Immanuel Kants Hume-Rezeption in Abgrenzung zu der schottischen Common-Sense-School


Seminararbeit, 2018
13 Seiten, Note: 1.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Vorrede
1. Struktur und mögliche Prägung durch die Rezension von 1775
2. David Hume
3. Common Sense
4. Die Absätze 8 – 12 der Vorrede

III. Interpretation
1. Kants Begriff der Kausalität
2. Kants Kritik der Metaphysik

IV. Fazit

V. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

In der Vorrede zu den Prolegomena gibt Kant eine Zusammenfassung über die Zielsetzung und den Hintergrund seiner Kritik der reinen Vernunft. Hier lassen sich Konzepte der Kantischen Philosophie verdichtet wiederfinden. Auf der einen Seite ordnet sich Kant selbst historisch ein. Auf der anderen Seite richtet er sich an Leser, die seine Philosophie noch gar nicht kennen. Er will in den Horizont seiner Denkweise einführen, ohne die sein Vorgehen in der Kritik der reinen Vernunft nicht zu verstehen wäre.[1]

Deswegen ist es bemerkenswert, dass sich Kant in der Vorrede einer anderen Theorie, nämlich der David Humes, zuwendet. Sie war von der Common-Sense-Philosophie kritisiert worden. Kant weist diese Kritik zurück und macht auf den Punkt an Hume aufmerksam, den er selbst für fragwürdig hält. So zeigt sich in Hume der Kontext von Kants Philosophie.

Im Folgenden werde ich Hume und die Common-Sense-School vorstellen. Letztere beschränke ich auf Thomas Reid, der exemplarisch für sie steht. Danach werde ich die Absätze 8 bis 12 der Vorrede kommentieren. Meine These ist, dass Kants Denken der Common-Sense-Philosophie stärker ähnelt, als Kants harsche Kritik an ihr es vermuten lässt.

Mein Kommentar bezieht sich auf die von Konstatin Pollock herausgegebene Version der Prolegomena im Meiner Verlag. Ich zitiere die Originalpassagen Kants jedoch nach der Akademieausgabe.

II. Die Vorrede

1. Struktur und mögliche Prägung durch die Rezension von 1775

Die Vorrede lässt sich in drei Teile gliedern. Der erste umfasst die Absätze 1-8. In ihnen sagt Kant, dass die bis dahin existierende Metaphysik unzulänglich ist und auf einem wissenschaftlichen Fundament neu aufgebaut werden muss. Die Absätze 9 – 12 zeichnen dann den Angriff nach, den Hume auf die Metaphysik macht und weisen auf die Sprengkraft von Humes Kritik hin. An dieser Stelle findet die Kritik an der Common-Sense-School statt. In den Absätzen 13 – 22 sagt Kant, dass er Humes gescheitertes Projekt zum Erfolg führen will und stellt die Prolegomena als den Plan hinter der Kritik der reinen Vernunft vor.

Während Kant an seinen Prolegomena arbeitete, lag bereits eine Rezension in den Göttingischen Anzeigen von 1775 vor, in der ein Werk von Joseph Priestley vorgestellt wird, der die Philosophen des Common Sense kritisiert.[2] Priestley wirft ihnen vor, dass sie „ohne Beweise alles glaubten“[3] und der Common Sense eine weitere Version der Idee sei, „das Lächerliche zum Kennzeichen des Irrthums zu machen.“[4] Kant betrachtet diese Philosophie also nicht als erster. Es ist wahrscheinlich, dass er seine Kritik am Common Sense unter dem Eindruck der vorhandenen Rezeption dieser Theorie in Deutschland geschrieben hat. Priestleys Einwände waren in der Rezension selbst übrigens als irrelevant abgetan worden. Es hat Kant sicher beeinflusst, zu lesen, dass Priestleys Streit mit der Common-Sense Philosophie „allein auf Worten beruht, und in der Sache die Streitenden völlig einig sind.“[5]

