Wie lässt sich der Forschungsgegendstand der Fehlerlinguistik charakterisieren? Fehlerlinguistik wird von Lavric (1994) als jede systematische linguistische Beschäftigung mit negativ bewerteten sprachlichen Abweichungen definiert. Duden (2007) beschreibt sie als „eine Forschungsrichtung der Linguistik, die Arten und Ursachen der beim Spracherwerb und beim Erlernen der Fremdsprachen entstandenen Fehler untersucht.“ Mit den Unterschieden oder auch Gemeinsamkeiten der Begriffe Fehler und Abweichung setzten sich in der Vergangenheit mehrere Sprachforscher auseinander, trotzdem scheinen die Begriffe bisher nicht eindeutig definiert zu sein.
Da die Fehler ganz natürlich ebenso im Mutterspracherwerb wie im Fremdsprachenerwerb auftreten, beschäftigen sich mit dem Phänomen der Fehlerlinguistik nicht nur die Wissenschaftler (aus der sprachtheoretischen Sicht), sondern auch die Fremdsprachenlehrer, in diesem Fall aus der Sicht der Methodologie des Unterrichts. Beide haben eines gemeinsam – im Zentrum steht der Lerner als Autor des fehlsprachlichen Verhaltens.
Die vorliegende Seminararbeit beschäftigt sich weiter auch mit der Frage, wie die Fehler oder Abweichungen definiert und klassifiziert werden können, damit das fehlsprachliche Verhalten besser rehabilitiert werden kann. Verfolgen die Lehrenden den letzten Forschungsstand im Bereich der sprachlichen Abweichung, sind sie den Ursachen des Fehlerverhaltens ihrer Schüler/Studenten früher auf der Spur.
Die Lernenden sollten aber nicht in die Rolle des „leeren, passiven Behälters“ gestellt werden. Durch strategiekalkuliertes Problemlösungsverhalten können sie die erhaltenen Lösungen sehr bewusst wahrnehmen. Die ausgewählten Erkenntnisse der Fehleranalyse können dann also nicht nur die Praxis der Sprachtheoretiker oder Lehrer bereichern, sondern auch für die Lernenden behilflich sein, die sich nicht weigern, sich mit der Sprache und eigenem Lernprozess kritisch auseinanderzusetzen.
Inhaltsverzeichnis
1. Fehler und sprachliche Abweichung
2. Wahrnehmung des Fehlers im Fremdsprachenunterricht
2.1 Negative Wahrnehmung der Fehler
2.2 Kontrastive Hypothese und Interferenz
2.3 Intralinguale Fehlerursachen
2.4 Multikausale Fehlerursachen
2.5 Kritik an positive Wahrnehmung der Fehler
3. Identifizierung der Fehler
3.1 Korrektheit und Verständlichkeit
3.2 Situationsangemessenheit
3.3 Unterrichtsabhängige Kriterien
3.4 Flexibilität und Lernbezogenheit
3.4.1 Phasen des Unterrichts
3.4.2 Lernpsychologische Faktoren
3.4.3 Lerngruppenabhängige Kriterien
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Fehler und sprachlichen Abweichungen im Kontext des Fremdsprachenunterrichts, mit dem Ziel, eine fundierte theoretische Einordnung sowie praxisorientierte Kriterien für deren Identifizierung und Behandlung abzuleiten. Sie hinterfragt bestehende Definitionen und beleuchtet die historische sowie methodische Entwicklung der Fehlerwahrnehmung.
- Grundlagen der Fehlerlinguistik und Abgrenzung von "Fehler" und "Abweichung".
- Historischer Wandel in der Wahrnehmung und Bewertung von Fehlern im Unterricht.
- Analyse von Fehlerursachen (interlingual, intralingual, multikausal).
- Kriterien für die Identifizierung fehlsprachlichen Verhaltens (Korrektheit, Verständlichkeit, Situationsangemessenheit).
- Bedeutung der Lernerorientierung und Flexibilität bei der Fehlerkorrektur.
Auszug aus dem Buch
1. Fehler und sprachliche Abweichung
Cherubim deutet in der Einleitung des Buches „Fehlerlinguistik. Beiträge zum Problem der sprachlichen Abweichung.“ auf die Tatsache hin, dass der Ausdruck Fehler oft im Zusammenhang mit den pädagogischen Vorgänge verwendet wird, was auch unseren alltäglichen Erfahrungen im Umgang mit Sprache entspricht. Es wird also für die Zwecke der wissenschaftlichen Untersuchungen und anschließenden Diskussionen empfohlen, sich lieber des Ausdruckes Abweichung zu bedienen, um eine bestimmte Objektivität zu erhalten. Dabei wird noch nicht spezifiziert, ob die genannten Phänomene im Rahmen des Erst- oder Fremdsprachenerwerbs behandelt werden. In seinem Artikel (1980:11) deutete er aber eine relativ logische Erläuterung beider Ausdrucke durch die Verbindung mit Begriffen Regel und Norm: „Abweichungen weichen immer von etwas ab, das als regelhaft gilt, Fehler werden nur dort notiert, wo bestimmte Normen verletzt wurden.“ Diese komplementären Paare bedürfen dann einer Feststellung durch die Rezipienten, die sich nach bisher existierenden Erwartungen und legitimierten Vorschriften regeln sollte.
