Die Auswirkungen von C. H. Ratschows "Theologie der Religionen" auf den interreligiösen Dialog


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
24 Seiten, Note: 2,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorüberlegungen
2.1 Was ist Religion?
2.2 Ansätze für eine Theologie der Religionen
2.3 Carl Heinz Ratschows Ansatz zur Theologie der Religionen
2.4 Religiöse Strömungen

3. Das Christentum und die Religionen
3.1 Das Proprium des Christentums
3.1.1 Gott
3.1.2 Glaube
3.1.3 Frömmigkeit
3.1.4 Hoffnung
3.2 Gemeinsamkeiten zwischen dem Christentum und den Religionen
3.2.1 Gottesbild
3.2.2 Menschenbild
3.2.3 Tod
3.3 Besonderheiten des Christentum im Vergleich zu den Religionen
3.3.1 Jesus Christus
3.3.2 Der Heilige Geist
3.3.3 Rechtfertigung

4. Fazit
4.1 Folgen für einen Dialog mit den Religionen – Mission?
4.2 Gewinn für den eigenen Glauben aus einer Theologie der Religionen

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Frage ob der Islam zu Deutschland gehört, hat noch vor Kurzem nahezu die gesamte Bevölkerung und Medienlandschaft beschäftigt und auch gespalten. Doch die davon weitgehend unabhängige Frage wie denn mit der Situation umzugehen sei, dass Deutschland mittlerweile eine multikulturelle aber eben auch eine multireligiöse Gesellschaft sei, stand hinter dieser Frage deutlich zurück. Die Frage nach dem Umgang mit anderen Religionen oder Weltanschauungen ist jedoch keine rein gesellschaftliche Frage, sondern auch eine theologische. Denn allein die Existenz von anderen Religionen neben dem Christentum stellt eine gewisse Herausforderung dar, zum einen, was den Umgang mit diesen anderen Religionen angeht, zum anderen aber auch die nach dem eigenen Selbstverständnis. Die Auseinandersetzung mit diesen anderen Religionen hat im Christentum eine lange Tradition, auf die auch, in angemessener Kürze, Bezug genommen werden soll.

Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit soll in der Auseinandersetzung mit der Theologie der Religionen nach dem Ansatz Carl Heinz Ratschows liegen. Dazu sind jedoch einige Vorüberlegungen notwendig, beispielsweise um klarzustellen mit welchem Religions- oder Gottesbegriff Ratschow überhaupt arbeitet. Der Hauptteil dieser Arbeit soll dann zunächst Aufschluss darüber geben, was genau das Christentum eigentlich ausmacht, also das sogenannte Proprium des Christentums bildet. Anschließend sollen sowohl die Gemeinsamkeiten, welche das Christentum mit anderen Religionen teilt, als auch die Besonderheiten im Christentum untersucht werden, um auf die Frage hinzuarbeiten, welche Folgen sich denn für einen Dialog mit den Religionen ergeben oder was das für den Missionsauftrag und die Mission bedeutet.

2. Vorüberlegungen

2.1 Was ist Religion?

Zunächst einmal soll mit dieser etwas plakativ anmutenden Frage der Behandlungsgegenstand einer „Theologie der Religionen“ beleuchtet werden. Da sich diese Arbeit mit dem Ansatz Carl Heinz Ratschows zu einer Theologie der Religionen beschäftigt, soll ihr auch dessen Religionsbegriff in wesentlichen Zügen zu Grunde liegen, den er unter anderem im Aufsatz „Was ist Religion?“[1] dargelegt hat.

Zunächst einmal, stellt Ratschow klar, kann man auf drei verschiedene, jedoch miteinander zusammenhängende Weisen von Religion sprechen. Die erste Art wäre theologisch von Religion zu sprechen und hat als Voraussetzung den eigenen Glauben. Denn sobald die Entscheidungsfrage gestellt ist, wird die Wahrheitsfrage akut und das Denken dieser Wahrheitsfrage äußert sich in theologischem Reden. Die religionshistorische Rede macht sich bewusst, dass es in allen Kulturen Religionen gibt und diese Religion auch immer etwas spezifisches ist gegenüber Wirtschaft, Politik oder Kunst. Zu beachten gilt es, dass man stets nur so von den Religionen sprechen kann, wie diese sich selbst verstehen und von sich sprechen. Der dritte, der religionsphilosophische Weg, fragt nach dem Wesen der Religion, lässt also außer acht was konkret in den Religionen da ist. Die religionsphilosophische Rede, die ja „immer wieder zur kritischen Anfrage an das Selbstverständnis der Religionen“[2] wird, läuft jedoch Gefahr einer Religion das Religionsein abzusprechen; beispielsweise dem Buddhismus wegen des Fehlens einer Gottheit oder dem Hinduismus auf Grund des Mangels an etwas mit der Gemeinde Vergleichbarem.[3]

