Der berufliche Erziehungsgedanke im 18. Jahrhundert. Die Industrieschulbewegung


Hausarbeit, 2016

10 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

1. Einleitung

Die Industrie - wenn man diesen Begriff heutzutage genauer betrachtet, verbindet man verschiedene Bedeutungen und Assoziationen damit. Der Ausdruck ist vieldeutig geprägt und es existieren dutzende fachspezifische Definitionen. Doch auch diese Definitionen haben sich erst im Laufe der Zeit entwickelt. So weicht der Wortgebrauch im 18. Jahrhundert deutlich von dem des 21. Jahrhunderts ab.

Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit ist es, den beruflichen Erziehungsgedanken des 18. Jahrhunderts anhand der Industrieschulbewegung in Deutschland herauszuarbeiten. Hierfür ist zuerst die Verortung des historischen Kontextes notwendig, um die Entwicklung der Industrieschulbewegung und des beruflichen Erziehungsgedankens in Deutschland nachvollziehen zu können. Im Anschluss wird die Wortherkunft und Wortbedeutung der Industrie beziehungsweise der Industrieschulbewegung genauer untersucht. Infolgedessen wird die Entwicklung der Industrieschulbewegung in Deutschland thematisiert und der berufliche Erziehungsgedanke geschildert. Hierbei wird ebenfalls die Kritik der Unterrichtsmethoden berücksichtigt und damit kurz auf den Zerfall der Schulgattung eingegangen.

Problematisch bei diesem Themengebiet ist die Vielfalt der verschiedenen Unterrichtsmethoden, die sich hier nicht alle berücksichtigen lassen. Weiterhin ist die Industrieschulbewegung keine in Deutschland einheitlich stattfindende Entwicklung, sodass es in verschiedenen Regionen zu unterschiedlichen Umsetzungen der Schulformen und Arbeitsmethoden kam. Der Umfang dieser wissenschaftlichen Arbeit lässt auch die Erforschung dieser Vielfalt nicht zu, stattdessen wird die Ausdehnung der Industrieschulbewegung auf die Umgebung der Herzogtümer BraunschweigWolfenbüttel und Braunschweig-Lüneburg eingegrenzt. Allerdings soll die gesamte Kembedeutung sowie die Kritik der Industrieschulbewegung in Deutschland herausgearbeitet werden.

2. Historischer Kontext

Der berufliche Erziehungsgedanke im 18. Jahrhundert versteht sich als eine historische Entwicklung, die ebenfalls auf der Geschichte Deutschlands beruht. Demnach begründen verschiedene Ereignisse und die Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Problemen die Entstehung neuer Gedankenströmungen. Im Zeitraum von 1618 bis 1648 ereignete sich der Dreißigjährige Krieg. Die Auswirkungen des Krieges waren fatal für Deutschland. Ungefähr ein Drittel der deutschen Bevölkerung kam durch Hunger, Seuchen und durch das Kriegsgeschehen ums Leben. Von zirka 19 Millionen Deutschen überlebten nur etwa 12 Millionen den Krieg. Zeitgleich fand die Säkularisation statt, also die Verstaatlichung kirchlicher Besitztümer und Institutionen. Ausgelöst wurde diese unter anderem durch den Vernunftgedanken der Aufklärung.

Deutschland zeigte nunmehr merkantilisti sehe Bestrebungen. Der Staat versuchte wirtschaftliche Autarkie vom Ausland zu erreichen, indem er die Wirtschaft im Inland förderte und den Import eindämmte. Dadurch wurde die Bedeutung der Arbeit aufgewertet. Dennoch bestand weiterhin das Problem, dass Arbeitskräfte benötigt wurden, um den Güter- und Dienstleistungsbedarf Deutschlands zu decken. Letztendlich resultierte aus diesen Entwicklungen die Armenfrage und die erzieherische Notwendigkeit. Wie sollten Personal und Arbeitskräfte geschult werden, damit die deutsche Wirtschaft wachsen und die wirtschaftliche Autarkie erreicht werden konnte?

3. Industrie - Wortherkunft und Wortbedeutung

Bevor man genauer auf die Entwicklung der Industrieschulbewegung eingehen kann, ist es notwendig, zuerst den Begriff zu definieren. Im heutigen Kontext ist der Begriff ״Industrie“ synonym mit dem verarbeitenden Gewerbe, welches ״die Herstellung von Waren, die nach ihrer Fertigung als Vorleistungsgüter, Investitionsgüter, Gebrauchs- oder Verbrauchsgüter [bedeutet]. Dabei wird sowohl die industrielle als auch die handwerkliche Fertigung einbezogen sowie die Reparatur und Installation von Maschinen und Ausrüstungen“.[1] Man denkt demnach an eine Art Zusammenwirkung der maschinell betriebenen Produktion von Gütern und Dienstleistungen mit dem Menschen. Weiterhin versteht man unter der Schulgattung ״Industrieschule“ im 21. Jahrhundert vielmehr eine spezielle berufsbildende Schule für Industriearbeiter oder eine Fabrikschule, wie sie in Russland zu finden ist.[2]

Nach diesen Definitionen ist die ursprüngliche Bedeutung des im 18. Jahrhundert verwendeten Ausdrucks nicht mehr zu erkennen. Der Begriff ״Industrie“ leitet sich vom lateinischen Ausdruck ״industria“ ab, was so viel bedeutet wie eifrige Tätigkeit, Fleiß und Betriebsamkeit.[3] Heinrich Philipp Sextro definiert Industrie folgendermaßen: ״Industrie sey überhaupt anhaltende Thätigkeit, möglichst Uebung und schnelle Anwendung der Kräfte der Seele und des Körpers nicht an einem allein, sondern an mehreren und verschiedenen Gegenständen, zur wirklichen mannigfaltigen dauerhaften und edelsten Production, nicht blos zur Befriedigung der nöthigsten Lebensbedürfnisse, sondern auch in der Absicht, zur Bequemlichkeit und Annehmlichkeit des Lebens, zur Mittheilung und zum frohen Genuß, Etwas über zu gewinnen.“.[4] Demnach misst Sextro dem Begriff ״Industrie“ unmissverständlich mehr bei, als nur die Herstellung von Gütern und Dienstleitungen zur Sicherstellung des Lebensunterhalts. Vielmehr ist er der Ansicht, dass Industrie den Menschen dazu antreibt in seiner Tätigkeit Perfektion anzustreben. Dadurch würde er seinen Körper und seinen Geist immer weiter schulen. Zudem gilt die ״Industrieschule“ in dieser Zeit nicht als eine Schulgattung. Es soll vielmehr ein Grundgedanke sein, für eine Unterrichtsmethode zur frühen Gewöhnung an die Arbeit.[5] Diese frühe Gewöhnung an die Arbeit und das Arbeitsleben wird für die Kinder der Armen und Bettler als besonders wichtig erachtet. So konnte der Arbeitslosigkeit vorgebeugt werden. Letztendlich lässt sich hieran ein Bedeutungswandel beziehungsweise eine Bedeutungserweiterung an den Wortbedeutungen aufzeigen. Dieses Industrieschulen wurden ferner auch als Arbeits-, Werk-, oder Spinnschulen bezeichnet, die alle denselben Erziehungszweck verfolgen sollten, allerdings Unterschiede in den Unterrichtskonzepten aufwiesen.[6] Industrieschulen waren überdies in Holland und England, sowie in Dänemark, Russland, Italien, Spanien und Ungarn bekannt.[7]

4. Entwicklung der Industrieschulbewegung in Deutschland

Deutschland entwickelte den beruflichen Erziehungsgedanken im 18. Jahrhundert ausgehend von der englischen Entwicklung. Im Jahr 1745 übersetzte und überarbeitete Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem auf Wunsch der braunschweigischen Regierung den englischen Text ״Nachricht von denen Armen- und Arbeit- oder Werck-Häusern in England, aus dem Englischen übersetzt, nebst einer Vorrede von dem Nutzen dieser Anstalten“. Das englische Original ist auf 1725 datiert, über J. Fr. w. Jerusalem ist überliefert, dass er im Zeitraum von 1738 bis 1740 in England Erfahrungen im Bereich der dortigen Erziehungsmethoden gesammelt haben soll. Aus diesem Grund genoss er ein hohes Ansehen als Ratgeber in den Angelegenheiten, die die Volkserziehung am braunschweigischen Hof betraf.[8] So konnten seine Beobachtungen durch sein Ansehen in die deutsche Pädagogik einfließen und das Land nachhaltig prägen.

Am 20. Juni 1747 gab es ein erstes Schreiben des Konsistorialrates Gruppen an die Regierung Hannovers mit dem Verweis auf die englischen Arbeitsschulen: ״Die Engländer richten auf Stricken und Spinnen ein besonderes Augenmerk, als woraus Kinder insbesonderheit den Vortheil erlangen, daß es ihnen die Erlernung mehrerer Künste und Handwerke erleichtert, da es bey vielen Gewerben hauptsächlich auf die geschickte Bewegung der Finger ankommt“. Allerdings ist nicht eindeutig überliefert, wie viel Anklang dieser Bericht in Hannover gefunden hat, denn die ersten Industrieschulen wurden in diesem Regierungsbezirk erst nach der Gründung der Anstalten durch den Pfarrer Ludwig Gerhard Wagemann 1784 in Göttingen eröffnet.[9]

Zwei Jahre später 1749 ereignete sich ein Gedankenaustausch zwischen dem Superintendenten August Gesenius und Schrader von Schliestedt statt. Thematisiert wurde das Problem, dass Kinder, die in einer Schulklasse nicht beschäftigt wurden, Langeweile und Widerwillen gegen den Unterricht entwickeln würden. Dieses Verhalten hätte Auswirkungen auf den gesamten Unterricht. In England, wusste man bereits, war es möglich diese Kinder mit einer nützlichen Arbeit zu beschäftigen. Arbeiten wie Nähen oder Stricken kamen hierbei in Betracht. Dadurch würde man eine kleine Einnahmequelle für die Eltern der Kinder generieren und die Einzufriedenheit mit den Schulverhältnissen minimieren. Schrader von Schliestedt forderte zudem den ganzjährigen Elnterricht für die Schüler.[10] Zuvor fand dieser tatsächlich nur im Winter statt, woraus sich wiederrum Lerndefizite bei den Kindern ergaben.

Auf diese Überlegungen hin wurde im Dezember 1754 die Landschulordnung ״Ordnung für die Schulen auf dem Lande in dem Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel und Fürstentum Blankenburg“ erlassen. Diese brachte eine Schulgelderhöhung mit sich, sowie die endgültige Einführung des Sommerunterrichts und die Kontrolle zur Durchführung dieser Änderung. Berechtigterweise wurde diese Verordnung bei der betroffenen Bevölkerung nicht sehr hoch geschätzt. Durch die Einführung des regelmäßigen Unterrichts im Sommer fehlten den Familien die Kinder als Hilfskräfte auf dem Feld. Dies wiederrum würde die Existenz der gesamten Familie bedrohen, da so nicht genügend erwirtschaftet werden konnte, um die Familie zu versorgen. Durch die einhergehende Schulgelderhöhung wurde dieser Effekt zusätzlich verstärkt. Deswegen sammelte die Regierung Vorschläge zur Besänftigung der Bevölkerung. Die Kinder sollten nun während des Unterrichts gewisse Arbeiten vornehmen, um einen Teil des Schulgeldes zu verdienen und die Eltern zu entlasten. Zudem gab es einen Vorschlag zur Klassenstufentrennung. Zuvor wurden Kinder verschiedener Altersstufen gleichzeitig in einem Raum von einer Lehrkraft unterrichtet. Nun sollten die Älteren eine Arbeit vornehmen, während die Jüngeren unterrichtet wurden.[11]

[...]


[1] Statistisches Bundesamt Deutschland (2016): Industrie, Verarbeitendes Gewerbe. https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/Wirtschaftsbereiche/IndustrieVerarbeitendesGewerbe/Industrie VerarbeitendesGewerbe.html;jsessionid=0EBD97B98BD9D63FF6A38B63B569CD16.cae2 (abgerufen am 03.03.2016)

[2] Brodel, H.: Die Entstehung des Industrieschulgedankens im 17. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Handelspädagogik, 1. Jg. 1929, s. 110.

[3] Industrie [Art.]. In: Pons Wörterbuch Schule und Studium Latein-Deutsch, 1. Aufl. Stuttgart, 2007, S.442. (ISBN: 978-3-12-517554-9)

[4] Sextroh, Heinrich Philipp: Ueber die Bildung der Jugend zur Industrie, Göttingen 1785, s. 34.

[5] Brodel, H.: Die Entstehung des Industrieschulgedankens im 17. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Handelspädagogik, 1. Jg. 1929, s. 110.

[6] Brodel, H.: Die Entstehung des Industrieschulgedankens im 17. Jahrhundert, in: Zeitschrift für Handelspädagogik, 1. Jg. 1929, s. 111.

[7] Wiechowski, Friedrich: Ferdinand Kindermanns Versuch einer Verbindung von Elementar- und Industrieschule. In: Beiträge zur österr. Erziehungs- und Schulgeschichte, Heft 9, Wien - Leipzig 1907, s. 203.

[8] Brodel, H.: Braunschweigische Industrieschulpläne um 1750. Ein Beitrag zur Geschichte der Wirtschaftspädagogik, in: Zeitschrift für Handelspädagogik, 3. Jg. 1931, s. 246f.

[9] Vgl. ebd.

[10] Brodel, H.: Braunschweigische Indust riescimi plane um 1750. Ein Beitrag zur Geschichte der Wirtschaftspädagogik, in: Zeitschrift für Handelspädagogik, 3. Jg. 1931, s. 252f..

[11] Brodel, H.: Braunschweigische Industrieschulpläne um 1750. Ein Beitrag zur Geschichte der Wirtschaftspädagogik, in: Zeitschrift für Handelspädagogik, 3. Jg. 1931, s. 253Í.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Der berufliche Erziehungsgedanke im 18. Jahrhundert. Die Industrieschulbewegung
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
2,0
Jahr
2016
Seiten
10
Katalognummer
V420549
ISBN (eBook)
9783668686052
ISBN (Buch)
9783668686069
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Erziehung, 18. Jahrhundert, Geschichte, Kontext, Industrie, Wortbedeutung, Wortherkunft, Entwicklung, Industrieschulbewegung, Deutschland
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Der berufliche Erziehungsgedanke im 18. Jahrhundert. Die Industrieschulbewegung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/420549

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