Friedrich Schillers "Kabale und Liebe". Eine Einordnung in die Epoche der Aufklärung und des Sturm und Drangs

Analyse eines Forschungsaufsatzes Helmut Koopmanns


Hausarbeit, 2016
16 Seiten, Note: 2,3
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis ะ

1. Einleitung

2. ״Kabale und Liebe“ als Drama der Aufklärung?
2.1. ״Kabale und Liebe“ als Tragödie der theologischen Dimension
2.2. ״Kabale und Liebe“ als Tragödie des Vertrauens
2.3. ״Kabale und Liebe“ als Tragödie der Selbstbestimmung und des Familienbewusstseins

3. Probleme von Epochenabgrenzungen

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Friedrich Schiller gelang der langersehnte Durchbruch mit seinem bürgerlichen Trauerspiel ״Kabale und Liebe“[1]. Dieser Erfolg lässt sich durch zahlreiche heterogene Faktoren begründen, zum einen, weil er mit diesem Drama die mannigfaltige Gestaltungskraft der Zeit widerspiegelt. Doch das 18. Jahrhundert weist nicht allein eine literarische Epoche auf, sie setzt sich viel mehr aus verschiedenen Strömungen und Epochen zusammen. Aus diesem historischen Kontext ergeben sich, wie bereits Koopmann erläutert, divergierende Lesarten und Interpretationsansätze.[2] Koopmann folgert am Ende seines Forschungsaufsatzes, dass ״Kabale und Liebe“ ein Drama der Aufklärung sei. Diese Seminararbeit zu ״Kabale und Liebe“ soll Koopmanns Interpretationsansatz prüfen und damit erörtern, inwiefern sich das bürgerliche Trauerspiel in die literarischen Epochen des Sturm und Drang und der Aufklärung einordnen lässt.

Zuerst wird geprüft, auf welche Weise eine Einordnung in die Epochen anhand der theologischen Dimension des Dramas möglich ist. Die These übernimmt Koopmann aus einem Aufsatz Karl Guthkes.[3] Darauf aufbauend wird Koopmanns Ansatz zur Tragödie des Vertrauens mithilfe prägnanter Teststellen geprüft. Hierzu ist die Betrachtung der divergierenden Beziehungen unabdingbar, um die Einordnung in die relevanten Zeitabschnitte vornehmen zu können. Im Anschluss erfolgt die Analyse seiner dritten These, mit welcher er behauptet, dass ״Kabale und Liebe“ eine Tragödie der Selbstbestimmung und des Familienbewusstseins sei. Anhand dieser differenzierten Betrachtung der ungleichen Motive ergeben sich bestimmte Tendenzen in der epochalen Einordnung. Dadurch ermöglicht die beschriebene Vorgehensweise eine kritische Betrachtung unterschiedlicher Faktoren zur Transparenzgewinnung der Epochenzuordnung. Abschließend werden die Probleme der epochalen Abgrenzung erörtert mit der zentralen Problemstellung, ob die Aufklärung einen Gegensatz zum Sturm und Drang darstellt.

Die Seminararbeit erfordert eine genaue Prüfung des Werkes Schillers. Somit liegt der Fokus auf der Primärliteratur, dem Drama ״Kabale und Liebe“. Weiterhin werden die Erkenntnisse Koopmanns zur differenzierten Analyse der Primärliteratur genutzt. Dennoch lässt der Umfang dieser Seminararbeit nicht zu, dass alle Argumente Koopmanns hinreichend untersucht werden können. Aus diesem Grund werden im Folgenden nur einige seiner Ausführungen der drei Ansätze erörtert, um so einen größeren Einblick in die Komplexität der problematischen Epocheneinordnung schaffen zu können.

Voraussetzung für die Analyse sind die Kenntnisse über die Merkmale der beiden Epochen, sowie der Inhalt des Primärtextes, die in dieser Seminararbeit als bekannt vorausgesetzt werden.

2. ״Kabale und Liebe“ als Drama der Aufklärung?

