Definition der Fehler unter der Berücksichtigung des Fremdsprachenunterrichts


Seminararbeit, 2014
12 Seiten, Note: 3,00

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung 1

1. Fehler und sprachliche Abweichung

2. Wahrnehmung des Fehlers im Fremdsprachenunterricht
2.1 Negative Wahrnehmung der Fehler
2.2 Kontrastive Hypothese und Interferenz
2.3 Intralinguale Fehlerursachen
2.4 Multikausale Fehlerursachen
2.5 Kritik an positive Wahrnehmung der Fehler

3. Identifizierung der Fehler
3.1 Korrektheit und Verständlichkeit
3.2 Situationsangemessenheit
3.3 Unterrichtsabhängige Kriterien
3.4 Flexibilität und Lernbezogenheit
3.4.1 Phasen des Unterrichts
3.4.2 Lernpsychologische Faktoren
3.4.3 Lerngruppenabhängige Kriterien

Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Wie lässt sich der Forschungsgegendstand der Fehlerlinguistik charakterisieren? Fehlerlinguistik wird von Lavric (1994:71) als jede systematische linguistische Beschäftigung mit negativ bewerteten sprachlichen Abweichungen definiert. Duden (2007:768) beschreibt sie als „eine Forschungsrichtung der Linguistik, die Arten und Ursachen der beim Spracherwerb und beim Erlernen der Fremdsprachen entstandenen Fehler untersucht.“ Mit den Unterschieden oder auch Gemeinsamkeiten der Begriffe Fehler und Abweichung setzten sich in der Vergangenheit mehrere Sprachforscher auseinander, trotzdem scheinen die Begriffe bisher nicht eindeutig definiert zu sein.

Da die Fehler ganz natürlich ebenso im Mutterspracherwerb wie im Fremdsprachenerwerb auftreten, beschäftigen sich mit dem Phänomen der Fehlerlinguistik nicht nur die Wissenschaftler (aus der sprachtheoretischen Sicht), sondern auch die Fremdsprachenlehrer, in diesem Fall aus der Sicht der Methodologie des Unterrichts. Beide haben eines gemeinsam – im Zentrum steht der Lerner als Autor des fehlsprachlichen Verhaltens (vgl. Raabe in Cherubim 1980:67).

Die vorliegende Seminararbeit beschäftigt sich weiter auch mit der Frage, wie die Fehler oder Abweichungen definiert und klassifiziert werden können, damit das fehlsprachliche Verhalten besser rehabilitiert werden kann. Verfolgen die Lehrenden den letzten Forschungsstand im Bereich der sprachlichen Abweichung, sind sie den Ursachen des Fehlerverhaltens ihrer Schüler/Studenten früher auf der Spur (Vgl. Raabe in Cherubim 1980:74).

Die Lernenden sollten aber nicht in die Rolle des „leeren, passiven Behälters“ gestellt werden. (Vgl. Stern 1974:308) Durch strategiekalkuliertes Problemlösungsverhalten können sie die erhaltenen Lösungen sehr bewusst wahrnehmen. Die ausgewählten Erkenntnisse der Fehleranalyse können dann also nicht nur die Praxis der Sprachtheoretiker oder Lehrer bereichern, sondern auch für die Lernenden behilflich sein, die sich nicht weigern, sich mit der Sprache und eigenem Lernprozess kritisch auseinanderzusetzen.

1. Fehler und sprachliche Abweichung

Cherubim deutet in der Einleitung des Buches „Fehlerlinguistik. Beiträge zum Problem der sprachlichen Abweichung.“ auf die Tatsache hin, dass der Ausdruck Fehler oft im Zusammenhang mit den pädagogischen Vorgänge verwendet wird, was auch unseren alltäglichen Erfahrungen im Umgang mit Sprache entspricht. Es wird also für die Zwecke der wissenschaftlichen Untersuchungen und anschließenden Diskussionen empfohlen, sich lieber des Ausdruckes Abweichung zu bedienen, um eine bestimmte Objektivität zu erhalten. Dabei wird noch nicht spezifiziert, ob die genannten Phänomene im Rahmen des Erst- oder Fremdsprachenerwerbs behandelt werden. In seinem Artikel (1980:11) deutete er aber eine relativ logische Erläuterung beider Ausdrucke durch die Verbindung mit Begriffen Regel und Norm: „Abweichungen weichen immer von etwas ab, das als regelhaft gilt, Fehler werden nur dort notiert, wo bestimmte Normen verletzt wurden.“ Diese komplementären Paare bedürfen dann einer Feststellung durch die Rezipienten, die sich nach bisher existierenden Erwartungen und legitimierten Vorschriften regeln sollte.