Eine Gemeinsamkeit aller Religionen erkennt Ratschow in ihrer Konstituierung, die sich durch das Hervortreten eines Gottes vollzieht. Dieses, auch Epiphanie genannte, Ereignis wird bei Ratschow häufig als das heilvolle oder auch heilige Einmal bezeichnet. Dieses Hervortreten Gottes in Raum und Zeit bedeutet für den Empfänger der göttlichen Offenbarung den Beginn einer neuen Lebensbewegung. Denn durch das Hervortreten Gottes wird dem Menschen zunächst seine eigene nicht-Gottheit und damit seine Winzigkeit, Machtlosigkeit und Unreinheit bewusst, doch dem Menschen wird auch immer ein Weg zur Gerechtigkeit offenbart.

Da sich der Mensch nun seiner eigenen nicht-Gottheit bewusst ist, stellt sich nun natürlich die Frage, was der Mensch denn sei. Ratschow erkennt auch hier eine Gemeinsamkeit in den Religionen. Denn der Mensch ist stets ein „zusammengesetztes Wesen“, das zwar einen göttlichen Teil in sich trägt, aber eben auch einen menschlichen.[4] Und in dieser Zweiheit, liegt auch die „Zerrissenheit des Menschen“ begründet, die ihn zu einem „sich selbst in Frage stellenden Wesen“[5] macht. Doch dem Menschen, dessen Zerrissenheit nur in den Tod führen kann, wird von Gott ein Ausweg aufgezeigt. Diese Auswege unterscheiden sich in den verschiedenen Religionen, lassen sich jedoch vier verschiedenen Gruppen zuteilen: Rausch und Ekstase, Askese, Erkenntnis oder Gesetzestreue. Diese vier Aspekte laufen in den jeweiligen Religionen jedoch nicht gegeneinander, sondern, wie das Beispiel des Christentums zeigt[6], mit- und nebeneinander.[7]

Außerdem erkennt Ratschow noch, dass „Religionen in ihrem innersten Kern […] Frömmigkeitsformen“ sind und, dass daher in den Religionen der Ursprung von Sittlichkeit und Kultur liegt. Doch den Zweck der Religion beschreibt er als etwas anderes. Da Religion die „Transzendierung des Menschen auf die Gottheit oder auf das Letzte seiner Existenz hin [ist], denn der Gott des Anfangs steht am Ende.“[8] Und dieses Ende und wie es aussieht spielt auch immer eine Rolle in den Religionen. Mögen die Unterschiede über die Vorstellungen von diesem Ende sich noch so sehr unterscheiden oder gar widersprechen, einig sind die Religionen in der Vorstellung „von etwas Ewigem, von einem Dasein, das nicht mehr dem Tod, der Krankheit und dem Leiden unterliegt“[9].

2.2 Ansätze für eine Theologie der Religionen

Bevor zum Abschluss der Vorüberlegungen die Idee einer Theologie der Religionen Carl Heinz Ratschows aufgezeigt werden soll, wird nun ein historischer Überblick zur Theologie der Religionen erfolgen. Die Thematisierung der nicht-christlichen Religionen lässt sich historisch gesehen in drei zu untersuchende Strömungen unterteilen, den Exklusivismus, den Pluralismus und den Inklusivismus.

Für Vertreter des Exklusivismus gibt es nur einen wahren Glauben und zwar den Jesus Christus, den einzigen Erlöser der Menschheit. Dies macht die christliche Offenbarung zu einer Exklusiven Wahrheit und andere religiöse Wege zu Irrwegen die heilsirrelevant sind. Der Weg zur Erlösung ist der eines dreifachen sola: sola gratia, sola fides et sola scriptura. Dies bedeutet also, der biblisch begründete Glaube verdankt sich Gottes rettender Gnade, jedoch korrumpiert die „angeborene Schwachheit der menschlichen Natur“[10] beständig Gottes Heilsmittel. Durch dieses Verständnis werden die nicht-christliche Religionen zu einem Gottes Heilshandeln negierenden Etwas, indem Gott zu keinem Zeitpunkt Gegenwärtig ist oder war.

