Bildung und Sittlichkeit

Nach Friedrich Schleiermacher, muslimischen Bildungsdenkern und im Lehrplan des islamischen Religionsunterrichts


Seminararbeit, 2018

19 Seiten, Note: 2


Leseprobe

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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung ... 3
2. Begrifflichkeiten ... 4
3. Bildung und Sittlichkeit ... 6
3.1. Nach Friedrich Schleiermacher... 6
3.2. Nach muslimischen Bildungsdenkern... 9
3.3. Sittlichkeit im Lehrplan des islamischen Religionsunterrichts ... 13
4. Fazit ... 18
Literaturverzeichnis ... 19

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1. Einleitung
Im Seminar ,,Bildungswissenschaften im Spannungsfeld theoretischer, praktischer
und gesellschaftlicher Verortung" an der Universität Wien wurden folgende zehn
Fachtexte von verschiedenen BildungstheoretikerInnen intensiv durchgearbeitet:
1)
Schleiermacher, Friedrich D. E. (1959): Was hat die Erziehung zu leisten, um
Ansprüche auf Gültigkeit zu machen? Theorie der Erziehung: Die Grundfragen einer
theoretischen Pädagogik.
2)
Schleiermacher, Friedrich D. E. (1959): Die Grundfragen einer theoretischen
Pädagogik. Theorie der Erziehung: Die Vorlesungen des Jahres 1826.
3)
Fink, Eugen (1961): Der Doppelaspekt der Pädagogik als theoretischer und
pragmatischer Wissenschaft
4)
Meyer-Drawe, Käte (1984): Grenzen pädagogischen Verstehens. Zur
Unlösbarkeit des Theorie- Praxis-Problems in der Pädagogik
5)
Schäfer, Alfred (2009): Die produktive Unbestimmtheit der pädagogischen
Praxis
6)
Benner, Dietrich (2015): Allgemeine Pädagogik
7)
Ricken, Norbert (2007): Das Ende der Bildung als Anfang. Anmerkungen zum
Streit um Bildung
8)
Ricken, Norbert (2010): Allgemeine Pädagogik
9)
Bellmann, Johannes (2011): Jenseits von Reflexionstheorie und Sozial-
technologie. Forschungsperspektiven Allgemeiner Erziehungswissenschaft
10)
Masschelein, Jan; Ricken, Norbert (2002): Regulierung von Pluralität ­
Skizzen vom ,,Außen"
Die Zugänge der genannten BildungstheoretikerInnen zur Frage, was Bildung ist,
sind zum Teil sehr unterschiedlich. Interessanter Weise gibt es einige
Begrifflichkeiten bzw. Bildungsansätze zu denen mehrere von ihnen Abhandlungen
geschrieben haben. Einer dieser Begrifflichkeiten ist die Sittlichkeit. Ziel dieser
Seminararbeit ist es der Frage nachzugehen, welche Stellung die Sittlichkeit bei der
Bildung für die BildungstheoretikerInnen haben. Von den behandelten Autoren hat
insbesondere Friedrich Schleiermacher über diesen Aspekt etwas abgefasst. Seine
Ansichten über Bildung und Sittlichkeit sollen ausgeführt werden. Weiteres bewegt es
mich als islamischer Religionspädagoge herauszufinden, welche Ansichten auch
einige muslimische Denker, die sich über Bildungsfragen Gedanken gemacht haben,
zur Bildung und Sittlichkeit vertreten. Diese Ansichten sollen dann mit denen von

