Die "Kaufmannsche Kreuzigung". Beispiel für die zeitgenössische Rezension eines Andachtsbildes


Hausarbeit, 2014

24 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bildbeschreibung

3. Ikonographische Bildanalyse
3.1. Die Kreuzigung in den Evangelien und Apokryphen

4. Die Entwicklung der Kreuzigungsdarstellung zum Volkreichen Kalvarienberg

5. Die mögliche Funktion der Kaufmannschen Kreuzigung als Andachtsbild
5.1. Bild und Betrachter im Hoch- und Spätmittelalter
5.2. Vorteile der mehrfigurigen Darstellung und Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Abbildungen

8. Abbildungsnachweise

1. Einleitung

Gegenstand dieser Hausarbeit ist die sogenannte Kaufmannsche Kreuzigung (Abb.1), ein böhmisches Gemälde eines unbekannten Meisters, das um 1340/50 entstand und von der Sammlung Richard Kaufmann 1918 in die Sammlung des Preußischen Kulturbesitzes überging. Heute hängt das 68,6 x 31,2 cm messende Bild in der Gemäldegalerie Berlin. Es zeigt als Bildtypus des volkreichen Kalvarienberges die Geschehnisse der Kreuzigung Christi auf dem Berg Golgatha. Immer wieder beschäftigte sich die Forschungsliteratur mit der Frage seiner genauen Herkunft, Datierung[1] und möglichen Stilvorlagen[2], darauf kann hier aus Gründen der inhaltlichen Begrenzung nicht noch einmal eingegangen werden. Dieser Text soll eine genaue Bildbeschreibung, sowie eine detaillierte christlich-ikonographische Analyse des Bildes liefern, um sich darauffolgend mit dem Bildtypus des volkreichen Kalvarienberges im Spätmittelalter und einer möglichen Bildaufgabe der Kaufmannschen Kreuzigung auseinanderzusetzen. Die Dramatik der Darstellung und die möglichen Gründe für die Vielfigurigkeit der Darstellung spielen dabei eine besondere Rolle.

2. Bildbeschreibung

Zu sehen ist die Kreuzigung dreier Männer, wobei einer den Mittelpunkt der Komposition bildet und weiter vorne im Bildraum auf ein großes Holzkreuz genagelt worden ist.

Die giebelförmige Holztafel, die ursprünglich wohl spitz zulief und dann beschnitten wurde[3], gibt ein extremes Hochformat vor, das sich von unten nach oben in drei Bildteile einteilen lässt. Die gesamte Bildfläche ist von einer aufgemalten Binnenrahmung umgeben, die in der unteren Bildhälfte schon verblasst ist. Diese untere, etwa bis zur Hälfte der Tafel reichende Bildfläche ist bestimmt von einer hintereinander gestaffelten Menschenmenge. Am untersten Bildrand ist als einzig freie, dreiecksförmige Fläche ein nach oben ansteigender, grauer Felsboden zu sehen, der in Spalten aufbricht und einen menschlichen Totenschädel und Knochen freigibt. Neben den Spalten stehen dicht gedrängt Menschen, auf der Höhe des Berges wird der Pfahl des großen Kreuzes mit hellbrauner Holzmaserung sichtbar . Auf dem Boden hat sich ein großer Blutfleck gebildet, der in die Spalten tropft.

In der unteren rechten Bildecke, direkt neben der aufbrechenden Erde sitzt ein Mann mit ausgestreckten Beinen in braunem Gewand, ockerfarbener Hose und Sandalen. Er trägt einen Hut, hat blonde Locken und hält die Hand in Bewegung erstarrt. Vor ihm liegen zwei Würfel auf einem braunen großen Mantel, der von einem anderen Mann schwungvoll hochgehalten wird. Die kleine Gruppe besteht insgesamt aus vier Männern, die sich um das Gewand zu streiten scheinen. Der Würfelnde blickt dabei erstaunt oder erwartungsvoll zu den drei stehenden Männern auf: Der am äußersten Bildrand stehende und das Gewand haltende Mann trägt einen auffälligen dunkelgrünen Spitzhut mit hochgeklappten roten Innenseiten. Sein Umhang ist in dem gleichen Grün gehalten, die darunter liegende Kleidung in dunkelgelb. Er hält den Mantel mit beiden Händen und blickt mit wütend geöffnetem Mund zu einem weiß gekleideten Mann ihm gegenüber, der mit gezücktem Messer an der anderen Ecke des Mantels zieht. Ihm legt der vierte, bärtige Mann besänftigend die Hand auf die Schulter und scheint ihm etwas ins Ohr zu raunen. Diese Vierer-Konstellation nimmt etwa zwei Drittel der untersten Bildfläche ein. Der Blick des Betrachters wird dabei von der Erdspalte, den ausgestreckten Beinen des sitzenden Würfler, über das in langen Falten hängende Gewand nach oben zu den drei Streitenden geführt. Ihre Gesichter sind in Wut und Erregung verzerrt, die Münder schief oder offen und ihre Gesten wirken wie gerade in Aktion erstarrt. Parallel dazu ist auf der anderen Seite des Pfahles auf der linken Bildseite eine Gruppe aus sechs Leuten zu erkennen:

Ganz außen steht eine Frau in einem roten Kleid mit dunkelgrünem Schultertuch. Sie neigt ihren Kopf leicht zum linken Bildrand, an den ihr Gewand anstößt, bedeckt ihren Mund mit einem weißen Kopftuch und weist mit der linken Hand aus dem Bild heraus. Dabei scheint sie den Betrachter direkt und leicht von unten anzublicken. Da von ihrem Gesicht nur die Augen zu sehen sind, wirkt der Blick noch eindringlicher. Um ihren Kopf liegt ein goldener Heiligenschein. Rechts neben ihr steht eine Frau in einem blauen Kleid, die ein braun-violettes Tuch mit rotem Rand um Kopf und Körper gelegt hat. Ihre blonden Haare schauen am Ansatz des Tuches hervor. Ihr Blick, die Brauen sorgenvoll zusammengezogen, ist voll Schmerz nach oben zum Kreuz gewandt. Ihre rechte Hand liegt auf dem Arm eines Mannes, der schräg hinter ihr steht und sie mit beiden Armen umfängt. Ihre linke Hand ist über ihre Brust gelegt. Auch sie trägt einen Heiligenschein, allerdings noch mit kleinen Einprägungen (Punzierungen) geschmückt Der Mann trägt ein dunkelgrünes Gewand mit goldener Innenseite, sein volles, lockiges Haar ist auffällig rotbraun. Auch er blickt trauernd hinauf zum Kreuz. Sein Heiligenschein ist ebenfalls mit winzigen Prägungen versehen, aber unauffälliger als die der Frau neben ihm. Beide heben ihren Kopf in einer zueinander parallelen Kopfbewegung und erscheinen als kompositorische Einheit. Neben seinem aus dem Gewand hervorblickenden rechten Fuß kniet eine weitere Frau; sie umarmt den Stamm des Holzkreuzes und legt ihr Gesicht an dessen Seite. Ihr Kleid ist rot, der Mantel dunkelgrün, das Kopftuch weiß und auch ihre Haare rotblond. Sie scheint Tränen auf dem Gesicht zu haben und zieht die Stirn in Falten. Ihr Heiligenscheint trägt Punzierungen in der Ausprägung der des Mannes. Direkt hinter ihr steht, dank der Aufsicht genauso gut erkennbar, ein bärtiger alter Mann. Das Inkarnat seiner Haut ist deutlich dunkler als das des anderen Bildpersonals. Seine Kleidung ist umgekehrt aufgebaut, wie die der das Kreuz umarmenden Frau: Ein roter Mantel mit grünen Innenseiten. Die rechte Hand an sein Herz gelegt, hebt er die linke in einer Geste, die nicht direkt auf etwas zeigt, aber Aufmerksamkeit verlangt. Er ist die zweite Person, die den Betrachter direkt aus dem Bild heraus anblickt. Auf seiner Höhe, direkt hinter der am äußersten linke Bildrand stehenden Frau, ist noch ein weiterer Frauenkopf mit einfachem Heilgenschein zu sehen, die ebenfalls ihren Mund und Kopf mit einem weißen Tuch bedeckt hat und mit gefalteten und erhobenen Händen zum Kreuz aufblickt.

