um „dauerhafte und eingefleischte individuelle Denk-, Wahrnehmungs- und Handlungsmuster, die [...] als Ergebnis von Sozialisation und Lernen spezifische soziale Klassen- oder Schicht-Positionen in komplexeren gesellschaftlichen Ungleichheitsstrukturen widerspiegeln.“ (Vgl. Pries 2016, S. 120).

Der Habitus wird in der Kindheit durch soziale Einflüsse wie familiäres Umfeld, soziale Schichten oder Bildungsmöglichkeiten geprägt und erworben. Er ist also nichts Angeborenes, sondern etwas, welches in der Kindheit gebildet und geformt wird. (Vgl. Pries 2014, S. 120). Insbesondere durch die Eltern, werden auch schon vor der Geburt, erste Verhaltensmuster angelegt. Da der Habitus abhängig von Lebenslauf und dem Werdegang eines Menschen, das heißt ein Erfahrungsspiegel ist, bedeutet dies, dass er nicht unveränderbar, sondern einem steten Wandel unterworfen ist. (Vgl. Ahrens, Beer, Bittlingmayer, Gerdes 2011, S. 233).

Spätere Erfahrungen sind auf die oben angesprochenen frühen elterlichen Prägungen

zurückzuführen, was bedeutet, dass sich alles auf Grundlage der frühen Sozialisation aufbaut.

Der Begriff Habitus ist gleichzusetzen mit handlungsstrukturierenden Schemata, die Wirklichkeitsdetails filtern und somit Wahrnehmungen ordnen. So werden die jeweils Handelnden von Habitus bestimmten Aspekten angesprochen und agieren bzw. reagieren entsprechend. Die Habitusstrukturen, die die jeweiligen Akteure inne haben, halten ihre soziale Wirklichkeit aufrecht und gewährleisten somit die Weitergabe an die nachfolgenden Generationen ohne die es keine dauerhaften, stabilen Strukturen in der Praxis gäbe. (Vgl. Schmidt 2012, S. 89).

2.1 Ursprung des Habitus-Konzepts

Den Moment, in dem das Habitus-Konzept entstanden ist oder erfunden wurde, gibt es nicht. Schon in Bourdieus ersten Werken taucht der Begriff Habitus vereinzelt auf oder wird nach seiner Aussage umschrieben. Der Philosoph Bourdieu veränderte sich durch seine Erfahrungen in Algerien. So prallten dort zwei völlig unterschiedliche Auffassungen von Wirtschaft aufeinander: Auf der einen Seite, die vorkapitalistische Tauschwelt der kabylischen Bauern Algeriens und auf der anderen Seite, die Auswirkungen der modernen westeuropäischen Wirtschaftswelt. In dieser Phase der Beobachtung entwickelte Bourdieu sich vom Philosophen zum Soziologen und Ethnologen. (Vgl. Gebauer, Krais 2002, S. 18).

In dieser Zeit begann er das Habitus-Konzept auf der Grundlage seiner Untersuchungen, den Unterschied zwischen nordafrikanischen und westeuropäischen Wirtschaftsgesinnungen betreffend, zu erarbeiten. In der Gesellschaft der kabylischen Bauern, wurde über Generationen hinweg das Tauschgeschäft unter Berücksichtigung des Prinzips - Geben und Nehmen - gehandhabt. (Vgl. Gebauer, Krais 2002, S. 19).

Nach der Kolonialisierung, die eine brutale Einführung und Durchsetzung westeuropäischer Wirtschaftsprinzipien mit sich zog, waren die kabylischen Bauern den Wurzeln ihres Handelns enthoben, sodass ein Handeln entstand, das dem Gebot der Unvernunft gehorchen musste. Die eingeübte und verinnerlichte Sichtweise der Dinge, sowie überlieferte Vorstellungen, hatten plötzlich keine Gültigkeit mehr. Diese Trägheit des Handelns bezeichnete Bourdieu als „Hysteresis“. Aus dem Bestreben heraus, dieses Phänomen zu verstehen, entwickelte er die Habitustheorie. (Vgl. Gebauer, Krais 2002, S. 21).

2.2 Klassenhabitus

Die moderne Gesellschaft wird in verschiedene Klassen unterteilt. Diese Klassen unterscheiden sich durch ihre jeweiligen Lebensbedingungen auf ökonomischem und kulturellem Gebiet. Die oben erwähnten Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata dienen im Verlaufe der Entwicklung des Individuums als Voraussetzung für die Gruppenzugehörigkeit der verschiedenen sozialen Schichten. Dies ist darauf zurückzuführen, dass der Habitus des Menschen den Erfahrungen, die die bestimmten Klassen mit sich bringen entspringt. (Vgl. Lueg 2011, S. 31).

Ein gravierender Unterschied der verschiedenen Klassenhabitus’ liegt im Ziel des Verhaltens. So ist er in der oberen Schicht auf Form ausgelegt, während die untere Schicht mehr Wert auf Funktion legt. Sehr gut wird dies in den unterschiedlichen Essgewohnheiten deutlich: In der Unterschicht zählt das „Was“, es muss satt machen; in der Oberschicht das „Wie“, Speisefolgen und Harmonie der einzelnen Komponenten. (Vgl. Gebauer, Krais 2002 S. 36-37).