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Schleiermacher verglichen werden. Am Schluss wird ein Blick in den Lehrplan des
islamischen Religionsunterrichts in Österreich geworfen und die Stellen
herausgearbeitet, in denen Sittlichkeit ein Thema darstellt.
2. Begrifflichkeiten
Da in der Seminararbeit verschiedene Begrifflichkeiten Verwendung finden, ist es
angebracht diese zunächst aus einem philosophischen Wörterbuch heraus zu
definieren, damit Klarheit herrscht, was unter den Begriffen Sitte, Sittlichkeit, Ethik,
Moral, Charakter zu verstehen ist. Hierfür wird Friedrich Kirchner's ,,Wörterbuch der
Philosophischen Grundbegriffe (1907)" herangezogen, welches sich in diesem Fall
gut dafür eignet. Der Begriff Sitte wird wie folgt definiert:
,,Sitte heißt 1. die zur Gewohnheit gewordene Art und Weise der Lebensführung von
Gemeinschaften. Die Sitten eines Volkes hängen von seiner Naturumgebung, seiner
Geschichte und seiner psychischen Eigenart ab. Jede Änderung darin deutet auf eine
Umwandlung des Volkscharakters hin. 2. Sitte bedeutet ferner Gesittung, d.h. feine
Lebensart von Gemeinschaften, also die Form eines zivilisierten Lebens. Die Gesittung
hängt vom Handel und Verkehr, vom Reichtum und Luxus, auch von »zufälligen«
Ereignissen und von der Mode ab. Doch zeigt sich die fortschreitende Gesittung auch in
immer richtigeren Vorstellungen über Recht, Religion, Familienleben usf. 3. Sitte heißt
endlich Sittlichkeit (s. d.). Die Sitte in der ersten Bedeutung ist ein Produkt der Natur, die
feinen Sitten dagegen sind von der Konvenienz, die guten vom Sittengesetz abhängig.
Bezüglich der Sitte ist der Mensch unfrei, die Gesittung ist zum Teil willkürlich, die Sittlichkeit
beruht auf praktischer Willensfreiheit. Die Sitte ist herkömmlich, die Gesittung umfaßt das
Schickliche, die Sittlichkeit die Moral. Alle drei können zusammentreffen; bisweilen ist eine
Volkssitte auch von der feineren Lebensart beibehalten und keine Verletzung des
Sittengesetzes; oft freilich steht sie zu beiden im Gegensatz. Ebenso sind feine Sitten noch
lange nicht gute Sitten."
(Kirchner, ,,Sitte")
Kirchner definiert Sittlichkeit mit:
,,Sittlichkeit ist der höchste moralische Zustand einer Persönlichkeit, die Reinheit ihrer
Gesinnung und ihres Handelns. Sie setzt voraus, daß der Mensch das Gute kennen und
schätzen gelernt und sich zu der Übung desselben erzogen hat. Sie liegt in der Gesinnung
des Menschen, kommt aber in jeder seiner Handlungen zum Ausdruck. Sie ist in
vollkommener Weise nur da vorhanden, wo der Mensch allmählich seinen Willen erzogen,
seinen Charakter ausgebildet, sich zum Pflichtbewußtsein gewöhnt und aus allen
Erfahrungen des Lebens richtige Maximen gewonnen, diese untereinander verbunden gegen
sie und unverbrüchliche Treue erworben hat. Für Kants Leben und Philosophie ist die
Sittlichkeit der höchste Gesichtspunkt gewesen."
(Kirchner, ,,Sittlichkeit")

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Der nächste Begriff Ethik wird so definiert:
,,Ethik (gr. ta êthika von to êthos = Sitte, Gesinnungsart) oder Moral (lat. pars philosophiae
moralis) oder praktische Philosophie ist die Sittenlehre, d.h. die Wissenschaft vom Sittlich-
Guten und -Bösen. Auf historischer, anthropologischer, psychologischer und metaphysischer
Grundlage untersucht die Ethik das Wollen und Handeln des Menschen, und ihre
Entwicklung hat, nachdem sie im Altertum durch Sokrates (469 bis 399) und Platon (427-
347) geschaffen war, mit den übrigen Teilen der Philosophie, namentlich mit der Metaphysik,
gleichen Schritt gehalten. Eine naturalistische (empiristische), alle Metaphysik von sich
weisende, oder auf dem Boden des metaphysischen Realismus stehende Ethik läßt das
Streben des Menschen ausschließlich durch seine natürlichen Bedürfnisse, Triebe und
Anlagen bestimmt sein. Sie berechnet den Wert der einzelnen Handlungen nach dem Maße
der Lust, der Lebensbetätigung, des Nutzens, den dieselben dem einzelnen oder der
Gesellschaft bringen [...] Sie hat sowohl eine Güter- als auch eine Tugendlehre ausgebildet.
- Demgegenüber hat sich eine idealistische (rationalistische) Ethik gebildet, welche die
Antriebe des Handelns in der Vernunft und Gesinnung des Menschen sucht und diese als
Pflichten den natürlichen Trieben und Bedürfnissen des Lebens entgegenstellt und
imperativisch (als Pflichtenlehre) die Einschränkung der Natur durch die Vernunft verlangt.
Sie ist entweder rein formalistisch, wo das Urteil über Gut und Böse nur von der Art, wie die
Bestimmung des Willens erfolgt, abhängig gemacht wird (so bei Kant und Fichte), oder
teleologisch, wo der Inhalt und Zweck der Handlung mit in Rechnung gezogen ist (so bei
Sokrates, bei Platon, im Christentum, im nachkantischen Idealismus) [...] Auch
Schleiermacher, der in der Ethik die Güter-, Pflichten - und Tugendlehre zu vereinigen
sachte, strebte einen Ausgleich zwischen Natur- und Sittengesetz an [...]"
(Kirchner,
,,Ethik")
Moral ist der nächste Begriff, den Kirchner wie folgt beschreibt:
,,Moral (lat. mores = Sitten, davon abgeleitet moralis u. franz. morale) bezeichnet sowohl die
Sittlichkeit als auch Sittenlehre. Vgl. Ethik. Ein Mensch ohne Moral ist s. a. ein unsittlicher
Mensch; moralisch tot bedeutet s. a. ohne Ehre. Moralische Person ist dasselbe wie
juristische Person, d.h. ein Begriffswesen, welches Rechte erwerben und ausüben kann.
Moralische Wissenschaften bedeuten a. a. geistige Wissenschaften, die sich mit der
Erforschung des geistigen Lebens beschäftigen; moralische Weltordnung ist nach J. G.
Fichte der sittliche Zusammenhang der Welt; moralische Überzeugung ist die durch das
Gewissen gebundene Überzeugung. Moralischer Beweis für Gottes Dasein ist der Beweis
Kants."
(Kirchner, ,,Moral")
Als letzten Begriff aus diesem Themenfeld definiert Kirchner ,,Charakter"
folgendermaßen:
,,Charakter (gr. charaktêr v. charassô prägen = Gepräge) heißt in anthropologischer Hinsicht
die bleibende Willensart des Menschen. Im weiteren Sinne hat jeder Mensch einen
Charakter, auch der Charakterlose, dessen Eigentümlichkeit es ist, unbeständig zu sein. Im
engeren Sinne heißt Charakter soviel als Willensstärke. Charakter im engeren Sinne ist also
das Wesen des Menschen, wie es sich auf Grund angeborener Individualität durch
Gewöhnung und selbsterworbene Fertigkeit zu vernünftiger, zusammenhängender und fester
Selbstbetätigung entwickelt. Der feste Charakter zeigt sich in der Entschiedenheit und
Konsequenz des Handelns nach Grundsätzen. Diese Konsequenz kann Entschiedenheit im
Guten oder Bösen sein. Einen guten Charakter besitzt nur der Mensch, der seinen Willen
durch sittliche Grundsätze leiten läßt. Nur er bleibt von Zerrissenheit des Gemüts,

