Europa. Das Dilemma eines Staatenverbundes


Seminararbeit, 2018
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Traum vom ewigen Frieden

3. Wenn Frieden nicht reicht

4. Vision 2.0: Geeinte Union Europa

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Prof. Dr. Lammert ist in seiner Rede am 06.10.2017 zur „Opening Week“ der Leuphana Universität, auf die aktuelle Situation Europas eingegangen. Auch wenn mir die wirtschaftlichen Vorteile Europas bereits vorher im groben bekannt waren, lernte ich eine weitere Ebene Europas kennen. Der Verbund von Staaten mit der Aufgabe den Frieden Europas zu sichern. Eine Argumentation die in der aktuellen politischen Debatte selten aufkommt.

In Verbindung mit dem Seminar von Dr. Marco de Angelis, welcher mir die dritte Bedeutungsebene - Werte und Normen - näherbrachte, änderte sich meine Betrachtung auf Europa.

Angesichts der aktuellen politischen Debatte, welche meist auf einer ökonomischen Ebene geführt wird, scheint Europa sich in einer Krise zu befinden.

Somit stellt sich die Frage dieser Hausarbeit, ob Europa eine Idee ist, die weder fasziniert noch eine Zukunft hat? Hierbei liegt der Fokus dieser Argumentation nicht auf einer ökonomischen Ebene, sondern auf Basis von gemeinsamen Werten und Normen.

Um die Leitfrage zu beantworten ist es zunächst wichtig die Vergangenheit zu kennen, denn nur so ist es möglich die aktuellen Probleme zu verstehen. Demnach wird in Kapitel 2 untersucht, warum Europa gegründet wurde - was die intrinsische Motivation und die Vision war. Kurzum wie hat Europa, die Bevölkerung und Politiker begeistert?

In Kapitel 3 wird die aktuelle Situation Europas untersucht. Insbesondere, was zu der aktuellen Legitimationskrise führte.

In Kapitel 4 wird das Konzept „Vereinigte Staaten von Europa“ vorgestellt und andererseits untersucht wie Europa aus Sicht von Werten und Normen für zukünftige Herausforderungen aufgestellt ist.

2. Der Traum vom ewigen Frieden

Europa war ein Kontinent des Blutvergießens. Die einzelnen Staaten versuchten jahrhundertelang ihre Staatsgebiete zu erweitern oder diese zu verteidigen.

Jenes führte aber nie zu dauerhaften Frieden, sondern im Gegenteil zu immer neuen Kriegen.

„Der Zweite Weltkrieg hatte die Jahrhundertelange Periode kriegerischer Auseinandersetzungen ad absurdum geführt“ [1]

Nach Hüfner wollte Europa nach dem zweiten Weltkrieg von der Vergangenheit nichts mehr wissen und einen Neuanfang wagen. Es bildete sich die erste und alles überragende Wurzel des Europas, so wie wir es heute kennen: Der unabdingbare Wunsch nach dauerhaften Frieden.[2]

Seit nun mehr als 70 Jahren leben wir diesen Traum. Wir leben in einem Europa das für Frieden, Freiheit, Unabhängigkeit und Wohlstand steht.

Wir haben ein Konstrukt aufgebaut, an das am Anfang nur wenige glaubten – und nun unser Leben mit dem größten Geschenk bereichert - Frieden.

Für diese unglaubliche Leistung verlieh das Nobelpreis Komitee im Jahr 2012 Europa den Friedensnobelpreis.[3]

„Das bedeutet: Die europäische Idee von Frieden, Freiheit, Unabhängigkeit und Wohlstand ist ein Sicherheitsnetz für Krisen. Wenn es wirklich schwierig in der Union wird, wenn es an allen Ecken und Enden kracht wie im Sommer 2005 im Zusammenhang mit der Verfassung und dem Streit über die EU-Finanzen, wird diese Idee wieder aktuell. Sie hält die Mitglieder zusammen. Sie verhindert ein Auseinanderfallen. Sie ist ein Anker, auf den man sich verlassen kann. Sie domestiziert mögliche machtpolitische Alleingänge einzelner Staaten. Denn kein auch noch so großer Kritiker der EU will einen Rückfall in die Kleinstaaterei Europas mit all den Kriegen und Auseinandersetzungen.“[4]

3. Wenn Frieden nicht reicht

Doch trotz dieser herausragenden Leistung scheint Europa tief gespalten zu sein. Es scheint als würden kurzzeitige sozioökonomische Probleme die Debatte über die Zukunft Europas bestimmen. Im Herbst 2017 gaben 42% der Deutschen an, der Europäischen Union zu vertrauen.[5] Ganze 58% sehen die Zukunft der Europäischen Union somit ziemlich pessimistisch.[6]

Doch wie kann es, trotz der großen politischen sowie wirtschaftlichen Erfolge der EU, zu so einer hohen Unzufriedenheit in der Bevölkerung kommen?