Theologen, die dieser Vorstellung anhänglich sind, widersprechen der These, das Christentum sei eine Religion unter anderen Religionen. Sie sind häufig auch Gegner des interreligiösen Dialogs und sehen in ihm die Gefahr die Einzigartigkeit der biblischen Offenbarung in Frage zu stellen. Als bedeutendster Anhänger des Exklusivismus in der jüngsten Geschichte gilt Karl Barth[11], als bekannter Vertreter der alten Kirche wäre Augustin zu nennen.

Nach der religionstheologischen Richtung des Pluralismus haben nicht-christliche Religionen definitiv einen soteriologischen Effekt und sind damit heilsrelevant. Teilweise wird dieser Effekt im Christentum als am stärksten hervortretend angesehen. Das Konzept des Pluralismus kam erst mit der Etablierung demokratischer Verfassungs- und Denksysteme auf und kann somit auch als „Demokratisierung des Glaubensbegriffs“ gesehen werden. Die Transzendenz entzieht sich in diesem Modell entwerder der Konzeptualisierung (rationalistisch kantische Erkenntnistheorie) oder sie ist in sich vielfältig, was einer Vorstellung von mehreren religiösen Letztwirklichkeiten oder Transzendenzen gleichkommt. Ein führender Vertreter dieses Ansatzes ist John Hick. Seiner Ansicht nach hat „die Transzendenz die Ausbildung der größeren religiösen Kulturen der Welt selbst beeinflusst; vom menschlichen Standpunkt aus ist eine gültige Beziehung zu ihr sowohl durch theistische personae (Jahwe, Trinität, Krishna, Allah) wie durch nicht-theistische impersonae (die Buddhanatur einiger buddhistischer Schulen […]) möglich.“[12]

Die pluralistische Position sieht sich einer stetigen Kritik ausgesetzt, die ihr vorwirft den Kern des christlichen Glaubens, sowie die religiöse Praxis im allgemeinen preiszugeben und insgesamt ein „unakzeptables rationalistisches und relativistisches Konzept von religiöser Wahrheit“ zu vertreten.

Auch der Ansatz des Inklusivismus hat seine Wurzeln bereits in der alten Kirche, zu seinen Vertretern gehören die Kirchenväter Justin der Märtyrer, Irenäus von Lyon oder Clemens von Alexandrien. Zentral ist dieser Vorstellung, dass die Anhänger nicht-christlicher Religionen dann gerettet werden können, wenn sie sich bemühen ein der Vernunft gemäßes Leben zu führen. Ein aufrichtiges Leben wird somit zu einer „hinreichenden Bedingung“ für das Heil. Doch auch dieser Ansatz geht, wie der Exklusivismus, von der Falschheit der Glaubensüberzeugung nicht-christlicher Religionen aus.

Im Zusammenhang mit diesem Ansatz wird in neueren Entwürfen des Öfteren von anonymen Christen gesprochen. Gemeint sind damit entweder Anhänger einer nicht-christlichen Religion oder Atheisten, die aber dennoch ein, im Großen und Ganzen den sittlichen Vorgaben der Bibel entsprechendes, Leben führen. Zu den bekanntesten Vertretern dieses Ansatzes gehören die Theologen Küng, Rahner, Pannenberg und Tillich. Dieser Ansatz sieht sich der doppelten Kritik der beiden anderen Ansätze ausgesetzt. Exklusivisten machen den Vorwurf, der Preisgabe der Einzigartigkeit der christlichen Offenbarung während Pluralisten bemängeln, durch diesen Ansatz würden Menschen dem Christentum vereinnahmt, die dies überhaupt nicht wünschen.[13]