Die bürgerliche Luise ist die einzige Tochter und damit der ganze Stolz des Stadtmusikanten Miller (Vgl. S.760). Ferdinand hingegen ist der Sohn des Präsidenten von Walter. Er gehört folglich zum Hof des deutschen Fürsten und bekleidet im Alter von bereits 20 Jahren den Rang des Major (Vgl. S.773). Die beiden Protagonisten verlieben sich ineinander, obwohl sie unterschiedlichen Ständen angehören und Luise bereits an den bürgerlichen Haussekretär Wurm versprochen ist.

Koopmann schildert in seinem Aufsatz drei Kernthesen zu Schillers Drama. Zum einen betrachtet er die theologische Dimension und erkennt in dem Drama eine Tragödie des Vertrauens. Zum anderen formuliert er das Problem von Selbstbestimmung gegen Familienbewusstsein. Anhand dieser Analyse kommt er zu dem Schluss, ״Kabale und Liebe“ als Drama der Aufklärung zu titulieren. In diesem Abschnitt wird das Drama in Bezug auf den Interpretationsansatz Koopmanns nach den oben aufgeführten Thesen geprüft, um zu einer fundierten Begründung der epochalen Zuordnung zu kommen.

2.1.„Kabale und Liebe“ als Tragödie der theologischen Dimension

Koopmann nimmt zu Beginn seines Aufsatzes Bezug auf einen Ansatz Karl Guthkes. Hierbei thematisiert er, inwiefern das ״Ausmaß der Religion das Denken und Handeln aller“[4] durchdringt. Im Folgenden soll geprüft werden, wie sich diese These auf die epochale Einordnung auswirkt.

Ferdinand beschwört in der Liebe zu Luise ein eigenes ״Liebesevangelium“[5] herauf, indem er den Himmel ״auf die irdische Welt übertragen will“[6]. Damit lehnt er sich bewusst gegen Gott und die durch Gott gesetzten Standesschranken auf, um seine Liebe ausleben zu können. Denn ״[er] fürchte[t] nichts - nichts - als die Grenzen [ihrer] Liebe“ (S.767). Auf diese Weise definiert der Major die Grenzen seines Wertesystems. Im weitesten Sinne lässt sich Ferdinand durch dieses Verhalten als ״Genie“[7] des 19. Jahrhunderts bezeichnen. Er handelt nicht nach vorgeschriebenen Normen, lässt sich keine Regeln vorschreiben und kreiert seine eigene Religion, in der er diese standesübergreifende Liebe rechtfertigen kann. Auf diese Weise schafft er wie die Natur, welche als Urquell alles Lebendigen und Schöpferischen angesehen wird, etwas Neuartiges, welches gleichzeitig den christlichen Glauben sanktioniert. Dieser Ansatz würde Ferdinand in die Epoche des Sturm und Drang einordnen.

Dennoch definiert sich nicht nur Ferdinand über seine Religion. Luise wird bereits in der zweiten Szene des ersten Aktes durch Wurm als eine ״fromme christliche Frau“ (S.760) beschrieben. Hierbei nimm Wurm allerdings Bezug auf das unumstößliche Christentum, welches ihr besonders durch den Vater vermittelt wird (Vgl. s. 763). Koopmann verdeutlicht hierzu passend, dass ״Himmel und Hölle [...] die wahren topographischen Grenzsteine dieser tragischen Landschaft [seien]“[8]. Damit werden die Grenzen des freien Handelns aller Protagonisten durch das christliche Glaubensbild definiert. Die Eingrenzungen bilden ein geschlossenes System, welches die ganze gegebene Weltordnung durch die bürgerlich-adlige Liebesbeziehung gefährdet. Ferdinand verhält sich hierbei sehr revolutionär, indem er die gegebenen Grenzen durch sein eigenes ״Liebesevangelium“[9] überwindet und sich damit von der Fremdbestimmung löst, um selbstbestimmt agieren zu können. Dafür ist Ferdinand sogar bereit zu fliehen (Vgl. s. 808). Diese Verhaltensweise lässt sich, im Gegensatz zu der These des Genies, in die Epoche der Aufklärung einordnen.[10]

