Die Familie gilt nicht nur als immer noch dominante Lebensform sondern auch als zentrale Kategorie des bürgerlichen Selbstverständnisses, die insbesondere in der bürgerlichen Gesellschaft einen wichtigen Stellenwert einnimmt, da sie ein Indiz für die historische Entwicklung des Bürgertums ist und den Aufstieg bzw. Verfall bürgerlicher Norm- und Wertvorstellungen, mit denen sich das Bürgertum von der höfischen Lebensweise distanziert, exemplarisch dokumentiert. Aufgrund der Tatsache, dass sich die Interessen des Individuums nicht durchweg mit denen der Familie bzw. der Gesellschaft decken, kann man daraus schließen, dass die Familie selbst eine konfliktanfällige Verhältnisform verkörpert. Das bürgerliche Trauerspiel des 18. Jahrhunderts zeigt, in welche Konflikte die Vertreter bürgerlicher Tugendmoralen geraten, wenn diese durch Eindringlinge der höfischen Welt in die familiäre Intimität gefährdet werden.
Wie in dieser Arbeit anhand der Analyse Schillers Kabale und Liebe gezeigt wird, fungiert die weibliche Unschuld als zentrale Kategorie des bürgerlichen Tugendanspruchs, deren Bedrohung durch die Problematik des bürgerlichen Moralanspruchs beispielhaft dargestellt wird. Der tragische Konflikt in Schillers Werk entsteht aus dem Widerspruch von individuellem Glücksanspruch und familiärer Bindung, die eine Selbstbestimmung des Individuums nur in dem von der Familie gesetzten Rahmen von Tugend und Moral verwirklichen lässt. Die Entstehung eines Konfliktes bei der nicht standesgemäßen Beziehung zwischen dem Präsidentensohn Ferdinand und der Tochter des Musikus Miller ist daher vorprogrammiert.
Zur genaueren Darstellung des bürgerlichen Rollenbilds in Schillers Kabale und Liebe wird zunächst auf die Bürgerlichkeit bzw. die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft unter den damaligen Umständen des 18. Jahrhunderts eingegangen. Daran anschließend wird das bürgerliche Selbstverständnis anhand der wichtigsten Figuren des Werkes analysiert, um darauffolgend die Frage zu beantworten, ob unter den deutschen zeitgenössischen Gegebenheiten und moralischen Auffassungen eine Emanzipation des Bürgertums gegenüber dem feudalen Absolutismus möglich war.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung, Ablauf und Ziel der Arbeit
2. Die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft im 18. Jahrhundert
3. Analyse des bürgerlichen Selbstverständnisses einzelner Figuren in Schillers Kabale und Liebe
3.1. Miller
3.2. Luise
3.3. Ferdinand
4. Resümee
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das bürgerliche Selbstverständnis anhand der zentralen Figuren in Friedrich Schillers Drama „Kabale und Liebe“. Ziel ist es, unter Einbeziehung der zeitgenössischen gesellschaftlichen Bedingungen des 18. Jahrhunderts aufzuzeigen, inwieweit eine Emanzipation des Bürgertums gegenüber dem feudalen Absolutismus in dieser Epoche möglich war.
- Die historische Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und deren Wertvorstellungen
- Die Analyse der Vater-Kind-Beziehungen als Ausdruck bürgerlicher Moral und Abhängigkeit
- Der Konflikt zwischen individuellem Glücksanspruch und ständischer Ordnung
- Der Einfluss der feudalen Intrigenwelt auf das bürgerliche Familienleben
- Die Rolle der Sprache und der ökonomischen Bildsprache für die soziale Identitätsbildung
Auszug aus dem Buch
3.1. Miller
Musikus Miller als Vater von Luise Miller vertritt in Schillers Kabale und Liebe ein realistisches bürgerliches Portrait: ein „ehrbarer Bürgersmann“ und „rechtschaffener Vater“. Allein aus diesem Grund ist eine detailliertere Analyse seines bürgerlichen Selbstverständnisses im Rahmen dieser Arbeit unabdingbar. Während seine Frau Selbstkritik übt und auf die soziale Karriere fokussiert ist (Akt I, Szenen 1 und 2), definiert Miller sein Selbstbewusstsein über seine Frau. Miller gilt als selbstbewusster Standesvertreter, der seine Bürgerlichkeit allen voran durch seine traditionelle Bindung an die Stadt erhält. Durch seine ökonomische Absicherung mit seinem Handel mit der Ware Musik ist Miller kein bloßer Handwerker, sondern ein Bürger mit Reputation mit Kontakten zum Hof und einer ebenfalls in der Öffentlichkeit bewussten Moral.