2.3 Carl Heinz Ratschows Ansatz zur Theologie der Religionen

Die Notwendigkeit eine Theologie der Religionen zu entwickeln liegt für Ratschow zunächst einmal in dem Problem begründet, „das die Religionen im Verhältnis zum Christentum und für das Christentum darstellen.“[14] Doch wie kann dieses Problem der Vielzahl an Religionen und Gotteserfahrungen angegangen werden? Wie lassen sich Religionen, die sich ja inhaltlich so stark unterscheiden, überhaupt vergleichen. Der von Ratschow beschrittene Weg wird in der Forschung heute als die Lehre von der Konvenienz der Religionen[15] bezeichnet. Ratschow stellt zunächst klar, dass man in der Beschreibung der Religionen nur so von ihnen zu reden hat, wie diese sich selbst verstehen; bei der Rede über den Islam muss man demnach versuchen dem Moslem gerecht zu werden und bei der Rede über den Buddhismus dem Buddhisten. Den Aufkommenden Objektivismus in der Betrachtung der Religionen lehnt Ratschow jedoch grundsätzlich ab. Für ihn ist klar, dass man „sein Christsein nicht etwa dranzugeben [braucht], um in der Religionswissenschaft objektiv sein zu können – im Gegenteil.“[16]

Auf die Konvenienz kommt Ratschow deshalb zu sprechen, weil er eine Vergleichbarkeit der Religionen nach ihrer Funktionalität ebenso ablehnt, wie die von Schleiermacher entwickelte natürliche Religion, die alles Positive und Charakteristische in den Religionen negierte. Konvenienz, im aristotelischen Sinne, bedeutet eigentlich, dass scheinbar unvergleichlich Dinge in der Hinsicht zusammengenommen werden, dass sie existent sind. Ratschow wendet dies nun auf die Religionen an, indem er sagt: „Die Religionen sind in ihrem Religionsein konvenient, und zwar in ihrem Zentrum als Bezogenheit auf das Hervortreten eines bestimmten Gottes.“[17]

Vergleicht man nun die Religionen miteinander so erkennt man, dass es ausschließlich Analogien sind, die sich herausarbeiten lassen, da im Hinblick auf das Hervortreten eines Gottes in den Religionen sich nichts vollkommen gleich (univok) oder vollkommen gegensätzlich (äquivok) darstellen lässt. Wichtig ist jedoch, dass es sich bei der Analogisierbarkeit von Göttern oder den religiösen Ausdrucksweisen immer um formale Kategorien handelt, denn inhaltlich lässt sich überhaupt nichts vergleichen.[18]

2.4 Religiöse Strömungen

Um die Vorbemerkungen zu einem Abschluss zu führen, soll nun noch ein Licht darauf geworfen werden, welche religiösen Strömungen denn überhaupt gemeint sind, wenn Ratschow von den Religionen spricht.

Zum einen sind hier selbstverständlich die klassischen Religionen zu nennen, zu denen neben Buddhismus, Christentum, Hinduismus, Islam und Judentum auch der Schintoismus gehört. Bei den von Ratschow meistens Primitivreligionen[19] genannten Religionen, handelt es sich um „die Religionen von Stämmen oder Völkern, die nach dem jetzigen Stand der wissenschaftlichen Forschung dem Ursprung näher stehen als die sog. Kulturvölker.“[20] Vom heutigen Standpunkt aus ist die bezeichnung Primitivreligion natürlich, auf Grund der negativen Assoziation, abzulehnen. Doch auch die Bezeichnung Naturreligion ist irreführend, da auch hier der Behandlungsgegenstand über die Natur hinausgeht. Die heute im anglo-amerikanischen Sprachraum geläufige Bezeichnung traditional religion wird der Sachlage wohl am gerechtesten und wird im Deutschen meist mit Stammesreligion wiedergegeben. Diese hauptsächlich in Afrika, Südamerika und Südostasien vorkommenden Strömungen sind keinesfalls homogen und haben Einflüsse aus dem Animismus, Dämonismus, Totemismus und Schamanismus, zudem ist die Magie ein entscheidender Faktor der religiösen Praxis.[21]

Auch die mitunter als Sekten oder Jugendreligionen bezeichneten neuen religiösen Bewegungen sollten in dem Sinne ernst genommen werden, als dass es Glaubensformen sind, die einen regen Zuspruch erfahren. Als bekannteste aus diesem Spektrum wären die Church of Scientology, Hare-Krishna, die Mormonen oder die Kinder Gottes (Children of God) zu nennen.

