Friedrich Nietzsche und der Nationalsozialismus


Seminararbeit, 2004
18 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Schlachtfeld Nietzsche - Nietzsche als Wegbereiter des Faschismus
2.1. Zweideutig - Eindeutig
2.2. Facettenreich

3. Nietzsches Philosophie - für Denker und Deuter
3.1. Die Denker
3.2. Die Deuter

4. Nietzsche und der Nationalsozialismus
4.1. Nietzsches Nazifizierung
4.2. Der Nationalsozialismus als Experiment Nietzsches

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ich habe eine erschreckliche Angst davor, dass man mich eines Tags heilig spricht: ... Ich will kein Heiliger sein, lieber noch ein Hanswurst ... Vielleicht bin ich ein Hanswurst ... Und trotzdem oder vielmehr nicht trotzdem - denn es gab nichts Verlogeneres bisher als Heilige - redet aus mir die Wahrheit.

Friedrich Nietzsche, Ecco homo, 1888[1]

Nietzsche gilt heute als einer der größten Denker der modernen Philosophie. Doch welcher Art ist der Zusammenhang dieses Denkens oder gibt es diesen Zusammenhang überhaupt? Nietzsche wollte "genau" gelesen werden. Hat er denn aber auch "genau" geschrieben? Der Facettenreichtum Nietzsches ist unbestreitbar, und so wurde er immer wieder von verschiedenen ästhetischen, kulturellen, aber auch politischen Strömungen neu entdeckt, sei es als Dichter, Musiker oder politischer Visionär. Der Mann, der den Krieg verdammt hatte, wurde zum Mitbegründer der nationalsozialistischen Weltanschauung stilisiert und galt als der Begründer der neuen Moral der Herrenrasse der Nationalsozialisten. Doch inwieweit stimmte das Bild, das die Nazis von Nietzsche entwarfen und wie konnte Nietzsches Philosophie zur Grundlage ihrer nationalsozialistischen Weltanschauung werden?

Ob die von Nietzsche angedachten Perspektiven, die er in seinen Werken beschreibt, und das Bild, das die Nazis von ihm entwarfen, übereinstimmen, soll anhand der hier vorliegenden Arbeit verdeutlicht und durch entsprechende Textstellen in Nietzsches Werken dargelegt werden. Dazu werde ich zunächst auf Nietzsches Stil näher eingehen, um herauszustellen, welche Schwierigkeiten auch heute noch die Nietzsche-Forschung bei der Interpretation seiner Werke hat sowie darauf, wie dies den Nationalsozialisten half, in Nietzsche einen Wegbereiter der faschistischen Strömungen zu sehen. Abschließend werde ich erläutern, inwieweit ein Zusammenhang zwischen der nationalsozialistischen Ideologie und Nietzsche bestanden hat, und inwieweit dieses Bild von den damaligen Nietzsche-Interpreten geprägt wurde.

2. Schlachtfeld Nietzsche - Nietzsche als Wegbereiter des Faschismus

„ Ich kenne mein Los. Es wird sich einmal an meinen Namen die Erinnerung an etwas Ungeheures anknüpfen - an eine Krisis, wie es keine auf Erden gab, an die tiefste Gewissens-Kollision, an eine Entscheidung, heraufbeschworen gegen alles, was bis dahin geglaubt, gefordert, geheiligt worden war.“[2]

Friedrich Nietzsche, Ecce homo, 1888

Nietzsche schreibt Bücher für „Denker“ und „freie Geister“, nicht zum Handeln sollen sie anregen, sondern zum Denken.[3] Dennoch fürchtete er bereits 1888, daß seine Ideen und Ideale einmal einer Ideologie zugrunde gelegt werden könnten - daß in seinem Namen Schreckliches begangen werden würde.

In einem Brief an seinen Freund F. Overbeck vom 24. März 1887 notiert Nietzsche „zweierlei Wirkungen seiner Philosophie, die ihn in Erstaunen setzten“[4].: „Bei allen radikalen Parteien (Sozialisten, Nihilisten, Antisemiten, christ[lichen] Orthodoxen, Wagnerianern) genieße ich eines wunderlichen und fast mysteriösen Ansehens.“[5]

Während er diese Wirkung als „komisch“ abtut, identifiziert sich Nietzsche mit der anderen Wirkungsweise seiner Philosophie auch in seinen Werken, wenn er schreibt: „Wer mich heute in Deutschland liest, hat sich gründlich vorher, gleich mir selber, entdeckt: man kennt meine Formel, >gut deutsch sein heißt sich entdeutschen< oder ist - keine kleine Distinktion unter Deutschen - jüdischer Herkunft. - Die Juden unter bloßen Deutschen immer die höhere Rasse - feiner, geistiger, liebenswürdiger .- Mein Stolz ist, daß man mich überall liebt und auszeichnet, außer in Europa`s Flachland Deutschland.“[6]

Daß der Mann, der dies niederschrieb, dennoch als ideologischer Mitbegründer des Faschismus angesehen wurde, als Wegbereiter der Faschisten, die die Berechtigung ihrer Herrenrasse in Nietzsches Schriften entdeckt zu haben glaubten und dafür Millionen Juden und andere Minderheiten in den sicheren Tod schickten, hat vielerlei Gründe, die im folgenden erläutert werden sollen.

2.1. Zweideutig - eindeutig

Friedrich Nietzsche ist in seinen Arbeiten sowohl Dichter als auch Denker, und „[d]en Stil verbessern, das heißt den Gedanken verbessern, und gar nichts weiter!“[7] „Erst der Stil macht den Gedanken mitteilbar, und damit übersetzbar für die Sprache des Nachbarn.“[8]

Dennoch entziehen sich seine Werke einer klaren Einordnung bzw. Eindeutigkeit durch die im Werk immer wieder auffallenden bzw. wiederkehrenden Gegensätze. Wolfgang Müller-Lauter schreibt dazu: „Zwar löst sich in vielen Fällen das Gegeneinander in ein Nacheinander auf, wenn es im Rahmen der philosophischen Entwicklung Nietzsches betrachtet wird[aber] [v]ieles Unvereinbare [...] bleibt: auch in den fundamentalen Aussagen Nietzsches.“[9]

Zum einen liegt das daran, das Nietzsche seine Aufgabe darin sieht „den ganzen Umkreis der modernen Seele“ zu umlaufen, „in jedem ihrer Winkel gesessen zu haben“[10] Dabei stellt er fest, daß seine Zeit bzw. die gesamte Moderne im Zeichen von Widersprüchen steht. Alle Menschen des 19. Jahrhunderts haben „wider Wissen, wider Willen Werte, Worte, Formeln, Moralen entgegengesetzter Abkunft im Leibe“ - und sind als solches „das interessanteste Chaos“[11] das es bisher gegeben hat.

Zum anderen führt Nietzsche aus: „Man ist nur fruchtbar um den Preis, an Gegensätzen reich zu sein...“[12], schafft man diese Gegensätze ab „so schafft [man] die Liebe, die hohe Gesinnung, das Gefühl des Für-sich-seins auch ab“[13].

In seinen Werken ist Friedrich Nietzsche reich an solchen Gegensätzen. Und trotz seiner immer wieder betonten Überzeugung, das, „welcher den furor philosophicus im Leibe hat (...), schon gar keine Zeit mehr für den furor politicus haben“[14] kann, wurde er für viele politische Strömungen seiner Zeit zum Aushängeschild.

[...]


[1] Frenzel, Ivo : Friedrich Nietzsche, Werke in zwei Bänden ,Bd. II, Ecce Homo, Warum ich ein Schicksal bin, I, S. 475

[2] Frenzel, I. : Nietzsche, Bd. II, Ecce Homo, Warum ich ein Schicksal bin, I, S. 475

[3] Colli, Gorgio/ Montinari, Mazzino. : Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke, Kritische Studienausgabe, Bd. 8,2, S.114f., Nr. 9 [188], Berlin 1967 , IN: Taureck, Bernhard H. F.: Nietzsche und der Faschismus, Ein Politikum, Leipzig 2000, S.23

[4] Riedel, Manfred: Nietzsche in Weimar, Leipzig 1997, S. 52

[5] Brief an F. Overbeck vom 24. März 1887, KSB 8, S. 48, IN: Riedel, M.: Nietzsche, S. 52

[6] Druckvorlage zu >Ecce homo< (1988), in: KSA 14, S. 482, IN: Riedel, Manfred: Nietzsche, S. 52

[7] Colli, Gorgio/ Montinari, Mazzino. : Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke, Kritische Studienausgabe, Bd. 2, Berlin 1967 - , S. 610

[8] vgl.Colli, G. / Montinari, M. : Friedrich Nietzsche, Bd. 2, S.592

[9] Müller- Lauter, Wolfgang: Über Werden und Wille zur Macht, Berlin 1999, S. 1

[10] WzM, GA xvi 378; [ Nachlaß Herbst 1887, 9 [177]; KGW VIII 2, 104], IN: Müller- Lauter, W.: Wille zur Macht, S. 2

[11] Nachlaß, GA IX 391, WzM, GA XVI 297; [Der Fall Wagner, Epilog; KGW VI 3, 47; Nachlaß Herbst 1887, 9 [119]; KGW VIII 2, 68], IN: Müller- Lauter, W.: Wille zur Macht, S. 2

[12] Frenzel, I.: Nietzsche, , Bd. II., Götzen- Dämmerung, Moral als Widernatur, 3, S. 343

[13] WzM, GA XVI 327; [Nachlaß November 1887- März 1888, 11[114]; KGW VIII 2, 307], IN: Müller- Lauter, Wolfgang: Über Werden und Wille zur Macht, Berlin 1999, S. 3

[14] Nietzsche, Friedrich, 1874 (1988), Unzeitgemäße Betrachtungen: Drittes Stück: Schopenhauer als Erzieher, S. 409. IN:

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Friedrich Nietzsche und der Nationalsozialismus
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Proseminar: Imperialismus
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
18
Katalognummer
V42019
ISBN (eBook)
9783638401531
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Friedrich, Nietzsche, Nationalsozialismus, Proseminar, Imperialismus
Arbeit zitieren
Aline Wisniewski (Autor), 2004, Friedrich Nietzsche und der Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42019

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