Gleichzeitig macht ihn seine Anstellung als Musiklehrer vom feudalen Hof abhängig. Er ist geprägt von der „Herr-im-Haus-Mentalität (Akt I, Szenen 1 und 2) - er sorgt sich um das öffentliche Auftreten und dabei insbesondere um den guten Ruf aufgrund des Verhältnisses zwischen seiner Tochter Luise und dem Adelssohn Ferdinand, den er nicht gefährden möchte. Er befürchtet, dass Luise die Familie in Verruf bringt und sie sich selbst ihre normale bürgerliche Zukunft verbaut. Dies wird bspw. gleich am Anfang des Stücks durch seine Aussage in Akt 1 Szene 1 Zeilen 12-16 deutlich: „meine Tochter ist zu schlecht zu Dero Herrn Sohnes Frau, aber zu Dero Herrn Sohnes Hure ist meine Tochter zu kostbar, und damit basta! – Ich heiße Miller!“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung, Ablauf und Ziel der Arbeit: Diese Einleitung stellt das Konzept der Familie als zentrale Kategorie des bürgerlichen Selbstverständnisses vor und erläutert den tragischen Konflikt zwischen Tugendmoral und höfischer Intrige.
2. Die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft im 18. Jahrhundert: Das Kapitel beleuchtet den Aufstieg des bürgerlichen Trauerspiels sowie die sozioökonomischen Rahmenbedingungen des Merkantilismus und des Kampfes um Bürgerrechte.
3. Analyse des bürgerlichen Selbstverständnisses einzelner Figuren in Schillers Kabale und Liebe: Dieser Hauptteil analysiert die Charaktere Miller, Luise und Ferdinand hinsichtlich ihrer Identität, ihrer Moralvorstellungen und ihres Verhältnisses zum absolutistischen System.
3.1. Miller: Die Untersuchung zeigt Millers Stolz und seine ehrbare bürgerliche Haltung, beleuchtet aber auch seine ökonomische Sichtweise auf die Tochter als „Investition“ und seine passive Rolle gegenüber dem Adel.
3.2. Luise: Der Fokus liegt auf Luises innerem Konflikt zwischen dem Wunsch nach individuellem Glück und der durch Erziehung verinnerlichten Gehorsamspflicht gegenüber ihrem Vater.
3.3. Ferdinand: Dieses Kapitel betrachtet Ferdinands Rebellion gegen seinen adligen Stand und seinen Versuch, bürgerliche Ideale wie Liebe und Menschlichkeit gegen die höfische Korruption zu setzen.
4. Resümee: Das Fazit fasst zusammen, dass eine Emanzipation des Bürgertums um 1780 aufgrund fehlender politischer Einheit und der Zerstörung des familiären Kerns durch äußere wie innere Faktoren noch nicht realisierbar war.
Schlüsselwörter
Bürgerliches Trauerspiel, Friedrich Schiller, Kabale und Liebe, Bürgertum, Feudalismus, Absolutismus, Moralvorstellungen, Klassengegensatz, Familienstruktur, Emanzipation, Tugend, Rebellion, Soziale Identität, 18. Jahrhundert, Literaturanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert das bürgerliche Selbstverständnis in Schillers Drama „Kabale und Liebe“ und untersucht, wie dieses durch die gesellschaftlichen Spannungen zwischen dem Bürgertum und dem feudalen Adel beeinflusst wird.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Konzepte von Ehre, Moral, Familie als Schutzraum, die ökonomische Abhängigkeit sowie der Konflikt zwischen individueller Selbstbestimmung und ständischer Bevormundung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, zu klären, ob unter den gegebenen historischen und moralischen Bedingungen des 18. Jahrhunderts eine Emanzipation des Bürgertums gegenüber dem absolutistischen System möglich war.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die die Charakterentwicklung der Hauptfiguren unter Einbeziehung des historischen und soziologischen Kontextes interpretiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der Figuren Miller, Luise und Ferdinand, wobei deren jeweiliges Handeln, ihre Sprache und ihre Haltung zum Standesunterschied untersucht werden.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie „Bürgerliches Selbstverständnis“, „Feudaler Absolutismus“, „Klassenkampf“ und „Tugendmoral“ treffend zusammenfassen.
Warum fungiert Miller als „ehrbarer Bürgersmann“ zugleich als repressiver Vater?
Obwohl Miller für bürgerliche Tugenden einsteht, betrachtet er seine Tochter Luise auch als materielles Gut und Altersvorsorge, was ihn in einen Widerspruch zwischen moralischem Anspruch und eigennützigem Handeln bringt.
Welche Rolle spielt die Sprache für Luises soziale Identität?
Luise nutzt religiöse und metaphorische Sprache, wie etwa das Bild der „Mücke“, um ihre Hilflosigkeit sowie ihren stillen Protest gegen die absolutistische Unterdrückung auszudrücken.
- Arbeit zitieren
- Julia- Anna Hillenbrand (Autor:in), 2018, Das bürgerliche Selbstverständnis in Schillers "Kabale und Liebe", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428134