Kleinmann (1977:93) beschäftigt sich dagegen mit den Abweichungen im Zweitsprachenerwerb. Er stellt sie als Oberbegriff und Raum vor, in dem sich einmal der herkömmliche Fehler befindet, ergänzt um weitere interimsprachliche Phänomene wie z. B. Vermeidensverhalten, Unterrepräsentierung, Überrepräsentierung, geringere Komplexität, uneinheitliche Lexis oder Reduktionen. Die Begriffe Fehler und Abweichung werden also nicht gegenübergestellt, sondern einheitlich als Problemverhalten des Sprechers klassifiziert.

Daraus resultieren zwei neue komplementäre Gruppen: einerseits Abweichung, Regel und Erwartung, andererseits Fehler, Norm und Vorschrift. Die erste Gruppe lässt sich weiter als lebendiges und stets entwickelndes Organismus forschen. Die zweite Gruppe wird offensichtlich strenger definiert. Es liegt auf der Hand, dass solche strikte Definitionen die Sprache als heterogenes System nie umfassen können. Für die Zwecke des Anfängerunterrichts sind sie aber gut anwendbar, mindestens bis zum Zeitpunkt, in dem der Lerner selbst einschätzen kann, inwieweit akzeptabel verschiedene Varianten sind.

2. Wahrnehmung des Fehlers im Fremdsprachenunterricht

Es lässt sich feststellen, dass Fehlerproblematik und verwendete Unterrichtsmethoden sich gegenseitig beeinflussen. Die Entwicklung der Einstellung zu Fehlern geschieht also parallel mit der Entwicklung der unterrichtsmethodischen Ansichten und Erwerbshypothesen. Anhand ihrer Charakteristik können wir die einzelnen Einstellungen zu den Fehlern in Kürze zusammenfassen.

2.1 Negative Wahrnehmung der Fehler

Im Zusammenhang mit dem streng grammatikalisierten Fremdsprachenunterricht wurde der Fehler noch am Anfang der 60-er Jahre in der behavioristischen Weise als „Sünde“ gesehen (Vgl. Brooks 1960:58). Es wurden keinerlei Verstöße gegen die festgegebenen und endgültigen Regeln toleriert, „das Gute, die Ordnung muss etwa durch strenge Gebote, genaue Regeln und abgesteckte Pfade geschützt werden“ (Bleyhl 2009:44) und die Fehler wären somit zu vermeiden und „identisch mit einem Auftreten des Bösen“ (ebenda). Die Sprache wurde nicht als dynamischer, lebendiger Objekt gesehen, Beherrschung der Sprache wurde sogar mit der Beherrschung des grammatikalischen Systems identifiziert.

2.2 Kontrastive Hypothese und Interferenz

In 70-er Jahren setzte sich zum ersten Mal die These durch, dass Fehler beim Fremdspracherwerb ganz natürliches und unvermeidbares Zwischenstadium darstellen und darüber hinaus wichtige Erkenntnisse über ihren Stadien liefern. Sprachwissenschaftler forschten nach den Ursachen der Fehler, wobei zuerst die linguistischen Kriterien und Versuche um Quantifizierung der Auftretungshäufigkeit im Vordergrund standen. Kontrastive Betrachtungen der einzelnen Ausgangssprachen sollten bei der Prophylaxe und Therapie der Interferenzfehler helfen. Im Sinne der damals populären audiolingualen Methode folgte die Korrektur unmittelbar nach dem Auftreten des Fehlers und durch mehrmalige Wiederholung sollte dann die richtige Form ins Gedächtnis gespeichert werden.

2.3 Intralinguale Fehlerursachen

Später in den 70-er Jahren kehrte sich die Aufmerksamkeit zur Theorie der intralingualen Interferenz und daraus folgenden Fehler. Intralinguale Interferenzfehler werden im Rahmen der Identitätshypothese als entwicklungsspezifisch oder durch Übergeneralisierung entstanden erklärt. Podgorni (2006:2) äußert Lob für den dynamischen Zugang zum prozesshaften Erwerben der Sprache, Schwachpunkt der Theorie sieht aber in der ausschließliche und extreme Konzentration auf Fehler einer bestimmten Art (der Übergeneralisierungen) und das völlige Absehen von solchen Fehlern, die ihren Ursprung in der interlingualen Interferenz haben.

