Friedrich Schiller gelang der langersehnte Durchbruch mit seinem bürgerlichen Trauerspiel „Kabale und Liebe“. Dieser Erfolg lässt sich durch zahlreiche heterogene Faktoren begründen, zum einen, weil er mit diesem Drama die mannigfaltige Gestaltungskraft der Zeit widerspiegelt. Doch das 18. Jahrhundert weist nicht allein eine literarische Epoche auf, sie setzt sich viel mehr aus verschiedenen Strömungen und Epochen zusammen. Aus diesem historischen Kontext ergeben sich, wie bereits Koopmann erläutert, divergierende Lesarten und Interpretationsansätze.
Koopmann folgert am Ende seines Forschungsaufsatzes, dass „Kabale und Liebe“ ein Drama der Aufklärung sei. Diese Seminararbeit zu „Kabale und Liebe“ soll Koopmanns Interpretationsansatz prüfen und damit erörtern, inwiefern sich das bürgerliche Trauerspiel in die literarischen Epochen des Sturm und Drang und der Aufklärung einordnen lässt.
Zuerst wird geprüft, auf welche Weise eine Einordnung in die Epochen anhand der theologischen Dimension des Dramas möglich ist. Die These übernimmt Koopmann aus einem Aufsatz Karl Guthkes. Darauf aufbauend wird Koopmanns Ansatz zur Tragödie des Vertrauens mithilfe prägnanter Teststellen geprüft. Hierzu ist die Betrachtung der divergierenden Beziehungen unabdingbar, um die Einordnung in die relevanten Zeitabschnitte vornehmen zu können. Im Anschluss erfolgt die Analyse seiner dritten These, mit welcher er behauptet, dass „Kabale und Liebe“ eine Tragödie der Selbstbestimmung und des Familienbewusstseins sei. Anhand dieser differenzierten Betrachtung der ungleichen Motive ergeben sich bestimmte Tendenzen in der epochalen Einordnung. Dadurch ermöglicht die beschriebene Vorgehensweise eine kritische Betrachtung unterschiedlicher Faktoren zur Transparenzgewinnung der Epochenzuordnung. Abschließend werden die Probleme der epochalen Abgrenzung erörtert mit der zentralen Problemstellung, ob die Aufklärung einen Gegensatz zum Sturm und Drang darstellt.
Die Seminararbeit erfordert eine genaue Prüfung des Werkes Schillers. Somit liegt der Fokus auf der Primärliteratur, dem Drama „Kabale und Liebe“. Weiterhin werden die Erkenntnisse Koopmanns zur differenzierten Analyse der Primärliteratur genutzt. Dennoch lässt der Umfang dieser Seminararbeit nicht zu, dass alle Argumente Koopmanns hinreichend untersucht werden können.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. „Kabale und Liebe“ als Drama der Aufklärung?
2.1. „Kabale und Liebe“ als Tragödie der theologischen Dimension
2.2. „Kabale und Liebe“ als Tragödie des Vertrauens
2.3. „Kabale und Liebe“ als Tragödie der Selbstbestimmung und des Familienbewusstseins
3. Probleme von Epochenabgrenzungen
4. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese Arbeit untersucht auf Basis eines Forschungsaufsatzes von Helmut Koopmann die Einordnung von Friedrich Schillers bürgerlichem Trauerspiel „Kabale und Liebe“ in die literarischen Epochen der Aufklärung und des Sturm und Drang. Die zentrale Forschungsfrage lautet, inwiefern Koopmanns Thesen zur epochalen Zuordnung des Werkes haltbar sind oder durch eine differenzierte Analyse widerlegt werden können.
- Analyse der theologischen Dimension und deren Bedeutung für die Epocheneinordnung.
- Untersuchung des Werkes als „Tragödie des Vertrauens“ und dessen Bezug zur Aufklärung.
- Evaluation des Spannungsfeldes zwischen Familienbewusstsein und Selbstbestimmung.
- Kritische Reflexion über die Problematik starrer Epochenabgrenzungen am Beispiel Schillers.
Auszug aus dem Buch
2.1.„Kabale und Liebe“ als Tragödie der theologischen Dimension
Ferdinand beschwört in der Liebe zu Luise ein eigenes „Liebesevangelium“ herauf, indem er den Himmel „auf die irdische Welt übertragen will“. Damit lehnt er sich bewusst gegen Gott und die durch Gott gesetzten Standesschranken auf, um seine Liebe ausleben zu können. Denn „[er] fürchte[t] nichts – nichts – als die Grenzen [ihrer] Liebe“ (S.767). Auf diese Weise definiert der Major die Grenzen seines Wertesystems. Im weitesten Sinne lässt sich Ferdinand durch dieses Verhalten als „Genie“ des 19. Jahrhunderts bezeichnen. Er handelt nicht nach vorgeschriebenen Normen, lässt sich keine Regeln vorschreiben und kreiert seine eigene Religion, in der er diese standesübergreifende Liebe rechtfertigen kann. Auf diese Weise schafft er wie die Natur, welche als Urquell alles Lebendigen und Schöpferischen angesehen wird, etwas Neuartiges, welches gleichzeitig den christlichen Glauben sanktioniert. Dieser Ansatz würde Ferdinand in die Epoche des Sturm und Drang einordnen.
Dennoch definiert sich nicht nur Ferdinand über seine Religion. Luise wird bereits in der zweiten Szene des ersten Aktes durch Wurm als eine „fromme christliche Frau“ (S.760) beschrieben. Hierbei nimm Wurm allerdings Bezug auf das unumstößliche Christentum, welches ihr besonders durch den Vater vermittelt wird (Vgl. S. 763). Koopmann verdeutlicht hierzu passend, dass „Himmel und Hölle […] die wahren topographischen Grenzsteine dieser tragischen Landschaft [seien]“. Damit werden die Grenzen des freien Handelns aller Protagonisten durch das christliche Glaubensbild definiert. Die Eingrenzungen bilden ein geschlossenes System, welches die ganze gegebene Weltordnung durch die bürgerlich-adlige Liebesbeziehung gefährdet. Ferdinand verhält sich hierbei sehr revolutionär, indem er die gegebenen Grenzen durch sein eigenes „Liebesevangelium“ überwindet und sich damit von der Fremdbestimmung löst, um selbstbestimmt agieren zu können. Dafür ist Ferdinand sogar bereit zu fliehen (Vgl. S. 808). Diese Verhaltensweise lässt sich, im Gegensatz zu der These des Genies, in die Epoche der Aufklärung einordnen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Werk „Kabale und Liebe“ ein, stellt die Forschungsfrage bezüglich der Epocheneinordnung und erläutert die Vorgehensweise anhand der Thesen von Helmut Koopmann.
2. „Kabale und Liebe“ als Drama der Aufklärung?: Dieses Kapitel prüft Koopmanns Kernthesen zum Drama, indem es die theologische Dimension, die Tragödie des Vertrauens sowie das Spannungsfeld von Selbstbestimmung und Familienbewusstsein analysiert.
2.1. „Kabale und Liebe“ als Tragödie der theologischen Dimension: Es wird untersucht, inwiefern Ferdinands Auflehnung gegen religiöse Normen und Gottesbild als Ausdruck des Sturm und Drang oder der Aufklärung gewertet werden kann.
2.2. „Kabale und Liebe“ als Tragödie des Vertrauens: Hier wird der mangelnde Glaube der Protagonisten zueinander als strukturelles Merkmal beleuchtet, das die Tragik des Dramas jenseits der Standesproblematik begründet.
2.3. „Kabale und Liebe“ als Tragödie der Selbstbestimmung und des Familienbewusstseins: Dieser Abschnitt erörtert den Konflikt zwischen elterlicher Bindung und dem Wunsch der Individuen nach Freiheit und autonomem Handeln.
3. Probleme von Epochenabgrenzungen: Das Kapitel reflektiert die Schwierigkeit, literarische Epochen klar voneinander zu trennen, und stellt dar, warum Sturm und Drang und Aufklärung als verknüpfte Phänomene zu betrachten sind.
4. Fazit: Die Arbeit fasst zusammen, dass Koopmanns Einordnung als reines Aufklärungsdrama zu kurz greift und durch Aspekte des Sturm und Drang ergänzt werden muss.
Schlüsselwörter
Kabale und Liebe, Friedrich Schiller, Aufklärung, Sturm und Drang, Epochenabgrenzung, Helmut Koopmann, Selbstbestimmung, Familienbewusstsein, Theologische Dimension, Tragödie des Vertrauens, Literarische Strömungen, Freiheitsdrang, Individuum, Bündnis, Idealisierte Liebe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Einordnung von Schillers Drama „Kabale und Liebe“ in die Epochen der Aufklärung und des Sturm und Drang anhand der Forschungsarbeit von Helmut Koopmann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die theologische Dimension des Dramas, die Vertrauenskrisen der Charaktere, das Spannungsfeld von Familienbindung und Selbstbestimmung sowie die Problematik literarischer Epocheneinteilungen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Koopmanns Interpretation kritisch zu prüfen und zu erörtern, ob eine eindeutige Zuweisung des Werkes zur Aufklärung gerechtfertigt ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die zentrale Thesen aus der Forschungsliteratur anhand von Textstellen des Primärwerkes auf ihre Plausibilität hin untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von drei Kernthesen (Theologie, Vertrauen, Familienbewusstsein) und eine theoretische Reflexion über die Schwierigkeit, Epochen als Antagonismen zu definieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Aufklärung, Sturm und Drang, Epocheneinordnung, Selbstbestimmung, Freiheit und Familienbewusstsein.
Warum wird Ferdinand als „Stürmer und Dränger“ bezeichnet?
Aufgrund seiner emotionalen Ausbrüche, seines Kampfes gegen väterliche Autorität und seines extremen Strebens nach individueller Freiheit lässt er sich als Prototyp des „Stürmers und Drängers“ deuten.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt die Autorin bezüglich der Epocheneinordnung?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass Koopmanns Interpretation zwar fachlich fundiert ist, aber wichtige Aspekte des Sturm und Drang ausblendet und somit die Einordnung des Dramas nicht als rein aufklärerisch gelten kann.
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- Anonym (Autor), 2016, Friedrich Schillers "Kabale und Liebe". Eine Einordnung in die Epoche der Aufklärung und des Sturm und Drangs, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/420545