Ein Grund könnte der schnelle Strukturwandel sein, bei dem unser Herz und Verstand nicht mitgekommen sei. „Es geht uns wie dem Schwan bei Baudelaire, der nach langer Abwesenheit wieder nach Paris zurückkommt und angesichts der vielen Veränderungen klagt: „La forme d’une ville change plus vite, hélas, que le coeur d’un mortel“ (Die Gestalt einer Stadt ändert sich leider schneller als das Herz eines Sterblichen).“[7]

Doch mit diesem Argument lässt sich nicht die Unzufriedenheit der jüngeren Generationen erklären. Diese kennen haben den Nationalstaat nicht erlebt, sie wuchsen inmitten der Europäischen Idee auf.

Europa sei für die meisten nicht greifbar.[8] Hin und wieder siehe man ein Schild, welches Projekt durch die EU finanziert wurde, aber es fehlt der Bezug zum Einzelnen. Europa kann keine Emotionen auslösen, da es schlicht als zu weit weg empfunden wird. Nach Martin Hüfner liegt es daran, dass Europa „von Juristen und Ökonomen gestaltet (wird), die für solche „weichen Faktoren“ keine Antenne haben.“[9]

Hüfner kritisiert ebenfalls, dass schon bei der Einführung des Euros keine Rücksicht auf Emotionen gelegt wurde. „Die Politiker (...)überließen es dann der geschichtlichen Entwicklung, dass sich Menschen mit den neuen Gegebenheiten emotional einrichten.“[10]

Die Vermutung liegt nahe, dass diese beiden Probleme zwar zur jetzigen Situation beitragen aber nicht dessen Ursprung darstellen.

Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert verglich in seiner Rede zur Eröffnung der Leuphana „Opening Week“ die Geschichte Europas mit der aktuellen politischen Situation und hielt fest, dass „der Kontinent nie in einer besseren Verfassung gewesen“ sei. Lammert konstatierte allerdings auch: „Nie wusste Europa weniger, was es daraus machen soll.“ Er mahnte, dass jetzt die Zeit zum Handeln gekommen sei: „Wenn nichts geschieht, zerfällt Europa.“[11]

Zu Gründungszeiten der Europäischen Union, konstatierten Helmut Kohl, Francois Mitterrand und Jean-Claude Juncker den Zeitdruck unter dem der Aufbau dieses ehrgeizigen Projekts steht. Sie hielten den Aufbau Europas nur für möglich, wenn die Gesellschaft noch direkte Kriegserfahrungen habe. Nachfolgende Generationen, so befürchteten die Politiker, fehle es an Durchhaltevermögen, da ihnen die persönliche Erinnerung an den Krieg fehle.[12]

Durch die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union wird klar, Europa hat seinen größten Traum vom Frieden umsetzten können.[13]

Und dies genau rechtzeitig, denn vor allem die Jungend, die den Zustand vor der Union nicht unmittelbar miterlebt hat und ihn höchstens aus Geschichtsbüchern kennt, will nicht mehr wissen wie Europa vergangene Probleme gelöst hat, sondern wie die Union heutige und zukünftige Probleme lösen will.[14]

Da auf diese Frage keine Antwort gegeben wird, fehle den jungen Menschen die Vision für Europa. Um es mit den Worten Habermas zu formulieren, fehlt es der Union an einer Idee die, die Gesellschaft zusammenhält - eine „finalite“, ein „Worumwillen“ des „Einigungsprozesses“, oder anders ausgedrückt einer Vision.[15]

Daraus resultierend gibt es einen „alarmierenden Trend einer zunehmenden politischen Lähmung und Entfernung von Wählerinnen und Wählern aus überwiegend unterprivilegierten Schichten“[16] Nach Habermas: „klammern (sie) sich in ihrer psychologisch verständlichen, aber paradoxen Abwehr umso heftiger an den Nationalstaat und dessen längst porös gewordene Grenzen.“[17]

4. Vision 2.0: Geeinte Union Europa

Nach Jürgen Habermas: „haben wir heute glücklicherweise (eine) intelligente Bevölkerungen und nicht jene Sorten von emotional zusammengeschweißten nationalen Großsubjekten, die uns der Rechtspopulismus einreden möchte.“[18]