2.4 Multikausale Fehlerursachen

Als logischer Gegensatz zu den monokausalen Theorien der intra- und interlingualen Interferenz kann man die multikausale Erklärung durch Interimssprache sehen. Der Lerner wird auch außerhalb des Unterrichts durch verschiedene Faktoren beeinflusst (Personen, Texte, Fernseher, …). Aufgrund seiner subjektiven Wahrnehmung der genannten Faktoren baut er eigene Lernersprache auf, die er dann im alltäglichen Sprachkontakt abtestet. Im Sinne der in 80-er Jahren populären kommunikativen Methodik wurden die Fehler, die sprachliche Interaktion nicht verhinderten, kaum korrigiert und eher als Indikatoren für Lernfort-, aber auch Lernstill- und Lernrückschritte wahrgenommen.

2.5 Kritik an positive Wahrnehmung der Fehler

Positiver Umgang mit Fehlern setzen auch z. B. A. Nida (in Stern 1974:312): „in general one must murder a language before mastering it“ oder Hanzeli (in Locastro High 1978:81): „happy sin which is the indispensable first condition of salvation“ durch. Kein Wunder, dass diese „tolerant-verständnisvolle“ Einstellung gegenüber dem undifferenzierter Fehler auch negative Reaktionen hervorruft. Logischerweise sieht Rojas (1971:63) in Akzeptanz der Fehler eine Gefahr der Fixation oder Fossilisierung der falschen Sprachhypothesen. (Vgl. Raabe in Cherubim 1980:65, 66).

Die Umfangreiche Fehlerforschung brachte bis heute genug Ergebnisse und Fakten, damit jede Lehrperson frei und selbstständig die Entscheidung treffen könnte, welche Vorgänge und Prinzipien im Umgang mit Fehlern anwenden wird. Als unverzichtbare Kriterien gelten vor allem Lernziele, Unterrichtsmethoden und lernpsychologische Faktoren des Lerners/der Lerngruppe. Trotzdem versuchen die zeitgenössische Artikel, Fachbücher und akademische Arbeiten (Podgórni 2006, Bleyhl 2009, Hochländer 2010) stetig, die Lehrpersonen aus den Reihen der Grund-, Mittelschul- und Sprachschullehrer, diesem wichtigen Thema mehr Aufmerksamkeit zu widmen und manchmal dogmatisierte Ansichten und Einstellungen zu Fehlerproblematik neu zu bewerten.

3. Identifizierung der Fehler

Kernproblem der Fehleridentifizierung ist die Feststellung, was überhaupt ein Fehler ist und worin er konkret besteht. Prozess der Identifizierung von Fehler/Abweichungen wird im didaktischen und unterrichtsmethodischen Kontext von mehreren Faktoren beeinflusst. Man sollte vor allem Curriculum, Lehrzielen, Lernstoff und methodische Schritten berücksichtigen. (Vgl. Raabe in Cherubim 1980:70) Beim gesteuerten Fremdsprachenerwerb müssen die fehlerhaften Äußerungen immer in Beziehung zu diesen spezifischen Zielen und Umständen gesetzt werden, da „No errors are errors in themselves“ (Enkvist 1973:19, zitiert nach Raabe in Cherubim, 1980). Im Allgemeinen kann man Fehler nach folgenden Kriterien identifizieren:

3.1 Korrektheit und Verständlichkeit

Damit man Korrektheit der sprachlichen Äußerung beurteilen kann, müssen zuerst die Messgrößen festgestellt werden. Stehen Regelsystem und linguistische Norm im Vordergrund, können wir z. B. den Satz Ich arbeitet in Deutschland als reiner Systemverstoß beurteilen. Der Satz Ich habe bekommt oder das Wort Fleißigkeit werden im Gegensatz dazu als Normenverstoße qualifiziert, da die Regeln des Wortbildungssystems zwar nicht verletzt wurden, aus der linguistischen Sicht sind beide Beispiele aber vollkommen falsch. Es ist also kein Wunder, dass diese Norm- und Regeltheorie von mehreren Sprachwissenschaftlern heftig kritisiert wurde und für den Unterricht ist sie schwer anwendbar.

