Moral und Moralkritik in Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen"


Hausarbeit, 2017
26 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Moral in der bürgerlichen Gesellschaft in Frühlings Erwachen
2.1 Sexuelle Aufklärung als Tabu – Frau Bergmann
2.2 Die Verteidigung des Rechts – Herr Gabor
2.3 Anstand und Gehorsam – Marthas Eltern
2.4 Keuschheit – Hänschen Rilow
2.5 Ein weiteres wichtiges Gut – Leistung
2.6 Zusammenfassung

3 Moralkritik in Frühlings Erwachen
3.1 Die „Kindertragödie“ – Untergang der Kinder durch die Moral
3.1.1 Wendla
3.1.2 Moritz
3.1.3 Melchior
3.2 Entlarvung der Erwachsenen
3.2.1 Frau Bergmanns Umgang mit Wendlas Schwangerschaft
3.2.2 Moritz Stiefels Beerdigung
3.2.3 Die Lehrerkonferenz
3.2.4 Verrat des Ehepaars Gabor an ihrem Sohn

4 Fazit

Literaturliste

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1 Einleitung

Im Jahr 1891 wurde Frank Wedekinds Drama Frühlings Erwachen. Eine Kindertragödie veröffentlicht[1]. Das Stück galt zunächst als „unaufführbar“ und blieb für Jahre ein Lesedrama, denn es behandelte gesellschaftliche Tabus, ließ sich keinem etablierten Dramentypus zuordnen[2] und arbeitete mit jugendlichen Protagonisten sowie schnellen Szenenwechseln, was eine Aufführung erschwerte[3]. Dank der Fürbitten namhafter Intellektueller bei der Berliner Zensur[4] und neuer Bühnentechnologie konnte Frühlings Erwachen schließlich – wenn auch mit einigen Streichungen und Änderungen – 1906 uraufgeführt werden[5]. Das Stück wurde wohl vor allem wegen seiner Thematik – erstmals rückte ein deutschsprachiges Drama die Probleme von Jugendlichen in den Mittelpunkt[6] – zu einem der meistgespielten deutschen des 20. Jahrhunderts[7] und zum Durchbruch Frank Wedekinds, der zuvor nur einem kleinen Intellektuellenkreis bekannt gewesen war[8] und dem heute Einflüsse auf Autoren wie Hermann Hesse[9], Bertolt Brecht und Friedrich Dürrenmatt bescheinigt werden[10].

Frühlings Erwachen erhielt infolge seines Erfolgs einige Aufmerksamkeit der Forschung. Hamburger zum Beispiel untersucht Frühlings Erwachen im Hinblick auf Freuds Psychoanalyse und beschäftigt sich mit der Wirkung des sexuellen Spannungsbogens auf den Leser[11]. Rothe betrachtet die Epochen- und Stilzugehörigkeit des Stücks und bringt es mit dem Jugendstil in Verbindung[12], während Wagener Wedekind als Initiator und Vorläufer des Expressionismus sieht[13]. Gutjahr legt intertextuelle Bezüge von Wedekinds Mini Haha und Frühlings Erwachen bezüglich der Erziehung der Frau zum Sexualobjekt dar[14] und die DDR-Autoren Hahn und Irmer deuten das Drama vor allem als Kapitalismuskritik[15]. Neben diesen spezifischeren Analysen wird häufig ein Zusammenhang von Wedekinds Biografie und den Figuren und Geschehnissen seines Dramas hergestellt[16] – nicht zuletzt, weil Wedekind selbst in seinem Kommentar Was ich mir dabei dachte auf autobiografische Bezüge verweist[17] und in einem Brief an einen Kritiker als Intention nennt, der Jugend seiner Zeit „wenn möglich bei Erziehern, Eltern und Lehrern zu einer humaneren rationelleren Beurtheilung zu verhelfen“[18].