Kleinmann (1977:93) beschäftigt sich dagegen mit den Abweichungen im Zweitsprachenerwerb. Er stellt sie als Oberbegriff und Raum vor, in dem sich einmal der herkömmliche Fehler befindet, ergänzt um weitere interimsprachliche Phänomene wie z. B. Vermeidensverhalten, Unterrepräsentierung, Überrepräsentierung, geringere Komplexität, uneinheitliche Lexis oder Reduktionen. Die Begriffe Fehler und Abweichung werden also nicht gegenübergestellt, sondern einheitlich als Problemverhalten des Sprechers klassifiziert.
Daraus resultieren zwei neue komplementäre Gruppen: einerseits Abweichung, Regel und Erwartung, andererseits Fehler, Norm und Vorschrift. Die erste Gruppe lässt sich weiter als lebendiges und stets entwickelndes Organismus forschen. Die zweite Gruppe wird offensichtlich strenger definiert. Es liegt auf der Hand, dass solche strikte Definitionen die Sprache als heterogenes System nie umfassen können. Für die Zwecke des Anfängerunterrichts sind sie aber gut anwendbar, mindestens bis zum Zeitpunkt, in dem der Lerner selbst einschätzen kann, inwieweit akzeptabel verschiedene Varianten sind.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Fehler und sprachliche Abweichung: Dieses Kapitel analysiert die begriffliche Unterscheidung zwischen Fehlern und Abweichungen sowie deren Einordnung in den Kontext von Regeln und Normen.
2. Wahrnehmung des Fehlers im Fremdsprachenunterricht: Hier wird der historische Wandel der Einstellung gegenüber Fehlern beschrieben, von einer rein negativen Bewertung hin zu einem Verständnis als notwendiges Stadium des Spracherwerbs.
3. Identifizierung der Fehler: Dieses Kapitel behandelt die Kriterien zur Bestimmung von Fehlern im Unterricht, wie Verständlichkeit und situationsangemessener Sprachgebrauch, und betont die Notwendigkeit flexibler Korrekturstrategien.
Schlüsselwörter
Fehlerlinguistik, Sprachliche Abweichung, Fremdsprachenunterricht, Fehlerursachen, Fehlerkorrektur, Interferenz, Interimssprache, Lernerorientierung, Sprachnorm, Kommunikative Didaktik, Fehleridentifizierung, Sprachwissenschaft, Fremdsprachenerwerb, Fossilisierung, Didaktik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Definition, Identifizierung und Einordnung von Fehlern im Fremdsprachenunterricht aus linguistischer und didaktischer Perspektive.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die theoretische Abgrenzung von Fehler und Abweichung, der Wandel der Fehlerwahrnehmung im Zeitverlauf sowie praktische Ansätze für den korrekturbezogenen Umgang mit Sprachfehlern.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, ein besseres Verständnis für das fehlsprachliche Verhalten von Lernenden zu entwickeln, um daraus lernorientierte und effektive Strategien für Lehrende abzuleiten.
Welche wissenschaftlichen Ansätze oder Methoden finden Anwendung?
Die Arbeit stützt sich auf eine Literaturanalyse bestehender sprachwissenschaftlicher Theorien, darunter kontrastive Hypothesen, Theorien zur Interferenz sowie die kommunikative Didaktik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit konkret behandelt?
Der Hauptteil analysiert verschiedene Ursachen von Fehlern, wie etwa intralinguale oder multikausale Faktoren, und definiert Kriterien zur Identifizierung von Fehlern im Unterrichtsalltag.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Typische Begriffe sind Fehlerlinguistik, Fehlerkorrektur, Interferenz, Lernerorientierung und Sprachnorm.
Inwiefern unterscheidet sich die "negative Wahrnehmung" von der späteren fehlerlinguistischen Betrachtung?
Früher wurden Fehler behavioristisch als "Sünde" oder Verstöße gegen feste Regeln gesehen, während die moderne Forschung Fehler als unvermeidbare und informative Zwischenstadien des Lernprozesses begreift.
Warum ist die "Flexibilität und Lernerbezogenheit" für Lehrende so wichtig?
Da Fehler relativ sind, hängt ihre Bewertung von Faktoren wie der Unterrichtsphase, der Psychologie der Lernenden und den spezifischen Lernzielen ab; eine starre Fehlerkorrektur kann den Lernprozess eher hemmen als fördern.
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- M.A. Anna Grohová (Autor), 2014, Definition der Fehler unter der Berücksichtigung des Fremdsprachenunterrichts, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/424520