Ebenfalls sprechen sich immer mehr Intellektuelle, Politiker aber auch normale Bürger für eine neuen Kurs Europas aus. Ein Land mit unter 100 Millionen Einwohner hat es in einer Welt mit Mächten wie die Vereinigten Staaten von Amerika (325 Mio. Einwohner), Indien (1.3 Mrd. Einwohner) und China (1,4 Mrd. Einwohner) schwer sich gehör zu verschaffen.[19]

Die Idee: Ein geeintes Europa. Ein noch nie da gewesenes Projekt das ebenso ehrgeizig ist, wie die ursprüngliche Vision Europas.

Die Idee der vereinigten Staaten von Europa ist nicht neu. Am 19. September 1946 sprach sich Winston Churchill an der Universität von Zürich zu der Idee von den „Vereinigten Staaten von Europa“ aus.

Seit jeher ist also diese Idee präsent, doch angesichts der jetzigen Legitimationskrise relevanter denn je.

Doch was steckt hinter dieser Idee?

Mit den Worten von Martin Hüfner hat das Europa der Zukunft den Grundgedanken Emanzipation. Gewiss ist dieser Begriff nicht so kernig formuliert wie die alte europäische Idee von Frieden, Freiheit, Unabhängigkeit und Wohlstand. Doch hat sie ebenfalls den Anspruch die Weltgeschichte entscheidend zu wenden.[20]

Martin Hüfner warnt davor, dass man nicht Emanzipiert wird, „in dem man Ansprüche formuliert und Achtung von anderen einfordert. Wirklich emanzipiert wird man nur, wenn man auch etwas Besonderes zu bieten hat.“[21]

Nach Martin Hüfner hat Europa etwas zu bieten und zwar mehr als nur der 1. und 2. Artikel der Verfassung. Er konstatiert, dass allgemein gehaltene Postulate wie Menschenwürde, Freiheit, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit die meisten Nationen dieser Welt u.a. die Vereinigten Staaten von Amerika oder auch Japan innehalten. Deshalb müssen spezifische Charakteristiken, Tugenden, Werte und Normen erfasst werden die Europa zu etwas Besonderem macht.[22]

Erstens: Made in Germany! Europäer haben mit Abstand den höchsten Qualitätsanspruch. So wählen 78% der befragten Europäer Qualität zum wichtigsten Kaufkriterium. [23] Dementsprechend richtet sich auch die in Europa ansässige Industrie auf Qualität aus. Durch das steigende Pro-Kopf-Einkommen der Weltbevölkerung und die Übersättigung der Märkte, ist Qualität immer gefragter. Wer einen Computer hat, braucht in der Regel kein zweiten und wird sich deshalb bei steigendem Einkommen, einen qualitativ besseren kaufen.

Zweitens: Europäer legen mehr Wert auf den Umweltschutz. So kommen über 90% der weltweiten Gesetzgebung zu Umweltfragen aus Europa.[24] Keine Frage, der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen jetziger und kommender Generationen. Daher ist es schon aus rein ethischen Gründen erforderlich sparsam mit Produktionsfaktoren umzugehen und vorrausschauend zu denken. Aber auch aus wirtschaftlicher Sicht wird der Umweltschutz relevanter. Aufgrund der Luftverschmutzung, auch Smog genannt, hat China einen Politikwechsel vollzogen. Anhaltende oder steigende Luftverschmutzung würde die Produktivität gleichermaßen wie das Gesundheitssystem des Landes erheblich gefährden. Somit ist mit aller Wahrscheinlichkeit jedes Land auf mittel oder langfristiger Sicht gezwungen, in der Klimafrage umzudenken. Hier wird Europa wohl im Vorteil sein. Vor allem, weil Europäer, wie oben aufgezeigt, führend in der Klimapolitik sind und sich somit höchstwahrscheinlich schneller an notwendige Politikwechsel aufgrund des Klimawandels einstellen könnten.