Ratschow schließt in seinen Betrachtungen auch die sogenannten Quasireligionen nicht aus. Dabei handelt es sich weniger um Religion als um Weltanschauungen. Diese Miteinbeziehung geschieht unter dem Hintergrund der Entfesselung von Faschismus und Kommunismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und unterliegt daher verständlicher Weise meist einer negativen Konnotation.

Zuletzt soll auch noch die New-Age-Bewegung Erwähnung finden. Dieses, der Esoterik verwandte und in Teilen sogar identische, Phänomen ist extrem Vielschichtig und verbindet „die unterschiedlichsten religiösen, philosophischen und weltanschaulichen Auffassungen und Praktiken“[22]. Auch hier wäre, ähnlich wie bei den Jugendreligionen, eine genauere Auseinandersetzung für die Fragestellung dieser Arbeit wenig zielführend.

3. Das Christentum und die Religionen

3.1 Das Proprium des Christentums

Da Ratschow ja klargestellt hat, dass bei der Beschäftigung mit den Religionen keinesfalls dem Objektivismus anzuhängen ist, sondern ganz im Gegenteil der eigene christliche Standpunkt von entscheidender Bedeutung ist, scheint es ratsam zunächst das, nach Ratschow, Wesentliche des Christentums darzustellen.

3.1.1 Gott

Der erste Blick soll dabei auf Ratschows Aufsatz „Von den Wandlungen Gottes“ [23] geworfen werden, um der Frage nach Gottes Unmittelbarkeit nachzugehen. Auch an dieser Stelle beginnt Ratschow seine Überlegungen mit dem Eintreten Gottes in die Welt, in Raum und Zeit. Denn der Mensch neigt dazu diese Urerfahrung des eigenen Glaubens, das heilvolle Einmal, zu wiederholen und Gott, der zunächst frei in den Weltzusammenhang eingetreten ist, so „kultisch herbeizuzwingen“. Dies ist jedoch auf Grund der Unmittelbarkeit Gottes nicht möglich und auch „die Feier des Abendmahls ist eben nicht die unblutige Wiederholung des Opfers Christi.“ Stattdessen ist der christliche Kult „auf den Modus des Gedächtnisses“ angewiesen.[24]

Da Gott „kein partieller, sondern ein universaler Gott – ja der einzige und universale Gott“[25] ist, stellt sich die Frage, wie von dieser Universalität, die sowohl Gottes Welthandeln, als auch sein Heilshandeln miteinbezieht, zu reden ist und was sie bedeutet. Von ihr ist an Hand des biblischen Zeugnisses zu reden und was die Universalität bedeutet erläuter Ratschow durch eine Interpretation von Röm 1, 18 – 32. Paulus schreibt zunächst, dass „Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit“[26] wahrzunehmen ist an der Schöpfung der Welt. Doch die Menschen haben in ihrer Eitelkeit „die Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes in ein Bild gleich dem vergänglichen Menschen und der Vögel und der vierfüßigen und der kriechenden Tiere“[27] verwandelt. Ratschow wendet diese Aussagen des Paulus nun auf die Religionen an und konstatiert, dass dieses Bild, das sich die Menschen von Gott machen Allah, Odin, Zeus oder auch Ra seien. Dieses Bildnis machen von Gott ist natürlich unentschuldbar und bringt den Zorn Gottes über die Menschen. Doch genau wie Gott universal ist, so ist auch sein Heil universal und gilt auch in den Religionen. Nicht anders sind die Aussagen aus dem Aufsatz Ratschows „Die Lehre von der Kirche“[28] zu verstehen: „Man kann nicht leugnen wollen, daß Gottes Heil Mohammedaner, Buddhisten, Hindus, die Fülle der Anhänger von Stammesreligionen sowie die Masse der von Kommunismus, Faschismus oder anderen Neureligionen besessenen Menschen umfaßt.“ Besonders aber die Feststellung „Wir wissen nicht, wie Gott sein Heil all diesen Menschen, die als Muslime oder als Faschisten leben und sterben, zukommen läßt. Aber wir wissen, daß die Kirche in Jesus dem Kyrios als Vermittlerin des Heiles dieses Gottes zu wirken hat.“[29] drückt aus, dass nicht nur Gott, sondern auch sein Heil universell ist und allen Menschen gilt.