Dagegen hält Luise an dieser Weltordnung fest, denn sie ist bereit ״einem Bündnis [zu] entsagen, das die Fugen der Bürgerwelt auseinandertreib[t]“ (S.809) und kann nicht den Entschluss fassen mit ihrem Geliebten zu fliehen (Vgl. s.808f.). Stattdessen sieht sie in ihrem Begehren nach Ferdinand einen regelrechten ״Kirchenraub“ (S. 809) und damit, wie Koopmann überzeugend herausarbeitet, eine ״so abenteuerliche wie verwerfliche Anmaßung, da etwas Irdisches an die Stelle des Ewigen gesetzt werden soll“[11]. Luise handelt in diesem Moment anti-aufklärerisch, indem sie an den Standesgrenzen und den Grenzen ihrer Religion festhält. Folglich erkennt Koopmann, dass Ferdinand ״am Ende doch nur verzweifelt [seine] einseitig[e] Liebestheologie [lebt]“[12].

Andererseits verwirft Ferdinand nicht sein eigenes religiöses System, als er erkennt, dass Luise sich gegen ihn entscheidet. Stattdessen hält er an der Liebe fest und ist derartig über die Situation verzweifelt, dass er zu der einzigen Lösung greift, die ihm als richtig erscheint. Er ist bereit Luise und sich zu vergiften, um so den Problemen zu entfliehen. Den Mord an Luise kann man an dieser Stelle nicht als Racheakt deuten, da Ferdinand entschlossen ist, mit ihr zusammen aus dem Leben zu scheiden. Dabei trägt er sogar einen Gewissenskonflikt mit sich selbst aus, um den Mord an Luise rechtfertigen zu können, besonders in Bezug darauf, dass er Miller, den er als ״Bettler“ (S. 845) theatralisiert, seine einzige Tochter rauben würde (Vgl. s. 845). Allerdings versucht er regelrecht, Luise zu ihrem eigenen ״Glück“ zu drängen mit dem geplanten Mord. Dieses ״Glück“ definiert aber nicht unbedingt Luise als ihr eigenes, denn sie hätte immer noch die Möglichkeit, sich gegen ihre Familie zu entscheiden und aufgeklärt zu handeln. Dafür ist sie aber mental noch nicht bereit. Durch die Entscheidung für den Gifttod übt Ferdinand gleichwohl eine neue Art der Fremdbestimmung auf sie aus, motiviert durch die ״verzweifelt einseitig gelebte Liebestheologie“[13] und durch den Wunsch der unbedingten Selbstbestimmung. Im Grunde handelt der Major hier wieder gegen den aufgeklärten Vernunftgedanken, indem er sich zu sehr von seinen eigenen Gefühlen, insbesondere die Eifersucht, beeinflussen lässt. Folglich lässt sich dieser gefühlsbetonte Akt in den Sturm und Drang einordnen.

Demgegenüber steht dennoch der Versuch Ferdinands, sich von jeglicher Fremdbestimmung aller handelnden Personen zu lösen. Den Tod definiert er für sich und Luise als Erlösung aus dieser Fremdbestimmung, wodurch die Situation wiederrum in die Aufklärung tendiert.

Anhand dieser These Guthkes und Koopmanns lässt sich kaum eine richtige Tendenz in der epochalen Einordnung ausmachen. Vielmehr entsteht hier das Problem, dass eine fundierte Zuordnung erst durch eine fundierte Interpretation und Schwerpunktsetzung erfolgen kann.

2.2. ״Kabale und Liebe“ als Tragödie des Vertrauens

Nicht die Standesproblematik führt in Verbindung mit den Intrigen zur Katastrophe, so wenig es die (ja auch standesgebundenen) religiösen Beschränkungen und Vorurteile an sich sind, die sich hier so verheerend auswirken, sondem das mangelnde Einverständnis unter denen, die darauf angewiesen sind; der beängstigende Schwund an Glauben an die anderen; die Unfähigkeit, Handlungen des anderen auch ohne Erklämng recht zu würdigen.[14]

Mit diesen Worten erklärt Koopmann, warum ״Kabale und Liebe“ als eine ״Tragödie des Vertrauens“[15] zu verstehen ist. Diese These lässt sich anhand vieler Situationen belegen, dennoch muss hier zusätzlich verdeutlicht werden, inwiefern sich die Tragödie des Vertrauens als Merkmal für die Aufklärung äußert. Dazu werden exemplarisch ausgewählte Situationen des Dramas detaillierter betrachtet.

Zuerst gerät Luise mit ihrem Vater in einen Vertrauenskonflikt. Miller beschreibt in der zweiten Szene des ersten Aktes eine idealisierte Liebesbeziehung, die er, als Vater von seiner Tochter, erwartet. Miller erklärt dem Sekretär Wurm:

Ich rate meiner Tochter zu keinem - aber Sie mißrat ich meiner Tochter, Herr Sekretarius. [...] Einem Liebhaber, der den Vater zu Hilfe ruft, trau ich - erlauben Sie, - keine hohle Haselnuß zu. Ist er was, so wird er sich schämen, seine Talente durch diesen altmodischen Kanal vor seine Liebste zu bringen - Hat er Courage nicht, so ist er ein Hasenfuß, und für den sind keine Luisen gewachsen - - Da! hinter dem Rücken des Vaters muß er sein Gewerbfsic] an die Tochter bestellen. Machen muß er, daß das Mädel lieber Vater und Mutter zum Teufel wünscht, als ihn fahren läßt - oder selber kommt, dem Vater zu Füßen sich wirft und sich um Gotten willenfsic] den schwarzen gelben Tod oder den Herzeinzigen ausbittet. - Das nenn ich einen Kerl! Das heißt heben! (S.762)

[...]


[1] Friedrich Schiller: Kabale und Liebe. In: ders.: Sämtliche Werke in fünf Bänden. Bd. 1: Gedichte und Dramen 1. Hg. Hrsg. P.-А. Alt, A. Meier und w. Riedel. Deutscher Taschenbuchverlag. München 2004, s.755-858.

[2] Helmut Koopmann: ,Kabale und Liebe‘ als Drama der Aufklärung. In: Verlorene Klassik? Ein Symposium. Hg. Von Wolfgang Wittkowski. Tübingen 1986, s. 286-308.

[3] Karl s. Guthke, Kabale und Liebe. In: Schillers Drama. Neue Interpretationen. Hrsg. V. Walter Hinderer.

Stuttgart 1979. s. 58-86. 2

[4] Koopmann: ,Kabale und Liebe‘ als Drama der Aufklärung, s. 289.

[5] Karl s. Guthke, Kabale und Liebe. In: Schillers Drama. Neue Interpretationen. Hrsg. V. Walter Hinderer. Stuttgart 1979. s. 58-86.

[6] Koopmann: ,Kabale und Liebe‘ als Drama der Aufklärung, s. 288.

[7] Klaus Weimar: Genie [Art.]. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Hg. V. Klaus Weimar [u.a.]. Bd. 1. Berlin/New York 1997, s. 701-703.

[8] Koopmann: ,Kabale und Liebe‘ als Drama der Aufklärung, s. 289.

[9] Karl s. Guthke, Kabale und Liebe. In: Schillers Drama. Neue Interpretationen. Hrsg. V. Walter Hinderer. Stuttgart 1979. s. 58-86.

[10] Carsten Zelle: Aufklärung [Art.]. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Hg. V. Klaus Weimar [u.a.]. Bd. 1. Berlin/New York 1997, s. 160-165.

[11] Koopmann: ,Kabale und Liebe‘ als Drama der Aufklärung, s. 290.

[12] Vgl. ebd.

[13] Vgl. ebd. 5

[14] Koopmann: ,Kabale und Liebe‘ als Drama der Aufklärung, s. 295.

[15] Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Friedrich Schillers "Kabale und Liebe". Eine Einordnung in die Epoche der Aufklärung und des Sturm und Drangs
Untertitel
Analyse eines Forschungsaufsatzes Helmut Koopmanns
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,3
Jahr
2016
Seiten
16
Katalognummer
V420545
ISBN (eBook)
9783668685734
ISBN (Buch)
9783668685741
Dateigröße
802 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kabale, Liebe, Schiller, Aufklärung, Sturm und Drang, Epoche, Analyse, Helmut Koopmann, Forschungsaufsatz, Tragödie, theologische Dimension, Vertrauen, Selbstbestimmung, Familienbewusstsein, Probleme, Epochenabgrenzung
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Friedrich Schillers "Kabale und Liebe". Eine Einordnung in die Epoche der Aufklärung und des Sturm und Drangs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/420545

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