Drittens: „Et respice finem“ (und denke an das Ende). Europäer legen deutlich mehr Wert auf Stabilität. Dies äußert sich vor allem in dem Finanz- und Geldmarkt. Nur 14,7% der Deutschen halten aktuell Wertpapiere, wobei hierbei lediglich 7% direkte Aktionäre sind. Im Vergleich dazu halten rund 56% der US-Amerikaner Wertpapiere.[25] Auch auf Unternehmensebene hält sich diese Charakteristik als konstante. Das wohl größte und Eindrucksvollste Beispiel mag die Finanzkrise 2008 sein, bei welcher Banken wie Lehmann-Brothers eine für deutsche Banken ungewöhnlich hohes Risiko eingegangen sein.[26] Doch das stetige Bedenken und vermeiden von großen Risiken, sei auch mit einem signifikanten Nachteil einhergehend. Der TEA Report 2008 zeigt, dass Europa und vor allem Deutschland mit ca. 4% eine der niedrigsten Gründungsraten pro Einwohner aufweist. Im Vergleich dazu hat die USA eine Gründungsrate von rund 13%.[27] Dies liege nicht an der nicht vorhandenen Unterstützung des Staates, denn dieser wirbt mit Krediten und Förderungen wie die KFW Förderung[28], viel mehr an unserer Kultur. Europäer haben weniger Verständnis für das Scheitern eines Startups als in den USA und schrecken so viele Gründungsbegeisterte zurück. In Deutschland beantwortete knapp jeder 2. Die Frage, „Würde Sie die Angst zu scheitern davon abhalten, ein Unternehmen zu gründen?“, mit „Ja“. In den USA sind es unter 30%[29]

Jedoch verliert die Unternehmensgründung laut Martin Hüfner im Rahmen der Globalisierung und der damit einhergehenden Marktübersättigung an Bedeutung.

Es gebe nur noch wenige unerschlossene Gebiete, die von Startups erobert werden können. Damit sei weniger Gründergeist gefragt.[30]

Viertens: Weltmeister bei Ein- und Ausfuhren. Europäer sind am Handel mit anderen Nationen interessiert. Die Europäische Union hat im Jahr 2017 1.878,5 Mrd. Euro an Gütern exportiert.[31] Im Vergleich dazu hat die USA im Jahr 2016 1.454,61 Mrd. Dollar an Gütern exportiert.[32]

Daraus lässt sich schließen, dass europäische Unternehmen, tendenziell ein großes Interesse am internationalen Handel haben, als andere Nationen.

[...]


[1] Vgl. Martin Hüfner (2016) S.88

[2] Vgl. Martin Hüfner (2016) S.88

[3] Vgl. Erman Van Rompuy, José Manuel Durão Barroso (2012)

[4] Vgl. Martin Hüfner (2016) S.101

[5] Vgl. Statista (2018) Studie 173226

[6] Vgl. Statista (2018) Studie 154096

[7] Vgl. Hüfner Martin (2016) S. 26

[8] Vgl. Hüfner Martin (2016) S. 281

[9] Vgl. Hüfner Martin (2016) S. 281

[10] Vgl. Hüfner Martin (2016) S. 281

[11] Vgl. Hülsmann Marietta (2017)

[12] Vgl. Hüfner Martin (2016) S. 92

[13] Vgl. Erman Van Rompuy, José Manuel Durão Barroso (2012)

[14] Vgl. Hüfner Martin (2016) S. 101

[15] Vgl. Jürgen Habermas (2011) S. 556

[16] Vgl. Jürgen Habermas (2014) S. 86

[17] Vgl. Jürgen Habermas (2014) S. 85

[18] Vgl. Jürgen Habermaß (2011) S. 34

[19] Vgl. Statista.de (2017) Studie 1722

[20] Vgl. Hüfner Martin (2016) S. 103

[21] Vgl. Hüfner Martin (2016) S. 103

[22] Vgl Hüfner Martin (2016) S. 134

[23] Vgl. Presseportal (2017)

[24] Vgl. New York Times (2005)

[25] Investor Verlag (2015)

[26] Financial Crisis Inquiry Commission (2011)

[27] Vgl. Udo Brixy, Christian Hundt, Rolf Sternberg und Heiko Stüber (2009)

[28] Vgl. KFW (2018):

[29] Vgl. Udo Brixy, Christian Hundt, Rolf Sternberg und Heiko Stüber (2009)

[30] Vgl. Hüfner Martin (2016) S. 138

[31] Vgl. Statista (2017) Studie 2340

[32] Vgl. Statista (2016) Studie 15719

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Europa. Das Dilemma eines Staatenverbundes
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
17
Katalognummer
V428856
ISBN (eBook)
9783668723696
ISBN (Buch)
9783668723702
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
europa, dilemma, staatenverbundes
Arbeit zitieren
Lars Harten (Autor), 2018, Europa. Das Dilemma eines Staatenverbundes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428856

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