Sicher liegt Pankau damit auch richtig, dass „die Konfrontation jugendlicher Adoleszenz mit einer maskenhaften, autoritär Normen setzenden Erwachsenenwelt [...] als pädagogische Aufklärungsliteratur wie als sexualreformerisches Manifest gelesen werden“[19] konnte, doch Vinҫon weist zu Recht darauf hin, dass die Biografie eines Autors das Werk selbst nicht in den Hintergrund rücken lassen sollte[20] und dass Frühlings Erwachen trotz aller Bezüge zu Wedekind und seiner Zeit keine Dokumentation realer Ereignisse und auch keine Autobiografie ist[21].

Diese Arbeit soll daher Wedekinds Leben und die Gesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts außen vor lassen und stattdessen einen Beitrag zur werkimmanenten Erforschung von Frühlings Erwachen leisten. Es soll der Frage nachgegangen werden, wie Moral in Wedekinds Drama in Erscheinung tritt und auf welche Weise diese innerhalb des Stücks gültige Moral kritisiert wird.

Dazu wird in Kapitel 2 zunächst eine Bestandsaufnahme der von den Erwachsenen getragenen Moral durchgeführt. Daran anknüpfend soll in Kapitel 3 gezeigt werden, wie durch das präsentierte Schicksal der Kinder und den Umgang der Erwachsenen mit den Kindern an diesem Moralverständnis Kritik geübt wird. Im Fazit sollen die Ergebnisse zusammengefasst und ein Ausblick gegeben werden, welche Alternativen es in der Gesellschaft, an der die jungen Protagonisten scheitern, trotz allem gibt.

Alle Belege aus Frühlings Erwachen folgen der Ausgabe: Frank Wedekind: Frühlings Erwachen. Text und Kommentar. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2014.

2 Moral in der bürgerlichen Gesellschaft in Frühlings Erwachen

2.1 Sexuelle Aufklärung als Tabu – Frau Bergmann

Frühlings Erwachen beginnt mit einer Diskussion zwischen Frau Bergmann und ihrer Tochter Wendla (I, 1). Frau Bergmann begründet ihren Wunsch, Wendla möge ein längeres Kleid tragen, mit deren vierzehntem Geburtstag, doch Wendla sieht zwischen ihrem Alter und der Länge ihres Kleides keinen Zusammenhang („Ob ich nun vierzehn zähle oder fünfzehn“, S. 9). Im Gespräch wird klar, dass Frau Bergmann mit dem Kleid auf Wendlas körperliche Veränderung reagieren will („Kann ich dafür, daß mein Kind mit jedem Frühjahr wieder zwei Zoll größer ist. Du darfst doch als ausgewachsenes Mädchen nicht in Prinzeßkleidchen einhergehen.“ und „Andere Mädchen sind stakig und plump in deinem Alter. Du bist das Gegenteil“; S. 9). Wendla versteht ihre Mutter nicht, weshalb diese vorgibt, sie wolle nicht, dass sich die Tochter erkälte. Wendla glaubt ihr zwar, doch kann auch diese Taktik das Mädchen nicht überzeugen („In meinen Jahren friert man noch nicht – am wenigsten an die Beine. Wär’s etwa besser, wenn ich zu heiß hätte, Mutter?“) (S. 10).

Dieser kurze Dialog zeigt, wie Frau Bergmann mit Wendlas Entwicklung umgeht. Statt ihr zu erklären, dass ihr Körper zu dem einer Frau wird und männliches Interesse wecken könnte, versucht sie, Wendla mit Ausreden davon zu überzeugen, ihn zu verhüllen[22]. Sie will ihre Tochter im sexuell unwissenden Zustand eines Kindes halten[23], was auch durch ihre Aussage „Ich würde dich ja gerne so behalten, Kind, wie du gerade bist“ (S. 9) deutlich wird. Diese Strategie wiederholt sich in einem späteren Dialog (II, 2) und erweist sich als tief verankerte Vorstellung von Moral. Als Frau Bergmann ihrer Tochter von der Geburt ihres dritten Enkels berichtet, erzählt sie ihr das Märchen vom Storch (S. 36). Auf Wendlas Nachfragen reagiert sie ausweichend (S. 37) und als Wendla ihr eröffnet, nicht mehr an den Storch zu glauben, und eine Erklärung fordert, ist sie entsetzt. Zuerst stammelt sie, sie könne es nicht sagen, dann bittet sie um Aufschub, doch Wendla lässt sich nicht beirren (S. 38). Es scheint einen kurzen Moment, als könne Frau Bergmann sich durchringen, Wendla die Wahrheit zu sagen, doch schließlich ist ihre Erklärung:

Um ein Kind zu bekommen – muß man den Mann – mit dem man verheiratet ist... liebenlieben sag ich dir – wie man nur einen Mann lieben kann! Man muß ihn so sehr von ganzem Herzen lieben, wie – wie sich’s nicht sagen läßt! Man muß ihn lieben, Wendla, wie du in deinen Jahren noch gar nicht lieben kannst (S. 39).

Frau Bergmanns Lüge scheint weniger das Produkt fehlenden Willens zur Wahrheit zu sein als das ihres Moralempfindens. Sie ruft mehrfach Gott an, ihr beizustehen, spricht sich von der Schuld frei, die sie glaubt, auf sich zu laden, wenn sie Wendla aufklärt, und betont ihren eigenen moralisch guten Charakter („Der Himmel weiß, Wendla, daß ich nicht die Schuld trage! Der Himmel kennt mich!“). Auch religionsunabhängig hat Frau Bergmann das Gefühl, sich durch Aufklärung schuldig zu machen: „Ich verdiene ja, daß man mich ins Gefängnis setzt – daß man dich von mir nimmt...“ (S. 39). Über Sexualität zu sprechen, kommt für sie einem Verbrechen gleich, weshalb sie sich nach dem Märchen vom Storch erneut für eine Lüge entscheidet.

Ihre Worte „wie du in deinen Jahren noch gar nicht lieben kannst“ zeigen, dass sie glaubt, Wendla von allem Sexuellen fernhalten zu können, wenn sie sie zum einen weiterhin in Unwissen darüber lässt und ihr zum anderen weismacht, dass sie in ihrem Alter noch keine Kinder bekommen könne. Zwar entbehrt „lieben, [...] wie sich’s nicht sagen läßt“ auch einer gewissen Zweideutigkeit zwischen der Liebe als Gefühl und der körperlichen Liebe, die sich bei Frau Bergmann „nicht sagen lässt“, nicht[24], diese ist für Wendla jedoch nicht zu entschlüsseln, sodass sie zumindest ihrem Wissensschatz nach das gewünschte unschuldige Kind bleibt. Am Ende des Dialogs wiederholt Frau Bergmann das erste Gespräch mit Wendla: „Ich werde dir gelegentlich eine Handbreit Volants unten ansetzen“ (S. 10; 40). Hier werden der zu Beginn des Dramas nur angedeutete Zusammenhang zwischen Sexualität und Verhüllung des Körpers und Frau Bergmanns Bestreben, das Kind Wendla zu behalten, noch deutlicher[25].

Moral ist für Frau Bergmann also, ihre Tochter nicht über Sexualität und die darauf beruhenden körperlichen Reifeprozesse aufzuklären, und rechtfertigt auch Lügen. Sie verknüpft Aufklärung mit Scham und Schuldgefühlen. Um sich diesen nicht stellen zu müssen, versucht sie, Wendlas kindliche Unschuld durch Märchen, Halbwahrheiten und längere Kleider aufrechtzuerhalten[26].

2.2 Die Verteidigung des Rechts – Herr Gabor

Herr Gabor tritt im gesamten Drama nur ein einziges Mal auf (III, 3) und auch Melchior erwähnt seinen Vater nie. Er vertritt jedoch einen sehr deutlichen moralischen Standpunkt, der sich im Streit mit seiner Frau über Melchiors Schicksal zeigt:

Wer zu schwach für den Marsch ist, bleibt am Wege. [...] Unsere Pflicht ist es, den Wankenden zu festigen, solange die Vernunft Mittel weiß. [...] Eine halbwegs gesunde Natur läßt sich zu so etwas [Melchiors Aufklärungsschrift] nicht herbei. Wir alle sind keine Heiligen; jeder von uns irrt vom schnurgeraden Pfad ab. (S. 65)