Nachdem zu Beginn die zwei wichtigen Attribute Unmittelbarkeit und Universalität besprochen wurden, soll nun, als konkreter Aspekt, das Handeln des chrsitlichen Gottes untersucht werden. Dabei soll zunächst ein besonderes Augenmerk auf Jesus als „des Glaubens Anfänger und Vollender“[30] geworfen werden, aber darüber hinaus soll der Aspekt Gottes als Richter, gegenüber dem Aspekt des Retters nicht vernachlässigt werden.

Entscheidend ist für Ratschow, das Verständnis Jesu von seiner Auferstehung her. Denn Jesus, tritt „zu bestimmter Zeit und an bestimmtem Ort“ auf, er bezeugte als Person Gottes Heilswillen, nahm Heilungen vor und setzte sich kritisch mit dem Judentum seiner Zeit auseinander. Doch trotzdem waren nicht seine Taten das Entscheidende oder das „unerhört Bewegende.“ Denn damit war Jesus ja nicht alleine. Seine Taten, Worte und Wunder machten ihn lediglich zu einem Lehrer oder Propheten. Das Entscheidende war, dass dieser in Raum und Zeit anwesende Mensch kein Interpret Gottes [31] war, sondern „Gottes Ereignis für die Seinen“[32]. Jesus ist der „Anfänger und Begründer des Lebens, des Heils und des Glaubens“[33], er ist schlicht die „Anwesenheit Gottes“[34]. Für Ratschow ist es Jesus selbst, seine Leibhaftigkeit, sein „ somatisches Dasein“, auf das es letztendlich ankommt. Und weil das „zentrale Ereignis seines Daseins“[35] sein Sterben am Kreuz im Hinblick auf seine Auferstehung verstanden werden muss, muss auch Jesus immer von seiner Auferstehung her verstanden werden.

Jesus ist seinen Jüngern zwar über den Tod hinaus erschienen, doch diese Erscheinungen haben mit der Himmelfahrt aufgehört. Das Pfingstfest begründet nun den Anbruch einer neuen Zeit. Denn mit Jesus ist „Gottes Herrschaft […] in ihr akutes Stadium getreten“[36] und das Pfingstfest schließlich ist die „Endzeit im Vollzuge.“ Und beide Ereignisse, Himmelfahrt und Pfingsten hängen auch unmittelbar miteinander zusammen: Denn „die Ausgießung des Geistes auf die Jünger ist also die Auswirkung des Eintritts Christi in sein himmlisches Messiasamt“[37]. Wichtig ist für Ratschow, dass der Heilige Geist somit zum „handelnden Subjekt“[38] wird. Denn wo immer Jesus als Anfänger und Begründer von Leben und Heil erkannt wird, da ist der Heilige Geist.

Doch obwohl Ratschow selbstverständlich überzeugt von der Heilsgewissheit durch Christi Tod ist und explizit aussagt, dass das Evangelium eine Frohbotschaft und keine Drohbotschaft ist, warnt er vor der Tendenz darüber das Richtersein Gottes zu vergessen.[39] Die Notwendigkeit Gottes als Richter hat natürlich mit der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen zu tun. Denn Gott hat einen Anspruch auf und an den Menschen, dem dieser jedoch nicht gerecht wird, was notwendigerweise Gottes Gericht nach sich ziehen muss. Und dieses Gericht „setzt an als Vernichtung – das ist die Gerechtigkeit dieses Gerichts -, überholt sich aber gleichsam in sich selbst und ist jetzt da als die Begründung neuen menschlichen Lebens als Möglichkeit vor Gott.“[40] Als Beispiel für diese neue Lebensmöglichkeit vor Gott wäre Gen 3,23 zu sehen. Denn Gott ermöglicht Adam und Eva nach dem Sündenfall ein neues Leben, zwar als aus dem Paradies vertriebene, aber dennoch als menschliches Leben als Möglichkeit vor Gott. Doch dieses, wie Ratschow es nennt „verborgene Gerichtshandeln Gottes in der Geschichte“ ist nicht mit dem Endgericht zu verwechseln. Denn hier wird eine iustitia distributiva, eine zuteilende Gerechtigkeit, praktiziert,[41] wie dies durch 2 Kor 5,10 ausgedrückt wird: „Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.“[42]

[...]


[1] In: BURKHARDT: Absolutheit des Christentums, S. 22 – 34.

[2] Ebd. S. 23.

[3] STEUBE: Christentum und die anderen Religionen, S. 205.