Hinter diesen beiden beschriebenen Gruppen folgt kompositorisch eine zweite Schichtung mit Menschen. Durch den aufsteigenden Berg können wir sie ebenfalls von schräg oben sehen. Ihre Köpfe befinden sich nun schon auf Höhe eines Brettes, auf dem die Füße des Gekreuzigten stehen. Auf der linken Seite sehen wir vier Männer. Vom Äußersten ist nur der Kopf zu sehen, er trägt einen Helm, darunter ein weißes Tuch und blickt hinauf zum Kreuz. Vom Mann rechts neben ihm, bekleidet mit einem grün-weißen Hut und einem grünen Gewand, sehen wir auch den Oberkörper. Er hält mit der linken Hand sein linkes Auge bedeckt, in der rechten trägt er eine Lanze, die in die linke Seite des Gekreuzigten sticht, kurz unter den Rippen. Sie wird von dem Mann weiter rechts, der zusätzlich eine schwere Waffe, einen sogenannten Morgenstern bei sich trägt, geführt. Das Gesicht des vierten Mannes auf dieser Seite verschwindet schon fast hinter einem kleineren Holzkreuz, das sich aus ihrer Menge in die Höhe streckt. Als Pendant dazu finden wir auf der anderen Seite fünf Männer, drei davon auf Pferden, deren Köpfe zwischen den Personen davor hervorschauen. Auch auf dieser Seite erstreckt sich ein kleineres Kreuz nach oben. Am auffälligsten ist ein Mann in roter, feiner Kleidung mit weißer Halskrause und einem rot-goldenen Hut, der fast an eine Krone erinnert. Er sitzt auf einem hellbraunen Pferd mit weißem Geschirr. Sein Oberkörper ist frontal zum Betrachter gestellt, der Kopf im Halbprofil nach links gewandt, er blickt mit ernstem blick aus dem Bild heraus den Betrachter an. Seinen rechten Oberarm abgewinkelt zeigt er mit dem ausgestrecktem Zeigefinger nach oben zum mittleren Gekreuzigten. Schräg hinter ihm befindet sich ein Mann in Rüstung, der ebenfalls die Hand erhoben hält und zum Kreuz blickt, sowie ein braunhaariger Mann, der, wie auf der anderen Seite ebenso, einen langen Stab nach oben streckt. Am rechten äußeren Bildrand stehen zwei Soldaten in weißer Rüstung, ihre Helme verdecken das gesamte Gesicht außer den Augen; der vordere hält eine Lanze. Aus der Menschenmenge heraus wird der Blick des Betrachters nun nach oben geführt, sozusagen in den Stock über der Menschenmenge, heraus aus dem Wimmelbild an Personen. Die beiden Stäbe, die von den beiden Männern schräg zur Mitte gehalten werden, weisen dabei die Richtung und lenken den Blick aus der Menge in die Bildmitte zum Gekreuzigten. Als Verbindung nach oben fungieren auch die beiden kleineren, weiter hinten stehenden Kreuze. Der in der Mitte hängende Mann mit den braunen, längeren Haaren ist mit beiden Händen an das schwere Holzkreuz genagelt. Blut spritzt aus seinen Händen und tropft an seinen dünnen Arme herunter. Seine Augen sind geschlossen, der Kopf ist zur linken Bildseite hin herabgesunken. Ein großer Heiligenschein liegt um seinen Kopf. Um seinen Unterkörper ist ein weißes, an manchen Stellen fast bläulich schimmerndes Tuch gewickelt, das in vielen drapierten Falten nach unten fällt. Sein Oberkörper ist nackt. Sein Körper ist mit den leicht angewinkelten Beinen in eine zarte S-Kurve gelegt und zur linken Seite gewandt. Die Lanze, die der Mann ihm auf Höhe der Rippen in die Seite sticht, hat eine Wunde verursacht, aus der in drei langen Bahnen das Blut dramatisch herausspritzt. Am anderen Stab, der von rechts heraufgeführt wird, befindet sich ein gelblicher Schwamm. Die blutbefleckten Füße des Gekreuzigten sind mit einem langen Nagel übereinander geschlagen und liegen auf einem Fußbrett auf. Links und rechts neben ihm, perspektivisch kleiner dargestellt, sind zwei weitere Gekreuzigte. Ihre Kreuze sind im Gegensatz zum mittleren T-förmige, sogenannte Antonius-Kreuze. Die drei Kreuze betonen zusammen die Vertikale und damit das Hochformat des Bildes; hoch ragen sie über der Menschenmenge auf. Die Querbalken der T-Kreuze sind dabei genau auf Höhe des Oberkörpers des mittleren Mannes, wodurch es wirkt, als würde er seine Arme über ihnen ausbreiten. Die beiden hinteren Gekreuzigten wirken, als hätte man ihre Glieder um die Kreuze herumgewickelt, so verrenkt sind ihre Körper. Sie sind an Armen und Beinen angebunden, aber nicht angenagelt worden. Beide haben die Augen schmerzverzerrt geschlossen und sind ebenfalls nur mit einem weißen Lendentuch bekleidet. Der Mann auf der linken Seite hat den Kopf weit in den Nacken gelegt und starr nach oben gerichtet, wodurch das Blut, das von den festgenagelten Händen des mittleren Mannes herabfließt in seinen geöffneten Mund zu tropfen scheint. Der Mann zur rechten Seite hat den Kopf nach unten zum Boden geneigt, er ist mit den Armen so um den Balken gewunden, dass wir seine Hände nicht sehen können. Beide bluten schwer aus Schnittwunden an Armen und Beinen, ihre ganze Haltung lässt auf einen schmerzvollen Todeskampf schließen. Der Hintergrund, von dem in der unteren Bildhälfte wegen der dicht beisammen stehenden Menschenmenge nichts zu sehen war, zeigt sich als eine reine Goldfläche: Keine Landschaft und kein Horizont ist zu erkennen. Im Gegensatz zu der bunten Menschenmenge unten wirkt dieser Bildabschnitt ruhig und ganz auf den Mittelpunkt, den mittleren Gekreuzigten zentriert.