2. David Hume

Hume hatte 1739 mit dem Treatise on Human Nature die erkenntnistheoretische Debatte aufgerüttelt. Er leitete geistige Ideen aus Nervenreizen ab, die er „impressions“[6] nannte, und auf denen für ihn alle Begriffe und Vorstellungen aufbauen.[7] Kategorien wie Raum und Zeit sind bei Hume nur direkt aus der Wahrnehmung ableitbar. „We can form no idea of a vacuum, or space, where there is nothing visible or tangible.“[8] Folgerungen, die nicht direkt dieser Wahrnehmung entspringen, müssen sich auf die Verdichtung früherer Sinneseindrücke verlassen. „[C]onclusion[s] beyond the impressions of our senses can be founded only on the connexion of cause and effect ; nor can we otherwise have any security, that the object is not chang'd upon us […].“[9] Aber der Kausalitätszusammenhang kann selbst nie erfahren werden.[10] Stattdessen müssen wir uns auf unsere Gewohnheit verlassen: „[T]he supposition, that the future resembles the past […] is deriv'd entirely from habit […].”[11] Diese Kritik des Induktionsprinzip trifft die Naturwissenschaft ironischerweise weniger heftig als die Metaphysik. Zwar wird die Notwendigkeit angenommener Wechselwirkungen in der Außenwelt relativiert.[12] Abstrakte Begriffe, die jeder Erfahrung entbehren, können ohne Gewohnheit aber gar nicht mehr gefolgert werden.[13] Und damit gibt es keinen Grund, metaphysische Entitäten anzunehmen: „[W]e can never have reason to believe that any object exists, of which we cannot form an idea.“[14] Humes Skeptizismus besteht nun darin, dass in unserem Geist nur Wahrnehmungen anwesend sind. Verknüpfungen von Ideen sind also Verknüpfungen von Wahrnehmungen, niemals aber Verknüpfungen zwischen Wahrnehmungen und realen Objekten.[15] Aus der Kontinuität der Wahrnehmungen konstruiert der Geist dann die „fiction of a continu'd existence”[16]. Durch die Sinneswahrnehmung selbst können wir uns der Existenz der Außenwelt also nie bewusst sein.[17] Dadurch sind drastische Zweifel an uns selbst möglich:

„Where am I, or what? From what causes do I derive my existence, and to what condition shall I return? […] What beings surround me? […] I am confounded with all these questions, and begin to fancy myself […] inviron'd with the deepest darkness, and utterly depriv'd of the use of every member and faculty.“ [18]

Unter diesem Eindruck nahm Reid Humes Sensualismus auf. Nicht die Metaphysikkritik, sondern der radikale Zweifel an der Gewissheit von uns selbst und der Welt bestimmten seine Replik. Dies ist verständlich. Denn vor dem Hintergrund des aufklärerischen Fortschrittsglaubens muss Humes Skeptizismus ein Angriff auf alle Werte gewesen sein.

[...]


[1] Vgl. Pollock, Einleitung in: Pollok 2001, XV-XX.

[2] Vgl. Pollock, Anmerkungen des Herausgebers in: Pollok 2001, 193.

[3] Unbekannt 1775, 778.

[4] Ebd., 781.

[5] Ebd., 779.

[6] Hume 1888, 1.

[7] Vgl. ebd., 1-3.

[8] Hume 1888, 53.

[9] Ebd., 74.

[10] Vgl. ebd, 76.

[11] Ebd., 134.

[12] Vgl. ebd., 159.

[13] Vgl. ebd., 158.

[14] Ebd., 162.

[15] Vgl. ebd., 212.

[16] Ebd., 195.

[17] Vgl. ebd. 187.

[18] Ebd., 265.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Immanuel Kants Hume-Rezeption in Abgrenzung zu der schottischen Common-Sense-School
Hochschule
Hochschule für Philosophie München
Note
1.0
Autor
Jahr
2018
Seiten
13
Katalognummer
V430873
ISBN (eBook)
9783668742345
ISBN (Buch)
9783668742352
Dateigröße
592 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kant, Hume, Thomas Reid, apriori, Common Sense, Ideengeschichte, Prolegomena, Kritik der reinen Vernunft, Skeptizismus, Empirismus, Transzendentaler Idealismus
Arbeit zitieren
Maximilian Priebe (Autor), 2018, Immanuel Kants Hume-Rezeption in Abgrenzung zu der schottischen Common-Sense-School, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/430873

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