[4] Als Beispiele führt Ratschow dazu die Einhauchung des göttlichen Atem in Adam (Gen 2,7), die Erschaffung des Menschen in der griechischen Mythologie als ein Stück Titanisches, aber auch als ein Stück Zeushaftes sowie die Erschaffung des Menschen in der germanischen Mythologie, an der die Gottheiten Odin, Thor und Loki beteiligt waren. Vgl. RATSCHOW: Was ist Religion? in: Absolutheit, S. 26.

[5] Ebd. S. 26.

[6] Im Christentum gibt es ja die rauschhaften Zustände der Zungenrede ebenso wie das asketische Fasten. Außerdem spielt auch der Gewinn geistiger Erkenntnis eine Rolle und natürlich ist auch trotz Gottes Liebe und Gerechtigkeit das Gesetz keinesfalls aufgehoben. Vgl. STEUBE: Christentum und die anderen Religionen, S. 276

[7] Ebd. S. 273 – 276.

[8] RATSCHOW: Was ist Religion? in: Absolutheit, S. 28.

[9] Ebd. S. 29.

[10] LIPNER: Theologie II/5, in: TRE Bd. 33, S. 318.

[11] „daß die eigene [christliche] Religion […] Offenbarung [ist] während die anderen Religionen nur vergebliche Versuche sind, Gott zu erreichen“. Vgl. Ebd. S. 319.

[12] Ebd. S. 320f.

[13] Vgl. LIPNER: Theologie, S. 321f.

[14] RATSCHOW: Die Religionen und das Christentum, in: Christlicher Glaube und die Religionen, S. 88.

[15] STEUBE: Christentum und die anderen Religionen, S. 205.

[16] RATSCHOW: Die Religionen und das Christentum, in: Christlicher Glaube und die Religionen, S. 90.

[17] STEUBE: Christentum und die anderen Religionen, S. 207f.

[18] Ebd. S. 209 – 211.

[19] Ratschow wollte mit dieser Bezeichnung nur auf die Ursprünglichkeit hinweisen und keinesfalls eine Minderwertigkeit unterstellen.

[20] DAMMANN: Grundriß der Religionsgeschichte, S. 11.

[21] Vgl. DAMMANN: Grundriß der Religionsgeschichte, S. 10 – 25.

[22] STEUBE: Christentum und die anderen Religionen, S. 31.

[23] RATSCHOW: Von den Wandlungen Gottes, in: Von den Wandlungen Gottes, S. 117 – 139.

[24] Ebd. S. 124f.

[25] STEUBE: Christentum und die anderen Religionen, S. 257.

[26] Röm 1, 20, Luther 1912.

[27] Röm 1, 23, Luther 1912.

[28] RATSCHOW: Die Lehre von der Kirche, in: Kirche und Gemeinde, S. 205 – 218.

[29] Ebd. S. 216.

[30] RATSCHOW: Der angefochtene Glaube, S. 10.

[31] Ein Interpret Gottes würde sich ja schließlich durch seine Interpretation überflüssig machen. Vgl.: Ebd. S. 24.

[32] RATSCHOW: Der angefochtene Glaube, S. 24.

[33] Ebd. S. 10.

[34] Ebd. S. 25.

[35] Ebd. S. 26.

[36] Ebd. S. 25.

[37] Ebd. S. 103f.

[38] Ebd. S. 117.

[39] STEUBE: Christentum und die anderen Religionen, S. 252.

[40] RATSCHOW: „Gebt Rechenschaft von eurer Hoffnung“. Porta Studien 9, S. 9. Zitiert nach: STEUBE: Christentum und die anderen Religionen, S. 252.

[41] STEUBE: Christentum und die anderen Religionen, S. 256.

[42] 2 Kor, 5,10, Luther 1912.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Auswirkungen von C. H. Ratschows "Theologie der Religionen" auf den interreligiösen Dialog
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
2,0
Jahr
2013
Seiten
24
Katalognummer
V428858
ISBN (eBook)
9783668753181
ISBN (Buch)
9783668753198
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
auswirkungen, ratschows, theologie, religionen, dialog
Arbeit zitieren
Anonym, 2013, Die Auswirkungen von C. H. Ratschows "Theologie der Religionen" auf den interreligiösen Dialog, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/428858

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Die Auswirkungen von C. H. Ratschows "Theologie der Religionen" auf den interreligiösen Dialog


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden