Einleitung
Ich habe eine erschreckliche Angst davor, dass man mich eines Tags heilig spricht: ... Ich will kein Heiliger sein, lieber noch ein Hanswurst ... Vielleicht bin ich ein Hanswurst ... Und trotzdem oder vielmehr nicht trotzdem - denn es gab nichts Verlogeneres bisher als Heilige - redet aus mir die Wahrheit.
Friedrich Nietzsche, Ecco homo, 18881
Nietzsche gilt heute als einer der größten Denker der modernen Philosophie. Doch welcher Art ist der Zusammenhang dieses Denkens oder gibt es diesen Zusammenhang überhaupt? Nietzsche wollte "genau" gelesen werden. Hat er denn aber auch "genau" geschrieben? Der Facettenreichtum Nietzsches ist unbestreitbar, und so wurde er immer wieder von verschiedenen ästhetischen, kulturellen, aber auch politischen Strömungen neu entdeckt, sei es als Dichter, Musiker oder politischer Visionär. Der Mann, der den Krieg verdammt hatte, wurde zum Mitbegründer der nationalsozialistischen Weltanschauung stilisiert und galt als der Begründer der neuen Moral der Herrenrasse der Nationalsozialisten. Doch inwieweit stimmte das Bild, das die Nazis von Nietzsche entwarfen und wie konnte Nietzsches Philosophie zur Grundlage ihrer nationalsozialistischen Weltanschauung werden?
Ob die von Nietzsche angedachten Perspektiven, die er in seinen Werken beschreibt, und das Bild, das die Nazis von ihm entwarfen, übereinstimmen, soll anhand der hier vorliegenden Arbeit verdeutlicht und durch entsprechende Textstellen in Nietzsches Werken dargelegt werden. Dazu werde ich zunächst auf Nietzsches Stil näher eingehen, um herauszustellen, welche Schwierigkeiten auch heute noch die Nietzsche-Forschung bei der Interpretation seiner Werke hat sowie darauf, wie dies den Nationalsozialisten half, in Nietzsche einen Wegbereiter der faschistischen Strömungen zu sehen. Abschließend werde ich erläutern, inwieweit ein Zusammenhang zwischen der nationalsozialistischen Ideologie und Nietzsche bestanden hat, und inwieweit dieses Bild von den damaligen Nietzsche-Interpreten geprägt wurde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Schlachtfeld Nietzsche - Nietzsche als Wegbereiter des Faschismus
2.1. Zweideutig - Eindeutig
2.2. Facettenreich
3. Nietzsches Philosophie - für Denker und Deuter
3.1. Die Denker
3.2. Die Deuter
4. Nietzsche und der Nationalsozialismus
4.1. Nietzsches Nazifizierung
4.2. Der Nationalsozialismus als Experiment Nietzsches
5. Schlussbetrachtung
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen der Philosophie Friedrich Nietzsches und der nationalsozialistischen Weltanschauung. Das primäre Ziel ist es zu analysieren, wie Nietzsches Philosophie trotz ihrer inhaltlichen Widersprüchlichkeit zur Grundlage einer faschistischen Ideologie stilisiert werden konnte und inwieweit das von den Nationalsozialisten entworfene Nietzsche-Bild mit den tatsächlichen Schriften des Philosophen übereinstimmt.
- Analyse der widersprüchlichen Natur von Nietzsches Denken und dessen Interpretation.
- Untersuchung der historischen Rezeption Nietzsches durch den Nationalsozialismus.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Rolle von Interpreten wie Alfred Baeumler.
- Gegenüberstellung von Nietzsches eigenen Texten mit deren nationalsozialistischer Instrumentalisierung.
- Einordnung von Nietzsches Werk als „Experiment“ statt als politische Handlungsanleitung.
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Denker
Nietzsche verstand sich nicht als einen politisch aktiven Menschen, und so waren politische Probleme für ihn niemals Gegenstand systematischer Überlegungen. Nur in dem Maße, wie sie seine zentralen Themen Kultur und Zivilisation berührten, wurden sie zum Gegenstand seiner Philosophie. Dennoch, wenn man bei Nietzsche „von der bis zum äußersten getriebenen Diktatur liest, von Gewaltherrschaft und totaler Vernichtung des Individuums, so denkt man unwillkürlich an die Katastrophen des [...] Totalitarismus“. Und wenn man den nationalsozialistischen Staat als zuende gedachte Vision Nietzsche versteht, erscheinen seine Flüche durchaus berechtigt. „Der Staat, das kälteste aller kalten Ungeheuer. [...]. [D] er Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch redet, er lügt - und was er auch hat, gestohlen hat er`s.“
Erst „[d] ort, wo der Staat aufhört - so seht mir doch hin meine Brüder! Seht ihr ihn nicht , den Regenbogen und die Brücken des Übermenschen?“
Nietzsche lehnt den gewalttätigen, beinahe totalen Staat ab, den er kommen sieht, und in dem das Individuum, „die Edlen und die Schöpferischen keinen Platz mehr haben und verachtet, verhöhnt und vernichtet werden“ An die Stelle des Staates wird im geeigneten Moment eine Gemeinschaft treten, die zweckmäßiger ist und stark an Platons Philosophenstaat erinnert. Ebenso wie bei Platon gibt es in der neuen, von Nietzsche angestrebten Gesellschaftsordnung drei verschiedene Menschentypen. Die „vorwiegend Geistigen, die vorwiegend Muskel- und Temperaments-Starken und die weder im einen, noch im anderen ausgezeichneten dritten, die Mittelmäßigen“. Dabei bilden die beiden ersten die Elite, während die Mittelmäßigen die bei weitem zahlreichste Gruppe darstellen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik ein, wie Nietzsches Philosophie als Grundlage für die nationalsozialistische Weltanschauung dienen konnte und formuliert die zentralen Forschungsfragen.
2. Schlachtfeld Nietzsche - Nietzsche als Wegbereiter des Faschismus: Dieses Kapitel thematisiert die widersprüchliche Rezeption Nietzsches und seine Instrumentalisierung als politisches Aushängeschild.
2.1. Zweideutig - Eindeutig: Hier wird analysiert, wie Nietzsches Stil und die Gegensätze in seinem Werk eine klare Einordnung erschweren.
2.2. Facettenreich: Der Abschnitt erläutert, wie Nietzsches Vielseitigkeit ihn als Projektionsfläche für verschiedenste Strömungen prädestinierte.
3. Nietzsches Philosophie - für Denker und Deuter: Dieses Kapitel betrachtet Nietzsches Werk als Anleitung zum Denken und als Gedankenexperiment.
3.1. Die Denker: Untersucht wird Nietzsches Haltung zum Staat und seine Vorstellung einer natürlichen Rangordnung bzw. eines Kastensystems.
3.2. Die Deuter: Beschreibt die Rolle verschiedener Denker und Kreise, die Nietzsche im Sinne einer Faschisierung interpretierten.
4. Nietzsche und der Nationalsozialismus: Analysiert die zwei Hauptlinien der Nietzsche-Rezeption nach 1914 und die gezielte Faschisierung seines Werks.
4.1. Nietzsches Nazifizierung: Untersucht, wie insbesondere das Amt von Alfred Baeumler das Bild eines nationalsozialistischen Nietzsche prägte.
4.2. Der Nationalsozialismus als Experiment Nietzsches: Reflektiert Nietzsches Philosophie als post-Nietzschesches Experiment und grenzt seine Vorläuferrolle von einer direkten Ideologie-Zugehörigkeit ab.
5. Schlussbetrachtung: Fasst zusammen, dass Nietzsche kein Faschist war, sondern seine Philosophie gezielt missbraucht wurde, während er selbst nach einer radikalen Umwertung der Werte strebte.
6. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie Internetquellen.
Schlüsselwörter
Friedrich Nietzsche, Nationalsozialismus, Faschisierung, Wille zur Macht, Weltanschauung, Philosophie, Rezeption, Alfred Baeumler, Herrenrasse, Kulturkritik, Experiment, Interpretationsgeschichte, Moderne, Umwertung aller Werte, Radikalismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historische und philosophische Beziehung zwischen Friedrich Nietzsche und dem Nationalsozialismus, insbesondere die Frage, wie sein Denken zur nationalsozialistischen Ideologie instrumentalisiert wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Interpretation von Nietzsches Schriften, die historische Nietzsche-Rezeption in Deutschland und die Rolle von Ideologen bei der ideologischen Umdeutung seiner Philosophie.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, ob Nietzsches eigene Philosophie die Grundlagen für den Nationalsozialismus bot oder ob es sich bei dieser Verbindung um eine bewusste Verzerrung durch spätere Interpreten handelte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, bei der Primärtexte Nietzsches mit sekundärer Forschungsliteratur zur Wirkungsgeschichte und faschistischen Ideologisierung abgeglichen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Widersprüchlichkeit Nietzsches, die Rolle von Denkern wie Alfred Baeumler bei der Nazifizierung und die Einordnung seines Konzepts vom „Willen zur Macht“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind hierbei Nietzsche, Nationalsozialismus, Faschisierung, Wille zur Macht sowie die kritische Reflexion des Begriffs der Umwertung aller Werte.
Welche Bedeutung kommt der Person Alfred Baeumler zu?
Alfred Baeumler wird als Schlüsselfigur identifiziert, die Nietzsche selektiv interpretierte, um ihn als „Philosophen des Nationalsozialismus“ zu legitimieren.
Wie bewertet die Autorin Nietzsches Rolle für den Nationalsozialismus?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass Nietzsche zwar als Vorläufer instrumentalisiert wurde, seine Philosophie jedoch aufgrund ihres experimentellen und widersprüchlichen Charakters nicht als direkte politische Anleitung für faschistische Politik gesehen werden kann.
- Quote paper
- Aline Wisniewski (Author), 2004, Friedrich Nietzsche und der Nationalsozialismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/42019