In diesem Abschnitt nennt Herr Gabor als erzieherischen Grundsatz, dass es Aufgabe der Eltern sei, ihr Kind den richtigen Weg entlang zu führen. Was genau der Inhalt dieses „Weges“ ist, wird im Folgenden deutlich. Herr Gabor fordert für seinen und von seinem Sohn „[...] eherne Disziplin, Grundsätze, und einen moralischen Zwang [...]“ (S. 68), „[...] das Gute [zu] wollen statt des Interessanten [und] das Gesetz in Frage [zu] ziehen“ (S. 69). Disziplin und Zwang setzt er mit „dem Guten“ – oder dem Moralischen – gleich, „das Interessante“, die Sexualität, hingegen mit dem „Unmoralischen“ (S. 66). Obwohl er, wie aus dem vorangegangenen Zitat ersichtlich, zugibt, dass es auch für ihn selbst und alle anderen schwierig ist, stets dem Weg des Moralischen zu folgen, ist dieser Weg das, was er für „gesund“ hält, während er ein Abweichen davon „moralische[n] Irrsinn“ nennt und ihm damit eine krankhafte Komponente zuschreibt.

Herr Gabor stellt als Jurist eine Verbindung zwischen Recht und Moral her, was durch Begriffe wie „Schuld“ (S. 65) und „Korruption“ (S. 66) für das Unmoralische, „Unrecht“ (S. 64) als Bezeichnung für Frau Gabors liberaleren Erziehungsstil und „Gesetz“ (S. 69) für das Moralische deutlich wird. Seine Aufgabe ist von Berufswegen die Verteidigung des Gesetzes und Aufrechterhaltung des Rechts, wozu ihm Instrumente wie die Korrektionsanstalt dienen[27]. Moral bedeutet hier also, den Weg der sexuellen Selbstkontrolle einzuschlagen und sich an Regeln zu halten.

2.3 Anstand und Gehorsam – Marthas Eltern

Marthas Eltern sind ein weiteres Beispiel für das Moralverständnis der Erwachsenen in Frühlings Erwachen. In einem Gespräch mit ihren Freundinnen Wendla und Thea erzählt Martha von Schlägen und anderen Bestrafungen ihrer Eltern (I, 3).

Auf Wendlas Vorschlag, Martha ihre ungeliebten langen Haare abzuschneiden, sagt diese: „Papa schlägt mich krumm, und Mama sperrt mich drei Nächte ins Kohlenloch“ (S. 18). Martha muss mit einer Vielzahl von Verboten umgehen, wozu zum Beispiel gehört, Bänder an ihrem Kleid anzubringen (S. 18) und „im Bett ein Stück Brot zu essen“ (S. 19). Ihr werden von ihren Eltern außerdem erotische Absichten unterstellt, als sie ohne Hemd hinausrennt („Da habe man’s, worauf ich ausgehe!“, S. 19), während sie nur versucht, ihrem Vater zu entkommen[28], denn auf Regelverstöße folgen in ihrem Elternhaus verschiedene Strafen: Ihre Mutter habe sie „am Zopf zum Bett heraus“ gezogen, und sie habe eine Nacht bis zum Hals in einem Sack eingeschnürt verbringen müssen (S. 19). Zudem werde sie regelmäßig mit verschiedenen Dingen geschlagen (S. 18-19). Durch Marthas Bemerkung, „[ihrer] Mutter wenigstens solle [sie] einmal keine Vorwürfe machen können“ (S. 19), wird impliziert, dass Marthas Eltern ihre Methoden als notwendig für die Erziehung ihrer Tochter zu Anstand und Keuschheit erachten. In dieser kurzen Passage tritt Moral also als Keuschheit und allgemeiner als ein Katalog von Regeln auf, an die es sich zwingend zu halten gilt.

