Nationalsozialismus und Judenverfolgung (Doppelstunde Geschichte 9. Klasse)


Unterrichtsentwurf, 2015
9 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Klassensituation

2. Die Stunde in der Unterrichtseinheit

3. Sachanalyse

4. Lernziele

5. Methodische Überlegungen

6. Geplanter Stundenverlauf

7. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Klassensituation

Die Klasse der neunten Jahrgangsstufe besteht aus 30 Schülern und Schülerinnen. Sie sind mit der Arbeitsform der Gruppen- und Partnerarbeit aus vorherigen Stunden bereits bestens vertraut, weshalb auch für die folgende Stunde diese Methoden angewandt werden.

In den vorangegangenen Unterrichtsstunden haben die Schüler die ideologischen Grundlagen, die Gleichschaltung und die Propagandamechanismen des Nationalsozialismus kennengelernt, sodass dieses Vorwissen genutzt und im Hinblick auf die Judenverfolgung weiterentwickelt werden kann. Direkt auf diese Stunden vorbereitend haben die Schüler eine Quelle über den Boykott jüdischer Geschäfte als Hausaufgabe gelesen.

2. Die Stunde in der Unterrichtseinheit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. Sachanalyse

Die NSDAP verstand es, zur richtigen Zeit an die teilweise bereits vorhandenen Aversionen der Menschen zu appellieren. Zunächst waren in den letzten Jahren der Weimarer Republik die Kommunisten Ziel der nationalsozialistischen Hetze, mit dem „Judenboykott“ vom 1. April 1933 brach dann aber die antisemitische Komponente der Weltanschauung Adolf Hitlers hervor und wurde zur Spitze seiner pervertierten Weltordnung.

Die Rassenhetze wirkte auf unzufriedene Bürger oft integrierend: Juden wurden als Sündenböcke für alles Schlechte stigmatisiert und ihre Unterdrückung, Verschleppung und letztlich auch ihre Tötung erschienen als logische und notwendige Maßnahmen gegen das vermeintliche Übel.[1] Zusammen mit den „Nürnberger Gesetzen“ vom 15. September 1935, die mit dem „Reichsbürgergesetz“ und dem „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ die jüdische Bevölkerung als bloße „Staatsangehörige“ zu Bürgern minderen Rechts herabwürdigten und sie insgesamt diskriminierten bzw. entrechteten, wurden die Gräueltaten gegen Juden gesetzlich angeordnet und legitimiert. Auch die Zerstörungen von jüdischem Eigentum in der „Reichskristallnacht“ im November 1938 zeugen vom fortschreitenden Hass und immer größer werdender Scham- und Rücksichtslosigkeit.

Die Forderung nach der Vernichtung sogenannten „unwerten Lebens“ und der Züchtung einer überlegenen „Herrenrasse“ wurde im Laufe der Diktatur Hitlers immer lauter und führte am Ende zum Genozid. In der Forschung wird häufig über die Reaktion der Bevölkerung diskutiert und die Frage danach gestellt, inwieweit man von Hitlers Plänen bezüglich der Judenvernichtung gewusst hat und wie man dazu stand. Allgemein ist man der Ansicht, dass das Vorgehen der Nationalsozialisten zwar einerseits in der Bevölkerung auf Bedenken stieß, aber andererseits der Antisemitismus durchaus auch in gewissem Sinne populär war.[2]

Für die Schüler ist es von Bedeutung, die nationalsozialistischen Maßnahmen gegen die Juden zu kennen und die Planmäßigkeit dahinter zu verstehen. Sie sollen sich der unsäglichen Verbrechen bewusst werden und die Pseudolegitimierungen wie die „Nürnberger Gesetze“ kritisch analysieren. Es soll eigenständig überlegt werden, warum es zu so etwas kommen konnte und warum die Bevölkerung nicht in der Lage war, sich gegen das Unrecht zu stellen und stattdessen lieber schwieg.

Gerade für Jugendliche ist es wichtig, das dunkelste Kapitel der deutschen – also auch ihrer eigenen – Geschichte zu beleuchten, um historisches Verantwortungsbewusstsein zu erlangen. Die Schüler sollen im Sinne einer ganzheitlichen Erziehung zu politisch mündigen und verantwortungsvollen Bürgern erzogen werden. Und dies wird unter anderem erreicht, wenn sie erkennen, dass es nicht nur Hitler allein, sondern auch die Bevölkerung war, die es zum Genozid kommen ließ.