Der Habitus dient als eine Art Abgrenzung und macht es von daher schwierig in ein unbekanntes Feld vorzudringen, also in eine andere Klasse aufzusteigen, macht es aber nicht unmöglich. Ist ein Habitus in der Lage sich durch Positionierungsstrategien einer neuen Klasse anzupassen, ist ein sozialer Aufstieg durchaus möglich. (Vgl. Lueg 2011, S. 31).

Eine mögliche Schwierigkeit könnte in der unterschiedlichen Sicht der Dinge bestehen. So ist der Kleinbürger bzw. die Unterschicht weitestgehend schüchtern und gehemmt und somit darauf ausgerichtet, wie er gesehen wird. Während die Oberschicht eher eine gleichgültige und ungezwungene Selbstdarstellung ausübt.

2.3 Habitus und Geschlecht

Ein elementares strukturiertes Prinzip in der Gesellschaft ist die Arbeitsteilung zwischen Frau und Mann. Das heißt die Menschen werden in diese beiden Geschlechtskategorien eingeteilt, welche wiederum die Wahrnehmung der sozialen Umwelt beeinflussen und verschiedene Reaktionen mit sich bringen. Der geschlechtliche Habitus bildet sich im Laufe der Entwicklung des Individuums. So wird uns die Denkweise der Kategorisierung des geschlechtsspezifischen Handelns nicht in die Wiege gelegt, sondern wird durch äußere Einflüsse geformt. Allerdings ist die Distinktion von Frau und Mann für die Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit. So wissen wir durch Erfahrungen was die Verhaltens- und Handlungsweisen der Geschlechter ausmacht. (Vgl. Gebauer, Krais 2002, S. 48).

Historisch gesehen ist der Habitus durch Konfrontation mit neuen Erfahrungen einem ständigen Wandel unterworfen. Das heißt der Habitus wird durch Aktion und Reaktion in der Sozialen Praxis erworben und zugleich verändert. (Vgl. Becker, Kortendiek 2010, S. 260).

Der Geschlechtshabitus ist nicht nur dem Männlichkeits- und Weiblichkeitsprinzip unterworfen, sondern orientiert sich immer an dem jeweiligen sozialen Feld.

Bourdieu möchte den Geschlechtshabitus nicht mit dem des Klassenhabitus gleichsetzen.

„Aber vielleicht müssen wir dieses Problem schlicht und einfach fallen lassen, weil wir nicht die Mittel haben, es zu entscheiden: Was wir beobachten, das sind immer gesellschaftlich und geschlechtlich konstruierte Habitus’.“ (Vgl. Meuser 1998 S. 110).

Bourdieu benutzt zur Verdeutlichung des Geschlechtshabitus die Begriffe „vergeschlechtlichter“ und „vergeschlechtlichender“ Habitus. Der Begriff des vergeschlechtlichenden Habitus findet in dem Konzept des doing gender Anwendung, was bedeutet, nicht einfach ein Geschlecht zu haben, sondern auch dem Geschlecht entsprechend zu handeln - es zu leben. Nur so kann man in der sozialen Interaktion geschlechtsspezifisch wahrgenommen oder akzeptiert werden. Auf die Abhängigkeit des Geschlechtshabitus mit sozialen Strukturen verweist der „vergeschlechtlichte Habitus“. Hier werden alle Facetten des grundlegenden Handelns systematisch mitberücksichtigt. (Vgl. Gruhlich 2016, S. 100).

2.4 Habitus und soziales Feld

Um den Zusammenhang zwischen Habitus und sozialem Feld deutlich zu machen, will ich zunächst den Begriff des sozialen Feldes erläutern.

Das Feld-Konzept orientiert sich an sozialen Strukturen und beleuchtet und verdeutlicht die Stellung jedes einzelnen Individuums im sozialen Raum. Jede Handlung spielt sich in einem speziellen Feld mit eigenen Kräften und Regeln ab. Auch, wenn es gravierende Unterschiede zwischen den Feldern gibt, ähneln sie sich alle in ihrem Aufbau. Sie gestalten sich grundsätzlich nach Interessen und Konkurrenz. (Vgl. Gebauer, Krais 2014, S. 56).

Die Unterschiede zwischen den einzelnen Feldern, stellen sich durch die jeweiligen Handlungen der Akteure und die geltenden Regeln dar. So können Felder als Strukturierende Räume von Beziehungen, in denen sich Individuen bewegen, verstanden werden. Bourdieu unterscheidet hierbei zwischen politischen, kulturellen, künstlerischen, religiösen, wissenschaftlichen Feldern. Er versucht die Vielschichtigkeit der Gesellschaft mit Teilsystemen zu erklären, wobei jedes Teilsystem, respektive Feld, spezifische Werte, Regeln, Routinen und Güter besitzt. (Vgl. Miebach 2014, S. 455-456).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Habitus und soziale Ungleichheit. Zur Bourdieuschen Habitustheorie
Hochschule
Fliedner Fachhochschule Düsseldorf
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
19
Katalognummer
V419283
ISBN (eBook)
9783668681637
ISBN (Buch)
9783668681644
Dateigröße
504 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Habitus, Soziale Ungleichheit, Bourdieu, Pierre Bourdieu, Soziales Feld, Kapitalsorten, Bildungsungleichheit, Soziales Kapital, Ökonomisches Kapital, Kulturelles Kapital, Geschlecht, Klassenhabitus, inkorporiertes kulturelles Kapital, objektiviertes kulturelles Kapital, institutionelles kulturelles Kapital
Arbeit zitieren
Dana Katharina (Autor), 2016, Habitus und soziale Ungleichheit. Zur Bourdieuschen Habitustheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/419283

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