2.4 Keuschheit – Hänschen Rilow

Bei Hänschen Rilows Selbstbefriedigungsszene (II, 3) wird klar, dass er eben diese für eine Sünde hält (S. 41) und die fantasierte Zurückhaltung der „Venus von Palma Vecchio“ als Keuschheit und Beweis dafür, „daß sie eine musterhafte Erziehung genossen hat“ (S. 42) sieht. Ohne dass Hänschen im Werk sonderlich präsent wäre oder seine Eltern je erwähnen würde, zeigt sich hier, mit welchen Vorstellungen von Moral er erzogen wurde, wobei eine Setzung von Keuschheit als moralisch und Sexualität als unmoralisch stattfindet. Auch später, als Hänschen sich offenbar entschlossen hat, öffentlich moralisch zu leben, doch seine Triebe mit Ernst Röbel heimlich auszuleben (III, 6), nennt er das öffentliche Leben „die Tugend“ (S. 77), wodurch die oben genannte Setzung noch klarer wird.

2.5 Ein weiteres wichtiges Gut – Leistung

Nicht alle Werte der Gesellschaft in Frühlings Erwachen beziehen sich auf die Nichtauslebung der Sexualität. Auch das Erbringen von Leistung ist ein Teil moralischen Verhaltens. Außer Melchior scheint keiner der männlichen Schüler ein Gespräch führen zu können, bei dem es nicht um schulische Pflichten geht (I, 2; S. 10-11). Moritz ist sein schulischer Erfolg sogar so wichtig, dass er ohne Erlaubnis das Konferenzzimmer der Lehrer betritt, um zu überprüfen, ob er versetzt wird oder nicht (I, 4; S. 22-23). Die Lehrer setzen die Schüler unter Druck, indem sie sie nur nach Noten beurteilen. Beispielsweise wertet der Lehrer Knochenbruch Moritz durch die Aussage „Mir unbegreiflich [...], wie sich der beste meiner Schüler gerade zum allerschlechtesten so hingezogen fühlen kann“ (S. 25), aufgrund schlechterer schulischer Leistungen gegenüber dem sehr guten Schüler Melchior ab. Dass Melchior wegen Moritz’ guten Charakters oder gemeinsamer Interessen mit ihm befreundet sein könnte, scheint den Lehrern kaum vorstellbar. Auch Rektor Sonnenstich zeigt mit dem Kommentar „[w]ir hätten ihn ja wahrscheinlich doch nicht promovieren können“ auf Moritz Stiefels Beerdigung (III, 2; S. 61), dass dessen Tod für die Lehrer und seinen Vater nicht weiter von Bedeutung ist, da er ohne gute Schulnoten auch keinen Wert als Mensch hat[29].

2.6 Zusammenfassung

Wie lässt sich Moral in Frühlings Erwachen also fassen? Sie ist definitiv etwas, das von den Erwachsenen ausgeht und dem die Kinder unterworfen sind. Bei Frau Bergmann ist sie Verdrängung der sexuellen Entwicklung, bei Herrn Gabor eiserne Disziplin, sexuelle Selbstkontrolle und Recht, bei Marthas Eltern ein Feld von Verboten und gewalttätigen Bestrafungen, bei Hänschen Rilows Eltern Keuschheit und bei den Lehrern schulische Leistung.

Außer dem Leistungsprinzip beziehen sich alle moralischen Werte auf die Unterdrückung der Sexualität, des natürlichen Triebs des Menschen. Moral ist also auch etwas, das als „naturwidrig“ erscheint[30]. Doch dies ist in der von den Erwachsenen beherrschten Dramengesellschaft keineswegs negativ konnotiert, sondern vielmehr erstrebenswert, weil es „das Gute“ und „das Gesetz“ ist und damit in jedem Falle das oberste Gut, während das Ausleben der natürlichen Triebe – oder wie bei Frau Bergmann auch nur das Reden darüber – mit einem Verbrechen gleichgesetzt wird. In Frühlings Erwachen wird alles als moralisch oder unmoralisch beurteilt, dazwischen existiert nichts[31]. Keuschheit, Disziplin, Verbote, Gewalt und Leistung sind die in dieser Gesellschaft gültigen Werte, nach denen die Kinder erzogen werden und an die sich jeder zu halten hat. Wie eben diese Werte die Kinder bedrücken und zu ihrem Untergang führen, wird der folgende Abschnitt zeigen.