4. Lernziele

Hauptsächlich sollen die Schüler erkennen, dass die Nationalsozialisten mit unmenschlichen Maßnahmen (Boykott jüdischer Geschäfte, Verbot der Eheschließung zwischen Deutschen und Juden, öffentliche Bloßstellung der Juden, Zerstörung der Synagogen: Stichwort „Reichskristallnacht“, etc.) gegen Juden vorgegangen sind, sie entrechteten (Nürnberger Gesetze), aus der Volksgemeinschaft rücksichtslos ausgrenzten und ihnen unter unsäglichen Qualen alles nahmen - zuletzt sogar ihr Leben.[3]

Die Schüler „vergleichen ihre Lebenswirklichkeit in der freiheitlichen Demokratie mit dem totalitären Charakter der NS-Diktatur und werden dadurch motiviert, für die Garantie der Grundrechte einzutreten.“[4] Gerade die Thematik der Judenverfolgung im Nationalsozialismus trägt hierzu und zur Förderung des Geschichtsbewusstseins der Schüler bei. Im Mittelpunkt der Stunde stehen Hitlers Maßnahmen gegen die Juden, da jene gegen Behinderte, Kranke sowie Sinti und Roma im Zusammenhang mit dem Völkermord behandelt werden. Auch Holocaust und Auschwitz werden separat bearbeitet, da die Behandlung dieser Themen aufgrund zu erwartender Betroffenheit der Schüler eigene Zeit benötigt. Die Schüler sollen sich mit den strengen Maßnahmen gegen Juden auseinandersetzen. Es soll einerseits ein Gegenwartsbezug zur heutigen Akzeptanz und Toleranz unter den Menschen, andererseits ein Bezug zu immer noch vorhandenen ausländerfeindlichen Gruppierungen hergeleitet werden. Angeregt wird dies durch die Frage, weshalb die Menschen damals ihre Augen vor der Judenverfolgung verschlossen haben und warum auch heute Menschen oft wegsehen.

Teillernziel ist es, dass die Schüler im Sinne der Methodenkompetenz[5] Karikaturen beschreiben und interpretieren lernen (Hitler schafft Staat und Menschen nach seiner Vorstellung ohne Chance auf Individualität) und die Wirkung bzw. den Inhalt einzelner Fotos in der Gruppe diskutieren können. Sie sollen auch aus den Fotos auf die Reaktion der Bevölkerung auf judenfeindliche Handlungen schließen lernen und diese kritisch betrachten. Die Bildquellen fördern das Vorstellungsvermögen der Schüler und helfen ihnen bei der Rekonstruktion von Geschichte.

Außerdem vermittelt die Arbeit mit Bildern „kulturelle Deutungskompetenz“[6], da die Schüler lernen, die Sprache der Bilder und die darin enthaltenen Deutungsmuster zu dechiffrieren. Die Fotografien sensibilisieren für die perfiden Maßnahmen der Nationalsozialisten.

Darüber hinaus lernen die Schüler, aus Quellen die maßgeblichen Informationen über Maßnahmen gegen Juden herauszuarbeiten und ins Unterrichtsgespräch sinnvoll einzubinden bzw. zu präsentieren. Die Quellenarbeit dient dazu, die Schüler nicht mit fertigen Darstellungen der Vergangenheit zu konfrontieren, sondern sie durch eigenes Arbeiten an der Quelle zur persönlichen Urteilsbildung anzuregen. Dies fördert die Selbstständigkeit und das eigene Denken.[7] Natürlich ermöglichen die Quellen auch die Einübung von Interpretationsmethoden und „schaffen damit die Voraussetzung für einen kritischen Umgang mit Informationen aller Art – eine in unserer Mediengesellschaft zentrale Kompetenz.“[8] Die Partnerarbeit bietet die Chance, sich gegenseitig zu ergänzen und soziale Kompetenzen zu verstärken.

Weiterhin soll die Planmäßigkeit der NSDAP bei der „Reichskristallnacht“ erkannt und schließlich die nationalsozialistische Judenpolitik als Verbrechen gegen die Menschlichkeit beurteilt werden, wodurch das mögliche Ausmaß und die Folgen der Maßnahmen gegen die Juden reflektiert werden soll (Völkermord, Konzentrationslager). Dabei wird auch die Fragekompetenz der Schüler durch das Aufstellen eigener Hypothesen, durch kritisches Denken und durch die Transferleistung beim Herstellen eines Gegenwartsbezugs geschult.