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Zerfahrenheit des Begehrens und Unschlüssigkeit im Handeln verschont. Bei ihm vereinen
sich Einsicht und Wille zur wahren sittlichen Freiheit [...]"
(Kirchner, ,,Charakter")
Auch viele andere PhilosophInnen haben diese Begriffe in ähnlicher Weise definiert.
Nun betrachten wir zunächst die Meinungen des Bildungstheoretikers
Schleiermacher, anschließend werden die Ansichten von einigem muslimischen
Denkern in Bezug auf Bildung und Sittlichkeit aufgeführt.
3. Bildung und Sittlichkeit
3.1. Nach Friedrich Schleiermacher
Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher, der im Jahre 1768 in Breslau auf die Welt
kam, war sogleich ein evangelischer Theologe als auch ein sehr einflussreicher
Pädagoge. Der Übersetzer der Werke Platons ins Deutsche hat auch die
Hermeneutik begründet und hat bei der Gründung der Humboldt Universität Berlin
mitgewirkt. Da er der Mystik nahe stand, wollte er Wunden des Herzens heilen.
Deshalb verfasste er im Jahre 1802 in Stolpe ,,die Grundzüge einer Kritik der
bisherigen Sittenehre", in welchen ,,die höchsten Grundsätze der Ethik, die
Grundbegriffe der Pflichten, Tugenden und Güter und die einzelnen Systeme
untersucht werden" (Schleiermacher 1868). 5 Jahre später ging er nach Berlin und
trat dort als Prediger auf, wo er ,,durch religiös-sittliche Erneuerung des Volkes die
politische Wiedergeburt des Vaterlandes vorzubereiten" versuchte (ebd.).
Im Gegensatz zum allgemeinen kategorischen Imperativ Kant's, stellt
Schleiermacher die Individualität und ,,das Gefühl des Einzelnen gleichberechtigt
gegenüber. Das höchste Gut ist die oberste Einheit des Realen und Idealen und
damit das sittliche Ziel; die Pflichten geben hierzu die Regeln, die Tugenden die
Kraft" (ebd). Schleiermacher redet von dem unbedingten Abhängigkeitsgefühl,
welches das Gefühl der Achtung ist. Sie ist im
,,grossen Gegensatz zu den Gefühlen der Lust und des Schmerzes in der menschlichen
Seele bildet. Während diese letzteren Gefühle auf die Erhaltung und Erhebung des
einzelnen Ich gehen und das Ich zum Mittelpunkt der Welt machen, geht umgekehrt in dem
Gefühl der Achtung das Ich in die Unermesslichkeit eines ihm gegenüberstehenden
Erhabenen auf und findet sich selbst erst wieder in dem Bewusstsein, einen Theil dieses
Erhabenen zu bilden. Beide Arten der Gefühle sind wesentliche Zustände der menschlichen
Seele; aber sie bilden Gegensätze gleich den Polen eines Magneten; daraus entsteht eine
Bewegung und ein Kampf, der zum grossen Teil den Inhalt des innersten menschlichen
Lebens bildet."
(ebd.).
Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Bildung und Sittlichkeit
Untertitel
Nach Friedrich Schleiermacher, muslimischen Bildungsdenkern und im Lehrplan des islamischen Religionsunterrichts
Hochschule
Universität Wien  (Bildungswissenschaft)
Veranstaltung
Bildungswissenschaften im Spannungsfeld theoretischer, praktischer und gesellschaftlicher Verortungen
Note
2
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V428467
ISBN (eBook)
9783668744165
ISBN (Buch)
9783668744172
Dateigröße
626 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bildung, Schleiermacher, Islam, Philosophie, Religionsunterricht, Ibn Miskawayh, al-Ġazzālī, Naṣīr al-Dīn Ṭūsī, Kınalızâde Ali Efendi
Arbeit zitieren
Erkan Erdemir (Autor), 2018, Bildung und Sittlichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428467

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