[...]


[1] vgl. Hahn, Manfred: „Frank Wedekind. Leben und Werk“. In: Frank Wedekind: Dramen 1. Berlin, Weimar: Aufbau-Verlag 1969, S. 8.

[2] vgl. Seehaus, Günter: Frank Wedekind. Reinbek: Rowohlt 1979.

[3] vgl. Hahn 1969, S. 7.

[4] vgl. Vinçon, Hartmut: „Am Ende war ich doch ein Poet“. Frank Wedekind: Ein klassiker der Literarischen Moderne. Werk und Person. Würzburg: Königshausen & Neumann 2014, S. 193-194.

[5] vgl. Seehaus 1979, S. 48.

[6] vgl. Vinҫon 2014, S. 70.

[7] vgl. Hahn 1969, S. 7.

[8] vgl. Vinҫon 2014, S. 195.

[9] vgl. Irmer, Hans-Joachim: Der Theaterdichter Frank Wedekind. Werk und Wirkung. Berlin: Henschelverlag 1975, S. 110.

[10] vgl. ebd., S. 7.

[11] vgl. Hamburger, Andreas: „Zur Konstruktion der Pubertät in Wedekinds Frühlings Erwachen. In: Ortrud Gutjahr (Hrsg.): Frank Wedekind. Würzburg: Königshausen & Neumann 2001, S. 55-91.

[12] vgl. Rothe, Friedrich: Frank Wedekinds Dramen. Jugendstil und Lebensphilosophie. Stuttgart: Metzler 1968.

[13] vgl. Wagener, Hans: Frank Wedekind. Berlin: Colloquium 1979.

[14] vgl. Gutjahr, Ortrud: „Erziehung zur Schamlosigkeit. Frank Wedekinds Mine Haha oder Über die körperliche Erziehung der jungen Mädchen und der intertextuelle Bezug zu Frühlings Erwachen“. In: Ortrud Gutjahr (Hrsg.): Frank Wedekind. Würzburg: Königshausen & Neumann 2001, S. 93-124.

[15] vgl. Hahn 1969 und Irmer 1975.

[16] vgl. Hahn 1969, S. 25-29; Irmer 1975, S. 110 und Pankau, Johannes G.: Sexualität und Modernität. Studien zum deutschen Drama des Fin de Siècle. Würzburg: Königshausen und Neumann 2005, S. 125.

[17] vgl. Irmer 1975, S. 112.

[18] ebd., S. 111.

[19] Pankau 2005, S. 123.

[20] vgl. Vinҫon 2014, S. 195.

[21] vgl. ebd., S. 73.

[22] vgl. Spittler, Horst: Frank Wedekind. Frühlings Erwachen. München: Oldenbourg 1999, S. 21.

[23] vgl. Noob, Joachim: Der Schülerselbstmord in der deutschen Literatur um die Jahr-hundertwende. Heidelberg: Winter 1998, S. 129.

[24] vgl. Noob 1998, S. 131.

[25] vgl. Spittler 1999, S. 26.

[26] vgl. ebd., S. 130.

[27] vgl. Irmer 1975, S. 127.

[28] vgl. Spittler 1999, S. 23.

[29] vgl. Wagener 1979, S. 42.

[30] vgl. Seehaus 1979, S. 53.

[31] vgl. Noob 1998, S. 141.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Moral und Moralkritik in Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen"
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Verbrechen in der Literatur
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
26
Katalognummer
V425593
ISBN (eBook)
9783668720794
ISBN (Buch)
9783668720800
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wedekind, Frühlings Erwachen, Moral, Gesellschaft, Moralkritik
Arbeit zitieren
Franziska Riedel (Autor), 2017, Moral und Moralkritik in Frank Wedekinds "Frühlings Erwachen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/425593

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