Die Hausaufgabe ist zweiteilig gestellt. Die Schüler können frei entscheiden, ob sie Aufgabe A oder B machen wollen, da der Zugang zu Geschichte bei jedem Schüler individuell anders sein kann. Aufgabe A, die kreatives Schreiben verlangt, verfolgt das Ziel, „persönliche Schicksale der weltanschaulichen und rassischen Verfolgung vor und im Zweiten Weltkrieg beschreiben und diese auf die nationalsozialistische Ideologie und Herrschaftspolitik zurückführen [zu können]“.[9] Die Schüler sollen im Schulbuch einen Tagebucheintrag der Anne Frank lesen und ihr einen Brief aus der Perspektive eines Jugendlichen in ähnlicher Lage schreiben. Durch die persönliche Ebene, die dadurch entsteht, wird das Ausmaß der Grausamkeit gegenüber den Juden bewusst und schafft einen umfassenderen Blick der Schüler auf die Geschehnisse. Die Schüler erhalten ein Bewusstsein für „die sich aus der nationalsozialistischen Vergangenheit ergebende historische Verantwortung“.[10]

Aufgabe B beginnt ebenfalls damit, dass die Schüler den Tagebucheintrag der Anne Frank im Buch lesen. Dann sollen sie den historischen Hintergrund dieses Berichtes mit dem aus dem Unterricht gewonnenen Wissen über die Nürnberger Gesetze, die Novemberpogrome, den Boykott der Geschäfte, etc. erläutern. Beide Aufgaben erreichen, dass die Inhalte der Stunde nochmals reflektiert und in den Gesamtzusammenhang eingebunden werden.[11] Zudem wird durch die persönliche Ebene erreicht, dass die Inhalte für die Schüler sehr einprägsam sind. Beide Aufgaben sind auch für die Schüler selbst ein guter Weg, im Hinblick auf eine Klassenarbeit die wesentlichen Punkte noch einmal durchzusehen und damit zu lernen.

Die Tatsache, dass in Anne Franks Tagebucheintrag Deportationen von Juden thematisiert werden, lässt die Schüler die weiteren Konsequenzen der Maßnahmen gegen Juden erahnen und führt sie schon zum Thema „Holocaust“, das in einer eigenen Unterrichtsstunde folgen wird, hin.

5. Methodische Überlegungen

Der Einstieg erfolgt motivierend durch eine Karikatur mit dem Titel „Der Bildhauer Deutschlands“ aus dem Jahre 1933 von Oskar Garvens. Die Karikatur besteht aus vier Bildern, die der Reihe nach aufgedeckt werden. Die Schüler äußern sich zu den jeweiligen Bildern und können das aus den vorangegangenen Unterrichtsstunden gesammelte Vorwissen (Gleichschaltung, keine Individualität mehr) einbringen. Auf diese Weise wird eine Verknüpfung zwischen den vorigen und der kommenden Stunde hergestellt.[12]

Nach der Beschreibung und Analyse der Karikatur soll der Impuls bzw. die Frage eingebracht werden, wer nicht Hitlers Vorstellungen entsprach und damit aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen wurde, und wie gegen diese vorgegangen wurde. Durch die in der letzten Stunde gegebene Hausaufgabe, eine Quelle über den Boykott jüdischer Geschäfte, können die Schüler leicht antworten, dass es besonders die Juden sind, die Hitler rigoros aus der Volksgemeinschaft ausschloss. Dies leitet zur nächsten Phase über.

In der ersten Erarbeitungsphase betrachten die Schüler in Gruppen eine Fotoreihe[13] aus verschiedenen auf Plakate aufgeklebten Fotografien, die im Klassenraum verteilt auf Gruppentischen bereitgestellt werden. Hier beschreiben sie die Fotos knapp und tauschen sich über deren Wirkung aus (Juden werden bloßgestellt, Öffentlichkeit schaut zu, Boykottierung der jüdischen Geschäfte, etc.). Die Gedanken zu den Fotos schreiben sie auf das Plakat unter die Fotografie. Nach jeweils ca. 3 Minuten wechseln die Gruppen auf Zeichen der Lehrerin zum nächsten Foto und bearbeiten es nach den gleichen Kriterien.

Zur ersten Sicherung der Ergebnisse bleiben die jeweiligen Gruppen an der letzten Station stehen und präsentieren der Klasse die auf dem Plakat festgehaltenen Gedanken. Verständnisschwierigkeiten sollten hierbei nicht auftreten, aber wenn doch, so sollen sie im Gespräch geklärt werden. Wichtig sind die Einhaltung der Zeitvorgaben und die Teilnahme aller Schüler am Gespräch. Als alternative Sicherung wäre die Formulierung einer Überschrift für jede der Fotografien möglich, die aus den verschiedenen Gedanken geformt werden könnte. Dies wäre jedoch sehr zeitintensiv und würde auch nicht alle Meinungen der Schüler abbilden. Deshalb wird darauf verzichtet.