Bei der Verständlichkeit als Kriterium muss man sich ebenso mit Widersprüchen auseinandersetzen. Im Sinne der kommunikativen Didaktik sollten alle fehlerhaften Äußerungen akzeptiert werden, die für den Kommunikationspartner trotzdem verständlich sind. Diese Vorgehensweise kann später zur Fossilisierung der Fehler führen, da der Sprecher keine Notwendigkeit fühlt, sich zu verbessern, da er in der alltäglichen Kommunikation ohne Probleme verstanden wird. Es wiederholt sich die Frage nach den Messgrößen; von wem sollte der Sprecher verstanden werden? Vom Muttersprachler? Die seien in der Regel toleranter, da sie sich eher auf die Gebrauchsnorm als auf die linguistische Norm orientieren. Andere Fremdsprachenlerner können Verständlichkeit schwer beurteilen. Wenn in einer Lernergruppe gleiche Ausgangssprache überwiegt, können die fehlsprachlichen Äußerungen von Adressaten verstanden werden, da sie viele Interferenzfehler bewältigen können, die sonst in der Interaktion mit dem Muttersprachler die Kommunikation verhindern würden. (Vgl. Kleppin 1998:20)

3.2 Situationsangemessenheit

Als situationunangemessenes sprachliches Verhalten gilt nach Kleppin (1998:21) „... das, was ein Muttersprachler in einer bestimmten Situation nicht sagen oder tun würde.“ Diese Äußerung weist auf Verwendung der pragmatischen Normen und eher deskriptive Orientierung im Umgang mit Sprache. Helbig (2001:987, 988) fügt noch hinzu, dass es auch um soziale und kulturelle Norm handeln kann, wie z. B. übliche Höflichkeitsformeln, Äußerung der Lob oder Komplimenten.

Wenn der fremdsprachliche Deutschunterricht von einem Nichtmuttersprachler im nicht-deutschsprachigen Land geführt wird, sollte man auf dieses Kriterium besonders achten, da die Lerner keine Möglichkeit haben, ihre soziokulturellen Sprachhypothesen im alltäglichen Sprachkontakt abzutesten. Mangelndes Verständnis für die sozio-kulturellen Unterschiede kann später zur Fossilisierung der fehlerhaften Formen oder zur unangemessenen Verwendung verschiedenen Phrasen führen.

3.3 Unterrichtsabhängige Kriterien

Im Gegensatz zu den situationsabhängigen Kriterien sind die unterrichtsabhängige streng präskriptiv orientiert. Die Norm kann entweder von Grammatiken und Lehrbücher abgeleitet werden, oder sie kann auch auf der Vorstellung des Lehrers über dem „richtigen“ Sprachgebrauch basieren. Verwendung der Grammatiken und Lehrbücher als verbindliche Norm sollte nicht nur den Lernenden, sondern auch den Lehrenden Erleichterung bringen. Bei der Norm im Kopf des Sprachlehrers stellen sich Mehrere Fragen: Wer kontrolliert diese Norm? Wie ist sie entstanden? Inwieweit stimmt sie mit den verwendeten Lehrbücher und Lehrwerken überein? (Vgl. Kleppin 1998:22)

3.4 Flexibilität und Lernerbezogenheit

Für den erfolgreichen Umgang mit Fehler gilt Fehlererkennung als Voraussetzung. Jeder Lehrende sollte sich also zuerst die Frage stellen: Wann und bei wem will ich etwas als Fehler bezeichnen? Dazu Kleppin (1998:23) „Fehler sind relativ. Was bei einer Lerngruppe in einer bestimmten Unterrichtsphase als Fehler gilt, wird bei einer anderen in einer anderen Phase toleriert.“ Bevor der Lehrende Entscheidung trifft, sollten folgende Kriterien ins Entscheidungsprozess einbezogen werden:

[...]

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Details

Titel
Definition der Fehler unter der Berücksichtigung des Fremdsprachenunterrichts
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Grundlagen des Erst- und Zweitsprachenerwerbs: Unterschiede und Gemeinsamkeiten
Note
3,00
Autor
Jahr
2014
Seiten
12
Katalognummer
V424520
ISBN (eBook)
9783668698758
ISBN (Buch)
9783668698765
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fehler, Fehlerkorrektur, Fehlertherapie, Fehlerlinguistik
Arbeit zitieren
M.A. Anna Grohová (Autor), 2014, Definition der Fehler unter der Berücksichtigung des Fremdsprachenunterrichts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424520

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