Im giebelförmigen Abschluss des Bildes ist nun die Spitze des Holzkreuzes zu sehen, an dem ein rotes Schild mit der Aufschrift INRI befestigt ist. Von links und rechts schweben zwei kleinere Engel mit Flügeln aus Wolken heraus ins Bild. Die linke Wolke ist rötlich, der Engel in grünem Gewand hält die Hände vor seinem Gesicht gefaltet, so dass wir es nicht sehen können. Zwischen den gefalteten Händen hält er ein schwenkbares Weihrauchgefäß. Der rechte Engel, der aus einer bläulichen Wolke ins Bild ragt, hat die Arme mit einem ähnlichen Behälter nach vorne gestreckt, sein Blick ist sorgenvoll. Beide tragen einen kleinen Heiligenschein.

Der Maler verwendete eine vielfältige, aber abgestufte Farbpalette von großer Leuchtkraft und wiederholt oft an unterschiedlichen Stellen die Farbkombinationen. Dominant ist dabei das dunkle Grün, das Scharlachrot, das teils fast violett wirkende Braun, sowie das Goldgelb des Hintergrunds.

[...]


[1] Siehe dazu z.B.: Pešina, Jaroslav: „Zur Herkunftsfrage der Kaufmannschen Kreuzigung in Berlin“, in: Zeitschrift für Kunstgeschichte, Vol.43(4), 1980, S.352-359 und Suckale, Robert: Die Glatzer Madonnentafel des Prager Erzbischofs Ernst von Pardubitz als gemalter Marienhymnus. Zur Frühzeit der böhmischen Tafelmalerei, mit einem Beitrag zur Einordnung der Kaufmannschen Kreuzigung, in: Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte, Vol.46-47(2), 1994.

[2] Eine detaillierte Aufzählung möglicher stilistischer Einflüsse liefert beispielsweise: Schmidt, Gerhard: Zur Kaufmannschen Kreuzigung, in: Malerei der Gotik. Fixpunkte und Ausblicke, Band 1, Graz 2005, S.230-242.

[3] Vgl. Kemperdick, Stefan: Deutsche und böhmische Gemälde: 1230 – 1430. Kritischer Bestandskatalog, Berlin 2010, S. 68.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die "Kaufmannsche Kreuzigung". Beispiel für die zeitgenössische Rezension eines Andachtsbildes
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Kunst- und Bildgeschichte)
Note
1,0
Autor
Jahr
2014
Seiten
24
Katalognummer
V428821
ISBN (eBook)
9783668726031
ISBN (Buch)
9783668726048
Dateigröße
909 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Andachtsbild, Passion, Kreuzigung, Kalvarienberg, Kaufmannsche Kreuzigung, Böhmen, 14. Jahrhundert, Sammlung Preußischer Kulturbesitz, Christus, volkreicher Kalvarienberg, Golgatha
Arbeit zitieren
Sofie Neu (Autor), 2014, Die "Kaufmannsche Kreuzigung". Beispiel für die zeitgenössische Rezension eines Andachtsbildes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428821

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