Die zweite Erarbeitungsphase erfolgt in Partnerarbeit. Hierfür erhalten die Schüler zwei Textquellen (Auszüge aus den „Nürnberger Gesetzen“ und eine Quelle zur „Reichskristallnacht“), von denen jeweils ein Schüler eine bearbeitet und sich danach mit dem Partner über die Inhalte austauscht. Selbstverständlich können alle Schüler jederzeit Fragen stellen. Sollten erhebliche Schwierigkeiten auftreten oder offene Fragen ausstehen, so sollen diese unbedingt vor der Phase der Sicherung von der Lehrerin geklärt werden.

In der Phase der zweiten Sicherung fassen die Schüler die Ergebnisse ihrer Quellenarbeit zusammen, um gemeinsam ein Tafelbild zu stellen, das die Lehrerin an der Tafel festhält. Ein Fazit wird von den Schülern selbst formuliert.

In der folgenden Vertiefung sollen die Schüler die Maßnahmen gegen die Juden kritisch diskutieren sowie beurteilen (Menschenverachtung, Verbrechen) und sich mit der Frage nach der Reaktion der Menschen (verbreitet wurde geschwiegen und weggesehen), der Mitbürger, auseinandersetzen. Dies geschieht, indem hier auf die Fotos der ersten Erarbeitungsphase zurückgegriffen wird und ein Gegenwartsbezug zu heute hergestellt werden soll: Wann und warum schauen wir heute oft weg (Angst, Unsicherheit, Anpassung)? Denn Bezugspunkt für unsere Beschäftigung mit Vergangenheit ist stets die Gegenwart. Michael Sauer stellt sogar fest: „Geschichte kann, Geschichtsunterricht soll einer historisch fundierten Gegenwartsorientierung dienen.“[14]

[...]


[1] Vgl. Klaus Hildebrandt, Das Dritte Reich, S. 7.

[2] ibidem

[3] Gemäß dem Bildungsplan Baden-Württemberg, Geschichte Gymnasien 2001, S. 364.

[4] Ibidem, S. 363.

[5] Bildungsstandards Geschichte Gymnasium, S. 219.

[6] Vgl. Hilke Günther-Arndt (Hrsg.), Geschichtsdidaktik, S. 97.

[7] Vgl. Michael Sauer, Geschichte Unterrichten, S. 107.

[8] Vgl. Hilke Günther-Arndt (Hrsg.), Geschichtsdidaktik, S. 78.

[9] Bildungsstandards Geschichte Gymnasium, S. 224.

[10] ibidem

[11] Vgl. Bildungsstandards Geschichte Gymnasien, S. 219:

„[…] Während einerseits schon der Umgang mit übergreifenden Fragestellungen gefördert wird, haben andererseits konkrete Ereignisse und Situationen sowie die Geschichte des Alltags der Menschen einen dem Alter der Schülerinnen und Schüler entsprechenden Stellenwert. In diesem Zusammenhang gewinnen Personen und Ereignisse, Quellen und Zeitzeugen aus der

Lokal- und Regionalgeschichte eine besondere Bedeutung, weil so historische Wirklichkeit konkret erfahrbar ist, ohne dass der Blick für eine generalisierende Betrachtung verstellt wird.“

[12] Vgl. Michael Sauer, Geschichte unterrichten, S. 105.

[13] Unter den Methoden auch als „Karikaturenrallye“ oder „Karika-Tour“ bekannt. Kann aber problemlos auch mit Bildern oder Fotos durchgeführt werden. In: Frank Müller, Selbstständigkeit fördern und fordern. Handlungsorientierte und praxiserprobte Methoden für alle Schularten und Schulstufen, Weinheim und Basel 2006, S. 74f.

[14] Michael Sauer, Geschichte unterrichten, S. 90.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Nationalsozialismus und Judenverfolgung (Doppelstunde Geschichte 9. Klasse)
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Historisches Seminar)
Note
1,0
Jahr
2015
Seiten
9
Katalognummer
V428103
ISBN (eBook)
9783668726680
ISBN (Buch)
9783668726697
Dateigröße
480 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
nationalsozialismus, judenverfolgung, doppelstunde, geschichte, klasse
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Nationalsozialismus und Judenverfolgung (Doppelstunde Geschichte 9. Klasse), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428103

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